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Aus: Ausgabe vom 14.06.2021, Seite 8 / Ansichten

Die Einkreiser

NATO-Manöver und Putin-Biden-Gipfel
Von Reinhard Lauterbach
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U-Boot U33 läuft nach NATO-Aufklärungsfahrten im Marinehafen Eckernförde ein (Mai 2020)

Das aktuelle NATO-Manöver in der Ostsee spiegelt ein reales Problem der westlichen Kriegsallianz wider: Sie hat sich übernommen, als sie 2004 die drei baltischen Staaten aufnahm. Damals schien das Risiko der NATO vertretbar, mehr als ein paar unfreundliche Bemerkungen aus Moskau würde man sich schon nicht einhandeln, dachte man. Man »übersah«, was Strategen nach 2014 unliebsam auffiel: dass die baltischen Staaten aus NATO-Sicht entfernte Außenposten sind, aus objektiven Gründen schlecht zu erreichen, und das über ein Terrain, in dem Russland erhebliche Kräfte stationiert hat und aus dem es sich erkennbar nicht verdrängen lassen will.

Außenminister Sergej Lawrow hat es lakonisch kommentiert, als der kollektive Westen in diesem Frühjahr die russischen Manöver an der Grenze zur Ukraine skandalisierte: »Wir wohnen da.« Russland hat praktisch kein Vorfeld mehr, auf das es künftige Auseinandersetzungen verlagern könnte. Ein kleiner Rest davon ist die Ostsee, die bisher östlich von Bornholm von der russischen Luft- und Schiffsabwehr kontrolliert wird, gestützt auf das hochgerüstete Gebiet Kaliningrad, das seinerseits freilich im Kriegsfall eine belagerte Festung würde. Genau deshalb üben die NATO-Marinen ausgerechnet in der Ostsee auch die »Absperrung von Seegebieten« (Maritime Interdiction): um Russland die Schlinge zu zeigen, die sie ihm gern um den Hals legen würden.

Denn genau diese Wahl will der Westen Russland aufzwingen: entweder einen Krieg auf eigenem Territorium zu riskieren – eine Option, die nach den Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs niemand in Moskau ernsthaft in Betracht ziehen kann – oder klein beizugeben, was unter der gegenwärtigen Führungsmannschaft wohl auch nicht in Frage kommt. Sie hat in den neunziger Jahren erlebt, dass sich der Westen auch beim besten Willen Russlands nicht beschwichtigen lässt.

Im übrigen richtet sich die Machtdemonstration, die die NATO jetzt in der Ostsee veranstaltet, aber auch nach innen: Die Mitgliedsländer »an der Ostflanke« würden nicht »alleingelassen«, wie es etliche von ihnen angesichts des bevorstehenden Gipfels zwischen Joseph Biden und Wladimir Putin schon wieder lautstark beklagen. Denn was wären Estland, Lettland und Litauen, wenn sie nicht ihren Nationalstolz darin betätigen dürften, NATO-Frontstaaten zu sein?

An dieser Stelle haben die USA immerhin gegenüber der Ukraine ein Zeichen gesetzt. Als der dortige Präsident Wolodimir Selenskij vor einer Woche endlich »sein« Telefongespräch mit Biden bekam, ließ er ins amtliche Kommuniqué hineinschreiben, die USA unterstützten die NATO-Perspektive Kiews. Zwei Stunden später war dieser Verweis gelöscht. Auf US-Beschwerde hin. Washington definiert Rahmen und Grenzen der Konfrontation, hieß das. Nicht Kiew. Um so gespannter kann man bei aller Skepsis auf den Verlauf des Genfer Gipfels sein.

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