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Aus: Ausgabe vom 07.05.2021, Seite 2 / Ausland
Proteste in Kolumbien

»Eine Strategie von Gewalt und Verfolgung«

Kolumbien: Regierung geht brutal gegen Protestierende vor. Diaspora in BRD ruft zu Solidarität auf. Ein Gespräch mit Edna Martinez
Interview: Carmela Negrete
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Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei am 5. Mai in der Hauptstadt Bogotá

Sie haben zusammen mit anderen vom Bündnis »Unidos por la Paz« am Mittwoch vor der Kolumbianischen Botschaft in Berlin demonstriert. Was hat Sie dazu bewegt?

Wir wollen den Menschen in Kolumbien zeigen, dass sie nicht allein sind, und die internationale Gemeinde dazu aufrufen, sich zu positionieren und ein Ende der Gewalt zu fordern. Die Regierung von Iván Duque kämpft gegen Menschen, die gegen wirtschaftliche Reformen protestieren. Die Situation vor Ort ist kritisch. Die Polizei geht mit Gewalt gegen Demonstrierende vor, die in der Mehrzahl unbewaffnet sind und einfach ihr Recht auf Protest wahrnehmen. Es gibt Hunderte Videos von Demonstrierenden, die zeigen, wie die Polizei in den Vierteln mitten in der Nacht mit Schusswaffen vorgegangen ist, was verboten ist. Sie haben Tränengas gegen wehrlose Kinder eingesetzt und sogar Feuer in Häusern gelegt.

»Unidos por la Paz« (Gemeinsam für den Frieden, jW) ist ein deutschlandweites Bündnis, das sich nach dem Referendum für den Friedensprozess gebildet hat. Die Kolumbianer, die Frieden in Kolumbien wollen, treffen sich in dieser Gruppe in mehreren Städten und machen beispielsweise Solidaritätsaktionen wie die jetzigen.

In Kolumbien wurden in den vergangenen Jahren Tausende soziale Anführer ermordet. Warum hat nun eine wirtschaftliche Reform so große Wut ausgelöst?

Die Menschen in Kolumbien protestieren seit Jahren praktisch täglich. Es wird gegen die Ungleichheit, die Gewalt und andere Dinge demonstriert. Die Regierung hatte die Repressionen und die Gewalt jahrelang mit dem Kampf gegen die Guerilla gerechtfertigt. Seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens ist dieser Sündenbock der Regierung aber weggefallen. Die Menschen haben dann realisiert, dass die Staatsfinanzen des Landes von den Politikern und ihren Freunden geplündert wurden. Die Gesellschaft ist nun aufgewacht und sieht, dass die Probleme in Kolumbien mit einer politischen Klasse zusammenhängen, die korrupt ist und lediglich ihre eigenen Interessen verteidigt.

Inwiefern war die Pandemie wichtig für diesen sozialen Politisierungsprozess?

Die Pandemie hat auch gezeigt, dass die Regierung nicht in der Lage ist, der Situation gerecht zu werden und eine soziale Antwort zu geben. Die Menschen sind des politischen Systems müde. Ich war vor kurzem in Kolumbien, und es bricht einem das Herz, wie viele kolumbianische Familien auf der Straße leben und betteln oder alles mögliche verkaufen müssen, um zu essen zu haben. Es gibt ein Wort für die Jugendlichen, die weder Arbeit haben, noch einer Ausbildung nachgehen: Sie werden »Ni-nis« genannt (etwa »Weder-noch«). So werden sie genormt, zum Objekt gemacht und nicht mehr als Menschen betrachtet.

In den Nachbarländern gibt es einen Rechtsruck sowie eine tiefe Krise in Venezuela. Hat das einen Einfluss auf die Härte, mit der die Regierung zur Zeit agiert?

Ich denke nicht. Die kolumbianische Regierung fährt eine Strategie von Gewalt und Verfolgung gegen jeden, der sich ihren Entscheidungen widersetzt und seine Rechte einfordert. Die Sicherheitskräfte mussten sich nicht rechtfertigen, keiner hat sie für ihre Verbrechen belangt. Immer mehr Fälle von sogenannten Falsos Positivos (etwa »falsch Positive«) kommen ans Licht. Das waren außergerichtliche Ermordungen von Zivilisten, die als gejagte Guerilleros präsentiert wurden. In den vergangenen Jahren wurde Kolumbien immer von den USA bevorzugt, damit es ihren Interessen weiterhin treu bleibt. In Kolumbien gibt es sieben US-Militärbasen, und das muss man immer mit im Auge behalten. Das hat einen größeren Einfluss als die Instabilität oder der Rechtsruck in der Region.

Wie informieren deutsche Medien aus Ihrer Sicht über Kolumbien?

Nach der Unterzeichnung des Friedensprozesses gab es viel weniger Interesse in Deutschland, über Kolumbien zu berichten. Die deutsche Regierung hat sich im Grunde hinter die kolumbianische gestellt, und die Medien haben das oft mehr oder weniger übernommen. Wenn man vergleicht, wie über Venezuela informiert wird, ist die Doppelmoral deutlich zu sehen. Alles, was dort passiert, wird aufgebauscht. Nun, wenn die Polizei in Kolumbien Menschen erschießt, ist hier kein richtiger Aufschrei zu hören.

Edna Martínez ist Soziologin an der Freien Universität Berlin und in der Organisation »Unidos por la Paz« (Gemeinsam für den Frieden)

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