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Aus: Ausgabe vom 14.05.2021, Seite 12 / Thema
Wissenschaftliche Welterschließung

Der Kenntnissammler

Von einem Universalwissenschaftler, der uns humanistische Multidisziplin, Internationalität und fächerübergreifende Zusammenarbeit lehrt. Zum 110. Geburtstag von Walter Hollitscher
Von Michael Klundt
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Walter Hollitscher strebte danach, das Weltbild der Gegenwartswissenschaft marxistisch zu umreißen (mit Frau Violetta im Ostberliner Tierpark, 1971)

Im Veranstaltungsverzeichnis und in den Angaben zur Geschichte der Hochschule erinnert nichts an den ersten Direktor der philosophischen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin nach 1949. Nun gut, dann tun wir es eben.

Das Kind Walter Hollitscher, am 16. Mai 1911 in Wien geboren, wuchs zwischen den beiden Haushalten seiner geschiedenen Eltern in Österreich und in Tschechien relativ gutbürgerlich auf. Er war nach eigenem Bekunden Eidetiker, das heißt er las etwas und konnte es sich danach (praktisch vollständig) merken. Im Prager Kinderheim wurde er von der jungen Helene Weigel betreut, mit zehn Jahren las er Karl Kraus’ »Letzte Tage der Menschheit«, mit 13 Jahren versuchte er sich am »Kapital« von Karl Marx. Zur selben Zeit wurde Hollitscher Mitglied in der tschechischen Kommunistischen Jugend. 1929 trat er in die KPÖ ein und begann an der Universität Wien sein Studium der Philosophie, Biologie und Medizin. 1933 promovierte er bei »meinem Lehrer Moritz Schlick«, wie Hollitscher sagte, mit einer Arbeit über das Kausalprinzip in der Quantenphysik. Schlick leitete von 1924 bis 1936 eine Gruppe Intellektueller aus den Bereichen der Philosophie, der Naturwissenschaften, Sozialwissenschaften, der Mathematik und Logik, die sich weitgehend dem neopositivistischen logischen Empirismus als ihrer »wissenschaftlichen Weltauffassung« verpflichtet fühlten und »Wiener Kreis« genannt wurden.

Nach dem Machtantritt des Austrofaschismus in Österreich 1934 wurde der Antifaschist Schlick am 22. Juni 1936 im Klima des Rassismus, der Intoleranz und des Irrationalismus von einem ehemaligen Studenten in der Wiener Universität erschossen. Hollitscher musste nach der Annexion Österreichs durch das faschistische Deutschland 1938 zuerst nach Zürich flüchten, um kurz danach nach London emigrieren zu können. Dort lebte der junge Mediziner, Philosoph und Psychologe bis 1945 als Vizepräsident des »Austrian Centre« auch als offizieller Vertreter der Psychoanalyse nach Sigmund Freud. Dem marxistisch-leninistischen Philosophen Dieter Wittich zufolge, der sich auf die Recherche des Wissenschaftshistorikers Hubert Laitko bezog, sind Walter Hollitschers Mutter und Großmutter in Auschwitz ermordet worden. Darüber habe Hollitscher sein ganzes Leben lang nicht mit Schülern, Kollegen oder Freunden gesprochen.

Nach der Befreiung vom Faschismus kehrte Hollitscher im Oktober 1945 nach Österreich zurück und war als Mitarbeiter in der Wiener Volksbildung und im Institut für Wissenschaft und Kunst tätig, das als ein Sammelbecken fortschrittlicher Wissenschaftler fungierte, 1946 auch als Leiter der von ihm eingerichteten Abteilung für Wissenschaftstheorie. 1947 wurde Hollitscher Konsulent für Wissenschaft im Amt für Kultur und Volksbildung der Gemeinde Wien und erstellte Lehrpläne für die Wiener Volksbildung. Dabei hielt er viele Vorträge über zahlreiche Themen, um unter der aufgeschlossenen wissenschaftlichen und künstlerischen Intelligenz zu wirken. Mit dem heißer werdenden Kalten Krieg verringerte sich die Zahl der Arbeitsmöglichkeiten immer mehr, so dass Hollitscher 1949 dem Ruf der Berliner Humboldt-Universität folgte, wo er bis 1953 als Ordinarius für Logik und Erkenntnistheorie und erster Direktor des philosophischen Instituts tätig war. Nach seiner sehr unappetitlichen, umstrittenen, sehr dubiosen, aber von ihm bis zum Lebensende diskret gehaltenen, politisch bedingten Rückkehr 1953 war Hollitscher erneut als »Wissenschaftskonsulent« für das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Österreichs tätig, dem er seit dem 19. Parteitag 1965 auch als Mitglied angehörte. Seit 1966 arbeitete er als Gastprofessor für philosophische Probleme der modernen Naturwissenschaften an der Karl-Marx-Universität in Leipzig, die ihm 1971 die Ehrendoktorwürde verlieh.

Realistischer Bekehrer

Zwischen Wiener Kreis und Marx, zwischen Freud und Iwan Pawlow, zwischen Kommunismus und Kybernetik (zum Beispiel ersten Ideen für Schachcomputer und Konzepten für eine »Industrie 4.0«) denkt und forscht und diskutiert dieser Mann. Zwischendurch lernt er noch unter dem »Guernica«-Bild von Pablo Picasso die Liebe seines Lebens kennen, seine wichtigste Unterstützerin und Ehefrau Violetta Giovanna Maria Montuschi – eine in London geborene Pianistin, deren Eltern aus Bologna beziehungsweise Florenz stammten –, und darf bei Bertolt Brecht als »wissenschaftlicher Berater« bei der Erstellung des Gedichts »Erziehung der Hirse« fungieren.

Nicht nur Anhängerinnen und Anhänger des Positivismus Karl Poppers entdecken in Hollitscher einen kritischen Abkömmling des Wiener Kreises, der als Schüler von Moritz Schlick und Kollege von Otto Neurath auch gut bekannt war mit den Philosophen Rudolf Carnap und Popper selbst. Auch der Philosoph Paul Feyerabend äußerte sich ausnehmend freundlich über ihn und dankte ihm für die Bekehrung zum »Realismus«: »Als ich mit Hollitscher zu diskutieren begann, war ich ein hirnloser (wenn auch nicht wortloser) Positivist. (…) Hollitscher machte es von Anfang an klar, dass er ein Kommunist war und dass er versuchen würde, mich von den sozialen und intellektuellen Vorteilen des dialektischen und historischen Materialismus zu überzeugen. Da gab es keine heuchlerischen Phrasen wie ›Vielleicht habe ich unrecht, vielleicht hast du recht, aber zusammen werden wir die Wahrheit finden‹, mit denen ›kritische‹ Rationalisten ihre Indoktrinationsversuche verbrämen, die sie aber in dem Augenblick vergessen, in dem ihre Position in Gefahr ist. Noch vermengte Hollitscher je Freundschaft und Ideologie. Er kritisierte natürlich meine Haltung und kritisiert mich auch heute noch, aber verwendet persönliche Beziehungen niemals, um einem Argument größere Stoßkraft zu geben. Darum ist Hollitscher ein Lehrer, Karl Popper aber, den ich auch kennenlernte, ein bloßer Propagandist.«

Ein roter Diderot

Nach seinem noch im englischen Exil entstandenen Buch über Sigmund Freud (»Freud. An Introduction«, London 1947) und einer Publikation über und gegen Rassendoktrinen verfasste Hollitscher zwischen 1949 und 1981 einige wissenschaftsphilosophisch und natur- wie gesellschaftswissenschaftlich genauso herausragende wie zugleich sich um Verständlichkeit bei Nichtakademikern bemühende Werke. Er schrieb »Wissenschaftlich betrachtet …«, »Die Natur im Weltbild der Wissenschaft« sowie »Der Mensch im Weltbild der Wissenschaft«. Die beiden letztgenannten Bücher wurden in mehreren Auflagen gedruckt und in viele Sprachen übersetzt; eine sechsbändige Ausgabe wurde in den 1980er Jahren vom Berliner Akademie-Verlag und vom Kölner Verlag Pahl Rugenstein unter Mitarbeit seiner DDR-Kollegen überarbeitet und herausgebracht; der letzte Band erschien 1985. Des weiteren erschienen in den 1970er Jahren »Tierisches und Menschliches«, »Kain oder Prometheus? Zur Kritik des zeitgenössischen Biologismus«, »Der überanstrengte Sexus. Die sogenannte sexuelle Emanzipation im heutigen Kapitalismus«, »Für und wider die Menschlichkeit« sowie noch 1981 »Bedrohung und Zuversicht«.

Die Veröffentlichung seiner »Vorlesungen zur Dialektik der Natur« (von 1949/1950) wurde unterbunden, da dem Autor zuviel Wiener Kreis und zuwenig vor allem sowjetischer dialektischer Materialismus unterstellt wurde. Die verdienstvolle Veröffentlichung der »Naturdialektik« 1991 enthält auch das Protokoll einer wissenschaftlich-politischen Kritik an und Abrechnung mit Hollitscher von Kollegen und Einflussträgern (vor allem Kurt Hager) aus dem Jahr 1950. Hollitscher hat diese Episode sowie die Hintergründe seiner Vertreibung im Frühjahr 1953 sein Leben lang solidarisch und kollegial, aber auch auf Kommunisten die Schamesröte ins Gesicht treibende Weise verarbeitet.¹

Dem Herausgeber der großen französischen Enzyklopädie, Denis Diderot (1713–1784), war es nach eigenen Worten darum gegangen, »die auf der Erdoberfläche verstreuten Kenntnisse zu sammeln, das allgemeine System dieser Kenntnisse den Menschen darzulegen, mit denen wir zusammenleben, und es den nach uns kommenden Menschen zu überliefern, damit die Arbeit der vergangenen Jahrhunderte nicht nutzlos für die kommenden Jahrhunderte gewesen sei; damit unsere Enkel nicht nur gebildeter, sondern gleichzeitig auch tugendhafter und glücklicher werden und wir nicht sterben, ohne uns um die Menschheit verdient gemacht zu haben.« In diesem Geiste lassen sich auch im 20. Jahrhundert nicht allzu viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler finden. Zu ihnen gehören sicherlich Hans Jörg Sandkühler mit seiner vierbändigen »Europäischen Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaften« (1990), Herbert Hörz mit seinem »Wörterbuch Philosophie und Naturwissenschaften« (1991) und dem gemeinsam mit Ulrich Röseberg herausgegebenen Band »Dialektik der Natur und der Naturerkenntnis« (von 1990, den Zeitumständen geschuldet vorerst ungedruckt geblieben, 2013 mit aktuellem Vorwort von John Erpenbeck erschienen). Ein Klassiker ist »Die Wissenschaft in der Geschichte« des englischen Physikers John D. Bernal (1954 erstveröffentlicht, in späteren Ausgaben überarbeitet).

Auf seine Art hatte Walter Hollitscher in den 1960er Jahren »Die Natur im Weltbild der Wissenschaft« (1960/64) und »Der Mensch im Weltbild der Wissenschaft« (1969) verfasst und damit in zwei Bänden einen enzyklopädisch-umfangreichen Blick auf den biologischen, den psychologischen und sozialen Menschen sowie auf Physik, Chemie und Biologie geworfen. Im ersten Band soll der gegenwärtige Stand der Naturforschung mit Hilfe dialektisch-materialistischer Philosophie kritisch dargelegt werden. Hollitscher behandelt die Entwicklung des Naturbildes im Laufe der Geschichte, wendet sich dabei auch den Problemen der Physik und besonders der Relativitätstheorie im Verhältnis zur Quantenmechanik zu. Es werden Entstehung und Entwicklung von Himmelskörpern, Ursprung und Aufstieg des Lebens, Vererbungsprobleme, Menschwerdung und schließlich Bewusstseinsentstehung untersucht. Der Autor stützt sich bei der wissenschaftlichen Fundierung seines Unterfangens, bei Beweisführung und Polemik auf die zu seinem Zeitpunkt aktuellste angloamerikanische, französische, deutschsprachige und sowjetische Forschungsliteratur. Joseph Needham, der bekannte Biologe und Wissenschaftshistoriker sowie Mitglied der Britischen Königlichen Gesellschaft, schreibt zum Beispiel über die »Natur im Weltbild der Wissenschaft«: »Ich habe dieses Buch mit großer Anerkennung, ja mit Bewunderung gelesen, denn ich finde, dass es tatsächlich eine Geschichte des wissenschaftlichen Denkens der modernen Zeit darstellt. Ich kenne kein Buch in einer anderen westlichen Sprache, welches alle diese Gebiete behandelt …«

Mit »Der Mensch im Weltbild der Wissenschaft« vervollständigte Hollitscher sein monumentales Vorhaben, das Weltbild der Gegenwartswissenschaft in marxistischer Sicht zu umreißen. Das Werk bringt eine Kennzeichnung der körperlichen, psychischen und gesellschaftlichen Eigenart der Gegenwartsmenschen. Dabei zeigt er in ständiger Würdigung der Meinungen Andersdenkender und der Auseinandersetzung mit ihnen, wie die Menschen zu dem wurden, was sie sind, und was aus ihnen werden kann. Probleme der Anatomie, der Physiologie – vornehmlich der Hirnforschung –, der theoretischen Medizin, der Reflex-, Verhaltens- und »Tiefen«-Psychologie, der Ökonomie des Kapitalismus, Sozialismus und Kommunismus, Kontroversen um Ideologie-, Entfremdungs-, Religions-, Wissenschafts-, politische, Rechts-, Moral- und Kunstprobleme seiner Gegenwart werden von Hollitscher in abgewogener und zugleich parteiergreifender Weise analysiert. Für alle nachdenklichen Menschen finden sich hier viele enzyklopädische Informationen, und es gibt (immer noch reichlich) Stoff zur kritischen Reflexion.

Im Hintergrund

Denn so selbstkritisch müssen wir schon sein: Die Straßen sind gegenwärtig nicht gerade gepflastert mit großen marxistischen Enzyklopädisten. Um so bedauerlicher, wenn dann Vertreter dieser Art sowenig Würdigung erfahren wie der am 6. Juli 1986 in Wien verstorbene Walter Hollitscher.

Wer wissenschaftsphilosophisch Gehaltvolles über Hollitscher erfahren will, muss Hörz, Laitko, Wittich, Erpenbeck lesen. Wenn Robert Steigerwald nicht ab und zu im Interview mit jW oder in Beiträgen für die Zeitung Unsere Zeit der DKP auf ihn zurückgekommen wäre, wenn Hans Heinz Holz, Martin Krenn, Karl-Heinz Braun und Ingeborg Rapoport nicht immer wieder auf den großen Volkshochschullehrer der Arbeiterbewegung im 20. Jahrhundert hingewiesen hätten, wäre er wohl auch dem Verfasser dieser Zeilen unbekannt geblieben. Wie konnte das nur kommen, und wie lässt sich das schnellstmöglich ändern?

Der norwegische Sprachwissenschaftler und Tiefenökologe Arne Næss (1912–2009) konnte noch selbst als Zeitzeuge aus seiner Mitgliedschaft im Wiener Kreis berichten. In seiner Autobiographie erzählte er: »In der Klarheit seiner Aussagen in den Seminaren stach ein Mann hervor, der, vermute ich, nur ein paar Jahre älter war als ich: Walter Hollitscher. Seine Beiträge im Seminar waren immer sehr kurz, gut vorgetragen und wunderbar klar. Die vorherrschende Ansicht über die Wichtigkeit der Sprache für die Philosophie fand darin einen wunderbaren Ausdruck. Er prägte den Satz: ›Es ist in der Sprache nicht vorgesehen.‹«

Nach einer längeren Ausführung über Hollitschers verdienstvolle sprachwissenschaftliche, psychoanalytische und philosophische Äußerungen und Erkenntnisse zur Hebung des wissenschaftlichen Niveaus im Wiener Kreis kommt Næss zu dem Ergebnis: »Ich habe über Walter Hollitscher soviel gesprochen, weil er Repräsentant des hohen ethischen Standards der Diskussionen ist. Aber er hat nicht viel veröffentlicht und blieb im Hintergrund.«

Einstein-, Heisenberg- und Dirac-Fans können mit Hilfe Hollitschers besser im Sinne ihrer jeweiligen kosmologischen Prinzipien argumentieren. Nicht nur der Berliner Physikochemiker Werner Haberditzl berief sich auf ihn als seinen Lehrer. Gesundheitswissenschaftler erfreuen sich an seinen Public-Health-Erkenntnissen aus den 1930er und 40er Jahren. Biologinnen dürfen durch ihn die frühesten Kritiken der sogenannten sozialbiologischen Schule, des Sozialdarwinismus und der Rassenideologie kennenlernen – mit naturwissenschaftlichen und philosophischen Argumenten. Psychologen erfahren, dass Hollitscher, aus der Schule Freuds stammend und diese Schule im britischen Exil der 1930er und frühen 40er Jahre autorisiert in London vertretend, 1947 eine wichtige Freud-Biographie schrieb und – auch in Auseinandersetzung mit Pawlow – als Mediziner und Philosoph darüber hinauszuwachsen bestrebt war. Er beschäftigte sich schon lange mit den Widersprüchen in Sexualität und Macht, mit kapitalkonformem Kommerzsex, Körperkult und Sexismus, als Alice Schwarzer noch nichts von Simone de Beauvoir wusste und »PC« noch Parti Communiste oder Partito Communista bedeutete, nicht »Political Correctness«. Und all das in verständlicher Sprache. Und aufgrund seines unglaublichen Universalgenies in viele Sprachen übersetzt.

Mit allen im Dialog

Bliebe als Fazit der »Let’s do the Name-Dropping-Waltz« in ein paar Stichworten: Hollitscher war auf wissenschaftlich-philosophisch-ästhetischer Augenhöhe mit Sigmund Freud, den Philosophen und Sozialwissenschaftlern Ludwig Wittgenstein, Karl R. Popper, Moritz Schlick, Otto Neurath, Paul Feyerabend, dem Schriftsteller H. G. Wells. Er stand im Gespräch mit den Naturwissenschaftlern John D. Bernal, J. B. S. Haldane, Joseph Needham, dem Sprachwissenschaftler Maurice Cornforth, dem Wirtschaftshistoriker Jürgen Kuczynski, der Schriftstellerin Ruth Werner, den Physikern Albert Einstein, Werner Heisenberg, Max Born und Paul Dirac, dem Biochemiker Samuel Mitja Rapoport, der Kinderärztin Ingeborg Rapoport, dem Musikwissenschaftler Georg Knepler, dem Neurologen Max Schacherl, dem Naturwissenschaftler Robert Havemann, den Kunstschaffenden Bertolt Brecht, Helene Weigel, Hanns Eisler, Pablo Picasso, Anna Seghers, Violetta Minucchi usw. usf.

Auch über den christlich-marxistischen Dialog lässt sich von Hollitscher einiges lernen. Der Psychologe Karl-Heinz Braun erzählt dazu: »Wer sich – wie ich – an die vielen persönlichen Gespräche mit Hollitscher erinnert, der kann dies nicht tun, ohne an die ›Atmosphäre‹ (also die subjektive Weise seiner Lebensweise) zu denken, in der das geschah.« Ohne Zwischenbemerkung will ich wieder zwei Andersdenkende sprechen lassen, nämlich die beiden Katholiken Franz Berger und Christiane Holler, die im Rahmen ihrer »Jesus-Recherchen« auch Hollitscher interviewten; in den Vorbemerkungen dazu heißt es: »Ich verlasse das (…) Glaubenszentrum wieder gehetzt – der nächste Termin drängt. (…) Mit hechelnder Zunge in der Wohnung des KP-Zentralkomitee-Professors eingetroffen. (…) Also, war dieser antike Jude jetzt Sozialrevolutionär oder nicht? Dann bin ich zwei Stunden in einer anderen Welt. Nichts von kalter Weltrevolution; trotz messerscharfer dialektischer Logik des Interviewten werde ich von einem alten Ehepaar – Professor und Gattin – in reizendster Weise umsorgt, getränkt und gefüttert. Wir trinken in der Bibliothek des Hausherrn Mokka, der Professor schnupft gefühlvoll Tabak. Ich fühle mich wie bei einem Privatgelehrten im vorigen Jahrhundert – intellektuell gefordert, aber geborgen in akademischer Diskussion. Der alte Herr und seine Frau sind faszinierende Köpfe. Nur die Tontechnik macht mir Sorgen. Der Professor hat nur mehr eine kranke, leise und heisere Stimme. (…) Wenn die Welt, das Leben, die Wirklichkeit so wären wie dieser Abend, ich glaube, ich wäre Kommunist.«

An anderer Stelle schreibt Braun: »Eben weil beide so waren, weil sie sozialistische Weltbürger waren, deshalb halte ich die Gründung eines ›Violetta-und-Walter-Hollitscher-Begegnungshauses‹ in Wien für einen besonders schönen Gedanken.« Da kann man Karl-Heinz Braun nur zustimmen. Und da Violetta im selben Jahr wie Walter Hollitscher starb und sich – ähnlich wie »Frau Thomas Mann« (Katja Mann) und »Frau Bertolt Brecht« (Helene Weigel) – nicht nur durch die gesamte Reproduktionsarbeit, sondern auch durch Diskussion und Korrekturlesen verdient gemacht hat um das Werk ihres Ehemannes, ja sogar als Mitautorin angesehen werden kann, sei sie hier ebenfalls in die Erinnerung eingeschlossen. Ohne ihre Ehefrauen wären die Jungs aufgeschmissen gewesen.

1 Bis an ihr Lebensende war Ingeborg Rapoport davon überzeugt, dass Hollitscher in der Übergangsphase nach dem Tod Josef Stalins in März 1953 offenbar zwischen die Fronten wirrer Fraktionskämpfe in Moskau und in Ostberlin geraten war und zudem eine Intrige des Chemieprofessors und Kollegen Robert Havemann mit dazu beigetragen habe, dass Hollitscher von sowjetischen Soldaten festgenommen und ausgewiesen wurde; trotz aller Archivfunde bleibt diese Affäre aber nebulös; vgl. Ingeborg Rapoport: Meine ersten drei Leben (Neuauflage), Berlin 2021, S. 379–381 sowie Hans-Christoph Rauh: Verdächtigt. Gedemütigt. Ausgewiesen. Erinnerung an ein Philosophenschicksal aus dem Jahre 1953 – zum 100. Geburtstag von Walter Hollitscher, in: ND vom 14.5.2011

Michael Klundt schrieb an dieser Stelle zuletzt am 26. Januar dieses Jahres über den sowjetischen Schriftsteller Ilja Ehrenburg zu dessen 130. Geburtstag: »Inkarnation seiner Epoche«.

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