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Aus: Ausgabe vom 28.05.2021, Seite 8 / Ansichten

EU-Größenwahn

Einflussnahme in Asien
Von Jörg Kronauer
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Stillgestanden! Wehrministerin Annegret Kramp-Karrenbauer und ihr südkoreanischer Amtskollege Suh Wook

So weit wie Annegret Kramp-Karrenbauer hat sich noch keine bundesdeutsche Wehrministerin in Richtung Pazifik vorgewagt. Noch im üblichen Rahmen bewegte sich ihr Besuch in Südkorea, wo sie am Mittwoch mit ihrem südkoreanischen Amtskollegen Suh Wook zusammentraf; nach Seoul hatte es bereits vor rund 14 Jahren ihren Amtsvorgänger Franz Josef Jung getrieben. Schon damals ging es – wie heute – auch um Rüstungskooperation. Südkorea ist ein wichtiger Kunde deutscher Waffenschmieden. Erheblich stärker als noch bei Jungs Besuch ging es jedoch um das militärische Vordringen Deutschlands und weiterer europäischer Staaten in Richtung Pazifik. Man blicke »gemeinsam auf Herausforderungen im gesamten indopazifischen Raum«, teilte die Ministerin bei ihrem Treffen mit Suh mit – und machte sich am Donnerstag auf die Pazifikinsel Guam auf. Ihr Ziel: die Andersen Air Force Base, einer der bedeutendsten US-Militärstützpunkte in der Asien-Pazifik-Region.

Kramp-Karrenbauers Trip nach Guam bestätigt es: Deutschland und die anderen Mächte Europas machen ernst mit ihrem Versuch, sich im Machtkampf des absteigenden Westens gegen China in Asien und der Pazifikregion festzusetzen. Französische Kriegsschiffe hielten vor kurzem ein gemeinsames Manöver mit allen vier sogenannten Quadstaaten im Golf von Bengalen ab. Der neue britische Flugzeugträger HMS »Queen Elizabeth« ist soeben mit begleitenden weiteren Kriegsschiffen in Richtung Pazifik aufgebrochen. Berlin kündigt die Entsendung der Fregatte »Bayern« an, die im August auf Asienfahrt gehen soll; der Vorbereitung diente die Reise der Verteidigungsministerin. Die EU wiederum ist bemüht, das militärische Vordringen auch politisch zu begleiten – ihr Außenbeauftragter Josep Borrell plant seine erste große Asienreise. Ursprüngliches Ziel: der »Shangri-La Dialogue« Anfang Juni in Singapur, eine Art »Münchner Sicherheitskonferenz« für Asien. Von dort wollte Borrell nach Indonesien und auf die Philippinen weiterfliegen. Der »Shangri-La Dialogue« musste jetzt allerdings pandemiebedingt abgesagt werden, genauso wie der Besuch auf den Philippinen.

Bei allem Marschgetrommel: Während die Besatzung der Fregatte »Bayern« sich auf das Ablegen vorbereitet, kehren nach und nach die letzten deutschen Soldaten aus Afghanistan heim. Den Krieg dort haben sie verloren. Gleichzeitig verschlechtert sich die desolate Lage in Mali mehr und mehr, auch dort zeichnet sich eine Niederlage der Mächte Europas ab. In Zentralasien und in Afrika gescheitert, orientiert die Bundeswehr nun auf den noch viel ferneren Pazifik: An Größenwahn hat es in der deutschen Geschichte noch nie gemangelt. Die Kriege in Afghanistan und in Mali – sie waren, sie sind so mörderisch wie sinnlos. Ihre Folgen aber waren im wohlhabenden Europa selbst kaum zu spüren. Bei einem etwaigen Waffengang gegen China sähe eine Niederlage anders aus.

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (27. Mai 2021 um 22:47 Uhr)
    Als die ehemalige europäische Expansion, woher unser heutiger Wohlstand stammt, wurde die allmähliche politische Ausweitung der Herrschaft europäischer Staaten auf weite Teile Afrikas, Amerikas, Asiens, Australiens und Ozeaniens in der frühen Neuzeit bezeichnet. Das Zeitalter der europäischen Expansion begann im 15. Jahrhundert mit den Entdeckungsfahrten der Portugiesen nach Afrika und der Spanier nach Amerika. Höhepunkt und Ende fand es mit dem Kolonialismus und Imperialismus der europäischen Mächte im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts erfolgte ein Ablösungsprozess der Kolonien von ihren Kolonialmächten, welcher in die »Dekolonisation« mündete mit gesellschaftlichen und kulturellen Dimensionen innerhalb der kolonisierten Völker und Staaten sowie globalen Veränderungen auf der Ebene von Weltwirtschaft und Weltpolitik. Damit ist der europäische Expansionsdrang nicht nur vorbei, sondern seitdem müsste jedem klar sein, dass sich die Europäer tatsächlich in der Sackgasse befinden, wie auch geographisch ohne bedeutende Energiequellen und Bodenschätze. Angesichts unserer ständig absteigenden Wirtschaftskraft in der Welt sollten wir Europäer gar nicht mit dem Militärischen etwas zu erreichen versuchen und auf keinen Fall im Pazifik. Wenn man aus der Geschichte nichts lernt, ist man selber schuld!
  • Leserbrief von Richard (27. Mai 2021 um 21:32 Uhr)
    Die Waffe ist ihr liebstes Spielzeug. Soviel zur angeblichen moralischen Überlegenheit des Westens ... Unter zivilisiertem Umgang verstehe ich etwas gänzlich anderes.

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