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Aus: Ausgabe vom 17.05.2021, Seite 6 / Ausland
Rassistisches US-Knastsystem

»Hoffnung gaben die sozialen Kämpfe«

Der politische Gefangene Mumia Abu-Jamal im Gespräch mit Albert Woodfox von den »Angola 3«
Von Mumia Abu-Jamal
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Mumia Abu-Jamal: Womit hat der Staat es gerechtfertigt, euch von den »Angola 3« für eine so grässlich lange Zeit zu isolieren?

Albert Woodfox: Ausgehend von der unkontrollierten und unangefochtenen Macht des Gefängnissystems in Louisiana empfand der Staat es als Bedrohung, dass Herman Wallace, Robert King und ich für Menschlichkeit und für die Wahrung unserer Würde, unseres Stolzes und unserer Selbstachtung kämpften. Für sie stellte das die zentrale Funktion des Knasts in Frage. Gefängnisdirektor Burl Cain nannte mich sogar einmal »den gefährlichsten Mann in Amerika«, und seit ich draußen bin, denke ich, dass mein Handeln ihm recht gibt.

M. A.-J.: Wie habt ihr das 40 Jahre lang ausgehalten?

A. W.: Das ist die allerschwierigste Frage. Unser politisches Bewusstsein als Mitglieder der Black Panther Party hat uns sicher geholfen. Wissen ist Macht, uns war also klar, welchem Zweck die Isolationshaft diente. Es waren unsere Stärke, Entschlossenheit und Prinzipien, die uns durchhalten ließen, – und dass wir aktiv blieben. Anstatt uns zu fügen und die Knastkultur bestimmen zu lassen, wie wir unser Leben leben, waren wir inspiriert von den Männern, Frauen und sogar Kindern, die draußen für Veränderung kämpfen.

M. A.-J.: Was gab euch Hoffnung?

A. W.: Meine wunderbare Familie und die Genossen, die die »International Coalition to Free the Angola 3« aufbauten; und unser großartiges Anwaltsteam. Aber die meiste Hoffnung gaben mir die Kameraden im Knast um mich herum und die sozialen Kämpfe der Menschen in der Gesellschaft. Die Opfer, die sie gebracht haben, ihr unbeugsamer Geist und ihre Weigerung, sich brechen zu lassen. Insbesondere die Entwicklung von Black Lives Matter, die ich für eine großartige Bewegung halte. Ich war so stolz darauf, all die jungen Männer und Frauen zu sehen, die sich in dieser Bewegung engagieren und das Wort ergreifen. Das alles hat mir Hoffnung gegeben.

Aber was ist mit dir, Mumia, mein Bruder, wie fühlt es sich an, immer noch im Gefängnis zu sitzen, trotz der überzeugenden Beweise für deine Unschuld und der fehlenden Beweise gegen dich?

M. A.-J.: Ganz zu Anfang, während des gerichtlichen Vorverfahrens gegen mich, hatte ich ein Buch über Präzedenzfälle des Obersten Gerichtshofs der USA gelesen, die auf der Verfassung basieren. Nach Kenntnis der aktuellen Fälle formulierte ich einen entsprechenden Antrag ans Gericht, das ihn prompt ablehnte. Das war unglaublich, aber es machte mir klar, dass das Gericht sich nicht an die Verfassung oder die Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs gebunden sah. Die machen, was sie wollen, weil es in Wahrheit nicht ums Gesetz geht. Es geht um Macht. Derselbe Richter Albert Sabo sagte 15 Jahre später in öffentlicher Verhandlung, Gerechtigkeit sei nur »eine emotionale Empfindung«. Um Malcolm X zu zitieren: »Seid nicht schockiert, wenn ich sage, ich war im Gefängnis. Solange du südlich der kanadischen Grenze lebst, bist du immer im Gefängnis. Deshalb alle Macht dem Volk!«

A. W.: Mumia, was war dein schmerzlichster persönlicher Verlust?

M. A.-J.: Der Tod meiner Mutter Edith und meiner Tochter Samiya. Mein Traum war, mit beiden in Freiheit zu leben. Und natürlich habe ich auch noch andere Angehörige verloren. Sie leben in unserer Erinnerung und in unseren Herzen weiter.

A. W.: Mumia, was wird für dich oberste Priorität haben, wenn du endlich frei bist?

M. A.-J.: Das gleiche wie immer schon: Den Menschen zu dienen, für sie zu arbeiten, für eine Welt zu arbeiten, in der die Befreiung der Schwarzen Realität ist und nicht nur Worte. Wie die Rastas sagen: »Freiheit ist ein Muss.« Ich danke dir, Bruder Woodfox.

Übersetzung: Jürgen Heiser

Laut Noelle Hanrahan von Prison Radio wurde dieses Gespräch »als gegenseitiges Interview Mitte April 2021« telefonisch geführt, als »letzter Beitrag von Mumia vor seinem Klinikaufenthalt« (wegen der Herzoperation, jW). Den »Angola 3« wurde vorgeworfen, 1972 während eines Aufstands im Staatsgefängnis Angola in Louisiana an der Tötung eines Wärters beteiligt gewesen zu sein. Sie bestritten das und sagten, sie seien beschuldigt und zu lebenslanger Haft verurteilt worden, weil sie der Black Panther Party angehörten. Woodfox wurde als letzter der drei 2016 freigelassen. (jh)

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