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Aus: Ausgabe vom 17.05.2021, Seite 6 / Ausland
Deutsche Kolonialverbrechen

Durchaus ein Durchbruch

Völkermord: Berlin vereinbart »Versöhnungsabkommen« mit Namibia
Von Christian Selz, Kapstadt
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Gefangene Herero im damaligen Deutsch-Südwestafrika um 1898

Nach jahrelangen Verhandlungen steht die deutsche Bundesregierung kurz davor, ein »Versöhnungsabkommen« mit Namibia zu unterzeichnen. Darin geht es um eine Entschuldigung für den Völkermord an den Herero und Nama, den die deutsche »Schutztruppe« zwischen 1904 und 1908 in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika verübt hatte. Wie der Deutschlandfunk am Sonnabend berichtete, hätten die Verhandlungsführer beider Seiten, der langjährige Botschafter Namibias bei der EU, Zedekia Ngavirue, und der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Ruprecht Polenz, ein entsprechendes Papier bereits paraphiert.

Auf Grundlage des Vernichtungsbefehls des damaligen Gouverneurs der Kolonie, Generalleutnant Lothar von Trotha, hatten deutsche Truppen 1904 zunächst einen Auslöschungskrieg gegen das Volk der Herero geführt. Auch Frauen und Kinder wurden aus ihren Siedlungen vertrieben und in die Halbwüste Kalahari getrieben, wo die meisten verdursteten und verhungerten. Gefangene wurden in Konzentrationslager gepfercht und ermordet. Als sich die Nama im Süden des Landes in der Folge gegen das deutsche Schreckensregime erhoben, gingen die Kolonialtruppen gegen sie ähnlich vor. Etwa 80 Prozent der Bevölkerung der Herero und die Hälfte der Nama, insgesamt 80.000 bis 100.000 Menschen, wurden so bis 1908 getötet. Die ökonomischen Folgen des Völkermords sind bis heute sichtbar. Nachfahren deutscher Siedler nennen riesige Farmen ihr Eigen, während die überwiegende Mehrheit der Herero und Nama in bitterer Armut und ohne eigenes Land lebt. Auch der nach der Unabhängigkeit Namibias 1990 angestoßene Landreformprozess hat daran bis heute kaum etwas geändert.

Den Vertretern der beiden betroffenen namibischen Volksgruppen war es deshalb neben einer offiziellen Anerkennung des Völkermords und einer entsprechenden Entschuldigung der Bundesregierung auch stets um Reparationszahlungen gegangen. Doch die deutsche Seite hatte seit jeher penibel darauf geachtet, justiziable Eingeständnisse zu vermeiden. Die längste Zeit vermieden Bonn und später Berlin sogar, das Wort »Völkermord« überhaupt zu verwenden. Die erste, die diese Linie durchbrach, war 2004 die damalige Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD), die bei einer Gedenkveranstaltung in Namibia von »Greueltaten« sprach, die »heute als Völkermord bezeichnet« werden würden. Die Bundesregierung zog sich in der Folge aber wieder auf den Standpunkt zurück, dass es zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch keinen im Völkerrecht definierten Tatbestand »Völkermord« gegeben habe.

Die nun erfolgte Verhandlungslösung ist dahingehend durchaus ein Durchbruch, zumal sie nicht nur mit einer für die nächsten Wochen anvisierten offiziellen Entschuldigung durch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vor dem namibischen Parlament, sondern auch mit Entschädigungszahlungen in bisher nicht bekanntgegebener Höhe einhergehen soll. Klar ist aber auch, dass die Bundesregierung das Abkommen lediglich mit der namibischen Regierung ausgehandelt hat. Die Nachfahren der Opfer der Herero und Nama blieben bei den Gesprächen außen vor.

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