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Aus: Ausgabe vom 14.06.2021, Seite 11 / Feuilleton
Berlinale

Achtung, Passkontrolle!

Immer schön vorsichtig: Andreas Fontanas ermüdender Salonthriller »Azor« über die argentinische Militärdikatur im »Berlinale Summer Special«
Von Maximilian Schäffer
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So etwas wie Festivalfeeling: Pandemie-Premiere von »Azor« im Sommerkino Kulturforum (10.6.2021)

Man versucht es draußen vor possierlicher Kulisse: Der Platz am Berliner Kulturforum neben der St. Matthäus-Kirche, gerahmt von Philharmonie, Neuer Nationalgalerie und Kupferstichkabinett dient der Berlinale 2021 als Austragungsort. Verteilt über den ganzen Stadtbereich bieten mehrere Open-Air-Kinos dieses Jahr dem Publikum die Gelegenheit, doch noch so etwas wie Festivalfeeling zu erleben. Für professionelle Besucher gab es vorab die Möglichkeit zum zeitlich festgesetzen Stream zu Hause. Kein Freischampus – sämtliche Logen und Hinterzimmer, das gewöhnliche Hauptvergnügen dieser Art Veranstaltungen, blieben geschlossen.

Leise Bedrohlichkeit

Dafür gab es ständige Kontrollen und Aufpasser, stetige pandemische Bewachung, auf dass ja niemand draußen an der frischen Luft auf die Idee käme, ohne FFP-2-Maske vom Strandsessel zum Bierstand zu schlendern. Schon an der Einlassgrenze dreimal Kontrolle: »Haben Sie alles dabei, auch den Personalausweis?«, »Ist der Test wirklich negativ? Bitte größer machen!«, »Haben Sie das Ticket dabei, sind Sie das?« Passierte man die Hochsicherheitsschleuse, durfte man sich also in den numerierten, zugewiesenen Platz sacken lassen und den Virenfilter abnehmen. Maximal zwei Grabscher nebeneinander, keine unkeuschen Popcornpartys im Freien zugelassen, besondere Zeiten erfordern besondere Obskuritäten.

Es lief »Azor« ein argentinischer Salonthriller des Schweizer Regisseurs Andreas Fontana im Programm »Encounters«. Der Debütfilm des Genfers gebärdete sich mit leiser Bedrohlichkeit, ein perfides Bild der Militärdiktatur unter Jorge Rafael Videla, ungefähr 1980, zeichnend. Protagonist ist Yvan De Wiel, ein helvetischer Privatbankier aus Familientradition. Sein berüchtigter Kompagnon namens »Keys« ist verschwunden, vielleicht ermordet, vielleicht untergetaucht – in diesen Tagen weiß man nie, was mit dem politischen Gegner geschieht.

Unbedarft bis naiv spielt Fabrizio Rongione die Hauptrolle, er verschwindet in der Kulisse aus Viehzüchtern, Anwälten und Milliardärswitwen. Das Aalig-Glatte kauft man ihm gut ab, er ist ein diskreter Niemand, ein mächtiger Loser, das Futtertier im Raubtierzirkus. Zur Mitte des Films wird er selbstverständlich gefressen, kommt als Exkrement am Ende wieder raus. Direktor Fontana kennt sich mit Scheiße aus – sein eigener Großvater war erst Diplomat, dann Privatbankier.

Alte Tricks

100 Minuten können lang sein, vor allem wenn nichts passiert. Kodiert sprechen die dezenten Machthaber und Manipulateure in Rätseln zueinander. Wortmysterien sind alte Taschenspielertricks der Dramaturgie, von »Rosebud« bis »Fire Walk With Me«, der geneigte Zuschauer kennt’s. Yvans Dekorationsgattin Ines (Stéphanie Cléau), kennt ihren Platz, sie richtet sich nach geheimem Instruktionen ihres Mannes, um die Geschäftsdiners und Cocktailsalons lukrativ zu gestalten. Von unschuldig bis investigativ hat sie alles drauf, »Azor« bedeutet vorsichtig sein.

Wohl scheitert Fontanas Film genau daran, dem redundanten Ausstellen dieser Vorsicht und Verschwiegenheit, dem permanenten Betonen der dezenten institutionellen Verkommenheit der faschistischen Maschine. Der persönliche Konflikt seiner Hauptfigur ist keiner, Rongione hat nichts zu spielen, die Grimassen der anderen fordern außer Widerstandslosigkeit keinerlei Reflexion und Mimik. Skrupellosigkeit verliert ihren Schrecken, wenn sie auf der Ebene der Entscheider bleibt. Darüber nachzudenken erzeugt zwar Gänsehaut, es 100 Minuten lang wiedergekäut zu bekommen nicht.

Im Film werden immer wieder drakonisch Pässe, Berechtigungen, Zugangserlaubnisse kontrolliert. »Wir haben die Stadt gesäubert«, raunt der böse Bischof bitter, ihm gefällt das Stramme, Züchtige, Reinliche. Die Bevölkerung wird wahllos weggesperrt und drangsaliert, während sich die Superreichen trotz Kriegszustand in ihren Luxusklubs frei bewegen. Wer sich an solche Zustände gewöhnt hat, kann nur noch gähnen und sich auf weitere spaßige Ereignisse des Kultursommers freuen.

»Azor«, Regie: Andreas Fontana, Schweiz/Frankreich/Argentinien 2021, 100 Min., Sektion: Encounters

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