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Aus: Ausgabe vom 15.05.2021, Seite 15 / Geschichte
Katholische Soziallehre

Feindbild Sozialismus

Vor 130 Jahren erschien »Rerum novarum«, 40 Jahre später »Quadragesimo anno«. Beide Enzykliken waren Kampfansagen der Kurie an die organisierte Arbeiterbewegung
Von Daniel Bratanovic
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Eine der Kurie genehme Sozialordnung? Kundgebungen der austrofaschistischen Vaterländischen Front im Jahr 1936

Vor gut drei Jahren, Anfang Mai 2018, kamen in Trier hohe Repräsentanten von Staat und Wissenschaft, von Kirche und Kommune zusammen, eines Mannes zu gedenken, den zu ehren diesen Leuten schwerfallen musste. Wie sollte sich der 200 Jahre zuvor in der Bistumsstadt zur Welt gekommene lebenslange Staatsfeind und Kritiker der warenproduzierenden Gesellschaft bloß eingemeinden lassen? Die meisten stießen harmlose Poesiealbumweisheiten hervor, doch einige bekannten freimütig, dass sie mit diesem Karl Marx nicht recht viel anzufangen wissen, und nannten einen anderen Gewährsmann. Sowohl der damalige EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker wie auch der Präsident der ortsansässigen Universität gaben an, den Ideen des ebenfalls in Trier geborenen Jesuiten Oswald von Nell-Breuning sehr viel näher zu stehen.

Die da präsentierte, eher beiläufig vorgenommene Gegenüberstellung beider Personen war ein kaum kaschierter Hinweis auf einen längst nicht ausgestandenen ideologischen Konflikt, den die Kurie immer wieder bekräftigte: gottloser Klassenkampf oder Klassenversöhnung in christlichem Gewand. Nell-Breuning (1890–1991) jedenfalls war der maßgebliche Ghostwriter der von Papst Pius XI. am 15. Mai 1931 veröffentlichten Enzyklika »Quadragesimo anno«. Zeitpunkt und Titel dieses päpstlichen Rundschreibens wiederum verweisen auf eine andere, nämlich genau 40 Jahre zuvor an den ganzen katholischen Erdkreis ergangene Enzyklika. Mit »Rerum novarum« verhielt sich Papst Leo XIII. im Jahr 1891 zum vom entfesselten Kapitalismus gänzlich umgekrempelten Sozialgefüge und gab an, was das für seine Kirche nun bedeutete. Beide Schreiben gelten als zentrale Dokumente der katholischen Soziallehre und sind zugleich und im wesentlichen Kampfansagen an die sozialistische Arbeiterbewegung.

Naturrecht Eigentum

Während des 19. Jahrhunderts beschäftigte die Kurie die längste Zeit der weltanschauliche Gegensatz zum Liberalismus, der mit seinem Rationalismus die Rechte der Kirche beschränkte und die des Staates verabsolutierte, der die Geltung der christlichen Ehe- und Sittenlehre bestritt und schließlich die weltliche Herrschaft des Papstes in Frage stellte. Mit Leo XIII. (Pontifikat von 1878 bis 1903) begann sich das zu ändern, der Papst suchte ein Auskommen mit den bürgerlichen Nationalstaaten, legte den äußerst hart ausgefochtenen »Kulturkampf« mit dem Deutschen Reich bei und empfahl den weitgehend monarchistisch gesinnten Vertretern des französischen Katholizismus ein Arrangement mit der laizistischen Dritten Republik (Ralliement-Politik). In Italien dauerte die Aussöhnung mit der liberalen Bourgeoisie länger, Einmarsch und Sturz der Herrschaft im Kirchenstaat 1870 im Zuge der bürgerlichen Revolution bzw. der Nationalstaatsgründung galten den intransigenten italienischen Katholiken als unverzeihlich. Doch in der Zwischenzeit war ein neuer Gegner erwachsen, dessen Stärke ein Bündnis mit Staat und Kapital nahelegte.

Antonio Gramsci hat in seinen »Gefängnisheften« angemerkt, dass Rerum novarum »fast gleichzeitig (…) mit dem Übergang der italienischen Arbeiterbewegung von der Unentwickeltheit zu einer realistischen und konkreten (…) Phase« erschien. Zudem lag der Zeitpunkt der Veröffentlichung ein Jahr nach Aufhebung der Sozialistengesetze im Deutschen Reich. Unmittelbar nach deren Fall hatte sich der »Volksverein für das katholische Deutschland« gegründet, der rasch zur größten klerikalen Massenorganisation anwuchs und es sich, wie Lenin 1913 schrieb, zur Aufgabe gemacht hatte, »die ›christliche‹ (in Wirklichkeit kapitalistische) Ordnung zu verteidigen und die ›grundstürzenden‹ (d. h. sozialistischen) Bestrebungen zu bekämpfen«.

Das päpstliche Rundschreiben ist von diesem Gedanken durchdrungen, hebt aber zunächst mit der Feststellung an, dass der »Geist der Neuerungen« (Rerum novarum), der seit langem durch die Völker gehe, zunächst seine »verderblichen Wirkungen« auf dem politischen Gebiet entfaltet habe, nun aber »folgerichtig auch das volkswirtschaftliche Gebiet ergreifen« musste. Die Arbeiterfrage »sei geradezu in den Vordergrund der ganzen Zeitbewegung getreten«. Festgestellt wird, »dass die Arbeiter allmählich der Herzlosigkeit reicher Besitzer und der ungezügelten Habgier der Konkurrenz isoliert und schutzlos überantwortet wurden«. Doch der »Lösungsvorschlag des Sozialismus« bedeute die »Zerstörung des gesellschaftlichen Lebens«. Statt dessen plädiert der Papst für ein vom Staat zu setzendes System sozialreformerischer Maßnahmen – Arbeiterschutz, Gewinnbeteiligung –, mit denen die Arbeiter an die kapitalistische Gesellschaftsordnung gebunden werden sollten, und spricht sich für die Stärkung »katholischer Arbeiterverbände« aus.

Der sozialdemokratische Vorwärts kommentierte damals, ausgerechnet das Haupt der katholischen Christenheit habe der liberalen Bourgeoisie »offen und scharf die Grenzlinie bezeichnet, bis zu welcher sie gehen dürfen, wenn sie von den Forderungen der Arbeiter anscheinend möglichst viel erfüllen, aber von der überlegenen Position der herrschenden Gewalten und Klassen (…) nichts, aber auch rein gar nichts preisgeben wollen«.

Die maßgeblichen Aussagen der Enzyklika lassen sich mit Gramsci wie folgt zusammenfassen: Das Privateigentum, besonders der Grundbesitz, ist ein »Naturrecht«, das nicht einmal durch hohe Steuern verletzt werden darf; die Armen müssen sich mit ihrem Los bescheiden, weil die Klassenunterschiede und die Verteilung des Reichtums göttliche Fügungen sind und der Versuch, sie zu beseitigen, gottlos wäre; das Almosen ist Christenpflicht und setzt das Vorhandensein von Armut voraus; die soziale Frage ist vor allem eine moralische und religiöse und keine ökonomische und muss mit der christlichen Nächstenliebe und den Geboten der Sittlichkeit und dem Urteil der Religion gelöst werden.

Ständestaat

Dieser Kerngehalt findet sich nahezu unverändert auch 40 Jahre später in der von Pius XI. verkündeten Enzyklika Quadragesimo anno. 1931, auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise, ein gutes Jahrzehnt nach den revolutionären Erschütterungen in Europa und angesichts wachsender sozialdemagogischer, ultrareaktionärer Massenbewegungen auf dem ganzen Kontinent, beklagte die Kurie erneut wortreich die unheilvollen Auswirkungen des Kapitalismus. Verurteilt wird in dem Rundschreiben ein »verderblicher und verwerflicher finanzkapitalistischer Internationalismus oder Imperialismus des internationalen Finanzkapitals, das sich überall da zu Hause fühlt, wo sich ein Beutefeld auftut«. Doch der Sozialismus jedweder Schattierung sei »schlimmer als das zu heilende Übel selbst«. Am schlimmsten sei der offen kirchen- und gottfeindliche kommunistische Sozialismus, der nicht auf Schleich- und Umwegen, sondern mit offener und rücksichtsloser Gewalt seine beiden Hauptziele verfolge: schärfster Klassenkampf und äußerste Eigentumsfeindlichkeit.

Gegen jenen verderblichen Klassenkampf und diese verwerfliche Eigentumsfeindlichkeit hielt die katholische Soziallehre eine andere Lösung bereit: Werksleitung und Belegschaften sollten »in gemeinsamen Überlegungen und Anstrengungen (…) der Schwierigkeiten und Hindernisse Meister zu werden suchen«; »Staatsmänner und gute Staatsbürger« in heißem Bemühen »dahin trachten, aus der Auseinandersetzung zwischen den Klassen zur einträchtigen Zusammenarbeit der Stände uns emporzuarbeiten«. Nur ein »wirklicher Sozialorganismus« mit seinen wohlgefügten, natürlichen Gliedern, Berufsständen, nicht mehr Klassen, die einander gegenseitig befruchten und ergänzen, nur dieser »innige Bund von Intelligenz, Kapital und Arbeit« könne »der menschlichen Schaffenskraft ihre Fruchtbarkeit« gewährleisten, könne den unnatürlich-gewaltsamen Zustand der Gesellschaft beenden. Denn schon eine flüchtige Überlegung lasse die Vorteile dieses Sozialkörpers erkennen: »friedliche Zusammenarbeit der Klassen, Zurückdrängung der sozialistischen Organisationen und Bestrebungen«.

Das gesellschaftspolitische Ziel der Kurie hieß demnach 1931 berufsständische Ordnung, hieß Korporativstaat. Ein anderes Wort dafür lautete – Faschismus. Die österreichischen Klerikalfaschisten der 30er Jahre jedenfalls beriefen sich in ihrer Programmatik auf die Enzyklika von Pius XI. bzw. von Nell-Breuning. An solche lästigen Details wird zur heuchlerischen Feier von Karl Marx vor drei Jahren vermutlich niemand derer gedacht haben, die sich da für Nell-Breuning erwärmen mochten.

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