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Aus: Ausgabe vom 28.05.2021, Seite 15 / Feminismus
Sexualisierte Gewalt

Patriarchat führt Krieg

Kolumbiens Umgang mit der Protestbewegung: Sexualisierte Gewalt als Mittel der Aufstandsbekämpfung
Von Julieta Daza, Caracas
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Protest von Frauen gegen von Polizisten ausgeübte sexualisierte Gewalt in der Hauptstadt Bogotá am 15. Mai 2021

Die Ausübung von sexualisierter Gewalt dient auf besonders brutale und erniedrigende Weise der Demonstration von Macht gegenüber Frauen und anderen, nicht männlichen Geschlechtsidentitäten. So auch in Kolumbien, wo seit mittlerweile mehr als einem Monat täglich landesweit Tausende Menschen gegen die rechte Regierung von Präsident Iván Duque auf die Straße gehen. Dabei sehen sie sich einem Staatsapparat ausgesetzt, dem alle Mittel recht zu sein scheinen, um die Protestbewegung zu zerschlagen.

Von der Gewalt gegen Protestierende zeugen, trotz Diskrepanzen, sowohl die Statistiken der nationalen Ombudsstelle als auch die verschiedener Nichtregierungsorganisationen. Ein Bericht der Menschenrechtsorganisationen Temblores und Indepaz vom Mittwoch geht von insgesamt 61 im Rahmen der Proteste Getöteten seit dem 28. April aus, bei 43 davon wird besagter Zusammenhang als erwiesen angesehen. Die staatlichen Stellen sehen hingegen »nur« bei der Hälfte der laut eigener Zählung 43 Getöteten eine Verbindung zu den Protestaktionen.

Neben einer Vielzahl weiterer von Polizeikräften oder Soldaten verübten Gewaltverbrechen sind besonders die zahlreichen Fälle sexualisierter Gewalt gegen Protestierende besorgniserregend. Der Bericht von Temblores und Indepaz geht von mindestens 22 solcher Fälle aus. Hinzu kommen fünf Fälle von geschlechtsbezogener Gewalt. Die nationale Ombudsstelle zählte bis Dienstag 106 diesbezügliche Anzeigen.

Während die Täter in Uniform in den meisten Fällen ungeschoren davonkommen, wurden im Fall Alison Meléndez zumindest Ermittlungen gegen vier Einsatzkräfte aufgenommen. Sie sollen die 17jährige am 12. Mai in der südkolumbianischen Stadt Popayán missbraucht und vergewaltigt haben. An dem Tag war Meléndez von Beamten der für ihre Brutalität bekannten Aufstandsbekämpfungseinheit Esmad entführt worden, als sie mit ihrem Handy Polizeiübergriffe auf Demonstranten filmte. Wie sie nach ihrer Entlassung gegenüber Familienangehörigen angab, war sie in Polizeigewahrsam sexuell missbraucht und vergewaltigt worden, wovon auch zahlreiche Verletzungen zeugten. Am Tag darauf nahm sie sich das Leben, was zu einer Vielzahl an Protestaktionen von wütenden Frauen in ganz Kolumbien führte.

Geschlechtsbezogene und sexualisierte Gewalt durch Einsatzkräfte und mit diesen in enger Verbindung stehende rechte Paramilitärs hat in Kolumbien eine lange Tradition. Das liegt nicht zuletzt am bewaffneten Konflikt, der seit mehr als 70 Jahren anhält. Frauen und Kinder, die auch zu den am stärksten von Vertreibungen Betroffenen gehören, stellen den überproportional großen Anteil der Opfer von Gewalt. Laut der Umfrage »Sexualisierte Gewalt gegen Frauen im Kontext des bewaffneten Konflikts in Kolumbien 2001–2009« wurden allein in diesen neun Jahren 489.687 Frauen Opfer von Vergewaltigung, Zwangsprostitution, Zwangsschwangerschaft, Zwangsabtreibung, Zwangssterilisation, sexueller Belästigung, Zwangsdiensten im Haushalt sowie der Regulierung ihres sozialen Lebens. Dabei waren die Täter zu einem großen Teil staatliche Akteure oder Angehörige paramilitärischer Banden. Doch auch in Kolumbien stationierte US-Militärs waren in der Vergangenheit in Fälle sexualisierter Gewalt gegen Zivilistinnen involviert, wie unter anderem die Kommission zur Aufarbeitung der Geschichte des bewaffneten Konflikts herausarbeiten konnte. Die Täter wurden indes nie zur Verantwortung gezogen.

Doch auch heute, mehr als vier Jahre nach dem 2016 zwischen der damaligen Regierung und der linken Guerillaorganisation FARC-EP geschlossenen Friedensabkommen, gehört sexualisierte Gewalt zum staatlichen Kriegsrepertoire, sowohl gegen Aufständische als auch gegen Zivilistinnen. Dabei handelt es sich nicht um Einzelfälle: Der staatliche Umgang mit den momentanen Protesten und insbesondere der Versuch, Frauen in ihre Schranken zu verweisen, sind Strategie des kolumbianischen Staates. Die patriarchale Ideologie der Streitkräfte tut ein übriges.

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