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Aus: Ausgabe vom 08.06.2021, Seite 12 / Thema
Politische Theorie

Eliterecht und Massenpflicht

Vorabdruck. John Locke und der Schutz des Eigentums
Von Ishay Landa
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Lockes Rechtfertigung der Rebellion gegen den König intendierte nicht, die Volkssouveränität zu begründen, sondern sollte vielmehr die Unantastbarkeit des Eigentums unterstreichen (König Charles I. wird von Soldaten Cromwells vor seiner Exekution im Januar 1649 beleidigt. Gravur von H. Bourne nach einem Gemälde von Paul Delaroche aus dem Jahr 1836)

In diesen Tagen erscheint im Berliner Dietz-Verlag von Ishay Landa der Band »Der Lehrling und sein Meister – Liberale Tradition und Faschismus«, aus dem Englischen übersetzt von Raul Zelik. Der folgende Text ist ein Auszug aus dem ersten Kapitel des Buchs. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung zum Abdruck. (jW)

Der Liberalismus war die sozioökonomische Doktrin, mit der das aufstrebende europäische Bürgertum des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts den Adel herausforderte. Er begann optimistisch als eine »fortschrittliche« Bewegung, die politische »Freiheiten« wie die Einrichtung einer konstitutionellen und repräsentativen Regierung einforderte, die wiederum als Unterbau einer von den Altlasten des feudalen und absolutistischen Protektionismus, des Merkantilismus und so weiter befreiten Marktgesellschaft betrachtet wurde. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde jedoch deutlich, dass die Forderung nach einer Repräsentation des Volkes ein zweischneidiges Schwert ist: In den Händen der Bourgeoisie konnte sie im Namen des Volkes gegen die Aristokratie eingesetzt werden und ermöglichte die Durchsetzung und Festigung der bürgerlichen Gesellschaft. Doch sobald »das Volk« auf seine bürgerlichen Stellvertreter verzichten wollte und in einem notwendigen ersten Schritt die Einführung des allgemeinen Wahlrechts forderte, drohte die Volksvertretung die bürgerlichen Privilegien und Interessen zu unterlaufen. Nachdem die Bourgeoisie dem Adel die Wirtschaft entrissen hatte, musste sie diese nun vor »den Massen« verteidigen. Zunehmend setzten sich Pessimismus und Ernüchterung in den zunächst so zuversichtlichen bürgerlichen Reihen durch. Die Zukunft der »Zivilisation« schien nun ungewiss und voller Gefahren.

Je weiter »die Massen« aufstiegen, desto lauter sannen bürgerliche Ideologen über »Niedergang« und »Degeneration« nach: in kultureller, ökonomischer, politischer und »rassischer« Hinsicht. Der Kapitalismus wurde grundsätzlich als im Widerspruch zur Demokratie stehend erachtet, die wirtschaftsliberale Sphäre von der expansiven Dynamik des politischen Liberalismus unterschieden.

Naturrecht Eigentum

Historisch betrachtet interessierten sich die Liberalen nie besonders für die Demokratie. Anfangs war mit der von den meisten Liberalen befürworteten Idee einer repräsentativen Regierung ein begrenztes Wahlrecht gemeint, das den besitzenden Klassen zugutekommen sollte. Für einen konstitutionellen Liberalen wie John Locke stellte die Demokratie noch kein Problem dar, da die Masse der Arbeiter noch nicht oder vielmehr nicht mehr politisch organisiert war, nachdem die radikalen Strömungen der englischen Revolution unterworfen worden waren. Für ihn stand fest, dass die von ihm befürwortete »Herrschaft der Mehrheit« nichts anderes als eine Herrschaft der Vermögensbesitzer sein würde. Ein auf die frühe englische Neuzeit spezialisierter Historiker fasste die Haltung folgendermaßen zusammen: »Locke argumentierte (…), dass die Exekutive ihr Rechte verwirkt, wenn sie die Sicherheit des Eigentums gefährdet, dessen Verteidigung den Existenzgrund des Staates darstellt. (…) Locke sprach zweideutig von einer Regierung, die sich ›vom Volk‹ herleitet und ihm gegenüber verantwortlich ist, aber es stand außer Frage, dass er damit die besitzende Klasse meinte. Ihre Macht über die Gesellschaft war gegen den Absolutismus und durch die Niederlage der Radikalen während des Interregnums auch gegen die niederen Stände errichtet worden (…).«¹


Nur die Angehörigen der besitzenden Klasse konstituierten also wirklich die Zivilgesellschaft und waren fähig und berechtigt, politische Verantwortung zu tragen. Die anderen hingegen gehörten nur insofern zu dieser Gesellschaft, als sie den Autoritäten, Gesetzen und Regeln unterworfen, aber der aktiven politischen Rechte beraubt waren. Die Lohnarbeiter, also die große Mehrheit der englischen Bevölkerung, die von der Hand in den Mund lebten und auf dem Markt ihr einziges Eigentum, nämlich ihr Arbeitsvermögen »veräußerten«, galten als nicht »rational« genug für die Ausübung politischer Rechte, da sie nicht über die notwendige Zeit verfügten, um über Dinge nachzudenken, die über den täglichen Überlebenskampf hinausgingen (einmal ganz abgesehen von den verelendeten Massen, die man für moralisch verdorben hielt und daher ganz selbstverständlich von der politischen Verantwortung ausgeschlossen hatte).

Es muss daran erinnert werden, dass der ganze Zweck der liberalen Zivilgesellschaft aus der Sicht Lockes darin bestand, das aufkommende kapitalistische Eigentum und die dazugehörige Produktionsweise zu stützen. Die politische Seite des Liberalismus, nämlich die parlamentarische Verfassungsherrschaft, stellte keineswegs eine von der Ökonomie unabhängige Sphäre dar, sondern wurde als eine dem Kapitalismus stets untergeordnete Funktion betrachtet. Die Zivilgesellschaft war im wesentlichen ein Mechanismus, um das reibungslose Funktionieren des Kapitalismus zu gewährleisten und den einzelnen Kapitalisten zu einem Minimum an Klassenzusammenhalt und gemeinsamem Handeln zu zwingen, ohne die das System nicht aufrechtzuerhalten gewesen wäre, beispielsweise durch eine Besteuerung, die es dem Staat erlaubte, seiner Rolle als Verteidiger des Eigentums nachzukommen.

Aber die dem Kapitalismus von außen auferlegte Besteuerung, die nicht von den Eigentümern durchgesetzt worden war und ihren Interessen widersprach, wurde verdammt. »Lockes primäres und übergeordnetes Interesse«, betont Peter Laslett, »galt der Besteuerung, der willkürlichen Besteuerung und ihren Ungerechtigkeiten«.² Unter diesen Voraussetzungen kann keine Rede davon sein, dass die Politik eigenständige Forderungen »sozialer« oder »moralischer« Natur an die Ökonomie zu formulieren hätte. Derartige Forderungen stellten, sofern sie nicht von der »Mehrheit« der Begüterten vereinbart wurden und dementsprechend deren Klasseninteressen dienten, nichts anderes als eine Enteignung dar. Für Locke waren Eigentum und kapitalistische Produktion keine Vereinbarungen, die man politisch modifizieren konnte, sondern sie waren dem Naturrecht eingeschrieben und gingen dem Politischen somit voraus.

Man kann nicht oft genug betonen, dass der eigentliche Zweck der politischen Zivilgesellschaft darin bestand, jede derartige Möglichkeit zu ächten, zu verhindern und als absurdes, moralisch empörendes Unterfangen zu brandmarken: »Drittens kann die höchste Gewalt keinem Menschen einen Teil seines Eigentums wegnehmen, ohne seine eigene Zustimmung; denn da die Erhaltung des Eigentums der Zweck der Regierung und derjenige Grund ist, um dessentwillen Menschen in die Gesellschaft eintreten, setzt es notwendigerweise voraus und erfordert, dass sie Eigentum haben; denn ohne dies müsste man annehmen, sie verlören dadurch, dass sie in die Gesellschaft eintreten, gerade das, was der Zweck ihres Eintretens war – eine zu große Widersinnigkeit, um es zugestehen zu können. (…) Daher ist es ein Irrtum zu glauben, die höchste oder legislative Gewalt eines Staates könne tun, was sie will, und willkürlich über das Vermögen des Untertanen verfügen oder einen Teil davon nach Belieben wegnehmen.«³

Im Naturrecht muss die Politik also dort enden, wo das Eigentum beginnt, und wenn eine Regierung sich über die eigene Rolle täuscht, haben die Begüterten das Recht, gegen das illegitime Recht Gebrauch von der Gewalt zu machen. Wie Domenico Losurdo in bezug auf Lockes Position anmerkt: »Selbst wenn das Eindringen der Besitzlosen in die Eigentumssphäre durch die Legislative vermittelt wird, stellt sie einen Akt von Willkür und Ausplünderung dar, eine Gewalthandlung, der daher von seiten des Opfers auch legitimerweise mit Gewalt begegnet werden darf.«⁴ Parlamentarismus und Rechtsstaatlichkeit waren also von Anfang an nicht das liberale Ziel selbst, mit dem politischer Pluralismus garantiert werden sollte, sondern lediglich Mittel zu einem Zweck, nämlich dem Schutz des Kapitalismus. Und Mittel sind von Natur aus nicht absolut, sie können aufgrund sich verändernder Umstände modifiziert werden. Deshalb war Locke weit davon entfernt, das Parlament zu überhöhen, und konnte sich in verschiedenen Momenten alternative politische Modelle vorstellen. Wie C. B. Macpherson anmerkt, war Locke »durchaus folgerichtig in seiner Forderung nach einer Staatsgewalt, die in der Lage wäre, die wichtigsten Institutionen einer Klassengesellschaft zu sichern. 1660 erforderte dies eine Rückkehr der Stuarts und die Lehre von der absoluten und unumschränkten Macht der Obrigkeit (…), 1689 (…) die Entlassung der Stuarts und die Lehre des Second Treatise.«⁵

Liberale Doktrinen sind also offen für Veränderungen, solange die Klassengesellschaft Bestand hat. Der liberale Kapitalismus wurde nicht durch einen politischen Rahmen begrenzt, sondern verfügte über eine eingebaute Option, die es ihm ermöglichte, aus der Verfassungsordnung auszusteigen und zur Gewaltherrschaft zurückzukehren, wenn er die ökonomischen Interessen für gefährdet hielt. Wir sind es gewohnt, die liberale Tradition – in dem Maße, wie wir sie aus ihrer eigenen, hegemonialen, historiographischen und theoretischen Perspektive betrachten – als radikale Öffnung des politischen Horizonts, als Erweiterung der Freiheitsrechte, als Stärkung von »Toleranz« und Pluralismus und als Beschränkung von Unterdrückung und Absolutismus zu verstehen. Doch dabei gerät das irreduzible Moment der dem Liberalismus innewohnenden politischen Einhegung aus dem Blick. Denn die Begründer der liberalen Ordnung beschäftigten sich nicht nur damit, die Aufgaben der Politik zu umreißen, sondern verwandten mindestens ebensoviel Eifer darauf festzulegen, was Politik nicht tun sollte. Und wenn diese prohibitive Abgrenzung zunächst den Monarchen davon abhalten sollte, die Eigentumsgrenzen zu überschreiten, so gibt es keinen Anlass zu der Annahme, dass die Einmischung eines demokratischen Souveräns weniger Widerstand provoziert hätte. Vielmehr gibt es allen Grund, Locke wörtlich zu nehmen, wenn er darauf besteht, der »höchsten oder legislativen Gewalt eines Staates« den Zugriff auf das Eigentum zu verweigern.

Irreführende Begriffe

James Tully versteht Locke als »subversiv-populistisch«, als einen »Revolutionär«, der »eine 500jährige Geschichte elitärer politischer Ganzheitlichkeit zurückweist (…) und die Ursprünge der politischen Macht auf radikal populistische Weise neu konzeptualisiert«.⁶ Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass er von einem Leveller oder Digger spricht. Doch Locke war kein Populist und schon gar kein Subversiver. Zunächst einmal ist es eher schwierig, jemanden mit dem Populismus in Verbindung zu bringen, der »für seine Dienste für die Regierung jährlich die fast schon astronomische Vergütung von etwa 1.500 Pfund erhielt« und »nicht zögerte, das Vorhaben zu loben, dass die Armen ›einen Penny pro Tag‹ verdienen (…), das heißt, eine Summe, die etwa 1.000 Mal niedriger war als sein eigenes Einkommen«.⁷ Noch weniger lässt sich ein glühender Populismus erkennen, wenn man weiß, dass Locke Kinderarbeit ab dem Alter von drei Jahren befürwortete, sich bei aller »Toleranz« in religiösen Fragen die Kriminalisierung von Bettlern und Vagabunden wünschte und für diese ein Strafmaß befürwortete, das über das der absolutistischen Monarchien hinausging. Wie Istvan Meszaros hervorhebt: »Während die brutale Gesetzgebung von Heinrich VIII. und Edward VI. (…) bei Wiederholungstätern vorsah, ›das halbe Ohr‹ abzuschneiden, befürwortete Locke eine Verschärfung und empfahl den Verlust beider Ohren, und zwar auch schon bei Ersttätern. In seinen Worten: ›Dass derjenige, der einen Ausweis fälscht, beim ersten Mal der Urkundenfälschung seine Ohren verliert, wenn er für schuldig befunden wird, und beim zweiten Mal in die Plantagen deportiert wird (…), wie es bei Kapitalverbrechen der Fall ist.‹«⁸

Man könnte an dieser Stelle einwenden, dass solche Positionen zwar im Widerspruch zu einer persönlichen oder praktischen Volksnähe Lockes stehen, aber noch nichts darüber aussagen, ob er in theoretischer Hinsicht einen umstürzlerischen Populismus vertrat, der ein Recht des Volkes zur Rebellion gegen den König proklamierte. Damit jedoch wird unterschlagen, dass Lockes Rechtfertigung der Rebellion nicht dazu gedacht war, die Volkssouveränität zu begründen, sondern vielmehr dazu, sich auf diese zu berufen, um die Unantastbarkeit des Eigentums zu unterstreichen. Tully selbst scheint diesen Umstand seltsamerweise anzuerkennen, aber dessen Implikationen zu verkennen. Über Lockes Position schreibt er resümierend: »Sobald die Regierung ein Eigentumssystem etabliert hat«, stelle »eine Überschreitung dieser Rechte eine Verletzung des Naturrechts und damit, genau wie im Naturzustand, einen Grund für eine legitime Revolte« dar.⁹ Doch genau aus dieser korrekten Beobachtung folgt, dass nicht die Volksnähe, sondern die Eigentumsrechte im Zentrum von Lockes System standen und Begriffe wie »revolutionär« oder »subversiv« hier außerordentlich irreführend sind.

Gewiss lässt sich, solange der »legitime Aufstand« gegen den Monarchen und zur Verteidigung des Eigentums geführt wird, mehr oder weniger begründet von einer »Revolution« sprechen. Was ist aber, wenn es sich bei dem Souverän, der dieses Recht überschreitet, um »das Volk« handelt und es die Mehrheit ist, die gemeinsam – auf legalem oder revolutionärem Weg – einen radikalen und subversiven Anspruch auf das Eigentum erhebt? In diesem Fall wäre der passende Begriff zur Beschreibung von Lockes legitimer Revolte eher jener der »Konterrevolution«. Doch Locke nahm nicht an, dass die im Namen »des Volkes« eingeführte politische Ordnung jemals von diesem in Frage gestellt werden würde. Ebensowenig hatte er die Absicht, der Bevölkerung die Möglichkeit zu geben, ihre Meinung in dieser Angelegenheit zu äußern oder sich auch nur eine Meinung zu bilden. Wissen und Denken mögen wichtig und lobenswert sein, wurden jedoch als ein Luxus der Eliten betrachtet, »der den wenigen vorbehalten ist, die über Muße und höhere Kenntnisse verfügen und mit logischem Denken vertraut sind«. Eigenschaften, die auf die große Mehrheit nicht zutrafen: »Und man kann genausogut hoffen, alle Tagelöhner und Handwerker, Spinnerinnen und Mägde in Mathematiker zu verwandeln, wie sie zu vollkommener Moral bewegen. Unmissverständliche Befehle sind der sichere und einzige Weg, sie zu Gehorsam und Handeln anzuhalten. Der Großteil ist nicht in der Lage zu wissen und muss deshalb glauben.«¹⁰

Keine perverse Ergänzung

Glauben und gehorchen. Zwei Prinzipien, die es zwei Jahrhunderte später immerhin schafften, in einer »der verbreitetsten faschistischen Parolen« aufgegriffen zu werden: »Credere Obbedire Combattere (Glauben, Gehorchen, Kämpfen)«.¹¹ Und man sollte sich nicht einbilden, dass es sich beim dritten und finstersten Teil des Mottos – dem Wort »kämpfen« – um eine perverse Ergänzung der Faschisten gehandelt habe. Die liberale Ordnung beruhte vielmehr auf einer klassenspezifischen Zuweisung von Freiheiten und Unfreiheiten, Eliterechten und Massenpflichten, wobei zu diesen Pflichten auch die zum Kampf gehörte.

Christopher Hill resümierte die umfassende und von Anfang an bestehende Verteilungs­ungleichheit dieser Ordnung auf eindringliche Weise: »Der Freiheitskampf war damals, im 17. Jahrhundert, eine komplexere Angelegenheit, als die Bücher heute suggerieren. Die Vermögenden gewannen an Freiheit – Freiheit von willkürlicher Besteuerung, Verhaftung und religiöser Verfolgung, die Freiheit, die Geschicke ihres Landes vermittels gewählter Vertreter zu lenken, die Freiheit, zu kaufen und zu verkaufen. Sie gewannen auch an Freiheit, Pächter zu vertreiben und Hütten räumen zu lassen, ihre Dörfer zu tyrannisieren und ungeschützte Arbeitskraft auf dem freien Markt unter Vertrag zu nehmen. Die ›Unfreien‹ waren immer zwangsrekrutiert worden, wenn sich die besseren Schichten zu einem Krieg entschlossen. Doch die reguläre Wehrpflicht stammt aus der Regentschaft von Königin Anne (1703–1714). Das Gesetz von 1708 besagte, dass nur Personen ›ohne rechtmäßige Berufung oder Beschäftigung‹ – und ohne parlamentarische Stimme – eingezogen werden durften. Vermittelt über die Friedensrichter setzten die Arbeitgeber die Drohung der Einberufung gegen widerspenstige Arbeiter ein. Die einfachen Leute scheiterten in allen Bereichen bei der Anerkennung ihrer Freiheiten, sie erlangten weder das Stimmrecht noch ökonomische Sicherheit.«¹²

Im darauffolgenden Jahrhundert glaubten (oder gaben es zumindest vor), gehorchten (allerdings mit sporadischen Unterbrechungen, da immer wieder Aufstände ausbrachen und andere Formen von Rebellion sichtbar wurden) und kämpften die »einfachen Leute«, die die Mehrheit der Bevölkerung ausmachten – und das, wie sich bei genauerer Betrachtung herausstellt, sogar recht häufig: »zwischen 1689 und 1815 stand Großbritannien (…) etwa jedes zweite Jahr unter Waffen«.¹³ Zugleich waren sie von der liberal umgrenzten Politik weitgehend ausgeschlossen: Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts wurden die britischen Angelegenheiten, wie Hay und Rogers schreiben, von »einem Parlament gelenkt, in dem die reichsten Engländer extrem überrepräsentiert waren«, das geschäftig für eine Liberalisierung der Wirtschaft im Sinne des Freihandels sorgte und das die letzten Überbleibsel einer traditionellen »moralischen Ökonomie« beseitigte. Das kapitalistische Eigentum war von Anfang an eine liberale Grundvoraussetzung, und die politische Form – ob nun Tyrannei, Monarchie, Aristokratie oder Demokratie – wurde in dem Maße als legitim erachtet, wie sie den ökonomischen Kern achtete und schützte, und in dem Maße als illegitim, wie sie sich gegen diesen wandte.

Wohltuender Privatkrieg

Der englische Liberale Henry Maine, der etwa 200 Jahre nach Locke lebte und offen gegen die Demokratie polemisierte, macht unmissverständlich klar, dass die Kapitalisten das ökonomische Joch des Absolutismus nicht abgeschüttelt hatten, nur um danach vom Volk besteuert zu werden: »Aus Sicht des sparsamen und fleißigen Menschen macht es nicht den geringsten Unterschied, ob ihr fiskalischer Unterdrücker ein östlicher Despot, ein Feudalherr oder eine demokratische Legislative ist und ob sie zum Nutzen einer Vereinigung, die sich Gesellschaft nennt, oder zum Vorteil eines Individuums wie eines Königs oder Lords besteuert werden.«¹⁴ Für Maine hängt die Kapitalbildung – »die Wiederbelebung des Wohlstands in wachsender Größe« – von »dem anstrengenden und nicht enden wollenden Überlebenskampf ab, dem wohltuenden Privatkrieg, der einen Mann dazu bringt, auf die Schultern eines anderen zu steigen und dort dank des Rechts des Stärkeren zu bleiben«.¹⁵

Eine zügellose Demokratie widerspricht seiner Meinung nach nicht nur dem Kapitalismus, sondern auch der Wissenschaft selbst: »Die Vorurteile des Volkes sind viel ausgeprägter als die der privilegierten Klassen; sie sind viel vulgärer und gefährlicher, weil sie dazu neigen, wissenschaftlichen Erkenntnissen zu widersprechen.«¹⁶ Die wichtigste dieser wissenschaftlichen Tatsachen betrifft die Notwendigkeit eines gnadenlosen kapitalistischen Wettbewerbs der rücksichtslosesten Art: »Eine zentrale Rolle in der politischen Ökonomie hatte von Anfang an die Bevölkerungstheorie inne. Diese ist nun von Herrn Darwin und seinen Anhängern verallgemeinert worden und wurde, als Prinzip des Survival-of-the-Fittest, zur zentralen Wahrheit aller biologischen Wissenschaften. Zugleich wird sie offensichtlich von der Menge abgelehnt und von denjenigen zurückgewiesen, denen die Menge erlaubt, sie zu führen.«¹⁷

Da jeder Versuch, den wissenschaftlichen Kapitalismus zu leugnen, katastrophale Folgen hätte, müsse eine »Volksregierung«, falls sie überhaupt toleriert werden soll, dem in den USA entwickelten Modell nacheifern, wo die Demokratie im Gegensatz zu den vermeintlich gefährlichen Tendenzen im damaligen England strikt politisch sei und die Wirtschaft ganz sich selbst überlassen bleibe: »Die Regierung der Vereinigten Staaten (...) wird durch allgemeine Wahlen bestimmt, aber ist nur eine politische Regierung. Es ist eine Regierung, unter der Zwangsmaßnahmen, von der Politik einmal abgesehen, auf ein Minimum reduziert sind. Kaum jemals zuvor hat es eine Gemeinschaft gegeben, in der die Schwachen so erbarmungslos an die Wand gedrängt wurden, die Erfolgreichen so einheitlich die Starken waren und sich in so kurzer Zeit eine so große Ungleichheit von Privatvermögen und Luxus herausbildete. (…) Dies alles lässt sich auf die Unantastbarkeit von Verträgen und Privateigentum zurückführen, wobei erstere das Werkzeug und letzteres die Belohnung der im allgemeinen Wettbewerb Erfolgreichen darstellen.«¹⁸

Von Locke bis Maine sind diese Postulate die einzige Grundlage, auf der eine Demokratie rechtmäßig funktionieren kann. In diesem Sinne könnte man behaupten, dass der Liberalismus neben dem politischen Absolutismus auch die Absolutheit der Politik abzuschaffen versuchte. Indem er die Politik durch seine Definition auf die Rolle einer Hüterin bürgerlicher Wirtschaftsinteressen reduzierte, installierte er im Inneren der liberalen Ordnung eine Art Zeitbombe. Doch solange die politische Emanzipation der Massen unvorstellbar war oder nur eine theoretische Bedrohung darstellte, konnte der Liberalismus, ungeachtet des lauter werdenden Tickens im Hintergrund, seinem ursprünglichen Konzept im großen und ganzen folgen. Erst später, insbesondere im Verlauf des 19. Jahrhunderts, begann die Politik dem Wirtschaftsliberalismus insofern entgegenzuwirken, als sie die antidemokratischen Implikationen der liberalen Ordnung enthüllte und manchmal auch deren totalitäres Potential weckte.

Anmerkungen

1 Christopher Hill (1961): The Century of Revolution. 1603–1714, London/New
York 2006, S. 295 f.

2 Peter Laslett: Introduction, in: John Locke: Two Treatises of Government. Hrsg. von Peter Laslett, Cambridge 1988, S. 107

3 John Locke: Zweite Abhandlung über die Regierung [1689], unter: http://www.wel-
cker-online.de/Texte/Locke/Locke_2.pdf, S. 180

4 Domenico Losurdo: Controstoria del liberalismo, Rom/Bari 2005, S. 249

5 C. B. Macpherson: Die politische Theorie des Besitzindividualismus. Frankfurt a. M. 1967, S. 293

6 James Tully: Locke, in: J. H. Burns (Hrsg.): The Cambridge History of Political Thought 1450–1700, Cambridge 1991, S. 616–652, hier S. 621 f.

7 Istvan Meszaros: A Key Problem of Method. Dualism and Dichotomies in Philosophy and Social Theory in Capital’s Epoch, in: Critique. Journal of Socialist Theory 34/2006, S. 27–77, hier S. 41

8 Ebd. – Das Zitat Lockes zit. n. H. R. Fox Bourne: The Life of John Locke, Bd. 2, London 1876, S. 378

9 Tully: Locke, a. a. O., S. 629

10 John Locke: The Reasonableness of Christianity. As Delivered in the Scriptures, London 1824, S. 146

11 Stanley G. Payne: A History of Fascism. 1914–45, London/New York 1996, S. 215

12 Hill: The Century, a. a. O., S. 308

13 Douglas Hay/Nicholas Rogers: Shuttles and Swords. Eighteenth-Century English Society, Oxford 1997, S. 152

14 Henry S. Maine (1885): Popular Government, London 1909, S. 49 f.

15 Ebd., S. 50

16 Ebd., S. 67 f.

17 Ebd., S. 39

18 Ebd., S. 51

Ishay Landa: Der Lehrling und sein Meister. Liberale Tradition und Faschismus. Übersetzt von Raul Zelik. Karl Dietz Verlag, Berlin 2021, 408 Seiten, 20 Euro

Ishay Landa ist Historiker an der Israeli Open University. Er forscht zur intellektuellen Genealogie des Faschismus und dessen Beziehung zur Geistesgeschichte des Westens. Zuletzt erschien von ihm: »Fascism and the Masses. The Revolt Against the Last Humans, 1848–1945« (2018).

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