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Aus: Ausgabe vom 10.06.2021, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Odysseus kam bis ins Kitzloch

Elfriede Jelinek räumt im Hamburger Schauspielhaus unter den »Querdenkern« auf
Von Monika Köhler
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Die Lohnsklaven tanzen das Schweineballett: Coronaparty in der Kitzlochbar

Theater, endlich wieder Theater. Unter hohen Sicherheitsvorkehrungen – immer nötig unter Pandemiebedingungen und bei Elfriede Jelinek – hat das Hamburger Schauspielhaus wieder eröffnet. »Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!« heißt ihr neuestes Stück.

Ja, sehen! Wie denn? Blind oder nicht blind. Das Schauspielhaus bleibt dunkel. Fünfzehn Minuten lang. Total. Aber Töne, Stimmen von überall her, ein Hörbild, wie im Kopf entstanden, imaginiert, dann platzt ein Satz hinein, ach, bekannt von Frau Merkel oder Jens Spahn oder von Virologen. Oder vom Volk, alles im Gehirn abgespeichert wie Gedichte aus der Schulzeit. »Wir sehen nichts, aber wir wissen.« Wir, das sind alle, die Querdenker, die Besserwissenden, es können auch die Nichtwissenden sein, die sich von den Mächtigen unterdrückt glauben, weil diese sie bewusst unwissend halten würden. Geschickt ins Dunkel eingestreute oder schrill aufblitzende Sätze aus dem raffiniert komponierten Textkonvolut der Jelinek. Nicht leicht, die Feinheiten und vielen Bedeutungsebenen auf der Bühne darzustellen, die in den über 80 Seiten des Textes stecken: Regie führte die Intendantin Karin Beier.

Wenn es schließlich hell wird, tut sich eine holzgetäfelte Alpenhüttenbar auf. Durch die (Video)-Fenster leuchtet Schnee (Bühne: Duri Bischoff). Auf einer Empore spielt die Blasmusik: Trompete, Posaune, Tuba, ergänzt durch Klavier, Cello, Percussion. Jelineks Textdickicht sind keine bestimmten Rollen zugeordnet, in Hamburg ist es verteilt auf acht Schauspielerinnen und Schauspieler. Ein Virologe (Lars Rudolph) ist auch dabei – kannte er das Kitzloch, aus dem das Virus kroch, in Ischgl in Tirol? Schon früh am Abend verkündet er mit seiner Trompete, was er weiß. Die Damen tummeln sich in schicken dicken Skiklamotten. Hier drinnen geht es heiß her, Hüllen fallen. Der Barmann ignoriert seine Krankheit, ach was, Virus, gibt’s das wirklich – meine Drinks vertreiben alles. Geplauder über eingepflanzte Mikrochips, Strahlung von Sendetürmen – oder doch aus einem Labor entwichen? Aus China oder eine Weltverschwörung? Die Familie Rothschild, dieser große Stamm, geht nicht unter, sie arbeitet schon an der neuen Weltordnung. Über die Bühne bewegen sich Menschen in schwarzen Mänteln, mit Fellmützen und Gebetsschals, die Hände erhoben. Keine Eroberungsgeste.

Was steht auf Plakaten bei Verschwörungsdemos? »Die wollen mit dem Impfstoff reich werden.« Im Stück fällt dieser Satz. Die? Herr Soros oder Herr Gates, der »aber gar kein Jude ist«. Doch davon lässt sich kein Kundiger verwirren. Die alle wollen die neue Weltherrschaft an sich reißen. »Schon für die Pest waren sie verantwortlich.«

In Pandemiezeiten wuchern diese Verschwörungsmythen. Jelineks Text zeugt von unbestechlicher Rationalität – doch die »Querdenker« lassen sich nicht bestechen: »Ich aber weiß es, ich habe es selbst gelesen.«

Ein wirklich alter Mythos, der von Odysseus, gibt dem Stück ein Gerüst. Homer erzählt im zehnten Gesang der Odyssee, wie die Zauberin Kirke die Gefährten von Odysseus auf der Insel Aiaia nach einem Gelage in Schweine verwandelte. Jelineks Sprachkünste verwandeln auch: Sendemasten, die mit ihren Strahlen an allem Bösen schuld sind, der Mast auf dem Schiff von Odysseus bis zur Mast der Schweine. Bei Homer sind es Bucheckern.

Das Bühnenbild hat sich verwandelt, an den Wänden: Kacheln. Durch die Videofenster dringen Bilder von Fabriken, an Fleischerhaken hängen Schweine, sie werden zerlegt, zerschnitten. Auch auf der Bühne. Auf Seziertischen liegen Schweinehälften. War Eva Mat­thes eine bezirzende Zauberin, die tanzt, ist sie jetzt Fleischzerteilerin mit Netz über dem Haar, die einen Schweinekopf bearbeitet. Die Enge an den Arbeitsplätzen der Lohnsklaven bei Tönnies, hinter den Fenstern wird sie konkret. Und das Virus ist immer dabei. Die Schauspielerinnen und Schauspieler tanzen mit Rüsselmasken ein Schweineballett. Kriechen auf allen vieren – so wie die außer sich geratenen Feiernden in der »Kitzloch«-Bar in Tirol. Aufgeblasene Sexpuppen, verteilt und benutzt. Die Männer sind begeistert von den Löchern.

Oben auf der Empore, die Frauen sagen – oder denken es nur? –, Männer sind Schweine. Und Odysseus (Ernst Stötzner) ist dabei. Es erscheint eine große Maske mit entsetzt aufgerissenem Mund in einer Loge, dann unter den Feiernden. Er schafft es, seine Freunde wieder in Menschen zu verwandeln. Hermes kommt auf Rollschuhen und schenkt ein Getränk und ein Kräutlein – das Rettende auch. Höchste Zeit, denn die Luft war aus den Gummigespielinnen gewichen. Wie tot hingen sie über dem Arm. Die Griechen, nun wieder volle Männer, schöner und jünger als je zuvor, mit großen Gemächten in goldenen Slips, blähen sich auf wie Hähne.

Nicht zu vergessen das, was uns heute umgibt, wo wir leben. Das, was auf Demos, auch vor dem Reichstag auftaucht: die Reichskriegsflagge. Sie weht plötzlich auf der Bühne. Einer ist damit auf den Tisch geklettert. »Wir sind das Spielzeug der Mächtigen«, verkündet er, und: »Die wollen uns mit Impfen krank machen.«

Alle formieren sich zum Sprechgesang: »Wir sind die Guten«, die, denen man nicht zuhört, die die Wahrheit kennen, und zwar als einzige.

Nach den vielen tritt eine allein auf die Bühne, Julia Wieninger. Sie beginnt einen großen Monolog, manchmal zu leise. Es ist nicht der Lärm vom Titel des Stücks. Sie verwandelt sich auch, reißt sich die aufgeblasenen Lippen aus dem Gesicht, wird ein Mensch. Aber selbst sie kommt zu dem Fazit des Anfangs: »Wir wissen jetzt alles, wir sehen nichts, aber wir wissen.«

Nächste Vorstellungen: 10., 11., 19., 20., 23. und 24. Juli

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