1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Gegründet 1947 Donnerstag, 17. Juni 2021, Nr. 138
Die junge Welt wird von 2552 GenossInnen herausgegeben
1.000 Abos für die Pressefreiheit! 1.000 Abos für die Pressefreiheit!
1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Aus: Ausgabe vom 15.05.2021, Seite 11 / Feuilleton
Kunst

Mit gezielten Hieben

Gegen die Menschheitsmörder: Radierungen von Hans Grundig in der Galerie Mitte, Dresden
Von Peter Michel
Goebbels-Propaganda Kopie.jpg
Hans Grundig: »Goebbels-Propaganda«, aus der Folge »Tiere und Menschen« (1936), 15 x 33,5 cm

In seiner Inaugurationsrede erinnerte der Maler und Graphiker Hubertus Giebe 1987 an profilgebende Lehrer der Dresdener Kunsthochschule, an Otto Dix, Oskar Kokoschka, Eugen Hoffmann und – nicht zuletzt – Hans Grundig. Er bezeichnete sie als Fixsterne am Himmel der deutschen klassischen Moderne, als Vertreter einer Avantgarde, die in Europa und darüber hinaus angenommen wurde. Und er riet den Studenten, die Leistungsfähigkeit solcher Persönlichkeiten, ihre einmalige Begabung unter jeweils unwiederholbaren Konstellationen zu erfassen, daraus zu lernen, aber letztlich nichts nachzuahmen, sondern das Eigene, Anspruchsvolle zu finden. Sieht man heute – 34 Jahre nach dieser Rede – Diplomausstellungen an dieser Hochschule, sucht man den Geist jener Vorbilder meist vergebens. Er wurde seit den »Wende«-Jahren gründlich ausgetrieben.

Hans Grundig hatte am 17. ­April 1947 als neuer Rektor die Dresdener Akademie der Bildenden Künste wiedereröffnet und als Professor eine Malklasse übernommen. Er war in der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR ein geehrter, geachteter, bekannter Künstler. Schon an den Schulen wurde über ihn gesprochen; seine Frau Lea Grundig war Autorin eines Bild­leseheftes über ihn für den Unterricht im Fach Kunsterziehung. Seine bekanntesten Bilder – »Das Tausendjährige Reich« (Triptychon, 1935–38), »Den Opfern des Faschismus« (zwei Fassungen, 1946/47), »Ächtet die Atombombe« und andere – waren im Bildgedächtnis vieler DDR-Bürger präsent. In den Museen wurden seine Gemälde und Graphiken gezeigt. Seine 1957 erschienene Autobiographie »Zwischen Karneval und Aschermittwoch« wurde tausendfach gelesen. Noch in seinem Todesjahr 1958 erlebte er die Eröffnung der ersten großen Ausstellung des eigenen und des Gesamtwerkes seiner Frau Lea im Dresdener Albertinum und die Auszeichnung mit dem Heinrich-Mann-Preis der Akademie der ­Künste. Am 11. September starb er im Alter von 57 Jahren an den Folgen einer schweren Tuberkuloseerkrankung, die ihn in der KZ-Haft befallen hatte und die auch durch mehrere Kuraufenthalte nach 1946 nicht einzudämmen war. Der Nationalpreis für das künstlerische Gesamtwerk wurde ihm noch 1958 posthum verliehen. Auch Lea Grundig nahm diese Auszeichnung damals entgegen.

Sein Leben war geprägt von den Klassenverhältnissen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Am 19. Februar 1901 wurde er in Dresden in einer Malerfamilie geboren. Er besuchte die Volksschule, begann eine Lehre als Dekorationsmaler und arbeitete eine Zeitlang in einem Kamerawerk. Ab 1920 studierte er zunächst an der Dresdener Kunstgewerbeakademie und schließlich an der damaligen Königlichen Akademie der Künste Dresden. Dort suchte er die Bekanntschaft mit Otto Dix, später auch mit Otto Griebel und anderen. Im Jahr 1926 trat er in die KPD ein und lernte die Kunststudentin Lea Langer kennen, die er zwei Jahre danach heiratete. 1929 gründete er gemeinsam mit gleichgesinnten Künstlern die Dresdener Assoziation revolutionärer bildender Künstler (Asso). Als 1933 die Faschisten im Lichthof des Dresdener Rathauses die diffamierende Ausstellung »Siegelbilder des Verfalls in der Kunst« zeigten, wurden auch einige Gemälde Hans Grundigs an den Pranger gestellt. Das Triptychon »Das Tausendjährige Reich«, eines seiner bedeutendsten Werke, das die Apokalypse des untergehenden Dresden vorausahnte, entstand bereits in der Illegalität; 1936 war er aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen worden und hatte damit Berufsverbot. Es folgten mehrere Verhaftungen gemeinsam mit Lea Grundig. In der groß angelegten Münchener Ausstellung »Entartete Kunst« war ein Werk von ihm zu sehen. 1940 kam er in das KZ Sachsenhausen, wurde 1942 in das KZ-Außenlager Berlin-Lichterfelde überführt und 1944 in die Strafdivision Dirlewanger ­eingezogen. Am 25. Dezember 1944 trat er bei einem Fronteinsatz bei Budapest zur Roten Armee über. Er besuchte 1945 eine Antifaschule bei Moskau und kehrte am 3. Januar 1946 nach Dresden zurück.

Mit einer solchen Biographie tun sich aktuelle Mainstreammedien schwer. Artikel zu seinem 120. Geburtstag waren – mit Ausnahme regionaler Blätter – äußerst selten. Bilder von ihm sind noch in Dresden und Leipzig zu sehen. In der Schriftenreihe der Dresdener Kunsthochschule erschienen Beiträge über ihn. Und es gibt z. B. im Jahrbuch der Guernica-Gesellschaft 2020 in einem Aufsatz von Martin Papenbrock über Zuneigung und Intimität als soziale Motive in Bildern der zwanziger Jahre einen einfühlsam und kenntnisreich geschriebenen Abschnitt über das Bild »Liebespaar«, das Hans Grundig noch als Student gemalt hatte.

Unermüdlich kümmert sich jedoch Maria Heiner, eine Ärztin aus Dresden, die mit Lea Grundig befreundet war, um die Pflege des künstlerischen Erbes beider Grundigs. Seit 2009 zeigt sie immer wieder Radierungen Hans Grundigs in unterschiedlichen Galerien. Mitglieder der Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde (GBM) werden sich an die Ausstellung in der Berliner GBM-Galerie erinnern, die 2010 Radierungen von Hans und Lea Grundig zu jeweils gleichen Themen gegenüberstellte. Auch in Döbeln, Schwedt und Dresden, in der Inselgalerie und in der Ladengalerie der jungen Welt in Berlin waren Graphiken von Hans Grundig zu sehen.

Gegenwärtig beherbergt die Galerie Mitte in Dresden eine sorgfältig vorbereitete Exposition mit Radierungen des Zyklus »Tiere und Menschen«. Die Arbeit an diesen Blättern hatte Hans Grundig bereits 1933 nach dem Kauf einer Tiefdruckpresse begonnen und 1938 beendet. Es sind eindringliche, expressive Werke, welche die Nazibarbarei und den Widerstand dagegen auf einzigartige Weise nacherlebbar machen und die bisher noch nicht in angemessener Weise rezipiert und ­gewürdigt wurden. Hans Grundig bedient sich darin teilweise einer eigenwilligen Tiersymbolik; in anderen Radierungen wird er sehr direkt und arbeitet – wie er in seiner Autobiographie schrieb – »mit gezielten Hieben, die den Menschheitsmördern galten«. Auch in dieser Ausstellung sind teilweise Werkpaare zu sehen, in denen sich Hans und Lea Grundig in jeweils persönlicher Bildsprache zu bestimmten Themen äußern, z. B. »Gefangen«, »Haussuchung«, »Flucht«, »Absturz«. Zu ihren Lebzeiten hatten es beide Künstler vermieden, direkt miteinander verglichen zu werden; sie bestanden auf ihrer Eigenständigkeit. Doch für die kunstwissenschaftliche Forschung ist eine solche Methode sinnvoll.

Eine Eröffnung dieser vollendeten Ausstellung konnte coronabedingt bisher nicht stattfinden. Man kann sich unter der Rufnummer 0179/297 95 52 darüber informieren, wann und unter welchen Umständen ein Besuch möglich ist. Hingewiesen sei auf den von Maria Heiner erarbeiteten, aufschlussreichen, mit guten Abbildungen versehenen Katalog dieser Ausstellung, der jedem Freund engagierter realistischer Kunst zu empfehlen ist.

Der Katalog kann in der Galerie bestellt werden und kostet 15 Euro.

Galerie Mitte, Frau Karin Weber, Striesener Straße 49, 01307 Dresden

www.galerie-mitte.de

1.000 Abos jetzt

Die Bundesregierung sagt: der Tageszeitung junge Welt sei mit geheimdienstlichen Mitteln der »Nährboden zu entziehen«. Wirtschaftlich und wettbewerbsrechtlich negative Folgen durch die Nennung der Zeitung im Verfassungsschutzbericht seien sogar beabsichtigt.

Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

Ähnliche:

  • Arbeiten Ruthild Hahnes in ihrem ehemaligen Atelier in der Erich...
    18.12.2020

    Schlichtheit und Größe

    Eine Erinnerung an die Bildhauerin Ruthild Hahne anlässlich ihres 110. Geburtstages am 19. Dezember
  • Im Pferdestall (1952), Farblithografie (Kreide) von vier Steinen...
    11.04.2018

    Die Kunst des Druckens

    Zur Ausstellung »Arno Mohr – Frühe Druckgrafik 1947–1955« in der Ladengalerie der jungen Welt
  • Aus der Kolonialgeschichte: Das »Damaskus-Zimmer« in Dresden (da...
    29.06.2015

    Auf der anderen Seite

    Im Dresdener Kunsthaus setzt sich die Ausstellung »Künstliche Tatsachen – Boundary Objects« mit der kolonialen Geschichte der Stadt auseinander

Mehr aus: Feuilleton