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Aus: Ausgabe vom 25.05.2021, Seite 10 / Feuilleton
Lyrik

Die Gerüche eines Lakens

Erasmus Schöfer erweist sich in seinem jüngsten lyrischen Band als Erotiker
Von Gisela Sonnenburg
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Nur die Liebe, die stirbt nie: Erasmus Schöfer

Was ist am wichtigsten, wenn man zurückschaut? Ja: die Liebe. Erasmus Schöfer, als Romancier ein meisterlicher Chronist der 68er-Generation, hält anlässlich seines 90. Geburtstags am 4. Juni mit viel Understatement seine in jeder Hinsicht glutrote Fahne hoch: in einem Buch voller Poesie. Die Titel seiner Gedichte sind zwar oft schlicht: »Lautlos«, »Der Aufgang«, »Sonnenblume«. Doch diese Liebeslyrik hat es in sich. Pure Sinnlichkeit, liebendes Empfinden, auch konkrete Details aus dem Alltag sowie eine mal scheinbar einfache, mal opulent metaphorische Sprache ergänzen sich zu einer Ode ans Leben. Und an die Liebe, durchaus auch im Sinne von wilden Liebschaften. »Sisyfos Lust. Lauter ewige Lieben« heißt der neue Band, der bei Dittrich erscheint, und mit der eigenartigen Schreibweise des antiken Helden, der seinen Felsbrocken den Berg hochrollen muss, um ihn dann immer wieder abwärts kullern zu sehen, hat es bei Schöfer eine besondere Bewandtnis.

»Die Kinder des Sisyfos« (2001–2008) heißt nämlich die Roman-Tetralogie des Kölner Kommunisten, die man als sein Hauptwerk bezeichnen kann. Aus unterschiedlichen Perspektiven und anhand von phänotypischen Schicksalen wird darin der Frage nachgegangen, warum die 68er-Bewegung scheiterte. War es nur Korruption? Zu viel Hedonismus? Eine zu starke Gegenbewegung im rechten Lager? Ein Zerreißen der Solidarität im eigenen Lager bei Flügelkämpfen? Oder war es einfach die menschliche Unzulänglichkeit? Schöfer legt letzteres nahe. Nur die Liebe, die stirbt nie – sie überlebt auch jede melancholische, manchmal abgrundtief traurige Anwandlung. Den Zusammenhängen zwischen Zeitgeist und Rebellion, Absturz und Neuanfang, die es in jedem Moment gibt, ist das Buch implizit gewidmet.

Die Geliebten, deren Perspektive Schöfer in einigen Gedichten gekonnt empathisch einnimmt, werden von ihm gefeiert – in den kleinen Details ihrer Schönheit wie auch in den unübersehbaren Beweisen ihrer Sinnlichkeit. Weiche Schenkel und glühende Blicke, gierige Münder und ein »heißer Countdown im Hosensilo« sind da Trumpf. Die Gerüche eines Lakens und die gekräuselten Härchen, die nach einer Liebesnacht darauf zurückbleiben: So etwas findet bei Schöfer ein harmonisches Miteinander. Das ist einfach schön – und sorgt dafür, dass man die Herzensergüsse nur so verschlingt.

»Draußen die Welt scheint angehalten / Das Gurren blauer Tauben / Das Rieseln der Sonne von den Ziegeln / Als wär der Friede ausgebrochen«: Solche Verse machen Lust zu lieben. Im selben Gedicht heißt es: »Wo er sich eingrub in meinen Bauch / summt das Echo unsrer Lust« – nichts wirkt daran peinlich oder kitschig, schon gar nicht voyeuristisch oder pornographisch. Und doch geht es um jenen intimen Moment der Vereinigung zweier Menschen, der manchmal wie der Sinn des ganzen Daseins erscheint.

Doch auch Naturerfahrung beherbergt das poetische Werk Schöfers. »Der Weltraum vor meinem Fenster / belebt von den Künstlern der Luft / Aber nie so viele fliegende Schwäne / wie diesen gewaltigen Winter / Sie tragen mein Herz im Schneekleid / das so schwer ist von Lust nach Entfernung / nach Aufbruch nach Morgen.« So ergreifend und so nah dran sind diese Zeilen, dass man kaum aufhören mag zu zitieren. Mit dem »gewaltigen Winter« ist aber keineswegs die zweite Jahreshälfte gemeint. Schwäne sind Zugvögel. Aber der eisige Herzenswinter, der einen isoliert und alleine erscheinen lässt, ist für Lyriker ein bedeutsamer Zustand.

Und auch bildende Kunst bietet der Band. Ilse Straeter, eine renommierte Essener Künstlerin, schuf Aquarelle mit aufs nasse Papier gehauchten Farbschlieren. Sie passen hervorragend zu der gefühlig aufgeladenen Atmosphäre der Schöferschen Poesie. Sattes ­Orange mischt sich da mit Himbeerrot, von algigem Grün kontrastiert. Auf dem Cover tanzt gar ein munteres Mädchen mit rotem Fuß und roter Hand: ganz ohne Farbnebel. Straeters Blauschattierungen scheinen zudem den Himmel oder auch sein Spiegelbild im Wasser in vielerlei Facetten einzufangen.

Schließlich erläutert ihr Ehemann Ulrich Straeter im Nachwort in prägnanten Gedankensträngen die Bedeutung und Herkunft der Dichtung von Erasmus Schöfer. Wer die wortsatte Sisyfos-Tetralogie noch nicht kennt, wird jetzt, nach dem Vernaschen der Gedichte, ohnehin großen Appetit darauf verspüren. Nur zu!

Erasmus Schöfer: Sisyfos Lust. Lauter ewige Lieben. Dittrich-Verlag, Weilerswist 2021, 72 Seiten, 18 Euro

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