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Aus: Ausgabe vom 26.05.2021, Seite 10 / Feuilleton
Kunst

Metallene Zeugen

Erinnerung an Zwangsarbeiter: Sonya Schönbergers Installation »Nägel« in Berlin-Tempelhof
Von Matthias Reichelt
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Begehbare Geschichte: Installation »Nägel«

Ein betonierter Raum mit eingelegtem roten Boden, auf dem 13.000 rostige Nägel ausgebreitet sind. Zwei verspiegelte, hochformatige Quader vermitteln weitere Perspektiven, reflektieren Körperpartien der Besucher. »Nägel« lautet der Titel dieser Installation von Sonya Schönberger. Sie befindet sich an einem historisch brisanten Ort, im äußersten Nordwesten von Tempelhof.

12.650 Tonnen Beton eines sich 14 Meter in die Höhe und 18 Meter in die Tiefe erstreckenden massiven Rundbaus mit einem Durchmesser von 21 Metern, der eine Grundfläche von immerhin 100 Quadratmetern belastet. Das sind die physikalischen Fakten des Schwerbelastungskörpers, den die Nazis von 1941 bis 1942 für den von Albert Speer geplanten megalomanen Umbau Berlins zu Germania an der Dudenstraße errichten ließen. Mit ihm sollte getestet werden, ob der märkische Sandboden riesige Bauten wie die ca. 300 Meter hohe, 180.000 Menschen fassende Versammlungshalle tragen würde. Die Entwurfsskizze dafür stammte von Hitler selbst. Dem zentralistischen Stadtplan gemäß hätten breite Schneisen geschlagen und das Straßenniveau so weit angehoben werden sollen, dass der Belastungskörper nicht mehr sichtbar gewesen wäre. Allerdings sank er innerhalb von nur zwei Jahren um knapp 20 Zentimeter, außerdem neigte er sich auch ein wenig. Der Sieg der Roten Armee und der Alliierten über den deutschen Faschismus konnte die größenwahnsinnigen Pläne verhindern.

Wie man weiß, klebt noch heute nicht allein das Blut der ermordeten Juden überall in den Gassen Deutschlands, wie Christian Kracht treffend in seinem neuen Roman »Eurotrash« schreibt, sondern auch das von Millionen Zwangsarbeitern. In zahlreichen Lagern waren sie zusammengepfercht, viele mussten sich zu Tode schuften.

Der Schwerbelastungskörper hingegen überlebte das Kriegsende unbeschadet. Aufgrund seiner Nähe zu Wohnhäusern konnte er in der Nachkriegszeit nicht gesprengt werden. 1995 wurde er unter Denkmalschutz gestellt, er dient seither als »Zeugnis der nationalsozialistischen Stadtplanung«. Verwaltet von den Museen Tempelhof-Schöneberg, wird das Gebäude immer wieder geöffnet für künstlerische Arbeiten, die den Betonklotz passend kontextualisieren.

Sonya Schönberger etwa nutzt jene Nägel, die Reinhard Bernbeck und Susan Pollock bei ihrer archäologischen Suche (2012–2014) nach den Baracken für Zwangsarbeiter auf dem Tempelhofer Feld fanden. Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus Polen, der Sowjetunion und Frankreich waren dort untergebracht, sie schufteten für die Rüstungsproduktion der Deutschen Lufthansa und von Weser Flugzeugbau in den Hangars. 2.000 Menschen sollen es allein 1944 gewesen sein. Bei der Errichtung des Schwerbelastungskörpers wiederum waren auch französische Kriegsgefangene im Einsatz.

Schönberger nutzt für ihre Installation den Raum im Belastungskörper, man kann, man soll dort auch über die Nägel laufen. Sakralisiert wird nichts. Es sind rostige Zeugnisse, begehbare Geschichte im Wortsinn. 1.000 Nägel wurden archiviert, mit den anderen kann Schönberger auch weiterhin arbeiten.

Immer wieder fragt die 1975 geborene Künstlerin in ihren Arbeiten nach der Vermittelbarkeit von Geschichte, ohne freilich eine eindeutige Antwort zu liefern. Es ist klar, dass Geschichte nicht allein anhand von Objekten verstanden werden kann. Ein entsprechend aufbereiteter Kontext gehört unbedingt dazu. Schönberger arbeitet deshalb mit Texten und erklärenden Videos. Das Fragmentarische von Objekten der Geschichte für die Gegenwart zu einem Narrativ über historische ­Vorkommnisse aufzubereiten, zu erweitern, darum geht es auch hier.

»Geschichten sind an ihre Erzähler gebunden; Erinnerungen an diejenigen, die sich ihrer annehmen. Immer tritt jemand oder etwas anderes an eine Leerstelle und füllt sie. Oftmals nicht in ihrer Gänze, sondern nur schemenhaft und anders.« Diese Sätze des Autors Manuel Wischnewski beziehen sich zwar auf eine ältere Arbeit Schönbergers, gleichwohl sind sie charakteristisch für ihren behutsam forschenden Blick, bei dem es um nicht erzählte Geschichten geht, um Schicksale von Menschen, die diese Menschen selbst nicht mehr erzählen können.

»Nägel« – Eine Installation von Sonya Schönberger; Tempelhofer Feld, General-Pape-Straße 100, Tor 1, 12101 Berlin, bis 31.10.2021

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