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Aus: Ausgabe vom 15.05.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Das Morden beginnt

Am 21. Mai 1871 dringen die Vorposten der französischen Regierungsarmee in Paris ein. Auszug aus Lissagarays Geschichte der Kommune
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Die letzte Barrikade der Kommune am 28. Mai 1871, zwei Uhr (Originalskizze von Robida)

Der große Angriff kündigt sich an. (…) Am 17. Mai beginnt Versailles mit den Breschebatterien gegen die Tore von La Muette, Auteuil, Saint-Cloud, Point-du-Jour und Issy zu feuern. Die hinteren Batterien feuern unaufhörlich auf die Umfassungsmauer am Point-du-Jour und legen Passy in Trümmer. Die Geschütze vom Schloss Bécon schießen den Friedhof Montmartre zusammen und erreichen selbst den Platz Saint-Pierre. Fünf Bezirke von Paris liegen im Granatfeuer.

Am 18. Mai abends überrumpeln die Versailler die Föderierten von Cachan, indem sie sich mit dem Ruf: Es lebe die Kommune! nähern. Es gelingt jedoch, ihre Bewegung bei den Hautes-Bruyères aufzuhalten. Die Dominikanermönche, die von ihrem Kloster Arcueil aus dem Feind Nachrichten übermittelt haben, werden verhaftet und nach dem Fort Bicêtre geführt. Bei Hautes-Bruyères wird ein 20jähriger Spion gefasst, der gesteht, den Versaillern den Stellungsplan der Föderierten gebracht zu haben. Er wird von einem Kriegsgericht zum Tode verurteilt, und, da er sich weigert, Erklärungen abzugeben, erschossen. Das ist die dritte militärische Hinrichtung während der Kommune.

19. Mai. Trotz der Annäherung der Versailler wird die Verteidigung nicht entschlossener. (…) Keine Befestigungsarbeiten sind beim Bahnhof Montparnasse, beim Panthéon, auf den Höhen Montmartre vorgenommen worden. Der Wohlfahrtsausschuss kann, wie er sagt, keine Leute finden, und er hat 100.000 Mann Nationalgarde zweiter Linie und Millionen Franken zur Verfügung.

Am 20. Mai, ein Uhr mittags, kündigt der Donner von 300 Marine- und Belagerungsgeschützen den Anbruch der Entscheidungsschlacht an. (…) Am 21. Mai befanden sich die Versailler in derselben Lage wie am 3. und am 12. Mai, und diesmal schien der Erfolg sicher zu sein. Das Tor von Saint-Cloud lag in Trümmern. Schon vor einigen Tagen hatten Mitglieder der Kommune diese Bresche dem Generalstab mitgeteilt. Er antwortete, seine Maßregeln seien getroffen. Er werde bei diesem Tore eine Barrikade errichten, aber es geschah nichts. Am Sonntag hörte und sah das Kommunemitglied (Gustave) Lefrançais (1826–1901, Anarchist, Mitglied der I. Internationale, jW) bei den Trümmern der Zugbrücke die Versailler im Festungsgraben. Von der Größe der Gefahr erschreckt, schickt er (Charles) Delescluze (1809–1871, Präsident des Wohlfahrtsausschusses und Leiter der Kriegskommission, jW) einen Zettel, der ihn nicht erreicht.

Am Nachmittag drangen die Vorposten der Versailler in Paris ein. Das erwartete Signal wurde endlich beim Tore von Saint-Cloud gegeben. Der Gelegenheitsspion Ducatel sah die Tore und die Wälle verlassen. Er erkletterte die Bastion 64, winkte mit einem weißen Tuche und rief den Soldaten in den Gräben zu: »Kommt, hier ist niemand.« Ein Marineoffizier zeigte sich, überschritt die Trümmer der Zugbrücke, versicherte sich, dass die Bastionen und die Nachbarhäuser aufgegeben waren und telegraphierte die überraschende Nachricht den nächsten Generälen. (…)

Durch den Spalt in der Umfassungsmauer stehlen sich inzwischen die Versailler weiter nach Paris hinein. Leise, im Dunkel der Nacht, wächst die Flut. Nach und nach häufen sich die Truppen zwischen den Befestigungen und der Ringbahn an. (…). Im Stadthaus haben sich die Mitglieder des Wohlfahrtsauschusses versammelt. (…) Man weiß nichts von der Zahl und der Stellung der Truppen, weiß nur, dass Massen im Dunkel von Passy in Bewegung sind. Offiziere des Generalstabs kehren von La Muette zurück, ganz erfüllt von ermutigenden Nachrichten. Um elf Uhr stößt (Adolphe) Assi (1841–1886, Arbeiter, Mitglied der I. Internationale, deportiert nach Neu-Kaledonien, jW) in die unbeleuchtete Rue Beethoven vor. Sein Pferd weigert sich, weiter vorzugehen, es ist in großen Blutlachen ausgeglitten. Die Mauern entlang scheinen Nationalgardisten zu schlafen. Männer stürzen vor und packen Assi. Es sind Versailler, die im Hinterhalt lagen. Die Schläfer sind Leichen der Föderierten.

Die Versailler morden in Paris, und Paris weiß nichts davon. Die Nacht ist blau, bestirnt, lau und geschwängert von den Düften des Frühlings. Die Theater sind gefüllt, die Boulevards voll Leben. Die Geschütze schweigen überall, ein Schweigen, das seit drei Wochen unbekannt ist. Wenn »die schönste Armee, die Frankreich je gehabt hat«, über die Quais und die Boulevards vorstoßen würde, die nirgends Barrikaden haben, dann würde sie mit einem einzigen Stoß und ohne einen Gewehrschuss die Kommune von Paris niederwerfen können. (…) Um drei Uhr morgens dringen die Versailler durch fünf klaffende Wunden in Paris ein. (…) Um fünf Uhr fällt die erste Versailler Granate auf das Gebäude der Ehrenlegion. Und Paris schläft.

Prosper-Olivier Lissa­garay: Histoire de la Commune de 1871, Brüssel 1876. Hier zitiert nach: Lissagaray: Der Pariser Kommune-Aufstand. ­Soziologische Verlagsanstalt, Berlin 1931, ­Seiten 295–301

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