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Aus: Ausgabe vom 02.06.2021, Seite 2 / Kapital & Arbeit
Gesundheitsversorgung

»Außer Applaus ist bei uns nichts angekommen«

Pflegekräfte arbeiten unter prekären Bedingungen. Pandemie hat Lage zusätzlich verschärft. Berliner Bündnis macht Druck. Gespräch mit Anja Voigt
Interview: Gitta Düperthal
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Schon vor der Coronapandemie ein schwieriges Arbeitsumfeld: Blick in das Vivantes-Klinikum Berlin-Neukölln (2012)

Unter dem Motto »Ein Kiez für sein Krankenhaus« ruft das Berliner Bündnis »Gesundheit statt Profite« an diesem Mittwoch zu einer Kundgebung vor dem Vivantes-Klinikum Neukölln auf. Worum geht es?

Das Problem ist hinlänglich bekannt: unterbesetzte Stationen, miese Bezahlung. Es gibt zuwenig Personal in den Krankenhäusern, viele Pflegekräfte werden deutlich unter Tarif bezahlt. Das muss sich ändern.

Wie gestalten sich die Arbeitsbedingungen der Kolleginnen und Kollegen, die nicht nach dem Tarifvertrag TVöD bezahlt werden?

Es gibt Kolleginnen im Servicebereich, etwa in der Kantine, die bis zu 800 Euro weniger im Monat erhalten als Tarifangestellte. Sie haben nicht am Wochenende frei wie letztgenannte. Müssen sie sonnabends und sonntags arbeiten, zählen diese wie normale Werktage. Es wird kein Ausgleich dafür bezahlt. Oft arbeiten sie täglich eine Stunde mehr. Das ist ein krasser Unterschied zwischen den Beschäftigten.

Jedes Tochterunternehmen hat seinen eigenen Tarifvertrag. So erhalten etwa einige Kolleginnen und Kollegen, die als Therapeuten in der Reha arbeiten, bis zu 1.000 Euro weniger. Manche von ihnen sind am Monatsende mit nur zwischen 1.300 oder 1.500 Euro netto dabei. Damit muss Schluss sein.

Sie haben Unterschriften für die Petition »Gebraucht, beklatscht, aber bestimmt nicht weiter so« gesammelt – mit welchem Ergebnis?

Das war ein Erfolg. 8.397 Beschäftigte der zwei großen kommunalen Arbeitgeber in Berlin, der Charité, Vivantes sowie deren Tochterunternehmen, haben unterschrieben. Damit haben sich rund 63 Prozent der Belegschaften dafür ausgesprochen, dass alle nach Tarif bezahlt werden. Wir haben die Petition den Geschäftsführungen der Kliniken übergeben und am 12. Mai vor dem Roten Rathaus an die Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci von der SPD. Zu hören waren allerdings nur Ausreden: Das Land Berlin könne es sich wirtschaftlich nicht leisten, all das müsse bundeseinheitlich geregelt werden.

Wie ist die Stimmung unter den Beschäftigten im Vorfeld Ihrer Kundgebung?

Klinikmitarbeiterinnen und -mitarbeiter sind eher schwer zu mobilisieren. Viele meckern berechtigerweise über die Arbeitsbedingungen, sagen aber, wenn es ernst wird: »Wir können doch die Patienten nicht im Stich lassen.« Arbeitgeber machen in der Hinsicht Druck. Aber jetzt in der Pandemie ist die Stimmung so schlecht, dass es sehr kämpferisch zugeht. Länger als ein Jahr haben wir bis an den Rand der Erschöpfung gearbeitet. Viel wurde versprochen; es gab Lob, wie wichtig wir angeblich wären. Außer Applaus ist bei uns nichts angekommen. Das verärgert immer mehr Kolleginnen und Kollegen.

Von welchen Situationen im Arbeitsleben wird Ihnen als Betriebsrätin berichtet?

Letztens hat mir eine Auszubildende von ihrem ersten Arbeitstag in der Praxis erzählt. Zunächst erfuhr sie, dass zwei Kollegen krank seien. Zusammen mit nur einer anderen Pflegekraft sollte sie in der Folge den ganzen Betrieb mit 20 Patienten auf der Station wuppen. Sie war gerade aus der Schule gekommen und hätte erst angelernt werden müssen. Dazu muss man wissen: Etwa ein Drittel der Azubis bricht die Ausbildung ab, weil sie es nicht aushalten, mit so einer schockierenden Realität konfrontiert zu werden.

Die Berliner Krankenhausbewegung fordert zum Handeln auf. Wer steht aus Ihrer Sicht in der Verantwortung?

Natürlich sind die Arbeitgeber verantwortlich. Weil es um viel Geld geht, werden sie aber nicht allein entscheiden können. Die SPD/Grüne/Linke-Landesregierung kann sich bei der Angelegenheit nicht herausreden. Im Koalitionsvertrag ist festgehalten, dass Outsourcen keine Lösung ist, sondern nach Tarifvertrag bezahlt werden muss. Berlin muss hier Vorreiter sein und auch auf den Bund ausstrahlen.

Wie wollen Sie Ihre Ziele durchsetzen?

Wir haben der Berliner Landesregierung ein Ultimatum von 100 Tagen gesetzt, das am 20. August abläuft. Wir sind überzeugt, dass sie kurz vor der Abgeordnetenhauswahl im September einen großen Streik in Berlin vermeiden werden wollen. Zudem steht die Bundestagswahl an. Es ist der richtige Zeitpunkt, um Druck auszuüben: Wann, wenn nicht jetzt!

Anja Voigt ist Intensivpflegekraft und Betriebsrätin im Vivantes-Klinikum Neukölln

Kundgebung: Mi., 15 Uhr, Vivantes-Klinikum Neukölln in Berlin

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  • Leserbrief von Verena Poestgens aus Zürich ( 1. Juni 2021 um 22:13 Uhr)
    Effizienz, Gewinnmaximierung, Leistungskontrolle und Kostenreduktion sind Begriffe, die seit der Einführung der Fallpauschale im Gesundheitswesen wirtschaftlich konsolidiert werden. Der Neoliberalismus ist im Gesundheitswesen fest implementiert und wird oft nicht hinterfragt. Die Vereinten Nationen deklarierten 1999, dass die Sorge- und Reproduktionsarbeit unerlässlich für eine nachhaltige Wirtschaft ist. Trotzdem wird seit Jahrzehnten an der Gesundheitsverorgung gespart. Spitäler werden privatisiert. Zeiteinheiten für Leistungen werden homogenisiert und kategorisiert. Individuelle, personenbezogene Pflege ist nicht rentabel im Neoliberalismus. Fachkompetenz und Empathie sind für den Vertrauensaufbau und die Begleitung während einer Krise wichtig. Dies bedingt jedoch Zeit. Zeit den Menschen in seiner Individualität mit seinen Bedürfnissen kennenzulernen. Eine Pflegefachperson, die fachkompetent, aufmerksam und wohlwollend informiert, hat auf Betroffene oft eine angstreduzierende Wirkung. Eine häufige Empfehlung, die Pflegefachpersonen jedoch bereits früh in der Ausbildung hören, ist, dass sie schnell und effizient sein müssen. Der Personalschlüssel ist oft knapp bemessen, der Workload ist dagegen sehr hoch. Je schneller eine Pflegefachperson pflegt, desto besser … aber für wen? Die Burnout-Rate in der Pflege sowie der Pflegenotstand spiegeln dies wider. Geht es noch um Menschen oder um eine Produktverwaltung? Ist ein Mensch mit einem Auto, das in vielfacher Weise reproduzierbar ist, gleichzusetzen? Die Klimakrise sowie die aktuelle Pandemie zeigen uns doch sehr gut, wie dringend wir alle Fürsorge und Nachhaltigkeit benötigen. Wenn Gesundheit doch das Element ist, dass uns alle verbindet – warum werden die Strukturen nicht »gesünder« gestaltet, unabhängig von Kosteneffizienz und Gewinnmaximierung?

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