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Aus: Ausgabe vom 17.05.2021, Seite 11 / Feuilleton
Filmgeschichte

Die Avantgarde sitzt im Kino

Ein »D« für ein »U«: Wie vor 75 Jahren der UFA die Defa entstieg
Von Christoph Hesse
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Am laufenden Band: Ein Schnittraum der Defa-Studios Babelsberg im Februar 1990

Krieg und Kino beschreiben nicht nur einen technischen und ästhetischen Zusammenhang, sondern zuzeiten auch ein Produktionsverhältnis. Insbesondere in der deutschen Filmgeschichte: Die beiden historisch bedeutendsten Filmunternehmen dieses Landes waren auf wenngleich sehr unterschiedliche Weise nicht nur Produkte des Krieges; sie sollten selbst auch »Waffen« zur moralischen Ertüchtigung der Bevölkerung herstellen. Mit der 1917 auf Betreiben der Obersten Heeresleitung (OHL) gegründeten UFA wollte das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg gewinnen, die 1946 auf Initiative der Sowjetischen Militäradministration geschaffene Defa sollte dazu beitragen, einen dritten Weltkrieg zu verhindern. Schon bald jedoch befand sie sich in einem neuen, diesmal sogenannten Kalten Krieg.

Die am 17. Mai 1946 in Potsdam-Babelsberg gegründete Deutsche Film AG war ein deutsch-sowjetisches Joint Venture, wie man es heute vielleicht nennen würde, ursprünglich eine GmbH und dann für einige Jahre tatsächlich eine Aktiengesellschaft, wiewohl eine zu hundert Prozent kommunistische. Ohnehin sollte die bürgerliche Rechtsform nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um ein wenn nicht direkt militärisches, so doch politisches Unternehmen handelte. An erster Stelle stand nicht kommerzieller Profit, sondern eine geistig-moralische Mission.

»Kunst ist Waffe«, hatte der Schriftsteller Friedrich Wolf einst verkündet. Den Film zumindest zog auch die Rote Armee als solche in Betracht, obgleich man ihn nicht so sehr als Kunst denn als einflussreichstes Massenmedium jener Zeit ins Auge fasste. Bereits im April 1945, noch vor der Kapitulation Nazideutschlands, ließ der sowjetische Stadtkommandant von Berlin die Kinos wieder in Betrieb nehmen. Wenige Monate später kehrte wie viele andere Emigranten auch Wolf aus dem Moskauer Exil zurück nach Berlin. Er werde »im ideologischen Kampf für ein neues Deutschland« gebraucht, hatte er in einem Brief an Stalin geschrieben. Zu den Aufgaben, die ihn erwarteten, gehörte nicht an letzter Stelle der Aufbau einer neuen Filmproduktion. Drehbücher wurden dringender benötigt als Romane. Und im Gegensatz zu vielen Straßen und Gebäuden hatten die Filmproduktionsmittel den Krieg nahezu unversehrt überstanden.

Die Defa trat gleichsam als bestimmte Negation der UFA in Erscheinung. War auch ihr Programm dem so deklarierten antifaschistisch-demokratischen Neuaufbau verpflichtet, blieben die Mittel, mit denen sie es zu verwirklichen hoffte, die alten. Der Ort ihrer Gründung hatte Symbolcharakter, denn die Althoff-Ateliers in Babelsberg gehörten ausnahmsweise nicht der UFA. Ohne deren Hinterlassenschaften, nunmehr eine Kriegsbeute, die die sowjetischen Behörden schließlich der Defa übertrugen, wäre diese jedoch kaum in der Lage gewesen, Filme zu produzieren. Dazu zählten nicht nur Filmstudios, sondern auch Personal und sogar Ideen: filmische Traditionen nämlich, die man entweder unbewusst fortsetzte oder bewusst umzufunktionieren suchte.

»Wir wollten geistig und künstlerisch einen Neuanfang«, erinnerte sich der Regisseur Kurt Maetzig. »Dass wir aber zugleich durch unsere eigene Vergangenheit verbunden waren mit alter deutscher, also auch mit UFA-Tradition, ist uns damals viel weniger bewusst gewesen.« Es war durchaus bezeichnend, dass die meisten Künstler und Techniker, die für Inszenierung, Aufnahme, Montage etc. der frühen Defa-Produktionen verantwortlich waren, ihr Handwerk in Deutschland erlernt hatten, während der aus dem sowjetischen Exil zurückgekehrte Schauspieler Hans Klering zunächst vor allem administrative Aufgaben übernahm.

Wenn Maetzig die positiven Traditionen der UFA hervorhebt, meint er nicht nur die Organisation dieser Produktionsgesellschaft, sondern auch die Filmgeschichte, die sie geschrieben hat. Obwohl ursprünglich ein Kriegsunternehmen zur »Beeinflussung der Volksstimmung« (OHL-Chef Erich Ludendorff), hatte die UFA historische Bedeutung erst erlangt, als sie nach dem Krieg unter der Leitung des jüdischen Filmproduzenten Erich Pommer Spielfilme zur Unterhaltung produzierte, und das mit großem internationalen Erfolg. An diesem Konzept hielten selbst die Nazis fest, die, als sie das Unternehmen 1933 an sich rissen (und sogleich »arisierten«), Unterhaltung und Propaganda zu vereinen suchten. Die Defa ihrerseits beschränkte sich ebenfalls nicht auf Umerziehung und Aufklärung. Die schon seit Februar 1946 regelmäßig erscheinende Wochenschau »Der Augenzeuge« war sicherlich eine ihrer wichtigsten Produktionen, ihr erstes großes Werk aber ein künstlerisch ambitionierter Spielfilm. Wolfgang Staudtes »Die Mörder sind unter uns« steht selbst in alter UFA-Tradition. Die Gegenwart erscheint da bisweilen im Licht (oder vielmehr im Schatten) des sogenannten expressionistischen Films der frühen Weimarer Zeit. Die Uraufführung im Oktober 1946 in Berlin besuchte sogar der in die USA emigrierte Erich Pommer.

Solche Begegnungen blieben allerdings rar. Die Antihitlerkoalition war, als die Defa ihre Arbeit aufnahm, bereits im Zerfall begriffen. Mit der Kulisse der »Trümmerfilme« verschwand auch der Antifaschismus einer ohnehin ziemlich illusorischen »Volksfront«. An seine Stelle trat bald ein »sozialistischer Realismus«, der nicht nur eine erklärtermaßen progressive Absicht, sondern auch einen konservativen Stil vorschrieb. Wer sich von dieser Entwicklung ein Bild machen möchte, sehe sich einmal Kurt Maetzigs »Ehe im Schatten« (1947) und dann seine Filmbiographie »Ernst Thälmann« (1954/55) an. Erst das sogenannte Tauwetter ließ den Einfluss eines ästhetisch avancierten Kinos wieder zu.

Nach der Gründung der DDR wurde die Defa als Staatsbetrieb neu organisiert – und bald nach dem Ende jenes Staates aufgelöst. Unter welchen geschichtlichen Bedingungen sie entstanden war, zeigt einer der besten Filme, die sie je produziert hat: Konrad Wolfs »Ich war neunzehn« (1968). Der zweite Sohn Friedrich Wolfs war 1945 als Soldat der Roten Armee nach Deutschland zurückgekehrt.

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