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Aus: Ausgabe vom 15.05.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Vom Beschweigen

Von Arnold Schölzel
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Nur auf den ersten Blick scheine die Lage in Jerusalem klar, schreibt Kommentator Alan Posener am Dienstag auf Seite eins der Welt: »Araber aus Ostjerusalem wehren sich gegen israelische Zwangsräumungen.« Doch im Nahostkonflikt täusche der erste Blick fast immer; um »die aktuellen Bilder zu verstehen«, müsse man »in die Geschichte eintauchen«.

Posener leugnet demnach weder Räumungen noch Widerstand, will aber, dass die »Bilder« verstanden werden. Besser wäre: die Sach- und Rechtslage. Bilder vermitteln kein Wissen. Weiß Posener und kommt zu dem Schluss: Die arabischen Hausbesitzer werden zwar vertrieben, aber rechtmäßig. Posener: »Und so wie hierzulande mit der deutschen Einheit der von den Kommunisten enteignete Besitz zurückgegeben wurde, haben in Jerusalem enteignete Juden Anspruch auf Rückgabe ihres Eigentums.« Demnach sollten sich die Hohenzollern Israels Rechtsprechung mal genau ansehen, wenn sie ihre Hütten und Paläste »zurückbekommen« wollen.

Posener meint, ob die israelische Polizei klug vorgehe, »darf man fragen«. Fragen durften Zehntausende ostdeutsche Hausbesitzer nach der Klugheit, die »Ämter für offene Vermögensfragen« einzurichten, die ihnen im Auftrag ihrer westdeutschen Lenker zusetzten. Antworten kamen in der Regel in Form von Räumungsbescheiden. Leider sei auch richtig, gesteht Posener zu, »dass es unter den Israelis Extremisten gibt, die auch gemäßigte Araber provozieren«. Da ­Israel, der Staat ohne definierte Grenzen, Expansion, sprich Landraub durch Militär und Siedler, als Existenzweise gewählt hat, lässt sich vermuten, Extremismus sei staatlich verordnet. Das wäre dann wieder so ähnlich wie in der alten BRD, wo Privateigentum am Häuschen, und sei es ein Stall, denselben Rang hat wie in Indien eine Kuh. Fanatismus vor heiligen Gütern wird da zur Massenerscheinung. Und Posener hat recht, wenn er meint: »Aber alle Aufrufe zur Mäßigung wirken verlogen, sofern sie nicht den Kern des Problems benennen: den Wunsch radikaler Araber, die arabischen Viertel Jerusalems ›judenrein‹ zu erhalten.« Eine seltsame Wendung: Posener erklärt zunächst den Extremismus der Rückerstatter für rechtmäßig, um dann einen arabischen Extremismus zum »Kern des Problems« zu erheben und anzuklagen, wobei er ihm den Stempel »rassistisch« verpasst.

Völlig anders schildert FAZ-Korrespondent Jochen Stahnke den »Kern«. Er schreibt am Montag: »In Israel regelt ein Gesetz, dass Juden Besitz über Land, das sie im Krieg von 1948 verloren hatten, zurückverlangen können, während Israel dasselbe Recht den Palästinensern verwehrt: Nach Angaben der Zeitung Haaretz sind 30 Prozent der Immobilien in Westjerusalem vor 1948 in Besitz von Arabern gewesen, deren Besitz später enteignet wurde. Ein weiteres israelisches Gesetz ›über den Besitz von Abwesenden‹ legt vielmehr fest, dass Palästinenser diesen Besitz nicht mehr zurückfordern können.«

Nichts ist demnach so, wie es in Poseners Märchen erzählt wird. Recht hat er allerdings, wenn er das Vorgehen Israels gegen arabische Eigentümer mit dem bundesdeutschen Privateigentumsextremismus in der DDR vergleicht. Allerdings: Der Wunsch »radikaler Araber« nach »judenreinen« Vierteln ist nicht Staatspolitik, wohl aber der nach »araberreinen« – so wie der nach von Ostdeutschen gereinigten Häusern. Posener meint am Schluss seines Kommentars zu der Forderung nach »judenrein«: »Gerade Deutschland kann und darf das nicht durch Beschweigen billigen.« Falsch. Aufs Beschweigen kommt es bei »Rückgabe vor Entschädigung« an, erst recht, wenn den Besetzten oder Angeschlossenen nicht gleiche Rechte zugestanden werden. Deswegen beschweigt das Posener. Rassismus ist einfach.

Da Israel, der Staat ohne definierte Grenzen, Expansion, sprich Landraub durch Militär und Siedler, als Existenzweise gewählt hat, lässt sich vermuten, Extremismus sei staatlich verordnet. Das wäre dann wieder so ähnlich wie in der alten BRD, wo Privateigentum am Häuschen, und sei es ein Stall, denselben Rang hat wie in Indien eine Kuh. Fanatismus vor heiligen Gütern wird da zur Massenerscheinung

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