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Aus: Ausgabe vom 26.05.2021, Seite 4 / Inland
Wahl der AfD-Spitzenkandidaten

Totes Rennen

Alice Weidel und Tino Chrupalla setzen sich als Spitzenkandidaten der AfD zur Bundestagswahl durch. Parteiinterner Streit damit nicht befriedet
Von Gerd Wiegel
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Sollen die eigenen Anhänger begeistern: Alice Weidel und Tino Chrupalla während einer Sitzung im Bundestag (16.4.2021)

Mit einem deutlichen Votum von 71 zu 27 Prozent haben sich Alice Weidel und Tino Chrupalla als Spitzenkandidaten der AfD für die Bundestagswahl gegen das Duo Joana Cotar und Joachim Wundrak durchgesetzt. Mit diesem klaren Votum für die Favoriten bleiben der Partei eine weitere Personaldebatte und weiterer Flügelstreit vorerst erspart. Parteikochef und Fraktionskovorsitzende im Bundestag gegen eine Fachpolitikerin aus der zweiten Reihe und einen fast unbekannten Landespolitiker: Formal schien das Rennen entschieden, bevor es begonnen hatte. Brisanz kam allein dadurch auf, dass bei der AfD gegenwärtig alle Entscheidungen entlang der parteiinternen Kampflinie zwischen dem wirtschaftsliberalen Lager um den Parteikovorsitzenden Jörg Meuthen und dem der völkischen Rechten um den Thüringer Landeschef Björn Höcke verlaufen. Insofern ist das Ergebnis eine weitere Niederlage für Meuthen, der schon beim Dresdner Programmparteitag im April von der Parteirechten abgestraft wurde.

Mit einer Beteiligung von 48 Prozent liegt die AfD im Mittel der für solche Parteiwahlen üblichen Mobilisierung. Umgekehrt zeigt sie, dass sie entgegen ihrer Selbsteinschätzung eine formal stinknormale Partei ist, bei der sich weniger als die Hälfte der Mitglieder für die Auswahl ihres Spitzenpersonals zur Bundestagswahl interessiert. Das dürfte eine Ursache auch im schwachen Angebot haben, das der Basis präsentiert wurde.

Weidel und Chrupalla sind den einfachen Parteimitgliedern bekannt, wenngleich beide wenig Begeisterung auszulösen vermögen. Von Cotar/Wundrak lässt sich beides nicht sagen. Die Netzpolitikerin der Bundestagsfraktion dürfte über ihren hessischen Landesverband hinaus allenfalls Fachleuten bekannt sein. Joachim Wundrak ist erst seit 2017 Parteimitglied, blieb bei seiner Kandidatur zum Oberbürgermeister in Hannover unter fünf Prozent und wurde bei der bis heute rechtlich umstrittenen Kandidatenaufstellung in Niedersachsen zur Bundestagswahl auf Platz eins gewählt. Wundrak setzt als Generalleutnant a. D. die Reihe relativ hochrangiger Bundeswehr-Soldaten in der AfD fort. Auch wenn er sich verbal von der systemoppositionellen extremen Rechten in der Partei abgrenzt, ist er genau in der Phase der weiteren Rechtsverschiebung der AfD in die Partei eingetreten.

Insgesamt zeigt das Ergebnis die prekäre personelle Lage der Gesamtpartei, aber mehr noch die des Meuthen-Lagers. Dieses hat außer Meuthen keine bundesweit bekannten und anerkannten Repräsentanten, die in der Lage wären, sich parteiintern durchzusetzen. Vergegenwärtigt man sich die letzten beiden Parteitage und auch die Auseinandersetzungen in der Causa Andreas Kalbitz, dem früheren Brandenburger AfD-Chef, dann spiegelt das Ergebnis von 71 zu 27 nicht das Kräfteverhältnis zwischen völkischer Rechten und Nationalkonservativen, das sehr viel enger sein dürfte. Es zeigt aber, dass letztere nur bei Mobilisierung aller Kräfte der extremen Rechten Paroli bieten können. Mit einem schwachen personellen Angebot lässt sich diese Mobilisierung nicht erreichen, zumal auch viele »gemäßigte« AfD-Mitglieder zuerst an die Wahlchancen mit diesem oder jenem Duo denken werden. Hier liegen die Vorteile klar bei Weidel und Chrupalla.

Für den Wahlkampf ist damit klar, dass die AfD weiterhin auf Provokation, Verschwörungsmythen und völkische Hetze setzen wird und gleichzeitig relativ seriöse Personen in die erste Reihe stellt. Weder Weidel noch Chrupalla sind als besondere Lautsprecher der extremen Rechten in der Partei aufgefallen, wenngleich beide vom Wohlwollen dieses Teils der AfD abhängen. Das bedeutet weitgehende Beinfreiheit für die völkischen Ideologen in den von der extremen Rechten dominierten Landesverbänden. Vom Duo Weidel/Chrupalla sind keine Distanzierungen oder gar Ordnungsrufe gegen die Rechten um Höcke, Hans-Thomas Tillschneider oder Jörg Urban zu erwarten. Ganz im Gegenteil könnten sie darauf setzen, dass Rassismus und Verschwörungsmythen zur Bindung des extrem rechten Publikums von dort kommen, während man selbst sich der Sorgen der einfachen Leute annimmt – wie Chrupalla – und die Stimme der wirtschaftlichen Vernunft ist – wie Weidel –, um auch dem bürgerlichen Teil etwas zu bieten.

Die aktuellen Umfragen legen ein Ergebnis der AfD im Bereich der letzten Bundestagswahl nahe (12,6 Prozent). Errungen durch das Duo Weidel/Chrupalla, wird es die völkische Rechte als Erfolg deuten und zum Auftakt des Sturzes von Meuthen am Jahresende nutzen. Nach Stand der Dinge muss das Meuthen-Lager auf eine krachende Niederlage im September hoffen.

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