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Aus: Ausgabe vom 14.06.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Kampf um Land in Brasilien

»Wir werden zurückkehren!«

Brasilien: Nach Drohungen und wegen Angst vor Massaker müssen sich Landbesetzer des Camps »Manoel Ribeiro« zurückziehen
Von Kristian Stemmler
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»Gefängnis für den Völkermord«: Vertreter der Bewegung der landlosen Arbeiter (MST) protestieren am März in Brasília

Willkür und Gewalt regieren in Brasilien mehr denn je, seit der faschistische Präsident Jair Bolsonaro an der Macht ist. Nicht nur in den Armenvierteln der Metropolen müssen die Menschen um ihr Leben fürchten, wenn die Polizei oder bewaffnete Banden auftauchen. In vielen ländlichen Regionen ist unter Bolsonaro, der die Interessen der Großgrundbesitzer aggressiv vertritt, die Zahl der Angriffe auf landlose Bauern und deren Interessenvertreter gestiegen. Landbesetzungen, sogenannte Acampamentos, bei denen Bauernfamilien auf brachliegenden Flächen siedeln, um das Land kollektiv und selbstbestimmt zu bewirtschaften, werden immer gefährlicher. Das zeigt auch eine Besetzung im Bundesstaat Rondonia im westlichen Amazonien an der Grenze zu Bolivien, die Ende Mai nach neun Monaten beendet werden musste – trotz einer internationalen Solidaritätskampagne mit Aktionen vor brasilianischen Botschaften und Konsulaten in zahlreichen Ländern.

In den frühen Morgenstunden des 16. August 2020 hatten Dutzende Bauernfamilien unter der Führung der Liga dos Camponeses Pobres (Liga der armen Bauern, LCP) die Fazenda (Landgut) »Nossa Senhora Aparecida« in der Gemeinde Corumbiara besetzt. Das Areal gehört zur früheren Hacienda »Santa Elina«, rund 675 Kilometer von Porto Velho entfernt, der Hauptstadt von Rondonia. Die Besetzer errichteten das Camp »Manoel Ribeiro«, teilten das Land unter den Familien auf und begannen mit dem Aufbau einer Infrastruktur. Die Besetzung fand nicht zufällig einige Tage nach dem Jahrestag eines Überfalls bewaffneter Kräfte auf Kleinbauern statt, der in der Gegend als »Corumbiara-Massaker« oder »Schlacht von Santa Elina« in Erinnerung ist. Im August 1995 hatten Militärpolizisten eine Besetzung des Landes gewaltsam beendet. Dem Massaker fielen vier Menschen, darunter ein sieben Jahre altes Mädchen, zum Opfer, es gab zahlreiche Verletzte.

In einer Erklärung der Besetzer vom August 2020, die junge Welt vorliegt, heißt es: »Unter der Führung der LCP eroberten zahlreiche Bauernfamilien nach fast 26 Jahren das Land zurück, kehrten zurück, um hier im Camp »Manoel Ribeiro« ein neues Leben anzufangen und weiter gegen den Großgrundbesitz und den alten brasilianischen Staat zu kämpfen. Mit der Besetzung fordern die Bauern praktische Gerechtigkeit für die Verbrechen des Landdiebs, dessen Hände mit Bauernblut befleckt sind.« Das von den Bauern besetzte Land gehöre zum Areal der alten Fazenda »Santa Elina« und sei im Besitz einer einzigen Familie, »die sich bereicherte durch die illegale Nutzung dieser öffentlichen Flächen für Massentierhaltung«.

Die Besetzung habe das Land zur Existenzgrundlage Dutzender Familien gemacht, um Lebensmittel zu produzieren und »die Wirtschaft der Städte Chupinguaia, Corumbiara, Cerejeiras und der Region in Gang zu bringen«, wie die LCP erklärte. »Die Bauern produzieren endlich Lebensmittel, die für den Konsum der Menschen vor Ort angebaut werden, und haben endlich Lohneinkünfte.« Bereits in den ersten Tagen der Besetzung hätten sich viele Bauern angeschlossen, täglich seien Familien neu ins Lager gezogen. Bauern der Nachbargebiete und Händler der Region hätten die Besetzer unterstützt, etwa in Form von Lebensmittelspenden.

Die Reaktion des Staates ließ nicht lange auf sich warten. Lokale Polizei und Militärpolizei erhöhten ihre Präsenz in der Gegend, errichteten Kontrollpunkte. Seit dem Beginn der Besetzung sei kein Tag vergangen, so die LCP, »an dem die Bauern nicht den Schikanen der Polizei ausgesetzt wären«. Federführend bei der Organisation der Angriffe sei der Gouverneur von Rondonia, Oberst Marcos Rocha. Im Frühjahr 2021 verschärften sich die Attacken, so dass die Besetzer Ende März warnten, es sei ein erneutes Massaker an den Bauern in dem Gebiet geplant. Rocha stecke viel Geld in den Aufbau eines Kriegsapparats, hieß es in einer Erklärung. Den Befehl habe Oberst José Hélio Cysneiros Pachá von der Militärpolizei gegeben, von den Kleinbauern »Schlächter von Santa Elina« genannt. Pachá sei bereits beim Massaker von 1995 einer der Anführer gewesen und »mit dafür verantwortlich, dass zahlreiche Bauern gefoltert und ermordet wurden«.

»Sie haben eine Kriegsoperation gegen uns geführt«, heißt es weiter. Seit mehr als einem Monat werde das Camp von Truppen und Fahrzeugen belagert, es würden Hubschrauber, Flugzeuge, Drohnen, Gummigeschosse, Pfefferspray und sogar scharfe Munition eingesetzt. Der öffentliche Gesundheitsdienst habe sich aus der Region zurückgezogen, so dass auch die Coronaimpfungen ausgesetzt wurden. Das Gebiet wurde abgeriegelt, so dass keine Händler mehr die Bauern versorgen konnten. Schließlich nahm die Militärpolizei Mitte Mai vier Besetzer fest, die sie fälschlich beschuldigte, die Polizisten in einen Hinterhalt gelockt zu haben. Mindestens zwei der armen Bauern wurden zudem seit Beginn der Besetzung ermordet.

Am Ende entschieden sich die Besetzer für den vorübergehenden Rückzug. Am 25. Mai veröffentlichten sie eine Erklärung, in der es hieß, die Familien des Camps »Manoel Ribeiro« hätten in einer Volksversammlung einstimmig beschlossen, sich »organisiert« von den Ländereien zurückzuziehen. »Wir haben diese Entscheidung getroffen, um ein neues Massaker zu vermeiden«, man ziehe sich »erhobenen Hauptes zurück, mit der Gewissheit, dass wir siegen werden, weil unsere Sache gerecht ist«. Die Erklärung endet mit den Worten: »Wir werden zurückkehren! Wir sind überzeugt, dass wir auf dem richtigen Weg sind, im Kampf um ein Stück Land, um in Würde leben, arbeiten und unsere Familien ernähren zu können.«

Hintergrund: Weltweite ­Solidarität

Von Kanada über Norwegen bis nach Australien – auf der ganzen Welt gab es im Frühjahr Aktionen der Solidarität mit den von staatlicher Gewalt betroffenen Bauern vom Camp »Manoel Ribeiro« im brasilianischen Bundesstaat Rondonia. In Brasilien selbst solidarisierten sich viele Menschen und Organisationen mit den Besetzern, etwa der »Verband der Volksanwälte«. Dieser erklärte Anfang April, die Aktionen der Volksbewegung, die darauf abzielten, die Agrarreform umzusetzen, dürften »nicht als Verbrechen aufgefasst werden«, weil sie die »Verfassung der Republik konkretisieren«.

Solidaritätsaktionen gab es auch in anderen Staaten Süd- und Nordamerikas, so in Ecuador, Kolumbien, Mexiko und den USA. In Europa gingen Aktivisten in Norwegen, Finnland, Dänemark, Österreich, Frankreich, Spanien und der Türkei für die LCP auf die Straße, zogen etwa mit Bannern vor Auslandsvertretungen Brasiliens. In der BRD gab es vor der brasilianischen Botschaft in Berlin und den Konsulaten in Hamburg und Stuttgart Kundgebungen. Am 1. Mai machten Aktivisten mit Infovorträgen und Solidaritätsaktionen in der gesamten BRD auf die Vorgänge im brasilianischen Bundesstaat Rondonia aufmerksam.

Im April veröffentlichten die »Roten Frauenkomitees« und das »Bündnis gegen imperialistische Aggressionen« Erklärungen zu dem Thema. Darin heißt es, der »Terror gegen die revolutionäre Bauernbewegung« in Brasilien kenne keine Grenzen. Die Bauern würden von ihrem Boden vertrieben. Die Großgrundbesitzer schickten bezahlte Banden und die Militärpolizei. »Verfolgungen, Entführungen und Mord an Bauern und ihren revolutionären Anführern« seien an der Tagesordnung: »All das, weil sich die Bauern nehmen, was ihnen gehört und was sie zum Leben brauchen.« Der brasilianische Staat schrecke vor nichts zurück, »um sein mörderisches System aufrechtzuerhalten«, so die »Roten Frauenkomitees«. (kst)

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