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Aus: Ausgabe vom 12.06.2021, Seite 5 / Inland
Existenznot

Vor dem Kollaps

Milchviehbauern protestieren vor Molkereien für höhere Erzeugerpreise. Unternehmer behaupten, falscher Adressat zu sein. Linke kritisiert erpresserische Marktmacht
Von Oliver Rast
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Wollen Mauern einreißen, prangern Blockadehaltung der Gegenseite an: Landwirte aus der Milcherzeugung (Edewecht, 11.6.21)

Die Situation ist dramatisch. Zahlreiche Milchviehbauern stehen hierzulande vor dem Kollaps. »Seit zehn Jahren und mehr können Erzeugerinnen und Erzeuger nicht mehr kostendeckend arbeiten«, betonte Berit Thomsen, Referentin für internationale Agrarpolitik der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), am Freitag gegenüber jW. Die AbL organisierte gleichentags mit der Verbändeallianz »Milchdialog« Proteste vor drei Standorten von Großmolkereien. In den niedersächsischen Orten Edewecht und Zeven vor den Werkstoren der genossenschaftlichen Deutsche Milchkontor (DMK) und in Heimenkirch im Allgäu vor der Zentrale von Hochland, einem der größten privaten Käsehersteller Europas. Jeweils Dutzende Protestierende, viele mit ihren Traktoren angereist, errichteten eine Mauer aus Leichtbausteinen vor den Zufahrten. Motto: »Schluss mit lustig! Schluss mit mauern!« Die Blockadehaltung der Molkereien müsse durchbrochen werden, sagte Thomsen. Es war eine Art Agitprop-Aktion. Durch kräftige Stöße rissen die Demonstranten symbolisch die Mauer ein.

Nur: Wer mauert? Die Molkereien, sagen die existenzbedrohten Landwirte. Sie beklagen, dass die ihnen ausgezahlten Erzeugerpreise kaum gestiegen sind, obwohl die Weltmarktpreise seit Jahresbeginn spürbar nach oben gegangen sind. Der AbL zufolge liegt der Milchpreis auf dem »Markt« ab Hof bei 37 Cent pro Kilogramm. Ausgezahlt wird den Milcherzeugern deutlich weniger. Das DMK zahle aktuell rund 31 Cent, die Hochland-Molkerei zirka 34,5 Cent. »Das ist ein Skandal«, befand Ottmar Ilchmann, Milchviehbauer und AbL-Landesvorsitzender in Niedersachsen, am Freitag im jW-Gespräch während er in Edewecht protestierte. »Im Gegenzug haben wir immer höhere Betriebskosten, für Futtermittel etwa.« Unterstützung erhält er von Kerstin Tackmann. »Der Milchmarkt versagt«, sagte die agrarpolitische Sprecherin der Linke-Bundestagsfraktion am Freitag zu jW. Mit fatalen Folgen für die Milcherzeugerbetriebe, »während Molkerei- und Lebensmittelkonzerne mit erpresserischer Marktmacht ihre Profitinteressen durchsetzen.«

Neu ist der Unmut nicht. Bereits im Herbst 2020 waren Bäuerinnen und Bauern vor Molkereien und andere verarbeitende Betriebe gezogen. Damals ging es darum, sie aufzufordern, höhere Erzeugerpreise bei künftigen Kontraktabschlüssen mit dem Lebensmitteleinzelhandel auszuhandeln. Passiert ist seitdem nichts, so Thomsen von der AbL. »Die Molkereien stehen hier in der Verantwortung, sich stärker einzusetzen.«

Unverständnis ob der Aktion äußert hingegen Oliver Bartelt, DMK-Kommunikationschef, am Freitag auf jW-Anfrage. »Man unterstellt uns Schwäche und ignoriert dabei komplett die Stärke des Einzelhandels«. Rund 150 Molkereien hierzulande stünden einer Handvoll milliardenschwerer Handelskonzerne gegenüber, so Bartelt. Und auch sonst sei der Protest falsch adressiert, zumal der DMK genossenschaftlich organisiert sei und die »Auszahlungspreise an die Landwirte eben gerade nicht von einem abgekoppelten Management festgelegt wird, sondern von demokratisch gewählten Gremien.« Das sieht Jann-Harro Petersen anders. Der Landwirt von der Vereinigung »Land schafft Verbindung« (LsV), die Teil von »Milchdialog« ist, verweist darauf, dass bei der »sogenannten Genossenschaft DMK«, wie er sagte, das operative Geschäft in mehrere Tochtergesellschaften ausgegliedert sei.

Bisweilen scheint aber auch die Front der Milcherzeuger porös zu sein. Vor der Kundgebung vor der Hochland-Zentrale in Heimenkirch hatten acht Milcherzeugergemeinschaften aus Bayern und Baden-Württemberg ihre Mitglieder dazu aufgerufen, nicht am Protest am Freitag teilzunehmen. Hochland sei nicht nur Vorreiter im Milchpreis, »sondern beweist überdies auch soziale Verantwortung«, wird Thomas Bertl, Sprecher der Hochland-Milcherzeugergemeinschaften, in einem Beitrag auf dem Onlineportal Topagrar am Mittwoch zitiert.

Ilchmann und Petersen lassen sich davon nicht entmutigen. »Wir werden weiter Druck aufbauen«, sagen sie unisono. Hochland setze in dem Konflikt derweil »auf einen konstruktiven Austausch mit unseren Milchlieferanten«, meinte eine Unternehmenssprecherin am Freitag auf jW-Nachfrage. Dialog sei gut, reiche aber nicht, so die Bauernaktivisten. Mit einem bundesweiten Lieferstreik beim verderblichen Produkt Milch sei vorerst nicht zu rechnen, »aber mit spontanen Aktionen.« Wie vor dem Sitz der Deutsche Milchkontor in Bremen, wo am Freitag vormittag Trecker in einem Protestkonvoi vorfuhren. »Von allein verbessert sich unsere Situation nicht, wir müssen uns selbst bewegen«, weiß Ilchmann.

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