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Aus: Ausgabe vom 07.06.2021, Seite 11 / Feuilleton
Theorie

Der Begriff des Realismus

Zusammenhang des Ganzen: Die Lukács-Tagung im Berliner Brecht-Forum
Von Kai Köhler
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Schrieb auch über Dramen: Georg Lukács

Eine Lukács-Tagung im Berliner Brecht-Forum (1.–3. ­Juni) – das klingt, als müsse man Angst vor dem Geist des Hauses haben, der sich aufrafft, den Gegner aus seinen Lebzeiten ein letztes Mal zu vertreiben. Steht nicht Brecht für Modernismus, Montage, rücksichtslose Befragung der Tradition auf ihren Materialwert? Bezog sich nicht andererseits Lukács – gegen avantgardistische Tendenzen – auf das Fortschrittliche, Humanistische im bürgerlichen Erbe?

Entsprechend ist Brecht immer noch präsent; ein Brecht freilich, bei dem man gern vergisst, dass er Kommunist war, und dessen Theatermittel, radikalisiert und von ihren Zwecken gelöst, wie Untote auf gegenwärtigen Bühnen spuken. Lukács dagegen, dem der Kultur- und Wissenschaftsbetrieb nicht verzeiht, dass er Kommunist war, ist einem Bürgertum gleichgültig, das im Spätimperialismus von seinen früheren Leistungen nichts mehr wissen mag.

Vielleicht überrascht die Themenstellung der Projektleiter Jakob Hayner und Erik Zielke: »Georg Lukács und das Theater«. Lukács gilt als Philosoph, Mann der ästhetischen Theorie wie der politischen Praxis, Geschichtsdenker. Zwar hat er sehr früh als Übersetzer einer Budapester Theatergruppe zugearbeitet, zwar wirkt seine bereits 1911 entstandene, aber erst 1981 auf Deutsch erschienene Schrift »Entwicklungsgeschichte des modernen Dramas« verdeckt bis heute in Gestalt von Peter Szondis »Theorie des modernen Dramas«. Doch schrieb Lukács manchmal über Dramen, aber nicht über die Bühne, die Dramen zum Publikum bringt.

Eigenart des Ästhetischen

Der umfangreiche Reader zur Tagung zeigt denn auch die Theaterthematik bei Lukács als Bestandteil seiner gesamten ästhetischen Theorie. Er versammelt wichtige Essays von Lukács zu den Schwerpunkten »Ästhetik«, »Kritischer Realismus« und »Theatergeschichte«. Die Einleitung des Bandes, Dietmar Daths Text »Das Spiel der rechten und der linken Hand«, war auf den Thema-Seiten dieser Zeitung zu lesen.

Den drei Schwerpunkten entsprachen drei Podiumsgespräche, die den Mittelteil der Tagung bildeten. Im Gespräch zu der späten »Eigenart des Ästhetischen« ging es um die von Kristin Bönicke dargelegte Kategorie der »Besonderheit«, die die Erkenntnis mittels Kunst von der Erkenntnis mittels Wissenschaft unterscheidet. Daraus ergibt sich auch die Ablehnung des bloß »Rhetorischen« in der Kunst: von inhaltlichen Behauptungen, die – so richtig sie sein mögen – doch nicht ins Werkganze integriert sind. Von Gewicht waren die Bedenken, die Iris Dankemeyer beisteuerte: dass Lukács seine Kategorien aus der Literatur gewonnen habe und Merkmale wie das »Typische« auf Musik nur schwer zu übertragen sind; dass »Katharsis« als weiterer Zentralbegriff Lukács’ über die Erkenntnisfunktion hinaus ethisch aufgeladen sei, aber nicht ohne weiteres einsichtig sei, ob und wie die Erschütterung zu einer Besserung des Menschen führe.

War hier bei dieser von Adorno geprägten Kritik das Interesse spürbar, was von Lukács sich heute produktiv lesen lässt, waren die anderen Werkstattgespräche von Distanz bestimmt. In der Runde zur »Theatergeschichte« fand Patrick Eiden-Offe zwar immer wieder Passagen in Lukács’ Essays klug beobachtet, doch meinte er ebenso, platte Ideologiekritik zu erkennen; als wäre nicht die Kenntnis des Details mit der Beurteilung des Ganzen verknüpft. Patrick Wengenroth mochte als Theaterpraktiker keinen praktischen Wert in Lukács’ Überlegungen sehen, goutierte sie aber als deutlich formulierte Gegenposition.

Fragen nach der Wahrheit

Aus dem Publikum kam die kluge Forderung, eine solch neutralisierende Toleranz beiseite zu lassen und über den Zusammenhang des Ganzen zu streiten – über jene Totalität, auf die es Lukács ankam. Eiden-Offe zeigte sich jedoch demonstrativ uninteressiert an derlei Fragen nach der Wahrheit. So geht es im heutigen Wissenschaftsbetrieb zu. Ergebnisse im einzelnen sind klug: Eiden-Offes Hinweis etwa, dass Lukács’ streitbare Artikel in Zeitschriften nur verständlich sind als Antwort auf vorangegangene Artikel, schützt vor der Verabsolutierung einzelner Sätze als theoretisches Ergebnis. Doch wozu dieses Bemühen, wenn die Erkenntnis des Ganzen nicht mehr interessiert? Damit wird auch ein Panel wie das zum »Kritischen Realismus« möglich, auf dem der ehemalige Volksbühnen-Dramaturg Carl Hegemann kurzerhand feststellte, dass Lukács Brecht nicht richtig rezipiert habe, um dann über das eigene Theater zu monologisieren, das mit Lukács nichts und mit Brecht nur Äußerlichkeiten gemein hat.

Immerhin bemerkte der Regisseur Sebastian Baumgarten, dass es sowohl Lukács als auch Brecht – anders als den meisten heutigen Künstlern – um den Zusammenhang der gesellschaftlichen Erscheinungen gegangen sei. Vielleicht verzichtete der Hausgeist deshalb auf Rumor, zumal es in der Schlussrunde mit dem Titel »Georg Lukács heute« um Praxis mit dem Ziel Sozialismus ging. Die Gegensätze blieben dabei deutlich. Während der Lukács von »Geschichte und Klassenbewusstsein« mit seinen Gedanken über Verdinglichung und Entfremdung für unterschiedliche linke Theorielinien anschlussfähig ist, sah Luise Meier beim späteren Lukács Tendenzen der Verbürgerlichung. Er verabschiede das Kollektivsubjekt Proletariat, verabsolutiere das vom Individuum geschaffene Werk, während es doch um kollektive Produktion gehen müsse. Rüdiger Dannemann erklärte diese Wende aus der Zeiterfahrung: Nach 1923 habe Lukács erkennen müssen, dass anders als gehofft die proletarische Revolution nicht unmittelbar anstehe. Wenig später sei es um eine antifaschistische Kulturpolitik gegangen.

Zeitgemäßer als vermutet

Beides trifft auch für die Gegenwart zu. Lukács’ Ästhetik ist zeitgemäßer als zumeist vermutet wird. Dannemann wie bereits im Eingangsvortrag Dietmar Dath widerlegten auch das Vorurteil, dass es bei Lukács um einen Menschen schlechthin gehe, der überzeitliche Werke schaffe oder rezipiere. Die Kunst, wie der Umgang mit ihr, ist auch bei Lukács historisch bedingt und zielt auf Lebenspraxis.

Im Zentrum steht, wie Dath betonte, der Begriff des Realismus. Realistische Kunstbetrachtung begnügt sich nicht mit Ideologiekritik oder Lob für einen revolutionären Stoff. Statt auf die Oberfläche zielt sie auf Zusammenhänge; deshalb geht es ihr um Werke und nicht um deren Zertrümmerung. Noch nicht aus dem politischen Detail, sondern erst aus dem Ganzen entsteht die gesellschaftliche Haltung, die auf Veränderung zielt.

Georg Lukács: Texte zum Theater. Hrsg. von Jakob Hayner und Erik Zielke, mit einer Einleitung von Dietmar Dath. Verlag Theater der Zeit, Berlin 2021, 308 Seiten, 22 Euro

Fast alle Teile der Veranstaltung sind in der Mediathek des Literatur­forums im Brecht-Haus abrufbar.

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