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Aus: Ausgabe vom 07.05.2021, Seite 15 / Feminismus
Pariser Kommune

Geliebt und gehasst: Louise Michel

Florence Hervé vermittelt in Biographie Vielseitigkeit der Kommunardin und Aktivistin
Von Christiana Puschak
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Louise Michel spricht auf diesem Gemälde von Jules Girardet zu Pariser Kommunarden (1871)

Ist über die Symbolfigur der Pariser Kommune, Louise Michel, die die Geschichte Frankreichs sowie die Entwicklung des sozialistischen Feminismus geprägt hat, nicht schon alles gesagt und geschrieben worden? Wohl nicht in dieser Prägnanz. Kurz und bündig stellt uns die deutsch-französische Autorin Florence Hervé die Lebensgeschichte dieser »rebellischen«, außergewöhnlichen und facettenreichen »Himmelsstürmerin von Paris« vor.

Geboren wird Michel am 29. Mai 1830 in Vroncourt-la-Côte als außereheliche Tochter eines Dienstmädchens. Sie wächst bei »den Herrschaften Demahis« auf, die »überzeugte Republikaner und Anhänger von Voltaire« waren und von Michel »Großeltern« genannt wurden.

Neben dem Werdegang Michels legt Hervé in ihrem Buch großen Wert auf die Vermittlung ihrer Vielseitigkeit: Sie sei nicht nur Aktivistin der revolutionären Arbeiterbewegung, sondern auch Ethnologin, Botanikerin, Geologin, Schriftstellerin sowie Dichterin gewesen und »bis heute eine Identifikationsfigur für Freiheitskampf und Widerstand«.

Besonders hervorgehoben wird Michels Protest gegen den zu starken Einfluss der katholischen Kirche auf das Schulwesen, ihr Engagement als Lehrerin und ihr Eintreten für Prinzipien wie »Schule für alle, Erziehung zur Sexualität, keine Bestrafung (…) kein Unterschied zwischen den Geschlechtern« – zur damaligen Zeit wahrlich keine Selbstverständlichkeit.

Eingebettet wird Hervés »Erzählung« über die »rote Jungfrau vom Montmartre« in die Schilderung der sozialen und politischen Verhältnisse der damaligen Zeit. Hierbei stellt Hervé den ausgeprägten Sinn Michels für Gerechtigkeit und Großzügigkeit heraus, ohne den katholischen Hintergrund zu verschweigen.

Den in der männlich dominierten Geschichtsschreibung totgeschwiegenen Frauen der Pariser Kommune gibt Hervé Profil und Stimme, ist doch der Anteil der Frauen an der Revolte ein nicht zu unterschätzender gewesen. Denn: »Die Frauen fragten nicht danach, ob eine Sache möglich war, sondern ob sie nützlich war – und dann gelang es (…), sie durchzuführen.« Gleichzeitig unterstreicht Hervé den internationalen Charakter jener 72 Tage währenden sozialrevolutionären Bewegung und verweist auf die Wirkung dieser Zeit als »ein Stück verwirklichter Utopie« und als eine Alternative zum kapitalistischen System.

Wie aktuell Louise Michel ist, verdeutlicht Hervé am Beispiel der Debatte über die Geschlechterordnung. In Fragen der Gleichberechtigung von Mann und Frau erkannte Michel früh, so Hervé, dass Männer Frauen nur zu helfen »scheinen«, es aber nicht wirklich tun. Daraus zieht Michel die Konsequenz: »Bitten wir (…) nicht um unsere Rechte, nehmen wir sie uns«.

Dem biographischen Teil lässt Hervé Auszüge aus ihren Texten, Reden und Briefen folgen, die die Kraft, den Mut sowie das politische Engagement Michels zeigen und einen Einblick in ihre Gedanken zu Politik, Bildung, Ehe, Frauenrechten und ihre Hinwendung zum Anarchismus geben.

Abgerundet wird der sorgfältig zusammengestellte Band mit Äußerungen zu Louise Michel von Victor Hugo über Paul Verlaine, Clara Zetkin, Emma Goldman, Arthur Rimbaud bis zu Ruth Klüger. Schade nur, dass Berta Paulis ausführlicher Nachruf auf sie, veröffentlicht 1905 in der Neuen Freien Presse, keine Aufnahme fand, schrieb sie doch, dass Michels Leben »ein seltenes Beispiel unerschütterlicher Gesinnungstreue und Charakterfestigkeit« gewesen sei und dass sie dem Dreiklang von Freiheit, Gleichheit , Brüderlichkeit eine vierte Note hinzufügte: Menschlichkeit.

Zeitgenössische Aufnahmen Michels und Illustrationen komplettieren das Buch. Ein kleines, aber äußerst gelungenes, dem viele Leser zu wünschen sind.

Florence Hervé (Hrsg.): Louise Michel oder Die Liebe zur Revolution, Dietz Verlag, Berlin 2021, 135 Seiten, 12 Euro

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