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Aus: Ausgabe vom 26.05.2021, Seite 12 / Thema
Forschender Kolonialismus

Decolonize Amalie Dietrich

Zum 200. Geburtstag der wandernden Natursammlerin und Schänderin indigener Gräber
Von Stefanie Affeldt und Wulf D. Hund
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Eine mörderische Grenzregion: Massaker im australischen Queensland, 1885 (Abbildung 1)

Amalie Dietrich kam am 26. Mai 1821 im sächsischen Siebenlehn zur Welt. Durch ihre kräuterkundige Mutter lernte sie von klein auf die einheimische Flora kennen. Nach der Heirat mit einem Apotheker wurde sie dessen Gehilfin beim Sammeln von Pflanzen. Die Geburt ihrer Tochter hielt sie nicht von langen Exkursionen ab, die sie (zu Fuß) durch weite Teil Deutschlands und bis nach Österreich führten.

Nach der Zerrüttung ihrer Beziehung machte sich Dietrich selbständig. Jetzt sammelte sie nicht nur Pflanzen, sondern bestimmte und verkaufte sie auch. Das verschaffte ihr einen Ruf als kundige Botanikerin und baute Verbindungen zu privaten und wissenschaftlichen Interessenten auf. Einer ihrer Kunden vermittelte ihr den Kontakt zum hamburgischen Kaufmann und Reeder Johan Cesar Godeffroy.

Der betrieb zu dieser Zeit eine florierende Firma, die in Schiffsbau wie Handelsschiffahrt, Eisenverhüttung und Kohlebergbau, Verarbeitung von Edelmetallen und Kupfer, Raffinierung kubanischen Zuckers und Kopra aus der Südsee investierte. Seine Schiffe beförderten auch Auswanderer: nach Chile, Kalifornien – und Aus­tralien.

Als Beifang seiner kolonialen Geschäfte sammelte Godeffroy Exotika. Ganz ehrbarer Kaufmann, rechnete er dabei mit Gewinn, gründete ein Museum und stellte Forschungsreisende an. Zu ihnen gehörte auch Amalie Dietrich, die sich in Godeffroys Auftrag 1863 nach Australien einschiffte. Dort blieb sie bis 1872 im gerade erst zur Kolonie erklärten Queensland. In dieser Zeit sammelte sie rund 20.000 verschiedene Pflanzen, mehr als 100 Spinnenarten und 800 Insekten, fast 300 Vögel und über 100 Reptilien.

Sie schickte aber auch ethnologische Objekte und menschliche Überreste nach Hamburg. Die große Zahl der Flora und Fauna entnommenen Exemplare stützt bis heute ihren Ruf als Sammlerin. Bei den von ihr geschändeten und entwendeten Gebeinen war das von Anfang an anders. Sie galten zwar als wichtige Grundlagen anthropologischer Forschung. Aber ihre Beschaffung war auch schon zu Zeiten des Kaiserreichs anrüchig, weil sie nicht ohne Verletzung moralischer Regeln erfolgen konnte.

Außerdem soll Amalie Dietrich durch Anstiftung zum Mord versucht haben, in den Besitz von Leichen indigener Australier zu kommen. Diese Unterstellung wurde in den letzten Jahrzehnten verstärkt verbreitet. Die Diskussion ihrer Biographie verläuft deswegen zwiespältig. Einerseits werden ihre Verdienste als Pflanzensammlerin betont, andererseits wird ihr Tun als Grabräuberin skandalisiert. Tatsächlich aber bewegte sich beides im Schwerefeld des Kolonialismus.

Wissen und Profit

Ein Zeitgenosse von Amalie Dietrich hat irgendwo geschrieben: »Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, (…) sondern unter (…) gegebenen und überlieferten Umständen.« Das muss für Dietrichs Biographie modifiziert werden. Sie beeinflusste die Umstände, die ihr Tun später so berühmt wie berüchtigt machen würden, selbst und aus freien Stücken. Gegenüber Godeffroy war sie hartnäckig, bis dieser sie schließlich nach Australien schickte. Damit trat sie in die Dienste eines kolonial orientierten Kaufmanns. Ihr selbstgenügsames Leben als passionierte Pflanzensammlerin wurde den Gesetzen kolonialer Inbesitznahme unterworfen.

Kolonialer Botanik ging es um Wissen und Profit. Das demonstrierte schon der Begründer der modernen wissenschaftlichen Nomenklatur, der schwedische Naturforscher Carl von Linné (1707–1778). Beim Ordnen von Pflanzen und Tieren sann er auch auf deren Verwertung. Dazu sandte er ein Heer von Schülern in alle Welt. Einer davon war Daniel Solander, der als Botaniker zusammen mit Joseph Banks an der ersten Reise James Cooks in die Südsee teilnahm.

An der Ostküste Australiens liefen sie in einen großen natürlichen Hafen ein, den Kapitän Cook aufgrund der reichen Pflanzenfunde seiner Botaniker ›Botany Bay‹ taufte – dort befindet sich heute die Metropole Sydney. Die beiden markantesten Punkte, die die Einfahrt begrenzen, ›Cape Banks‹ und ›Cape Solander‹, tragen die Namen der Pflanzenkundigen. Und selbstverständlich wurden Pflanzen nach ihnen benannt – eine Spezies sogar nach beiden: ›Banksia solandri‹.

Linné hätte das zweifellos gutgeheißen. Seiner Auffassung nach mussten die barbarischen Namen, mit denen unzivilisierte Völker Pflanzen und Tiere bezeichneten, ausgelöscht und durch griechische und lateinische Bezeichnungen ersetzt werden. Dabei sei es durchaus angemessen, wie bei Inseln, Flüssen oder Bergen die Namen ihrer europäischen Entdecker hinzuzusetzen.

In Sachen Verwertbarkeit hatte Linné einen eigenwilligen Plan. Er forderte, man möge ihm so viele Exemplare wie möglich nach Uppsala schicken. Dort wollte er sie akklimatisieren und anschließend in großem Stil anpflanzen und züchten. Vor seinem geistigen Auge gediehen schwedische Baumwolle und schwedischer Tee. Im botanischen Garten versuchte er, Kakaobäume und Zuckerrohr abzuhärten und dem lokalen Klima anzupassen.

Bekanntlich scheiterte diese Vision eines merkantilistischen Binnenkolonialismus. Statt dessen wurden profitable Pflanzen von den Kolonialmächten auf der Suche nach möglichen Anbaugebieten global verteilt. Schon die erste Flotte, die englische Sträflinge nach Australien brachte, hatte Zuckerrohr an Bord. Als Amalie Dietrich nach Port Mackay gelangte, schrieb sie: »Die Ansiedler verwenden zur Arbeit in den Plantagen Eingeborene«, weil die »Hitze zwischen dem Zuckerrohr (…) für Europäer unerträglich« sei.

Anthropologischer Menschenraub

Diese ›Eingeborenen‹ wurden von verschiedenen Inseln des Südpazifiks nach Australien gebracht. Das geschah zunächst überwiegend mit Gewalt. Mackay war nach einem Sklavenhändler benannt, der seine Geschäfte unter anderem mit einem Schiff namens ›Flora‹ betrieb.

In solchem ›Klima‹ erfolgte die Verwandlung menschlicher sterblicher Überreste in Spezimen: Muster für die Bestimmung vermeintlicher Rassenunterschiede. Auch ihre Beschaffung hieß ›Sammeln‹, offenbarte aber dessen Gewaltsamkeit und Illegalität. Die Knochenjäger verletzten willentlich ethische Regeln und geltendes Recht. Ihnen war klar, dass die ›Eingeborenen‹ Bestattungsrituale hatten und ihrer Toten gedachten. Trotzdem schändeten sie Gräber und Leichen.

Der dabei entstehende Knochenmarkt hatte ähnliche Gesetze wie der für exotische Pflanzen und Tiere. Es gab eine kommerzielle und eine symbolische Seite. Ärzte und Honoratioren in den fernen Kolonien, die Gräber plünderten, Leichen schändeten und ihre Beute in die Metropolen schickten, hofften auf Erwähnung in Fachzeitschriften oder auf Förderung der Karriere ihrer Söhne. Auch Amalie Dietrich wurde Teil dieser Seite des kolonialen Sammelgeschäfts.

Ihr Vertrag mit Godeffroy hatte ohnehin mehr als die Beschaffung von Pflanzen vorgesehen. Sie bereitete sich deswegen gründlich auf das Abhäuten, Ausstopfen, Skelettieren und Präparieren von Tieren vor. Aus Australien würde sie später angesichts eines zum Versand hergerichteten Koalas schreiben: »Wenn mich auch so ein harmloses Tierchen oft rührt, es hilft nichts. Godeffroys wollen es für die Sammlung haben, da darf ich mein Gefühl nicht fragen.«

Beim Erlegen und Präparieren von Tieren sollte es nicht bleiben. Ihr Auftraggeber drängte Dietrich, nicht nur Knochen »von großen Säugetieren, sondern auch möglichst Skelette und Schädel von den Eingeborenen« nach Deutschland zu schicken. Sie legte keinen Widerspruch ein und schickte mindestens acht Skelette und zwei Schädel nach Hamburg. Für die interessierte sich umgehend kein Geringerer als der international renommierte Mediziner und Anthropologe Rudolf Virchow.

In von ihm verfassten ›Anleitungen‹ zur Anthropologie hieß es, die Vermehrung der »Zahl guter Skelette« der »dunklen Stämme« sei von besonderer Wichtigkeit für die Wissenschaft. Sie ließen sich in Krankenhäusern und Gefängnissen, in Gräberstätten und auf Schlachtfeldern finden. Letzteres war angesichts der kolonialen ›Killing Fields‹ eine mehr als beschönigende Bezeichnung.

Grenzgewalt und Rassismus

Wie alle kolonialen Siedlergesellschaften hatte Australien durch Gewalt bestimmte Grenzen, die immer weiter ins Land der ursprünglichen Bewohner getrieben wurden. Für die indigene Bevölkerung bedeutete das Enteignung, Vertreibung, Umsiedlung, Zwangsarbeit, Dekultivierung, Desozialisierung und rassistische Entwürdigung.

Oftmals brachte es auch den Tod. Raymond Evans, Verfasser einer Geschichte Queenslands, hat darauf hingewiesen, dass sich Amalie Dietrich dort in einem Bereich bewegte, in dem die koloniale Grenzgewalt am stärksten ausgeprägt war. Die Presse berichtete über die zahlreichen Morde an indigenen Australiern. Die Täter kamen aus den Reihen der lokalen Polizei und der Siedler. Die Opfer wurden gejagt, von Klippen gehetzt, vergiftet oder erschossen. Augenzeugen erzählten von überall herumliegenden Leichen und verbreitetem Verwesungsgeruch.

Wenige Jahre nach Dietrichs Rückkehr nach Hamburg druckte der Queensland Figaro die zweiseitige Zeichnung eines Massakers (Abbildung 1 links). Sie hatte den Titel »Civilization in Queensland«, und in der Unterzeile hieß es: »The murder and kidnapping of Queensland natives is occurring daily« (Die Ermordung und Verschleppung von Queenslands Ureinwohnern geschieht täglich). Auf einer von Timothy Bottoms erstellten Karte (Abbildung 1 rechts) sind die Orte solcher Untaten verzeichnet. Zwischen Brisbane und Townsville drängen sie sich dicht aneinander.

Das war die Gegend, in der sich Amalie Dietrich aufhielt. Die Verbindung zwischen ›Killing Fields‹ und Knochenbeschaffung liegt mehr als nahe. Ein Diakon der anglikanischen Kirche und Mitglied der ›Anthropological Society‹, der zur selben Zeit wie Dietrich nach Queensland gekommen war, sprach sie direkt an. Als er von einem örtlichen Mediziner hörte, er könne vom Schauplatz eines Massakers an indigenen Aus­traliern »jede Menge Schädel und Knochen« besorgen, bat er sofort darum, ihm so viele wie möglich davon zukommen zu lassen.

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Frau Dietrich klatscht: Völkerschau in Siebenlehn (Abbildung 2)

Amalie Dietrich musste keine Mordpläne schmieden, um an sterbliche Überreste indigener Australier zu gelangen. Von denen gab es zu ihrer Zeit geradezu ein Überangebot. Dafür sorgte die Brutalität von Siedlern und Polizei.

Gespenstische Erinnerung

Die Jubelfeiern zum Bizentenarium wollen damit nichts zu tun haben. Sie belassen es aber nicht beim bloßen Unterschlagen und Vergessen. Die anthropologische Seite von Dietrichs Tätigkeit wird geradezu geschönt. Das verdeutlicht ein zu diesem Anlass in Siebenlehn herausgegebener Amalie-Dietrich-Kalender. Er widmet dem Australien-Aufenthalt nur ein Blatt, auf dem eine klatschende Frau neben einem Didgeridoospieler sitzt (Abbildung 2).

Der ist einem im Internet kursierenden Foto entlehnt. Immerhin stammt er aus Queensland, gehört aber wahrscheinlich einer Sprachgruppe südlich von Brisbane an, zu der Dietrich nie Kontakt hatte. Da nimmt es nicht weiter Wunder, dass es die Kalendermacher mit der Umgebung noch weniger genau genommen haben. Die beiden wurden nämlich in ein Bild montiert, das ebenfalls im Internet verfügbar ist. Es ist mit den Worten »Urwald« und »tropisch« gekennzeichnet und zeigt eine Landschaft in – Mauritius.

Die Kalendermontage ist ein gespenstischer Nachhall kolonialen Bewusstseins. Um die ›wilde‹ Umgebung von ›Eingeborenen‹ zu charakterisieren, ist ein ›Urwald‹ so gut wie der andere. Vor seinem Hintergrund wird das Bild des indigenen Musikers zu einer Inszenierung genutzt, die den früheren Hagenbeckschen Völkerschauen in Hamburg nur im Hinblick auf die Zahl des Personals nachsteht. Die klatschende Amalie Dietrich jedenfalls stammt eher aus einem solchen Rahmen, als dass sie Anzeichen zur kritischen Reflexion ihres kolonialen Gebarens erkennen ließe.

Dazu passt, dass der zu diesem Kalenderblatt gehörige Text sich nicht mit der kolonialen Prägung ihres Tuns beschäftigt, sondern nur den Mordvorwurf anspricht. Der wird dann mit der Bemerkung zurückgewiesen: »Es ist anzunehmen, dass dieser Vorwurf nicht gerechtfertigt ist und die Knochen von damals vor Ort tätigen Händlern erworben wurden.« Die Gewalt der kolonialen Grenze, die damit verbundene massenhafte Tötung indigener Menschen und die mit dieser verwobene Beschaffung sterblicher menschlicher Überreste werden in ganz normale Geschäftsbeziehungen verwandelt.

Politische Ökonomie des Sammelns

Auch wenn Amalie Dietrichs Reise nach Aus­tralien auf einer selbstbestimmten Entscheidung beruhte, so hatte sie damit doch die Kontrolle über ihre Tätigkeit verloren. Sie stand jetzt im Lohn eines Auftraggebers und wurde wie dieser selbst fortan von den Regeln der kolonialen politischen Ökonomie bestimmt.

Die stellte selbst das Sammeln von Pflanzen in neue Zusammenhänge. War es zuvor an der Nachfrage nach Heilkräutern und privaten Vorlieben für Herbarien orientiert, unterlag es jetzt den Gesetzmäßigkeiten eines internationalen Marktes.

An den Peripherien der europäischen Kolonialreiche rekrutierten Botaniker Sammlerinnen und Sammler, die sie mit Pflanzen und Tieren versorgten. Die wurden gelegentlich auch pekuniär bedacht. Oft bestand ihr Lohn jedoch nur in symbolischem kulturellem Kapital. Sie fanden ihre Namen in Veröffentlichungen erwähnt, und ab und an geruhte ein Wissenschaftler, eines ihrer Sammelstücke nach ihnen zu benennen.

Amalie Dietrich nahm insofern eine Sonderstellung ein, als sie sowohl von Godeffroy entlohnt wurde als auch darauf hoffen durfte, als Sammlerin genannt und bei der einen oder anderen Namensgebung berücksichtigt zu werden. Außerdem dienten die von ihr zusammengetragenen Fundstücke nicht lediglich der wissenschaftlichen Erkenntnis. Godeffroy betrieb mit ihnen auch einen lebhaften Handel. Sie wurden in Verkaufskatalogen offeriert und international vertrieben.

Dietrich war das durchaus bewusst: »Eine Fülle von Material wächst einem hier entgegen«, notierte sie. »Nur zuzugreifen braucht man« und kann »auf Schritt und Tritt Schätze heben«, die bislang »keiner geholt hat«. »Mir fehlen die Worte«, vermerkte sie, »den Reichtum zu schildern, der mir auf jedem Gebiet entgegentritt« – »alle diese Naturwunder, ob es nun unscheinbare Moose, Nacktschnecken, Spinnen und Tausendfüße sind oder Gerätschaften, Schädel und Skelette der Eingeborenen«.

Die Verquickung von Wissensdurst und Besitzergreifung reichte bis in die Sprache. Dem kolonialen Blick erschien alle Natur als Hain des Akademos, gleichzeitig war sie dem vergoldenden Zugriff des Midas ausgesetzt. Die rassistische Dimension solcher Mixtur bezog Menschen umstandslos ein.

Das war schon den Zeitgenossen klar. Ein Journalist schrieb 1879 im Queenslander, europäische Wissenschaftler schienen zu glauben, »dass Aborigines geschaffen worden sind, um Schädel für Museen zu liefern«. Solange sie lebten, würden sie »als zur Präparation bestimmte kraniologische Spezimen« betrachtet und nach ihrem Tod als »Tauschobjekte«.

Entmenschlichung

Angesichts dieses Hintergrunds ist es erstaunlich, dass Amalie Dietrichs anthropologische Tätigkeit immer noch mit einem ominösen Zeitgeist entschuldigt wird. Erst kürzlich würdigte sie der Landesfrauenrat Sachsens »als erste wissenschaftliche Sammlerin« im »noch wenig erforschte(n) Queensland«, die dort »die größte Sammlung an zoologischem und botanischem Material zusammen(trug), die je von einer Einzelperson in der Feldforschung geschaffen wurde«. Anschließend hieß es abwiegelnd: »Ihre zeitübliche kleine anthropologische Sammlung wird heute kritisch bewertet.«

Tatsächlich war es »die größte Sammlung« an Gebeinen indigener Australier, die je von einer Frau geschändet wurden. Und die »zeitübliche« Sammeltätigkeit Dietrichs stand insgesamt im Spannungsfeld des Kolonialismus. Es ging ihr damit nicht anders als Staaten, Institutionen, Personen und Ideen. Deren Politiken, Handlungen und Parolen stehen deswegen heute zu Recht zur Diskussion. Sie bedürfen dringend einer Aufarbeitung, die Konsequenzen hat.

Schon 2015 forderte der Zentralrat afrikanischer Gemeinden: »Decolonize Deutschland!« (Dekolonisiert Deutschland!) Mittlerweile gibt es entsprechende Initiativen in zahlreichen deutschen Städten. Außerdem bezieht sich die Forderung ›Decolonize!‹ auf Bildungseinrichtungen und Wissensbestände, richtet sich auf Denkmale und Straßennamen, umfasst Alltagsbereiche wie Essen und metaphysische Regionen bis hin zu Gott.

Auch Theorien gehören auf den Prüfstand. Im Frühjahr 2016 publizierten die Postcolonial Studies ein ganzes Heft zum Thema »Decolonizing German Theory«. Große Geister stehen zur Debatte. Sie reicht von Kant bis Weber und von Hegel bis Arendt. Auch Marx und die Dialektik werden nicht ausgenommen.

So gesehen, befände sich Amalie Dietrich in ehrenwerter Gesellschaft. Allerdings fehlt es bislang am Willen, ihre Jahre in Australien kritisch zu diskutieren. In der Regel werden sie affirmativ oder denunziatorisch behandelt. Dann ist sie entweder die emanzipierte Pflanzensammlerin oder die unmoralische Grabschänderin. Dass ihre gesamte Tätigkeit kolonial geprägt war, gerät dabei aus dem Blick.

Denn auch die Requirierung von Pflanzen und Tieren war kein gleichsam unschuldiges Sammeln. Sie trug zum Aufbau kolonialer Wissensarchive bei, die der Unterstützung imperialistischer Herrschaft dienten. Der Anspruch, Arten, Unterarten und Varietäten neu entdeckt zu haben, schlug sich in ihrer Benennung nieder. Das überschrieb indigene Namen und brachte symbolisch zum Ausdruck, was praktisch vollzogen wurde: die Aneignung ganzer Kontinente und ihrer gesamten Natur.

Als Amalie Dietrich Hamburg verließ, war die Stadt eine freie Hansestadt. Als sie zurückkehrte, gehörte sie zum Deutschen Reich. Dessen Kolonialpolitik führte schließlich zu einer gemeinsamen Grenze mit Australien in der »Deutschen Südsee‹. Die Zielsetzung damit verbundener Politik brachte ein Staatssekretär des Reichskolonialamtes auf den Punkt. Es ging um »Nutzbarmachung des Bodens, seiner Schätze, der Flora, der Fauna und vor allem der Menschen zugunsten der Wirtschaft der kolonisierenden Nation«.

Zur Nutzbarmachung von Menschen gehörte selbst die anthropologische Verwertung ihrer sterblichen Überreste. Sie diente der wissenschaftlichen Beglaubigung und Rechtfertigung rassistischer Entmenschlichung. Den Opfern des Kolonialismus wurde dadurch bescheinigt, an ihrem Elend oder ihrem Untergang selbst schuld zu sein. Sie seien einfach zuwenig entwickelt, um mit dem Fortschritt der Zivilisation Schritt halten zu können.

Dafür fand Megan Krakouer, eine Vertreterin der westaustralischen Noongar, klare Worte, als in Dresden Ende 2019 sterbliche Überreste von 45 indigenen Australierinnen und Australiern aus musealen Beständen zurückgegeben wurden: »When our Ancestors were taken, this was an Act of Racism« (Als unsere Vorfahren gestohlen wurden, war das ein Akt des Rassismus). Von dieser Erkenntnis sind viele, die Amalie Dietrich noch heute ungebrochen als emanzipierte Frau und botanische Pionierin feiern, weit entfernt.

Stefanie Affeldt ist Forscherin an der Universität Heidelberg und beschäftigt sich mit Rassismus in Australien. Wulf D. Hund ist Professor (i. R.) für Soziologie an der Universität Hamburg und forscht zu Geschichte und Theorie des Rassismus. Er schrieb zuletzt an dieser Stelle am 30. September vergangenen Jahres zum Begriff »Rasse«: »Was sind ›Menschenrassen‹?«. Zusammen haben beide kürzlich einen Aufsatz zu Amalie Dietrich in der Zeitschrift für Australienstudien veröffentlicht (online unter: https://doi.org/10.35515/zfa/asj.3334/201920.06).

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  • Leserbrief von Elvira Herrmann, Sangerhausen ( 2. Juni 2021 um 17:45 Uhr)
    Habt Ihr mir einen Schock versetzt mit dem Artikel »Decolonice Amalie Dietrich«. Als Jugendliche bekam ich einst das von Gertraud Enderlein geschriebene Buch »Die Frau aus Siebenlehn«. Es gehörte lange Zeit zu meinen Lieblingsbüchern. Das Schicksal der kleinen Nellen-Male, die kargen Verhältnisse, ihre Liebe zur heimatlichen Natur, das Sammeln von Pflanzen und Kräutern, das zum Broterwerb wurde, rührten mich sehr. Sie lernt Wilhelm Dietrich kennen, heiratet, ein Mädchen wird geboren. Bald muss sie sich allein durchschlagen, ihre Mappen und Sammlungen verkaufen. Sie gelangt nach Hamburg, findet eine Anstellung bei J. C. Godeffroy. Bis dahin alles so leidlich gut. Aber dann die zehnjährige Tätigkeit in Australien – nun entpuppt sie sich als Mitträgerin des Kolonialismus ! Habe ich das im Buch überlesen, oder steht es nicht so deutlich drin? Auf jeden Fall bin ich um eine Illusion ärmer – wenn die Verhältnisse (Kolonialzeit) so sind, kann man dann selbst besser sein? Die Autoren des Beitrages trifft kein Vorwurf. Ich staune nur über mich, dass ich das Wirken von Amalie Dietrich nicht historisch eingeordnet habe. Danke für den augenöffnenden Artikel! (Wenn es natürlich für mich auch eine Enttäuschung ist.)
  • Leserbrief von Michael Wallaschek aus Halle (Saale) (29. Mai 2021 um 13:19 Uhr)
    Lessing: »Der Stier und das Kalb. Ein starker Stier zersplitterte mit seinen Hörnern, indem er sich durch die niedrige Stalltüre drängte, die obere Pfoste. ›Sieh einmal, Hirte‹, schrie ein junges Kalb, ›solchen Schaden tu’ ich dir nicht.‹ – ›Wie lieb wäre mir es‹, versetzte dieser, ›wenn du ihn tun könntest!‹« Amalie Dietrich habe eine Wahl gehabt? Wirklich? Die, an Heim und Herd zurückzukehren, auf Emanzipation und das zu verzichten, was sie wollte und konnte, das Sammeln als wirtschaftliche Grundlage der Emanzipation? Dabei hat sie moralische Grenzen verletzt – sicher muss man das benennen! Aber was sind die »Konsequenzen«, welche die Autoren fordern? Was heißt das im Falle von Dietrich? Wird sie zukünftig auf ihre Rolle als »Grabschänderin« eingeengt, ihr Sammeln wirklicher natürlicher Objekte mit einem kolonialen Grauschleier überzogen? Bleibt nichts als das »Zersplittern der oberen Pfoste«? Kolonialismus und Rassismus als subjektives Fehlverhalten von »Staaten, Institutionen, Personen und Ideen«? Hofft man so, die Schuld von der deutschen Kolonialgeschichte abwaschen zu können, ohne deren Grundlagen, das feudalistische System etwa im Kurfürstentum Brandenburg, später das kapitalistische System im Kaiserreich anrühren zu müssen?
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Jürgen G. aus Berlin (26. Mai 2021 um 14:04 Uhr)
    »Auch Theorien gehören auf den Prüfstand. Im Frühjahr 2016 publizierten die Postcolonial Studies ein ganzes Heft zum Thema ›Decolonizing German Theory‹. Große Geister stehen zur Debatte. Sie reicht von Kant bis Weber und von Hegel bis Arendt. Auch Marx und die Dialektik werden nicht ausgenommen.« Die Geschichte zu dekolonialisieren erscheint mir sehr wohlfeil im Apparat der bürgerlichen Wissenschaftsinstitute, die im gleichen System entstanden sind und munter weiterexistieren, in dem auch der Kolonialismus und Neokolonialismus entstanden sind. Wäre es für diesen Wissenschaftsbetrieb nicht vielleicht sinnvoller, sich zu bemühen, Marx und Arendt zu begreifen und, davon ausgehend, die Abschaffung eines Systems anzugehen, das den Kolonialismus der neuen und der alten Art weiterbetreibt und sich lediglich über die moralische Verurteilung historischer Akteure einen Heiligenschein verpassen möchte?
    Jürgen Günther

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