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Aus: Ausgabe vom 10.06.2021, Seite 10 / Feuilleton
Fado

Die Rührung des Sängers

Kraft atmen: Das Doppelalbum »E Ainda …« würdigt das Lebenswerk von Fado-Legende Carlos do Carmo
Von Harald Justin
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Säulenheiliger des Fado: Carlos do Carmo (1939–2021)

In der Ruhe liegt die Kraft. Dieser Kernsatz einer Ästhetik des Widerstehens sollte sich mit jedem Shutdown bestätigen. Wer dem ­Ham­sterrad profitmaximierender Lohnarbeit entkommen möchte und unter Freiheit mehr versteht als massenhaftes Rumgehopse und Biertrinken in Klubs und Kneipen, dem sei zum Krafttanken die Musik von Carlos do Carmo an die Ohren gedrückt. Er hat sich tatsächlich Zeit genommen. Der portugiesische Sänger wurde 82 Jahre alt, er verstarb im Januar 2021.

Seine Musik aus den Armenvierteln Lissabons soll der Blues Portugals sein. Das hört man ihm nicht unbedingt an. Sehnsucht und Wehmut sind zwar da, schnellere Tempi oder gar der überschäumende Lebensübermut des afroamerikanischen Blues fehlen ihm jedoch. Aber das ändert nichts am Befund. In beiden Fällen handelt es sich um Musiken, die einen Ruhepol im Leben anvisieren, um den Alltag besser bewältigen zu können.

Do Carmo gilt, neben Amália Rodrigues, als einer der Säulenheiligen des Fado. Wie Rodrigues führte er ihn aus den Spelunken in die Welt der Konzertsäle. Entgegen den Wünschen des faschistischen Regimes in Portugal suchte er die Zusammenarbeit mit linken Dichtern wie dem portugiesischem Literaturnobelpreisträger José Saramago. So atmen allein die Texte schon Poesie. Zudem sang er Lieder von Frank Sinatra ein, öffnete den Fado für den Jazz. Der Mann besaß offene Ohren, wie Rodrigues sang er Weltmusik, bevor dieser Terminus erfunden wurde.

Nun erinnert das Doppelalbum »E Ainda …« an diese Legende der Weltschmerzmusik. Die Würdigung seines Lebenswerkes besteht aus einer CD mit Studioaufnahmen, gekoppelt mit einem Mitschnitt eines Konzertes. Besonders die Liveaufnahme berührt: Begleitet von einer kleinen, drei- bis vierköpfigen Band voller Saitenkünstler, so typisch für den Fado, singt er sich mit kräftiger Stimme durch sein in Portugal bestens bekanntes Repertoire. In den besten Momenten übernimmt das Publikum das Singen, und man meint, angesichts dieser Liebe zu den Liedern die Rührung des Sängers gerade in seinem Schweigen zu hören. In diesen Momenten der Ruhe erklingt die wahre Kraft einer Musik, die in Europa nahezu einzigartig ist.

Carlos do Carmo: »E Ainda …« (Universal)

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