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Aus: Ausgabe vom 11.06.2021, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Sind so schlimme Texte

Quer gedacht: Van Morrisons rechte Tirade »Latest Record Project: Volume 1«
Von Frank Schwarzberg
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Der vielleicht letzte Rebell: Van Morrison

»Ohne Hau und Macken geht es scheint’s nicht, die reine Vernunft schafft keine Kunst.« So Wiglaf Droste, einer seiner größten Verehrer, 2015 in jW anlässlich Van Morrisons 70. Geburtstag. Ich möchte vorausschicken, dass auch für mich Van Morrison auf ewig zu den Großen gehören wird. Das schrieb ich in dieser Zeitung 2016, und das gilt weiter. Aber das neue Werk macht es auch Verehrerinnen schwer, denn ganz ohne Vernunft, das zeigt dieses Album deutlich, geht es scheint’s auch nicht, wenn sonst nur Hau, Macken und Handwerk bleiben.

Und das im Überfluss: 28 Songs, 126 Minuten, und dieses beunruhigende »Volume 1« im Titel. Erst mal klingt das Ganze aber durchaus schwungvoll-schmissig: schunkelnder Rhythm & Blues, den man sich gut live vorstellen kann und zu dem es sich vorläufig passabel bügeln oder entrümpeln lässt. Wer die Richtung mag, könnte zudem reich belohnt werden durch Morrisons meisterlichen Gesang, dem das Alter nichts anhaben kann, im Gegenteil, und durch das versierte, wenngleich etwas generische Spiel der Band. Eine Hammondorgel mit Schubkraft, Saxophon- und Bluesharpsoli, warme Gitarren, eine geölte Rhythmusgruppe, Backgroundchöre und dazu eben diese Stimme. Anders gesagt: Die Suppe mit all diesen Zutaten könnte prächtig schmecken.

Große Verschwörung

Doch die Texte machen sie ungenießbar. Knapp zusammengefasst gehen sie so: Es gibt keine Rebellen mehr (außer Sir Morrison). Rebellisch ist vor allem die Forderung nach Livemusik zu Pandemiezeiten, selbstverständlich ohne Physical distancing. Gedanken und Gefühle der Menschen werden kontrolliert, wahlweise von Psychoanalytikern, der ­Gedankenpolizei, den Medien und ihren Drahtziehern, die mehr als diffus als »they« bezeichnet werden (auf dem rechtslastigen Messageboard »4 Chan« wird schon gefeixt). Richter, besagte Psychoanalytiker, undankbare Exfrauen, falsche Freunde, dunkle Mächte haben das lyrische Ich lange genug an der Nase herumgeführt, damit ist jetzt Schluss, alles eins, sowieso, alles eine große Verschwörung. Kurz vor Schluss, im Stück »Western Man«, noch ein bisschen weißer Umvolkungsmythos inklusive Aufruf zum Kampf. Kritik an Inhalten, Musik oder Person (»the bad things they say about me«) ist einzig der Eifersucht auf Morrisons Erfolg geschuldet – alles Sklaven des Systems. Sowieso. Außer Van Morrison.

Wo bleibt der Witz?

Sie sind schwer erträglich, diese 126 Minuten. Lenkt nun, wenn man immer noch bügelt, die Musik ein bisschen von den schlimmen Texten ab, oder ist es eher umgekehrt? Gute Frage. Oder ist alles bloß ein Lied, nicht so ernst zu nehmen, oder gar Satire? »Only a Song« heißt jedenfalls ein Stück auf dem Album. In einem Interview mit BBC, in dem Morrison sehr zahm zu den Songtiteln befragt wurde, wiederholte er diese Lesart: Die Texte seien Satire, ironisch gemeint, nicht so ernst zu nehmen. Hm. Gehört zur Satire nicht auch Witz? Der den Liefers, Palmers, Morrisons oder wie die neuen Satiriker alle heißen, völlig abgeht?

Das Schauspielhaus Bochum zeigte im Mai das Einpersonenstück »Viel gut kochen« mit Bernd Rademacher, geschrieben von Sibylle Berg. Es ging um einen weißen Mittelschichtler: Saturiertheit wird zu Selbstmitleid, ist Narzissmus, wird zu aggressiven Ressentiment(s). In diesem Spannungsfeld bewegt sich Van Morrison mit seinem »Latest Record Project: Volume 1«. Leider.

Van Morrison: »Latest Record Project: Volume 1« (Exile/BMG)

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