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Aus: Ausgabe vom 05.06.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Kurzer Lehrgang im Wanderwitzismus

Von Arnold Schölzel
jW

Tatsachen sind Nebensachen. Am Donnerstag berichtete z. B. der aus Kleve stammende Welt-Autor Peter Huth – einst bei Springers B. Z. und später Chefredakteur der Welt am Sonntag – unter der Überschrift »Zwei Diktaturen haben Spuren hinterlassen«: »Die Wiedervereinigung ist eine gigantische Erfolgsgeschichte, die 18 Millionen Menschen nachhaltig Wohlstand, Stabilität und vor allem Freiheit brachte.« Neben dem lustigen Füll- und Phrasenwort »nachhaltig«, das bei Huth möglicherweise so etwas bedeutet wie »1.000jährig« oder »fast ewig«, fällt auf: 18 Millionen Menschen haben 1990 nicht in der DDR gelebt. Laut Statistik gab es außerhalb ihrer Hauptstadt weniger als 15 Millionen, inzwischen 12,5 Millionen. Einige Demographen sagen für 2030 elf Millionen Bewohner voraus. Eine gigantische Erfolgsgeschichte. »Die« Ostdeutschen sind jedenfalls geographisch oder biologisch weg, überwiegend Männer und ziemlich alt, haben keine Aussicht auf Leitungsämter (im amtierenden Kabinett Sachsen-Anhalts gab es zwei Ostdeutsche: Ministerpräsident Rainer Haseloff und Bildungsminister Marco Tullner) – sie sind eine Fata Morgana.

Wenn daher der »Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer«, der aus Sachsen stammende Marco Wanderwitz (CDU), im FAZ-Podcast über Ostdeutsche erzählt: »Wir haben es mit Menschen zu tun, die teilweise in einer Form diktatursozialisiert sind, dass sie auch nach 30 Jahren nicht in der Demokratie angekommen sind«, dann ist sein »teilweise« der Grundstein des nach ihm zu benennenden -ismus – eine Ethnohalluzination. Ihr Kern ist das einzige, was ein BRD-Gesinnungspolizist beherrschen muss: »rot gleich braun«. Huth hat nie etwas anderes kennengelernt, findet die Gleichung gut und lässt seiner Phantasie über »die« Ostdeutschen freien Lauf: »Die unter Verfassungsschutzbeobachtung stehenden Rechtspopulisten der AfD sind nach Umfragen in Sachsen-Anhalt, wo am Sonntag gewählt wird, aber auch in Thüringen, wo in diesem Jahr vielleicht noch abgestimmt wird, und in Sachsen stärkste Partei.«

Die meisten Umfragen sagen zwar anderes, insbesondere für Thüringen, wo Die Linke weit vor der AfD liegt, aber wenn es um den Osten geht – egal. Außerdem: Wahrscheinlich bilden die Mitglieder der Partei des aus Niedersachsen stammenden Thüringer Regierungschefs Bodo Ramelow, die Huth als die »direkten Nachfolger der Staatsterrorpartei SED« bezeichnet, keinen nachhaltigen Verein, sondern nur teilweise. Darauf deutet auch Huths Feststellung, dass die Ostdeutschen verschiedenartig waren: »ebensowenig eine homogene Gruppe wie ihre Landsleute im Westen«. Was »homogen«, das sonst auf Milchverpackungen steht, in bezug auf Gesellschaften bedeuten soll, bleibt Huths Geheimnis. Einige Zeilen später deutet er immerhin eine etwas unklare Auflösung des Rätsels an: »Eine DDR-Identität war nicht festzustellen, im Gegensatz zu Westdeutschland, wo man sich, geprägt durch angloamerikanische Freiheitskultur, tatsächlich als Teil des Westens begriff.«

Zusammengefasst: In West und Ost ging es zwar nicht homogen zu, aber die im Westen hatten wenigstens Identität. Oder viele. Irgendeine wird jedenfalls täglich durchs Mediendorf gejagt. Aber da stockt dem Mann die Tastatur: Eine Bevölkerung ohne Identität? Das darf selbst in der DDR nicht gewesen sein. Streng nach dem kurzen Lehrgang des Wanderwitzismus zur Zonengeschichte heißt es nun bei Huth: »Die Diktatursozialisation hat nicht nur Leben und Sichtweisen geprägt, sondern ist auch ein wichtiger Teil der eigenen Identität.« Der Ossi ist gerettet. Identitäterä.

»Die« Ostdeutschen sind jedenfalls geographisch oder biologisch weg, überwiegend Männer und ziemlich alt, haben keine Aussicht auf Leitungsämter (im amtierenden Kabinett Sachsen-Anhalts gab es zwei Ostdeutsche: Ministerpräsident Rainer Haseloff und Bildungsminister Marco Tullner) – sie sind eine Fata Morgana.

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart ( 6. Juni 2021 um 12:03 Uhr)
    Lieber Peter Huth, schauen Sie die Welt genauer an, anstatt nur Ihre private Weltanschauung zu verbreiten. Gut, Sie haben sie noch von Kanzler Adenauer gelernt; der behauptete von seiner Westberlinreise, im Nachtzug durch die »asiatische Steppe« gereist zu sein, weil bei ihm schon hinter dem Rhein Sibirien begann. Anzuerkennen ist, dass er mit gutem diplomatischen Gespür einen »westdeutschen« Wohlstaat formte, wo er die Bürger durch den Wohlstand leicht zu einer Einheit bilden konnte. Aber das Deutschland jemals im Westen angekommen sein sollte, oder zu diesem gehörte, ist ein Irrtum. Nicht umsonst waren sowohl die britischen als auch die französischen »Freunden« gegen eine deutsche Wiedervereinigung. Nur Bush Senior – nach dem Motto: das, was meinen Gegner schadet, ist für uns gut – gelang die friedliche Wiedervereinigung. Damit endete aber auch die Bonner Republik, die soziale Marktwirtschaft und der vereinigenden, Zusammenhalt formenden Slogan: Wohlstand für alle! Der Der Umzug der Regierung nach Berlin war nicht nur symbolisch, so entstand eine mitteleuropäische Großmacht. Obwohl die Wiedervereinigung ein politisches Meisterstück war, wurden ihre Kosten auf die Bevölkerung beider Seite – Ost wie West – abgewälzt. Dabei haben natürlich die »Ostdeutschen« den kürzere gezogen, das ist klar. Zwar erhielten sie die gewünschten DM, jedoch der Preis dafür war hoch: Enteignung den Staatsvermögen, Zusammenbruch der Wirtschaft und Perspektivlosigkeit. Dadurch entstand eine Art »Ostalgie«, und auch Pegida und eine starke AfD gehen darauf zurück.
  • Leserbrief von Klaus- Uwe Koid aus Pinnow / Uckermark ( 6. Juni 2021 um 11:59 Uhr)
    Ich bin sozialisierter DDR-Bürger, habe die Hälfte meines Lebens so verbracht. Nach 20 Jahren Leben in Hamburg zog ich in das Land Bandenburg. Dabei stellte und stelle ich deutlich fest, dass ostdeutsche Behörden sowie auch das Rechtswesen sowohl vor dem Wegzug nach Hamburg als auch nach dem Wiederherkommen ziemlich autoritärere Züge zeigen. Herr Wanderwitz, eine ostdeutsche systemkritische Haltung hat wohl hier zuallererst Ursachen. Uwe Koid, Leipzig bis 1999 -> Hamburg bis 2019 -> Pinnow/Uckermark
  • Leserbrief von Jürgen Pressler ( 5. Juni 2021 um 15:34 Uhr)
    Man könnte also sagen, Wanderwitz habe mit seinem Gefasel nichts anderes als ein Bewerbungsselbstgespräch geführt, um als einer aus der austerbenden Masse von überweigend männlichen alten Ossis eine westdeutsche Leitungsposition zu erheischen.

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