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Aus: Ausgabe vom 11.06.2021, Seite 11 / Feuilleton
Berlin

»Am besten wäre der Mercedes-Platz«

Soll aus dem Kreuzberger Heinrichplatz ein Rio-Reiser-Platz werden? Ein Gespräch zwischen Volker Hauptvogel und Klaus Theuerkauf
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Man sollte es doch »Scherbenplatz« nennen. Aufräumarbeiten am Heinrichplatz nach dem 1.Mai 1987

An diesem Sonnabend sollte der Heinrichplatz in Berlin-Kreuzberg, seit mehr als 50 Jahren subkulturelles Epizentrum der Hauptstadt, offiziell in »Rio-Reiser-Platz« umbenannt werden. Dieser Termin ist geplatzt, unklar ist, warum. Laut Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg wurde das geplante Event im November 2020 wegen der Pandemiemaßnahmen annulliert, das jetzige wegen »Einsprüchen von Anwohnern«, die »juristisch geklärt« werden müssten. Am heutigen Freitag findet deswegen eine Ersatz- bzw. Gegenveranstaltung mit Musik- und Wortbeiträgen statt, Headliner ist die Punklegende »Mekanik Destrüktiw Komandöh« (MDK). Volker Hauptvogel, MDK-Sänger und Romanautor, unterhielt sich mit dem Maler, Bildhauer und Nasenflötisten Klaus Theuerkauf über die aktuellen Ereignisse um den toten Ton-Steine-Scherben-Sänger und dessen Platz in spe.

Hauptvogel: Man streitet sich jetzt darum, ob sich ein Anwohner beschwert hat oder mehrere. Was ja egal ist, weil ein einziger Einspruch reicht. Wenn du eine Kneipe hast und ein Anwohner beschwert sich, hast du das gleiche Problem wie wenn sich zehn beschweren. Ursprünglich geplant war die Umbenennungsfeier mit einem Straßentheater, das vom Mariannenplatz über den Oranienplatz bis zum SO 36 führen sollte – direkt vor dem SO 36 dann welche »Scherben«-Nachfolgeband auch immer.

Theuerkauf: Soweit ich das sehe, haben die Erben von Rio, die gerne zur Aureolenbildung neigen und so gerne Hagiographien schreiben …

H: Was heißt »Erben«? Es lebt doch nur noch Gert Möbius.

T: … auf jeden Fall wollen die sich einen eigenen Rio zusammenbasteln. So wie die Brecht-Erben sich ihren Brecht zurechtbiegen. Päpstlicher als der Papst legen die etwas fest und wissen ganz genau, was Rio angeblich wollte. Was er schon mal nicht wollte, war in Schöneberg beerdigt zu werden, sondern in Fresenhagen – das haben sie aber abgewürgt. Der Leichnam wurde gegen seinen letzten Willen umgebettet.

H: Vor fünf Jahren war ich mal am Grab, da stand da ein Schild von der Friedhofsverwaltung, dass man sich um die Ordnung der Ruhestätte kümmern sollte. Die sah tatsächlich relativ verwahrlost aus – lauter Stoffpuppen und Herzilein, dafür keine Spur von frischen Blumen.

T: Mich ärgert, dass ausgerechnet der Heinrichplatz umbenannt wird, mit dem die Scherben doch überhaupt nix zu tun haben. Auch mit dem SO 36 haben die so gut wie nix zu tun. Die haben da ein Mal gespielt …

H: … wenn überhaupt. Die ganze Geschichte ist ja sehr vielfältig: Die Partei Die Linke hat zuerst den Antrag gestellt, den Mariannenplatz umzubenennen in »Rio-Reiser-Platz«. Daraufhin hat sich so ’ne Arbeitsgruppe ­gebildet, betrieben von der Berliner Geschichtswerkstatt, zusammen mit Kai Sichtermann und R. P. S. Lanrue …

T: Lanrue will da eigentlich gar nicht so viel damit zu tun haben. Der hat mir gesagt, er hält sich da ganz raus, weil, wenn er den Namen »Möbius« hört, kriegt er schlechte Laune.

H: Die Scherben wollten also auf keinen Fall den Mariannenplatz umbenannt haben, weil sie sich dann auf den »Rauch-Haus-Song« reduziert fühlen würden. So einigte man sich am Ende auf den Heinrichplatz.

T: Wolfgang Seidel – der erste Schlagzeuger, ausgestiegen 1971 – meinte, man sollte es doch »Scherbenplatz« nennen. Das wäre auch im Sinne des Selbstverständnisses der Scherben, ähnlich einem anarchistischen Syndikat, das der Glorifizierung einer Einzelperson entgegensteht. Außerdem hätte der »Scherbenplatz« eine Doppeldeutigkeit in sich, weil das, was die Touristen da heute hinterlassen, sinngemäß auch noch integriert wäre.

H: Nach geltendem Verwaltungsrecht ist es in Berlin aber nicht möglich, einen Platz nach einer Band zu benennen. In Hamburg wär’s gegangen – da gibt es auch einen Beatles-Platz.

T: Das Problem ist zudem ein ganz pragmatisches. Am Mariannenplatz oder am Oranienplatz müssten sie die Postadressen ändern. Da würden die ganzen Geschäftsleute sofort auf die Barrikaden gehen. Uns können sie das wie selbstverständlich vor die Haustür machen. Ich will einen Bürgerentscheid, um das zu verhindern.

H: Hab’ nix gegen einen Rio-Reiser-Platz, am besten geeignet wäre der Mercedes-Platz (neugeschaffener touristischer Nichtort inmitten der sogenannten East Side Gallery zwischen Ostbahnhof und Mercedes-Benz-Arena, Red.).

»Heini – Das ist unser Platz!«, Ausstellung, Wortbeiträge, Musik. Freitag, 11. Juni 2021, 16 bis 21 Uhr. Mit: Dead Punx, Bloody Mary, Es war Mord, MDK. Heinrichplatz, Berlin

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