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Aus: Ausgabe vom 14.06.2021, Seite 10 / Feuilleton
Berlinale Summer Special

Dämmer oder Düsternis

»Natural Light« von Denes Nagy im »Berlinale Summer Special«: Ein mutiger Film, der Kriegserleben und Handlungsmöglichkeiten im Konflikt verdeutlicht
Von Kai Köhler
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Weit entfernt ist die Sowjetmacht: Faschisten im Dunkeln

Ab 1941 kämpften Hunderttausende ungarischer Soldaten auf seiten Deutschlands. Nachdem ein Großteil dieser Verbände im Zuge der sowjetischen Gegenoffensive bei Stalingrad vernichtet wurde, widmete sich der Rest vorwiegend der »Partisanenbekämpfung« auf dem Gebiet der heutigen Ukraine. Wo die faschistischen Soldaten in dem weitläufigen und unübersichtlichen Gebiet der wirklichen Partisanen nicht habhaft werden konnten, richteten sie sich gegen Dörfer, deren Bewohner verdächtigt wurden, die Partisanen zu unterstützen. Das bedeutete zumeist, dass die greifbaren Zivilisten ermordet wurden und die Besatzer alle Ressourcen zerstörten, die den Partisanen hätten nützlich werden können.

Die Handlung des Films von Denes Nagy ist denkbar einfach. Eine ungarische Kompanie bewegt sich – begleitet von zwei ukrainischen Kollaborateuren, die sich zugleich als Dolmetscher nützlich machen – durch eine winterliche Waldlandschaft. Die Kompanie besetzt ein Dorf, bedient sich bei den knappen Vorräten der Bewohner. Dann marschiert sie weiter, gerät unter Beschuss, ihr Kommandeur stirbt. Als ranghöchster Überlebender führt der Feldwebel Semetka die Soldaten in das Dorf zurück, dessen Bewohner nun unter Verdacht stehen, die Ungarn an die Partisanen verraten zu haben. Semetka lässt die Dörfler in eine Scheune sperren und mit Kleidung und Wasser versorgen. Doch dann trifft Verstärkung ein. Der neue Befehlshaber schickt Semetka mit ein paar Männern auf Erkundung in die Umgebung. Als er zurückkehrt, sieht er die Scheune brennen. Er verzichtet darauf, den Mord an den Zivilisten zu melden. Für sein Stillschweigen erhält er zwei Wochen Heimaturlaub. Die letzte Einstellung zeigt ihn auf dem Weg zu seiner Familie, im Zugfenster der sich verdüsternde Horizont.

Dies ist nur eine der »natürlichen Beleuchtungen«, die der Filmtitel anspricht. Große Teile der Handlung vollziehen sich in Dämmer oder Düsternis; man unterscheidet wenig. Aber selbstverständlich ist im Film jedes Licht oder der Mangel daran künstlerisch gewollt. Es mag ja stimmen, dass im winterlichen Partisanenkrieg weniger zu sehen ist, als reguläre Soldaten es sich wünschen. Hier aber markiert das Dunkel die Lage der ungarischen Kompanie, die sich im Feindgebiet bewegt. Stets lauert Gefahr. Das rechtfertigt die Gewalt nicht, macht indessen nachvollziehbar, wie sie entsteht. Aber auch: Während der ersten Nacht im Dorf gibt es kleine beleuchtete Inseln. An Elektrizität ist noch nicht zu denken, entsprechend weit ist die Sowjetmacht entfernt. Kerzen, Lichteinfall im Morgendämmer – das muss genügen. Darin bewegen sich die ungarischen Besatzer und die Bewohner, die vielleicht deren Feinde sind. Durch klugen Einsatz von kargem Licht zeigt der Film Räume der Gegnerschaft und der Kooperation; denn sogar, wenn man sich hasst, muss man ein paar Stunden miteinander zurechtkommen.

Die Entsprechung zum Licht ist der Blick. Die Kamera zeigt immer wieder Augen und deren Blickrichtung. Als Zentralfigur auch dafür stellt sich schnell Semetka heraus. Wir sehen nur, dass er sieht, fragen uns: Was? Und was denkt er darüber? Eine sichere Antwort gibt es nirgends. Sie wäre mit moralischer Eindeutigkeit verbunden. Und mehr noch: Was haben diese Augen, die die Kamera immer wieder ins Zentrum rückt, im Krieg bereits gesehen, welches Maß an Gewalt gilt als normal? Klar ist, dass Semetka keine Eskalation will. Sogar als man ihn auf Patrouille schickt, um in seiner Abwesenheit zu morden, bockt er kurz auf. Er scheint zu ahnen, was geschehen wird. Aber er hat nicht den militärischen Rang, es zu verhindern; und der vorgesetzte Offizier macht Semetka deutlich genug, dass eine Meldung nicht erwünscht ist.

Das Licht, die Strategie der Blicke, sie sind in diesem Film keineswegs nur ästhetisierende Beigabe zum eigentlichen Kriegsgeschehen, sondern machen sein Zentrum aus: Wie wird Krieg erlebt, was können einzelne tun? Es wird wenig gesprochen in diesem Film; geschwätzig ist allein der Verantwortliche für das Massaker in einem Versuch, sich mit einer so langen wie verlogenen Tirade gegenüber Semetka zu rechtfertigen. Liegt also die Wahrheit nicht in den Bildern, sondern in der verräterischen Sprache?

Was die Geschichtspolitik angeht: nur bedingt. Man sieht in dieser ungarischen Koproduktion Verbrechen, an die das gegenwärtige Regime in Budapest sicherlich ungern erinnert wird; doch war die Vernichtung von Dörfern derart alltäglich, dass ein Rechtfertigungsversuch unter Tätern überrascht. Man hat zudem in fast jeder Szene mit Semetka eine Hauptfigur, deren Augen erahnen lassen, was er alles an Schrecken erlebt hat. Auch das hat zwar seine Wahrheit: Wer als Soldat faschistischer Armeen in diesen Krieg gezwungen wurde, hat die Gewalt zumeist nicht herbeigesehnt. Aber das Falsche daran ist, dass zuletzt vor allem Semetka als Opfer dieses Krieges erscheint, während die Sowjetbürger, deren Leiden Nagy keineswegs verschweigt, zum Objekt seiner Blicke werden. Dies ist die Ambivalenz eines im ungarischen Kontext mutigen Films, der mit seinen ästhetischen Mitteln überzeugend Kriegserleben und Handlungsmöglichkeiten im Konflikt verdeutlicht. Was tatsächlich gelang, wurde nachvollziehbar mit einem Silbernen Bären für die beste Regie honoriert. Doch fehlt dem Blick aufs Kriegsdetail die Verknüpfung mit dem historischen Zusammenhang, über den im heutigen Ungarn zu sprechen wirklich ungemütlich würde.

»Termeszetes feny« (»Natural Light«), Regie: Denes Nagy, UNG u. a. 2020, 103 Min., Sektion: Wettbewerb. 15.6. u. 17.6.

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