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Aus: Ausgabe vom 07.06.2021, Seite 12 / Thema
Debatte zur Wortwahl

Magische Praktiken

Innerhalb der Zugehörigkeitsordnung: Political Correctness in der Sprache
Von Georg Auernheimer
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Mit dem Bann gegen Schmähwörter soll Bewusstsein für Vorurteilsstrukturen und Ausgrenzungsmechanismen geschaffen werden, die in den Stereotypen wurzeln

Als die DDR nicht mehr war, wurden Frauen, die von dort kamen, im Westen als rückständig belächelt, wenn eine von ihnen angab, sie sei Arzt oder sie hätte als Traktorist gearbeitet. Dabei verstand es sich für die, die in jener untergegangenen Gesellschaft gelebt hatten, von selbst, dass die Berufsbezeichnung Traktorist auch Frauen einschloss. Denn man war in Kliniken und Polikliniken häufig von Frauen behandelt worden. Und weibliche Traktoristen kannte man, wenn man nicht selbst in einer LPG beschäftigt gewesen war, zumindest aus Radio und Fernsehen. Nicht die Sprache bestimmt die von uns erfahrene Wirklichkeit, sondern umgekehrt.

In einer Welt, in der Diskurstheorie und Sozialkonstruktivismus in Wissenschaft und Politik großen Einfluss gewonnen haben, klingt das schon wie Ketzerei. Wer ist heute nicht von der performativen Macht der Sprache überzeugt? Das hat die sprachlichen Neuerungen wie das Gendern und allgemein die Verpflichtung zu Political Correctness (PC) in der Sprache veranlasst. Zweifellos hat die sprachliche Innovation der geschlechtergerechten oder besser geschlechtersensiblen Schreibweisen geholfen, in den Köpfen für alle Zeit die Vorstellung zu verankern, dass zum Beispiel Forschung nicht allein von Männern betrieben wird, seit in einschlägigen Texten »Forscher*innen« zitiert oder aufgeführt werden.

Die Linguistin Deborah Cameron meinte vor fünfundzwanzig Jahren zu Recht, Sprachkritikerinnen und Sprachkritiker hätten erfolgreich die Wörter »politisiert«.¹ Das habe zu einem reflektierten Sprechen und Schreiben beigetragen. Die neuen Schreibweisen waren tatsächlich eine verstörende Sprachpraxis, brachten eine Art Verfremdung mit sich. Sie haben dadurch anfangs auf die Ungleichheit der Chancen hingewiesen, nicht direkt Chancengleichheit befördert. Heute ist das Ziel eher zu dokumentieren, dass Frauen an der Forschung beteiligt sind, Unternehmen und andere Organisationen leiten, politische Ämter wahrnehmen, als Ärztinnen arbeiten etc.

Gedankenlose Routine

Es mag sein, dass das Bewusstsein dafür nach wie vor durch sprachliche Korrektheit wachgehalten werden muss. Aber die volle Durchsetzung der beruflichen Gleichstellung von Frauen und ihrer politischen Repräsentation kann nur auf politischem Weg erreicht werden. Ein Effekt des Genderns könnte auch sein, dass Frauen die Scheu überwinden, zum Beispiel den Beruf der Pilotin anzustreben. Die Frage ist, ob der Effekt auf Dauer erzielt werden kann, wenn das Gendern zur gedankenlosen Routine geworden ist. Welche emanzipatorische Kraft hat der Ministerratsbeschluss von 2001, der seitdem alle Bundesministerien und ihre Ressorts zum geschlechtergerechten Sprachgebrauch verpflichtet? Oder sind Sternchen und andere Sonderzeichen irgendwann vielleicht nicht mehr nötig, wenn die Alltagserfahrung eines Tages offenbaren sollte, dass fast alle Berufe unabhängig vom Geschlecht ausgeübt werden (können)?

Die neuen Schreibweisen sind stilistisch jedenfalls nicht unproblematisch. Konsequent gehandhabt, können sie das Textverständnis beträchtlich erschweren. Und die Komplikationen in juristischen Dokumenten oder rechtlich relevanten Texten lassen sich nur erahnen. Die Duden-Redaktion zum Beispiel hat entschieden, dass zwischen »Mieter« und »Mieterin« zu unterscheiden ist. In Mietverträgen muss das nunmehr beachtet werden.

Der triftigste Einwand gegen die angeblich geschlechtersensible Schreibweise aber zielt darauf, dass damit Menschen, die sich keinem der zwei Geschlechter zuordnen, nach wie vor unsichtbar bleiben. Ich würde sogar meinen, sie bleiben erst recht unsichtbar, weil nun die Binarität in den Vordergrund rückt und die Schreibweise die Illusion von Geschlechter­gerechtigkeit vermittelt. Die Sprachwissenschaftlerin Ursula Bredel hielt zum Beispiel die Formulierung »Mieter (m/w/d)« für funktionaler und gerechter als Doppelnennung und binäre Schreibweise. In der mündlichen Kommunikation kann die Abkehr vom generischen Maskulinum die Verständigung verkomplizieren.

Das soll kein Plädoyer für die Revision einer geschlechtersensiblen Sprache sein, aber für einen moderaten Umgang mit den neuen Schreibvarianten und für mehr Gelassenheit im Mündlichen. Eine geschlechtergerechte Schreibweise ist zum Beispiel geboten bei Berufen und Berufsfeldern, in denen Frauen nach wie vor unterrepräsentiert sind oder nicht ausreichend wahrgenommen werden. Aber welcher Diskriminierung wird begegnet, wenn von Leiharbeiter_innen, Fensterputzer:innen und Melker*innen berichtet wird?

Manche Neuerung erweist sich bei einem kritischen Blick auf Wortbildungen als überflüssig. »Studenten« und »Demonstranten« sind ebenso ein neutrales Partizip Präsens wie »Studierende« und »Demonstrierende«, nur auf Lateinisch. Die Ergänzung von »Gast« um die »Gästin« ist dagegen plausibel. Es ist eine Analogiebildung zur »Wirtin«.

Kontextabhängig

Soll die Sprachkorrektur in der Geschlechterfrage dazu verhelfen, die verschwiegenen gesellschaftlichen Funktionen von Frauen hervorzuheben und damit auch ihre Zugangschancen zu erhöhen – ob damit auch diverse Identitäten sichtbar gemacht werden, ist zweifelhaft –, so sollen bei marginalisierten und diskriminierten Minderheiten die pejorativen Konnotationen (sprich: negative Beiklänge) von Gruppenbenennungen ausgelöscht werden. Deshalb kämpft zum Beispiel der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma seit langem gegen den Gebrauch des Wortes »Zigeuner«: »Dadurch sollte zugleich ein Bewusstsein für jene Vorurteilsstrukturen und Ausgrenzungsmechanismen geschaffen werden, die im Stereotyp vom ›Zigeuner‹ ihre Wurzeln haben.«² Folgerichtig hat man auch die gedankenlose Rede vom »Zigeunerschnitzel« und der »Zigeunersoße« in Frage gestellt.

Aber zu Recht fand Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats, die Ankündigung der Firma Knorr, man habe jetzt ihr Produkt in »Paprikasoße ungarischer Art« umbenannt, das sei gut, aber vor dem Hintergrund des wachsenden Antiziganismus seien für den Zentralrat »Zigeunerschnitzel und Zigeunersauce nicht von oberster Dringlichkeit«. Viel wichtiger sei es, Begriffe wie »Zigeuner« kontextabhängig zu bewerten, »wenn etwa in Fußballstadien ›Zigeuner‹ oder ›Jude‹ mit offen beleidigender Absicht skandiert wird«.³ Die Intention und sprachliche Funktion, das, was Rose mit »kontextabhängig« meint, ist das entscheidende Kriterium für die Beurteilung des Wortgebrauchs und sollte immer beachtet werden. »Zigeuner« als Schimpfwort, egal, wem gegenüber benutzt, ist etwas anderes als die unbedachte Verwendung des Begriffs.

Den Betroffenen geht es um die Bilder, die mit dem Wort »Zigeuner« verknüpft sind, auch weil sie aus einer längst vergangenen Welt stammen: nomadisierende Familien, deren Lebensweise zwangsläufig von Zeit zu Zeit Konflikte mit dem Gesetz mit sich brachte. Die Verfolgung und Hetze durch die Nazis verstärkte bei der Bevölkerung die Vorstellung von Leuten, die zur Kriminalität tendieren. Solche Bilder sind noch in den Köpfen präsent, an Untersuchungen dazu mangelt es signifikant. Es ist verständlich, dass der Zentralrat sie mit dem Schmähwort bannen will.

Fraglich ist freilich, ob jemand, der Vorurteile hat, frei davon wird, wenn er gelernt hat, von Sinti und Roma zu sprechen. Wichtiger wäre es, dass er seine Vorurteile und den Sprachgebrauch reflektiert. Was hilft die peinliche Stille, wenn einer erzählt, er habe eben ein Lied aus dem »Zigeunerbaron« gehört?

Von der Realität überholt

Die historische Rückschau auf Bemühungen, durch positiv konnotierte Bezeichnungen die Wahrnehmung und die Situation einer Gruppe zu verbessern, ist ernüchternd. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war zum Beispiel »Idiotie« eine gängige Diagnose für geistige Behinderung. Die Bezeichnung »Idiot«, die wir als Schimpfwort kennen, war dabei eigentlich gut gemeint und wohlwollend. Für die akademisch gebildeten Mediziner sollte sie in Anlehnung an die altgriechische Bedeutung einen eigenartigen Menschen bezeichnen. Als »Idiotes« galt im alten Athen einer, der an den allgemeinen Angelegenheiten kein Interesse zeigte. Wenn der heute propagierte Begriff »mentale Retardierung« an der Situation der Menschen mit entsprechender Diagnose und damit an deren Wahrnehmung etwas geändert hat, dann nur, weil der Sprachgebrauch mit einem veränderten, verstehenden Umgang einhergeht. Eine radikale Änderung würde eine Psychiatriereform voraussetzen, wie sie in der BRD in den 1970er Jahren zum Programm gemacht worden ist. Die Wahrnehmung von »Lernbehinderten«, ein anderes Beispiel, kann sich nur durch schulische Inklusion verändern.

Lässt man, ein weiteres Beispiel, die ­Serie der Signifikanten vom »Gastarbeiter« zum »ausländischen Mitbürger«, dann zu »Menschen mit Migrationshintergrund« oder »mit Migrationsgeschichte« Revue passieren, so wird folgendes deutlich: Die älteste Bezeichnung ist einfach von der Realität überholt. Die noch Ende der 1990er Jahre nicht unübliche Bezeichnung »Ausländer« für Arbeiterinnen, Arbeiter und ihre Familien, die teils damals schon seit mehr als 30 Jahren in der BRD lebten – das erste Anwerbeabkommen wurde 1955 geschlossen – war absurd, obwohl bis zur Reform des Staatsangehörigkeitsrechts von 2000 in den meisten Fällen rechtlich korrekt. Die halbherzige Bezeichnung »Migranten« und »Migrantinnen« (dem »Emigranten«, also Auswanderer, nahe) ist übrigens noch ein Erbe des früheren Staatsangehörigkeitsrechts, das bis 2000 eine Einbürgerung zur Ausnahme machte. Die Rede von »Immigranten« (also Einwanderer) erschien damit als wirklichkeitsfremd.

Auch die Kennzeichnung »mit Migrationshintergrund« markiert für die Betroffenen ihren besonderen Status in der Zugehörigkeits­ordnung. Sie erscheinen als nur bedingt zugehörig, werden demnach einer besonderen Gruppe zugeordnet. Die Nebenbedeutungen des »Migrationshintergrunds« sind Ergebnisse der Verallgemeinerung von einzelnen Alltagserfahrungen: niedriger Schulabschluss, schlechte Wohnsituation, prekäre Arbeitsverhältnisse – alles Ergebnis gesellschaftlicher Benachteiligungen in der Klassengesellschaft. Das für die Betroffenen ärgerliche, manchmal sogar folgenreiche Stigma ist durch den neuen, »korrekten« Sprachgebrauch nicht beseitigt.

Aneignung

Gelegentlich haben diskriminierte Gruppen oder einzelne von ihnen den Versuch gemacht, sich Namen, mit denen man sie zu beschimpfen pflegte, trotzig zu eigen zu machen. Für Schwule und Lesben ist diese Strategie erfolgreich gewesen, auch dank der Gesetzgebung, die sie vom Status der Devianz erlöst hat. Der Online-Duden bestätigt, dass das Wort »Schwulsein«, auch als Selbstbezeichnung verwendet, den »abwertenden Charakter in vielen Kontexten verloren« hat. Die ironische Selbstbezeichnung »Kanake« hat dagegen nicht die beabsichtigte Wirkung erzielt.

Unverzichtbar ist die Korrektur von Bezeichnungen, die dem Selbstverständnis einer Bevölkerungsgruppe widersprechen. Muslime werden heute glücklicherweise nicht mehr als »Mohammedaner« bezeichnet, wie früher allgemein üblich. Diese Kategorisierung verletzt das identitätspolitische Prinzip der Anerkennung, weil sich Muslime nicht als Anhänger oder gar Verehrer des Propheten Mohammed verstehen. Maßgebend ist für sie die Ergebung in Gottes Willen, den »Islam« (arabisch »aslama«: sich ergeben). Im Duden und im DTV-Lexikon findet man noch das Stichwort »­Mohammedaner«, im Duden (21. Aufl. 1996) noch mit der Worterklärung »Anhänger (der Lehre) Mohammeds«. Im Online-Duden steht bereits: »umgangssprachlich, veraltet«, ergänzt um folgenden Kommentar: »Die vom islamischen Religionsstifter Mohammed abgeleitete Bezeichnung Mohammedaner, Mohammedanerin wird, besonders von Muslimen, kritisiert, weil damit eine unzulässige Parallele zwischen der Stellung von Jesus Christus in der christlichen Religion und der von Mohammed im Islam gezogen wird, der jedoch, anders als Christus, nicht angebetet wird. Die Bezeichnung sollte im öffentlichen Sprachgebrauch vermieden werden. Korrekte Bezeichnungen sind Moslem, Moslemin oder Muslim, Muslimin, Muslima.« Im DTV-Lexikon, Ausgabe von 2006, steht: »veraltete Bez. für Moslems, die Anhänger des Islam«.

Erbe des Kolonialismus

Das Wort »Neger«, in den Texten von Kurt Tucholsky oder auch bei Erich Kästner mehr oder wenig häufig zu finden, ist inzwischen zum tabuisierten N-Wort geworden. Dass die Ablehnung dieser Bezeichnung seitens schwarzer Menschen zu respektieren ist, bedarf keiner Diskussion. Die spitzfindige Bemerkung, dass es, von lateinisch niger, abgeleitet auch nichts anderes bedeutet als schwarz oder Schwarzer, kann man sich sparen. Die negative Konnotation ist ein unauslöschliches Erbe des Kolonialismus.

Hilfreich ist bei Minderheiten immer die Zuflucht zur Selbstbezeichnung, in diesem Fall »Afrodeutsche«. Ob jedoch jene Bezeichnung oder auch »Schwarze« negative Assoziationen auslöscht, ist nicht ausgemacht. Der Begriff »Afrika« ist assoziiert mit Krisen, Despotie, Entwicklungshilfe, Flucht – weitgehend Folgen der neokolonialen Abhängigkeit. Die stolzen Befreiungsbewegungen sind vergessen. Tatsächlich sind sie gescheitert, zum Scheitern gebracht worden oder wurden Opfer des Kalten Krieges. Aufzuklären wäre die Genese der versteckten Konnotationen. In den USA verbinden sich mit dem Attribut »black«, historisch bedingt, andere Bilder: das Bild des demütigen oder auch aufsässigen Sklaven, des gefährlichen Rebellen, wenn nicht sogar Revolutionärs, aber auch des Entertainers und natürlich das Bild der von »Food Stamps« lebenden Familie im Ghetto.

Solche Bilder sind zugleich medial vermittelte Stereotype, unsinnige Verallgemeinerungen. Und doch spiegeln sie, wenn auch noch so verzerrt, Momente von Realität wider. Und es ist zweifelhaft, ob die stereotypen Vorstellungen sich durch eine andere Wortwahl ausrotten lassen, solange viele denken, Armut über Generationen hinweg oder wirtschaftliche Stagnation von Ländern sei selbstverschuldet und habe doch vielleicht mit Gruppeneigenschaften zu tun. Die Art von Zuschreibung ist entscheidend, die Namen mögen wechseln. Das heißt, es gilt, strukturellen Rassismus und Neokolonialismus und deren Zusammenhang mit dem herrschenden Gesellschaftssystem aufzudecken. Umbenennungen ähneln magischen Praktiken. Zugleich verlangt Sensibilität die Vermeidung von Wörtern, mit denen Rassifizierten ihre soziale Klassifizierung aufgestempelt wird.

Keine Unverdächtigen

Befremdlich finde ich es jedoch, wenn der Verfasser einer Buchbesprechung staunend oder pikiert anmerkt, der Übersetzer eines Buches habe »das N-Wort« (Der Freitag vom 25. März) übernommen. Es handelte sich hierbei um George Orwells »Tage in Burma« aus dem Jahr 1934. Es kommt mir vor wie der heuchlerische Umgang der besseren Kreise mit Sexualität im viktorianischen Zeitalter. Grundsätzlich sollten wir uns ehrlich eingestehen, dass wir unsere Vorurteile generell nie ganz »überwinden« werden, wie in manchem pädagogischen Programm angestrebt. Wir können sie nur reflektieren und damit unsere Haltung im Umgang verändern.

Wie nun umgehen mit Texten von Kurt ­Tucholsky oder Erich Kästner, aufgeklärten ­Autoren des vorigen Jahrhunderts? Ich will nicht sagen, des Rassismus unverdächtige. Wir können sie sicher nicht nachträglich zensieren. Dabei gibt es bei Tucholsky nur an manchen Stellen ein entlastendes Argument. Dass Tucholsky die rassistische Phantasiewelt über »Neger« mit dem Durchschnittsbürger teilte, zeigt ein Witz in einem Brief an den Autoren, Kommunisten und Résistance-Kämpfer Rudolf Leonhard, der auf die angebliche sexuelle Potenz von Schwarzen anspielt (»durch die Badehose sah man so ein Ding«).⁴ Gut, es handelt sich nicht um einen veröffentlichten, jedenfalls nicht um einen zur Veröffentlichung bestimmten Text. Aber man findet oft das N-Wort in Tucholskys Artikeln, nicht selten in einem fragwürdigen Kontext. Das rassistische Element der sexuellen Potenz kommt öfter zum Zug, wenn er witzig sein möchte. Unverzeihlich ist schließlich eine Passage, in der er im Rahmen einer Buchbesprechung das Wüten der rechten Freicorps nach 1917 anprangert. »Diese Soldateska hat sich (…) gegen die eignen Landsleute schlimmer als die Neger benommen.«⁵ Das schreibt derselbe Tucholsky, der nicht müde wird, den Nationalismus zu verurteilen, bemüht ist, seine Leserinnen und Leser über nationale Stereotypisierungen aufzuklären, und dem Kolonialismus entschieden eine Absage erteilt.

Stammtischnah

Daraus kann man nur folgern, dass der Rassismus generell tiefer sitzt als nationale Stereotype und sonstige Vorurteile. »Die Schwierigkeit, nicht rassistisch zu sein«,⁶ bewusst zu machen, könnte man sich anhand solcher Stellen wie den zitierten zum Beispiel im Literaturunterricht zur pädagogischen Aufgabe machen. Viele Leserinnen und Leser werden nur zufällig die irritierende Entdeckung stammtischnaher Äußerungen machen. In Neuausgaben alter Schriftstellerinnen und Schriftsteller wäre dennoch eine Kommentierung problematischer Textstellen angebracht.

Die Kommentierung von alten Straßennamen wie »Mohrenstraße« halte ich für eine gute Alternative zu ihrer Umbenennung, wenn man Wolfgang Thierses Plädoyer für »Kommentierung statt Zerstörung« in der FAZ vom 22. Februar nicht so böswillig interpretiert wie Hans Otto Rößer in der jungen Welt vom 8. April. Sollten Straßennamen, die noch an Naziverbrecher erinnern, auf diese Weise erhalten werden, dann ist höhnisches Gelächter berechtigt, zumal wenn man an die radikale Liquidierung der DDR-Geschichte denkt, für die auch Thierse verantwortlich ist. Wenn es aber um historische Bezeichnungen wie eben die »Mohrenstraße« geht, ist das etwas anderes. In Köln ist eine solche noch umstritten, in Berlin die Umbenennung schon beschlossen. Ich möchte das nicht als Vernichtung kulturellen Erbes dramatisieren. Aber wenn man die mit dem Wort »Mohr« verbundenen Bilder löschen will, dann muss man auch manches Ausstellungsstück in der Porzellanmanufaktur Meißen oder in den Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden dem Publikum entziehen.

Mit dem »Mohr« verbinden wahrscheinlich viele das Bild vom dienstbaren kleinen Sarotti-Mann. Aber in der christlichen Tradition gibt es auch den hoch verehrten heiligen Mauritius und den schwarzen Weisen unter den heiligen drei Königen. Die Darstellung findet man auf Hunderten von Gemälden und an Weihnachten in jeder Krippe. Das Wort müsste also ambivalente Assoziationen auslösen. »Mohr« ist ein historischer Begriff, der einmal für ein Feindbild stand. Ob er aber heute noch als dieses dienen kann, ist zweifelhaft. Der Begriff Mauren oder Mohren (spanisch: Moros), ursprünglich die Bezeichnung für die Berbervölker in Nordafrika (Mauretanien), bekam seine abwertende bis feindselige Bedeutung mit den islamischen Eroberungszügen im Mittelmeerraum, speziell in Spanien, vor allem aber im Zug der Reconquista. Die Erinnerung daran ist jedoch im Alltagsbewusstsein ausgelöscht, und das Wort »Mohr« gehört nicht mehr zum alltäglichen Wortschatz. Wozu also eine Mohrenstraße umbenennen? Sollte jemand fordern, eine Judengasse umzubenennen, würde er zu Recht auf einhelligen Protest stoßen.

Political Correnctness in der Sprache ist ein Strang von Identitätspolitik, einer, der unnötig viel Disput veranlasst, weil PC in ihrer Wirksamkeit überschätzt wird. Bloß keinen Überlegenheitsgestus gegenüber Leuten, die das korrekte Repertoire nicht drauf haben! Ich habe Ehrenamtliche erlebt, die seit langem mit Geflüchteten arbeiten, aber noch immer von »Asylanten« reden.

Anmerkungen

1 »Wörter, nichts als Wörter?« In: Das Argument 213 (1996), S. 13-24

2 zentralrat.sintiundroma.de/sinti-und-roma-zigeuner

3 rp-online.de/panorama/fernsehen/knorr-benennt-zigeunersauce-um-sinti-und-roma-zentralrat-sieht-aber-noch-weitere-baustellen_aid-52787133

4 Brief vom 27.12.1929, www.sudelblog.de/?p=735

5 Gesammelte Werke 1921 – 1924, Bd.3, S.47

6 Titel eines Buches von Annita Kalpaka und Nora Räthzel, herausgegeben 1990 (Mundo-Verlag Leer)

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