3 Monate junge Welt für 62 €
Gegründet 1947 Sa. / So., 31. Juli / 1. August 2021, Nr. 175
Die junge Welt wird von 2567 GenossInnen herausgegeben
3 Monate junge Welt für 62 € 3 Monate junge Welt für 62 €
3 Monate junge Welt für 62 €
Aus: Ausgabe vom 31.05.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Digitale Wirtschaftsplattformen

Amazon: »Antworten später schriftlich«

Unternehmen boykottiert arbeitsrechtliche Anhörung des EU-Parlaments
Von Carmela Negrete
ß08.JPG
Haben es nicht nötig, in parlamentarischen Ausschüssen vorzusprechen: Vertreter des Konzerns Amazon

Die totale Kontrolle der Beschäftigten mittels digitaler Programme wird Amazon seit langem vorgeworfen. Am Donnerstag beschäftigte sich nun der Ausschuss für Beschäftigung und Soziales des Parlaments der Europäischen Union mit den Unternehmenspraktiken des US-Konzerns in Europa. Orhan Akman, Bundesfachgruppenleiter für den Einzel- und Versandhandel der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, sprach für die Bundesrepublik, und für Spanien sprach Carmen Collado Rosique, Leiterin des nationalen Büros gegen Betrug, das Kontrollen an den Arbeitsplätzen durchführt.

Verdi wirft dem Konzern vor, »mittels künstlicher Intelligenz und digitaler Prozesse die Beschäftigten rund um die Uhr zu scannen«, wie aus einer Mitteilung der Gewerkschaft aus Anlass der Anhörung hervorging. Akman nannte die Betriebspolitik »eine aggressive Strategie innerbetrieblicher Kontrolle, die immer wieder auch Profiling und Datenschutzverstöße beinhaltet«. Angestellte würden bereits bei minimalen Pausen angesprochen, wenn die Software von einer Person annehme, sie sei inaktiv. Der Einsatz von Kameras, Mikrofonen und Scannern übe einen »enormen psychischen Druck« auf die Beschäftigten aus, der die Arbeiter in manchen Fällen sogar krankmache.

Amazon, dessen Umsatz zuletzt rund 386 Milliarden betrug – bei einem Nettogewinn von mehr als 21 Milliarden Euro –, schlug die Einladung der EU-Parlamentarier aus, die eigene Sicht der Vorwürfe im Ausschuss zu erläutern. Amazon-Chef Jeff Bezos lehnt ähnliche Einladungen von seiten des US-Kongresses regelmäßig ab. Man werde lediglich später schriftlich auf konkrete Fragen antworten. Die Abwesenheit löste bei den Mandatsträgern Empörung aus. »Eine absolute Respektlosigkeit«, nannte es die linke Abgeordnete Leila Chaibi von der Partei »La France Insoumise«.

Auch die Konservativen waren empört, wie der Sprecher der christdemokratischen EVP-Fraktion Dennis Radtke wissen ließ: »Dass Herr Bezos unsere Einladung ignoriert und nicht einmal einen Vertreter entsendet, ist ein Akt unfassbarer Arroganz und eine Missachtung von demokratischen Institutionen«. Radtke warf die Frage auf: »Wie soll ich einem mittelständischen Unternehmer mit 20 bis 100 Mitarbeitern erklären, er solle doch bitte einen Tarifvertrag abschließen«, wenn ein internationaler Multimilliarden-US-Dollar-Konzern wie Amazon nicht bereit sei, sich mit der zuständigen Gewerkschaft an einen Tisch zu setzen, um einen entsprechenden Tarifvertrag zu verhandeln. Er könne deshalb nur »den Kopf schütteln«.

Denn darum ging es auch in der Anhörung: Die EU möchte prüfen, ob Berichte darüber wahr sind, dass Amazon seine Angestellten nicht nur überwacht, sondern auch ihre Organisation torpediert. Am Abend erklärte der Konzern dann per Mitteilung, dass er das Recht der Beschäftigten respektiere, »einer Gewerkschaft oder einer anderen rechtmäßigen Organisation ihrer Wahl beizutreten«.

Ferner widmete sich die Anhörung der Frage, inwieweit Scheinselbständigkeit in der Firma verbreitet sei und ob Art und Weise des Umgangs von Firmen mit ihren Beschäftigten auf neuen digitalen »Wirtschaftsplattformen« in der EU überhaupt legal seien.

Das Arbeitssystem der digitalen Plattformen, über die Beschäftigte mit dem Unternehmen vernetzt sind, »ist eine Art von moderner Sklaverei«, erklärte dazu die konservative Abgeordnete Elzbieta Rafalska. Auch die spanische Leiterin des Büros gegen Betrug stellte fest, dass Arbeitsbeziehungen, wie man sie bisher kannte, mit festgelegten Arbeitszeiten, Tarifverträgen und anderen Arbeitsrechten auf vielen dieser Plattformen »immer wieder untergraben werden«. Deshalb habe Spanien als erstes Land in Europa ein Gesetz auf den Weg gebracht, wodurch Lohnabhängige jederzeit wissen dürften, welche künstliche Intelligenz genutzt wird. Dadurch solle nachvollzogen werden können, ob sie auf betrügerische Art angewendet wird.

Marx für alle!

Die junge Welt gibt's jetzt im Aktionsabo! Für 62 € erhältst du 3 Monate lang die gedruckte Ausgabe der jW, danach endet das Abo automatisch.

Jetzt selber abonnieren, verschenken oder schenken lassen!

Zur neuen Leserbrieffunktion auf jungewelt.de

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Michael M. aus Berlin (31. Mai 2021 um 16:07 Uhr)
    Gewiß war Herr Bezos verhindert, weil er in wichtigen Verhandlungen steckt. Amazon möchte die hier reklamierten Maßnahmen nämlich in Zukunft als Dienstleistung beim westdeutschen Staat buchen.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Unauffälliges Schildchen: Der Onlineriese unterhält Firmensitze ...
    14.05.2021

    Spezialist für Schlupflöcher

    Gerichtsurteil: Amazon muss keine Abgaben an Luxemburg nachzahlen. EU-Parlament lädt Firmengründer zu Anhörung vor
  • Präsenz in der Ladengalerie. jW-Chefredakteur Stefan Huth im Ges...
    11.01.2021

    »Amazon sollte zerschlagen werden«

    Der Onlineriese als Krisengewinnler. Moderne Ausbeutung und gewerkschaftliche Kämpfe. Auszüge aus der Podiumsdiskussion auf der XXVI. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz
  • Protestdemonstration gegen Sozialabbau am Donnerstag in Barcelon...
    25.07.2012

    Brechstange Fiskalpakt

    Hilfsinstrumente in Euro-Krise sollen »Staatsfinanzen sanieren«. Tatsächlich schaffen sie Platz für Abbau von Beschäftigtenrechten

Regio:

Mehr aus: Kapital & Arbeit

Marx für alle! 3 Monate Tageszeitung junge Welt lesen für 62 €. Jetzt bestellen!