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Aus: Ausgabe vom 08.06.2021, Seite 2 / Ausland
Dissident aus Aserbaidschan tot

»Es wird nur zurückhaltend ermittelt«

Aserbaidschanischer Oppositioneller tot am Bosporus aufgefunden. Politisch motivierter Mord nicht ausgeschlossen. Ein Gespräch mit Rovshana Orujova
Interview: Kristian Stemmler
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Monument des ehemaligen Präsidenten der Republik Aserbaidschan, Heydar Alijew, Vater des heutigen Präsidenten

Mit einer Demonstration vor der türkischen Botschaft in Berlin haben Sie und weitere Aktivisten Aufklärung über den Fall des aserbaidschanischen Dissidenten Bayram Mammadov verlangt, der unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. Was war geschehen?

Am 2. Mai wurde Bayram Mammadov, der für ein Studium in die Türkei gezogen war, tot am Bosporus in Istanbul aufgefunden. Türkische Polizei wie aserbaidschanische Medien sprachen zuerst von einem Selbstmord und dann von einem Badeunfall. Seine Freunde und sein Vater erklären aber, dass Mammadov ursprünglich vorhatte, am 5. Mai nach Baku zu reisen. Er war zu einem Masterstudiengang in London zugelassen worden, ab September 2021 sollte er dorthin umziehen. In Istanbul hat er intensiv Englisch gelernt. All das zeigt aus meiner Sicht, dass Selbstmord ausgeschlossen ist. Der unklare Todesfall wurde sofort als Selbstmord eingeordnet, und es wird nur zurückhaltend ermittelt. Das legt nahe, dass etwas vertuscht werden soll.

Es gibt viele Ungereimtheiten.

Ja, so stimmten die Aussagen von Augenzeugen und türkischer Polizei nicht überein. Die lokale Polizei informierte die Medien falsch. Am auffälligsten ist, dass erst behauptet wurde, Mammadov sei ins Meer gesprungen, um seine Flipflops herauszuholen, obwohl er nicht habe schwimmen können. Tatsächlich konnte Mammadov aber sehr gut schwimmen. Seltsam ist auch, dass Bayram angesichts der strengen, coronabedingten Ausgangssperre, die in Istanbul gilt, von Polizisten nicht ein einziges Mal angesprochen wurde. Bayrams Anwältin Cigdem Akbulut hat zudem erklärt, die Küstenwache habe angegeben, sie habe Bayram nicht helfen können, als er ertrank – weil keiner der Beamten habe schwimmen können. Das ist nicht glaubwürdig. Die Polizei weigert sich auch, die Videomaterialien von Überwachungskameras auf der Strecke von Bayrams Haus bis dahin, wo er das letzte Mal gesehen wurde, zu veröffentlichen.

Mammadov war in Aserbaidschan ein bekannter Oppositioneller, der die Politik von Staatspräsident Ilham Alijev kritisierte. Nach einer Aktion an einer Statue in Baku wurden er und sein Genosse Giyas Ibrahimov im Mai 2016 festgenommen. Was war das für eine Aktion?

Bayram Mammadov, damals 22, und sein Genosse Giyas Ibrahimov wurden am 10. Mai 2016 zu zehn Jahren Haft verurteilt, nachdem sie den Slogan »Alles Gute zum Sklaventag« auf eine Statue des ehemaligen Präsidenten Heydar Aliyev, des Vaters von Ilham Aliyev, geschrieben hatten. Der 10. Mai ist der Geburtstag von Heydar Aliyev. Nach jahrelanger Folterung wurden sie aufgrund der internationalen Solidaritätswelle im März 2019 freigelassen.

Es gibt Hinweise, dass Mammadov vom türkischen Geheimdienst überwacht worden ist. Was wissen Sie darüber?

Mammadov wurde, als er in die Türkei einreiste, ohne Angabe von Gründen am Flughafen vom türkischen Geheimdienst MIT verhört. Der MIT war über Mammadovs politische Aktivitäten also schon informiert.

Aserbaidschan unter Alijew und die Türkei unter Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan arbeiten zusammen. Das wurde im Krieg um Berg-Karabach deutlich, in dem die Türkei Drohnen an Aserbaidschan lieferte und der Armee damit einen entscheidenden Vorteil gegenüber Armenien verschaffte. Legt das nicht nahe, dass türkische Stellen mit dem Tod von Mammadov zu tun haben könnten?

Zumindest könnte der Anlass für das Verhör gewesen sein, dass die mit Aserbaidschan befreundete Türkei einen Dissidenten aus dem Land als Gefahr wahrnahm und dass die türkischen Behörden besorgt waren, Mammadov würde sich für lange Zeit in Istanbul aufhalten. Diese These wird noch dadurch bestätigt, dass zehn Tage nach Bayrams Tod sein Freund Giyas Ibrahimov, der die Aktion an der Statue in Baku mit ihm durchgeführt hatte, ohne Angabe von Gründen und trotz einjähriger Aufenthaltserlaubnis aus der Türkei abgeschoben und mit einem Wiedereinreiseverbot belegt wurde. Der türkische Abgeordnete Murat Cepni von der linken Demokratischen Partei der Völker, HDP, hat die Umstände von Mammadovs Tod und die Abschiebung Ibrahimovs bereits im Parlament thematisiert. Wenn die Behörden ihre Version belegen wollen, müssen sie den ärztlichen Untersuchungsbericht veröffentlichen.

Rovshana Orujova aus Aserbaidschan studiert Sozialwissenschaften an der Humboldt Universität zu Berlin. Sie ist Stipendiatin der Rosa-Luxemburg-Stiftung

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