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Aus: Ausgabe vom 01.06.2021, Seite 11 / Feuilleton
Wohnen & Bauen

Zwischen all den Zahlen

Raumpolitik: Die Ausstellung »Boden für alle« im Architekturzentrum Wien
Von Michael Wolf
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Ausstellungsansicht »Boden für alle« im Architekturzentrum Wien

Die Pandemie führt auch zu einer anderen Wahrnehmung des Raumes, insofern staatliche Maßnahmen die eigene Mobilität eingrenzen oder sogar auf null stellen. Die häusliche Quarantäne oder die Ausgangssperre werfen die Menschen zurück auf den Platz, den sie sich – gemietet oder gekauft – leisten können. Die räumlichen Ressourcen sind ungleich verteilt, was für sich kein Problem darstellen müsste, jedoch zeigt sich zum Beispiel an den hohen Infektionszahlen in ärmeren Stadtteilen oder am Anstieg häuslicher Gewalttaten, dass der private Raum vieler nicht ausreicht, um die grundlegendsten Bedürfnisse nach Unversehrtheit und einem sicheren Rückzugsort zu garantieren.

Die Coronakrise hat dieses Pro­blem, wie viele andere, nur verschärft und sichtbarer gemacht. Der Umgang mit (Wohn-)Raum ist, lokal wie global, lange schon eines der dringlichsten politischen Probleme und wird durch den Anstieg der Weltbevölkerung bei zugleich schwindenden Ressourcen noch an Wichtigkeit hinzugewinnen. Das Architekturzentrum Wien nimmt sich des Themas nun an, und zwar auf grundsätzliche Weise: »Boden für alle« heißt die Ausstellung, die seit Anfang Mai, nach Wiedereröffnung der Museen, nun wieder zugänglich ist.

Der Titel möchte auf eine Utopie hinaus, eine Abkehr von bestehenden Raumpolitiken. »Wir alle wünschen uns gutes Essen, schöne Dörfer, naturbelassene Umwelt, eine florierende Wirtschaft und belebte Städte. Wir wollen günstig und großzügig wohnen, mobil und unabhängig sein. Die meisten dieser Begehrlichkeiten sind nachvollziehbar, und doch bergen diese Wünsche ungeheure Interessenskonflikte«, so die Kuratorinnen Karoline Mayer und Katharina Ritter im Begleitheft. Zu Beginn rekapituliert die Schau die Problemlage. Pro Minute werden in Österreich 38 Qua­dratmeter Boden versiegelt und knapp zehn Quadratmeter Straße gebaut, 30 Quadratmeter Ackerfläche gehen derweil verloren. Der Wert von gewidmetem, aber nicht bebautem Bauland steigt kontinuierlich, was den Boden für Spekulanten attraktiv macht. Sie können abwarten, während die Brache an Wert gewinnt, ohne in der sozialen oder wirtschaftlichen Realität einen solchen abzuwerfen.

Wird tatsächlich gebaut, so erschwert das die spätere Nutzung des Bodens für andere Zwecke erheblich. Ein Stück Land zur Bebauung freizugeben, einen Boden zu versiegeln und schließlich wirklich zu bauen, sind Wetten auf eine Zukunft, in der all diese Maßnahmen ökonomischen oder sozialen Wert erbringen sollen. Mit einer professionellen Raumplanung, die zur Abwägung der Chancen und Risiken für die Allgemeinheit vonnöten wäre, sind insbesondere viele Kommunen aber überfordert.

Die Ausstellung kratzt an manchem neoliberalen Dogma. So verweist eine Grafik auf die Entwicklung des englischen Wohnungsmarkts seit Margaret Thatcher. Sie hatte in ihrer Regierungszeit den sozialen Wohnungsbau abgewickelt. Das Ergebnis: Die Preise stiegen und stiegen, mehr gebaut wurde aber nicht. Die Ausstellung widerspricht nicht nur hier der These, der Markt werde es schon regeln, und weist immer wieder auf die Notwendigkeit kluger Regulierung hin.

Diese ist allerdings oft durch die bestehende Gesetzeslage erschwert. Während das deutsche Grundgesetz feststellt, dass »Eigentum verpflichtet«, ist der Besitz und Grundbesitz in Österreich sehr viel stärker vorm Zugriff der Allgemeinheit geschützt. Daraus erwächst den Mietern in Deutschland allerdings nicht zwangsläufig ein Vorteil, wie das Beispiel München zeigt. Zwar müssen dort Begünstigte von Widmungsgewinnen Infrastrukturmaßnahmen und den sozialen Wohnungsbau mit­finanzieren, allerdings hat dieses Instrument nicht dazu geführt, dass die Mieten erschwinglich bleiben. Der Grund könnte darin liegen, dass eine Wohnung in München rasch wieder zu frei bestimmbaren Preisen angeboten werden darf. Es gibt also zu wenig Wohnraum auf regulierten Märkten, um die Preise auf dem freien Markt drücken zu können.

Ein wenig ächzt die Ausstellung unter ihrer eigenen Kundigkeit. Zwischen all den Zahlen, Diagrammen und Texten bietet der Vorarlberger Bodenkundler Walter Fitz eine willkommene Abwechslung. Er hat Querschnitte verschiedener Bodentypen gestaltet: vom gefährdeten über den landwirtschaftlich genutzten und waldigen bis hin zum versiegelten Boden. Die Bodenstreifen rühren auch an ein ästhetisches Empfinden der Ausstellungsbesucher, je tiefer die menschlichen Eingriffe, um so kaputter und hässlicher wirken die Schichten. Die soziale Frage, das wird hier deutlich, ist auch eine ökologische und umgekehrt. Der Umgang mit der Erde unter unseren Füßen berührt die Zukunft des ganzen Planeten.

»Boden für alle« – Architekturzentrum Wien, Museumsplatz 1, 1070 Wien, bis 19.7.2021

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