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Aus: Ausgabe vom 08.06.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Private Altersvorsorge

Rentner abkassiert

Anleger in Großbritannien verloren ihr Geld mit Finanzprodukten von »Dolphin Capital 80«. Mutterkonzern »German Property Group« warb um Vertrauen
Von Christian Bunke
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Die Privatisierung der Altersvorsorge treibt viele Briten in die Fänge von Spekulanten

Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Dieser Satz fasst die Kernideologie der deregulierten, neoliberalen Wirtschaftsweise gut zusammen. Er gilt für alle Lebensbereiche, auch für die Renten. Besondere Gültigkeit hat er in Großbritannien, in einem Land, in dem die staatliche Altersvorsorge derart zusammengespart wurde, dass die Menschen nicht anders können, als eigenverantwortlich nach Alternativen zu suchen.

Eine solche sind sogenannte Self Invested Personal Pensions (SIPP) – also private Renten, in die man selber investiert. Zum Beispiel kann man seine Ersparnisse in die Finanzierung von Immobilienprojekten stecken, aus deren Rendite dann später die eigene Rente aufgestockt wird. Der SIPP-Markt war in Großbritannien lange Zeit nur leicht reguliert. Das bedeutet, dass jede Person, die sich auf eine Investition in SIPP einlässt, das finanzielle und rechtliche Risiko komplett alleine trägt. Geht etwas schief, steht nur begrenzte Hilfe zur Verfügung.

Der aus Nottingham stammende, inzwischen aber nicht mehr in Großbritannien lebende Mark Hambling hat in SIPP investiert. 800.000 Pfund, wie er sagt. Über eine Webseite wurde er erstmals auf diese Möglichkeit aufmerksam, schließlich unterschrieb er einen Vertrag mit Dolphin Capital 80 (DC 80), eine Tochtergesellschaft der »German Property Group«.

Deren Angebot schien verlockend. Private Investoren gaben Darlehen an DC 80. Die wurden auf einem von der Firma scheinbar unabhängigen Treuhandkonto verwaltet. Über die tatsächliche Unabhängigkeit gibt es aus Sicht der Anleger inzwischen Zweifel. Mit dem auf dem Treuhandkonto liegenden Geld wurden Immobilien angekauft. Diese sollten saniert, und dann weiterverkauft beziehungsweise vermietet werden. Nach Ablauf vorher vereinbarter Fristen sollten die Investoren ihre Darlehen zurückbekommen – mit hohem Gewinn, versteht sich.

Das ging lange Zeit gut, bis es irgendwann nicht mehr funktionierte. 2019 erhielt Hambling seine letzte Rate, ab dann war Sendepause. Damit war er nicht allein. Inzwischen wurde in Deutschland ein Insolvenzverfahren gegen DC 80 eröffnet, gegen den Eigentümer Charles Smethurst laufen Ermittlungen. Dessen Firmengeflecht schuldet zahlreichen Menschen in Großbritannien, Irland und Asien hohe Geldsummen. Wirtschaftsmedien sprechen von einem der potentiell größten Finanzskandale der letzten Jahre.

Für Hambling, der inzwischen mit mehr als zweitausend weiteren Betroffenen eine Organisation gegründet hat, um die Interessen geschädigter britischer Investoren zu vertreten, ist das ein Schock. Denn die DC-80-Produkte wurden in Großbritannien mit der Argumentation beworben, dass der deutsche Immobilienmarkt sehr sicher und gut reguliert sei – und somit kein Risiko für die Investoren bestünde.

Tatsächlich haben die Investoren das volle Risiko getragen. »Eins unserer Mitglieder ist Klempner«, sagt Hambling. »Der hat kein hohes Einkommen. Er ist eben kein Doktor oder Zahnarzt. Ihm wurde geraten, all seine Ersparnisse in DC 80 zu stecken. Jetzt ist alles weg. Er steht zehn Jahre vor seinem Ruhestand und wird nur die niedrige staatliche Rente bekommen. Ich kenne Mitglieder, die nun ihre Häuser verkaufen müssen, um irgendwie über die Runden zu kommen.«

Für Hambling verbirgt sich hier ein weiteres problematisches Detail der Geschichte. »Jeder vertrauenswürdige Finanzberater rät eigentlich davon ab, alle Ersparnisse in ein einziges Finanzprodukt zu stecken. Doch genau das ist hier in vielen Fällen passiert.« Auch hier besteht das Problem darin, dass das angebotene Produkt nicht reguliert war. »Die Verkäufer haben bis zu 20 Prozent Kommission für jeden unterschriebenen Vertrag bekommen. Sie unterstanden in Großbritannien nicht der Kontrolle der Finanzaufsicht. Da gab es für sie keinen Grund, sicherzustellen, dass ihre Kunden wirklich die vollen Dimensionen dessen verstehen, was sie da unterschreiben.«

Lange Zeit gab es für DC-80-Kunden in Großbritannien kaum einen nennenswerten Kundenservice. Erst als Ratenzahlungen auszubleiben begannen, wurde im Mai 2019 ein Callcenter im nordenglischen Durham eingerichtet. Für Hambling war dieses Callcenter Teil einer Verzögerungstaktik: »Die haben ein vorgefertigtes Skript gehabt, von dem sie abgelesen haben. Man hat mich monatelang hingehalten.«

Hintergrund: Verschachteltes Firmengeflecht

Das Insolvenzverfahren der German Property Group (GPG), zu der auch Dolphin Capital 80 gehört, dürfte eines der umfangreichsten der jüngeren deutschen Geschichte werden. Darüber gibt ein Blog Aufschluss (­­ www.gpg-inso.de), der vom im September 2020 durch das Bremer Amtsgericht bestellten Insolvenzverwalter Justus von Buchwaldt betrieben wird.

Von Buchwaldt schreibt: »Die Vermögenswerte der Unternehmensgruppe German Property Group verteilen sich nach gegenwärtigen Kenntnisstand auf ca. 150 Gesellschaften, für die jeweils ein eigenes Insolvenz(eröffnungs-)verfahren durchgeführt wird.« Das Verfahren stehe noch sehr am Anfang: »Bisher wurde durch das zuständige Amtsgericht nur für einige Gesellschaften das Insolvenzverfahren eröffnet. Für weitere Gesellschaften wurde die vorläufige Insolvenzverwaltung angeordnet.«

Ein Problem dürfte die auch bei ausländischen DC-80-Investoren für Ärger sorgende mangelnde Quellenlage sein. Hierzu schreibt von Buchwaldt: »Da es keine geordneten Unterlagen wie eine vollständige Buchhaltung oder Vermögensaufstellung zu den über 150 Gesellschaften der German Property Group gibt, kann die Ermittlung und Verwertung von Vermögenspositionen einige Jahre dauern. Auch die gerichtliche Durchsetzung von Ansprüchen durch den Insolvenzverwalter kann erhebliche Zeit in Anspruch nehmen.«

Somit ist durchaus möglich, dass manche betagtere Opfer der GPG-Geschäftspraktiken sterben, bevor sie zu ihrem Recht kommen. Über deren Zahl macht von Buchwaldt erste Angaben: »Nach den bisherigen Informationen sind über 15.000 Gläubiger von der Insolvenz der Unternehmensgruppe German ­Property Group betroffen.« (cb)

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  • Leserbrief von Hans Reinhardt aus Glashütten ( 8. Juni 2021 um 11:40 Uhr)
    Das Mitgefühl von Christian Bunke für britische Rentnerinnen und Rentner mag sich bei mir nicht so richtig durchschlagen. Woher, denken denn diese Aktionäre und Investorinnen, stammen wohl die Dividenden? Haben die jemals einen Gedanken an die Mieterinnen und Mieter verschwendet, die durch existenzbedrohend hohe Mieten ihren Wohlstand finanzieren? Wohl kaum. Genauso sehe ich das bei Investitionen in Rüstungs-, Pharma-, Getreide- und Pestizidproduzenten. Ganz ehrlich? Von mir aus gehen sie alle pleite. Dann können sie vielleicht mal nach fühlen, was Altersarmut wirklich bedeutet.

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