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Aus: Ausgabe vom 27.05.2021, Seite 11 / Feuilleton
Architektur

Verfeindete Doppelhaushälften

Die Architekturhistorikerin Turit Fröbe überliefert der Nachwelt Fotos eigenwilliger deutscher Eigenheime
Von Gerhard Henschel
Kiel © 2021 DuMont Buchverlag, Fotos: Turit Fröbe
Nichts Halbes, nichts Ganzes: Einer der von Fröbe entdeckten »inspirierenden« Vorstadtbauten

Bausünden sind vermutlich so alt wie die zivilisierte Menschheit. Manche von ihnen, zum Beispiel die nichtsnutzigen ägyptischen Pyramiden, adelt allein ihr hohes Alter, während es für die Bausünden der Gegenwart nur eine einzige Fürsprecherin gibt: die Architekturhistorikerin Turit Fröbe. Ihrem vor acht Jahren veröffentlichten Standardwerk »Die Kunst der Bausünde« hat sie jetzt einen zweiten Band folgen lassen (»Eigenwillige Eigenheime. Die Bausünden der anderen«), und gewidmet hat sie ihn allen Eigenheimbesitzern, »die mit ihren liebenswürdigen, phantasievollen Gestaltungen dafür sorgen, dass das Flanieren in den Siedlungen unserer Städte so wunderbar abwechslungsreich und inspirierend ist«.

Das ist beißende Ironie. Die Fotos in diesem Buch zeigen dilettantisch und geschmacklos überformte Hauseingänge, säulenverkrebste Fassaden, pseudobarock nachverdichtete Plattenbauten, regenbogenfarbenfrohe Dachziegel, untereinander verfeindete Doppelhaushälften, versiegelte Vorgärten, deplazierte Zierbrunnen, gefolterte Buchsbäume, blickdichte Gabionenzäune, Ruinenromantik von der Stange, künstliche Putzschäden und schottergefüllte Hochbeete. Der gute alte Jägerzaun und die Armee der Gartenzwerge hatten bereits vor Jahrzehnten ausgedient; an ihre Stelle sind Betonformsteine, Fototapeten und Granit getreten. Wagemutige Eigenheimer können ihre Immobilie auch als Südstaatenvilla, als Ritterburg oder als Schlößchen aufbrezeln, ohne sozial geächtet zu werden.

Ein Kapitel für sich bilden Garagen, die neue Möglichkeiten eröffnen, »mit dem Außenraum zu kommunizieren«, wie die Autorin schreibt. Anleihen im Kirchen- und im Tempelbau sind dabei keine Seltenheit, und wie es scheint, kriegt jede Bausünde im Eigenheimbereich augenblicklich Junge: »Meistens genügt ein einzelner Impuls, ein einzelner Nachbar, der ausschert und gestalterisch Neuland betritt, um ein nachhaltiges Echo in der Umgebung auszulösen und zum Motor zu werden. Alles, was Bauindustrie, Bau- und Gartenmärkte zu bieten haben, wird genutzt, um die Bausünden der anderen zu beantworten, zu kommentieren, zu übertrumpfen oder um ganz einfach neben ihnen bestehen zu können.«

Aus den meisten Fotos in diesem Buch wird ersichtlich, dass viele Bausünder mehr Geld als Verstand besitzen. Wer knapp bei Kasse ist, der wird nicht so leicht dazu bereit sein, mit den Nachbarn in ein Wettrüsten einzutreten und seinen Vorgarten oder seine Hausfassade mit modischen Accessoires aufzumöbeln. Die Baumärkte bieten deshalb auch Schrott für die Besitzer kleinerer Geldbeutel feil. Man kann ja schon einmal billige Dekoelemente installieren: Filzblumen, Buddhafiguren, Kranichskulpturen, Osterinselköpfe, LED-Solarkugeln und lustige Elefantenkinderstatuen ...

Den ironischen Ton hält Turit Fröbe in ihrem Loblied auf die hochklassigen Bausünden eisern durch. Man kann sich jedoch denken, was sie dachte, als sie all diese Greuel fotografierte. Ihre Bestandsaufnahme der eigenwilligsten Eigenheime unserer deutschen Zeitgenossen ist urkomisch und ein geschichtliches Dokument von hohem Rang. Irgendwann wird dieses ganze Elend vom Antlitz der Erde verschwunden sein, aber dann wird es immer noch dieses Buch geben, und unsere Nachfahren werden sich über die Fotos schieflachen.

Turit Fröbe: Eigenwillige Eigenheime. Die Bausünden der anderen. DuMont, Köln 2021, 160 Seiten, 20 Euro

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