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Aus: Ausgabe vom 04.05.2021, Seite 12 / Thema
Kriegsgegner

»Organisiert die Welt!«

Ein Leben für den Frieden. Zum 100. Todestag des Pazifisten Alfred Hermann Fried
Von Helmut Donat
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Alfred Hermann Fried, geboren am 11. November 1864 in Wien, gestorben ebenda am 4. Mai 1921

Verwechslungen kommen nicht von ungefähr. Als ich vor zwei Wochen meinem Arzt sagte, ich werde demnächst einen Artikel über Fried verfassen, reagierte er ganz erfreut: »Das hat der Dichter aber verdient. Ich erinnere mich noch gut an sein Gedicht ›Es ist, was es ist, sagt die Liebe‹.« Ich widersprach: »Nein, ich meine nicht den am 6. Mai in Wien geborenen Erich Fried, sondern den Friedensnobelpreisträger von 1911: Alfred Hermann Fried, gestorben am 4. Mai 1921 im Wiener Rudolfspital.« – »Nie gehört«, entgegnete mein Gegenüber, »waren die denn verwandt?« – »Nein, aber beide sind jüdischer Abstammung und in Wien geboren, waren dreimal verheiratet und herausragende Persönlichkeiten.«

Anders als Erich ist Alfred Hermann Fried heute weithin vergessen bzw. vergessen gemacht worden, obwohl oder gerade weil er Bahnbrechendes geleistet hat – nicht aber als Militär wie etwa Hindenburg, sondern als Pazifist und »Vorkämpfer der Abrüstung«, der sich sein ganzes Leben lang für den Frieden und den Aufbau einer internationalen Rechtsordnung engagiert hat.

Früh schon Kriegsgegner

Am 11. November 1864 geboren, interessierte er sich schon mit zwölf Jahren für Literatur. Infolge des Börsenkrachs von 1873 geriet die Familie in Not, und Alfred, schon früh Autodidakt und selbständig, verließ nach Sitzenbleiben das Gymnasium und machte eine Ausbildung zum Buchhändler. Mit etwa 16 Jahren sah er im Wiener Künstlerhaus die Werke des russischen Malers Wassili Wereschtschagin, dessen wirklichkeitsgetreue Kriegsdarstellungen ihn so ergriffen, dass er zum Kriegsgegner wurde. In welchem Maße Wereschtschagin die Betrachter seiner Werke erschütterte, verdeutlicht der Versuch von Feldmarschall Helmuth von Moltke, Soldaten und Schülern 1882 in Berlin den Besuch einer Wereschtschagin-Ausstellung zu verbieten.

Fried siedelte nach seiner Lehre von Wien nach Berlin über, wo er 1887 eine Verlagsbuchhandlung gründete. Seinen Vorschlag an Bertha von Suttner, die mit ihrem pazifistischen Roman »Die Waffen nieder!« großes Aufsehen erregt hatte, eine Monatsschrift herauszubringen, um »der Friedensidee in Deutschland und Österreich die nötige Verbreitung zu geben«, griff die Aristokratin gern auf, und 1892 erschien erstmals die nach dem Erfolgsroman benannte Zeitschrift Die Waffen nieder!. Aus der Zusammenarbeit zwischen dem Buchhändler kleinbürgerlicher Herkunft und der »Ruferin im Streit für den Weltfrieden«, die in ihm schon bald ihren Nachfolger sah, entwickelte sich eine enge Freundschaft und Zusammenarbeit. Am 9. November 1892 gründeten sie in Berlin die »Deutsche Friedensgesellschaft« (DFG), dabei tatkräftig unterstützt von dem ebenfalls literarisch ambitionierten Rechtsanwalt Richard Grelling.

Die Verbreitung der Friedensidee stellte sich im Kaiserreich als mühevoll und schwierig dar. Während der als Gegenstück zur DFG gleichzeitig initiierte Alldeutsche Verband schon bald eine einflussreiche Rolle spielte, sich den Antisemitismus auf seine Fahnen schrieb und die Hochrüstung der Hohenzollernmonarchie vehement unterstützte, sahen sich die Pazifisten als Utopisten lächerlich und verächtlich gemacht, ausgegrenzt und verfolgt oder – wie der Stuttgarter Stadtpfarrer Otto Umfrid – als »Friedenshetzer« verpönt. Fried und Suttner ließen sich nicht beirren, widersprachen der alldeutschen Propaganda und forderten, durch Abrüstung und Schiedsgerichtsbarkeit den Krieg zu überwinden – zugleich wichtige Programmpunkte der DFG, im Verhältnis der Nationen das Recht an die Stelle der Gewalt zu setzen.

Seit 1898 gab Fried die Monatsschrift Die Friedens-Warte heraus, die sich in wenigen Jahren zum führenden und angesehensten Organ des deutschsprachig organisierten Pazifismus entwickelte. Seit 1905 informierte er in seinen Annuaire de la vie internationale zudem über Verständigungspolitik und deren Fortschritte auf der ganzen Welt. Nach und nach agierte er auf internationaler Bühne, stets bestrebt, die friedensgeneigten Kräfte zu bündeln, um die Wirkung des Pazifismus zu erhöhen. Zugleich legte er mit seinem zweibändigen »Handbuch der Friedensbewegung« (1905) wichtige Materialien zur Geschichte und Entwicklung des Friedensgedankens vor und schuf damit eine Basis für die historische Friedensforschung.

Insgesamt hat Fried mehr als vierzig Bücher und Broschüren publiziert, darunter das erste deutsche Esperantolehrbuch. Seit 1908 als Freimaurer aktiv, bekämpfte er die Todesstrafe und den Antisemitismus. Bereits im März 1908 umfasste ein Verzeichnis, das seine bis dahin erschienenen Veröffentlichungen zu Friedensthemen aufführte, 1.000 Presseartikel, weshalb man ihn als ersten deutschsprachigen Friedensjournalist bezeichnete. Des weiteren bewährte er sich als eifriger Förderer des modernen Völkerrechts. Mit großem, nie nachlassendem Engagement forderte er eine internationale, sich auf das Völkerrecht stützende Organisation und gilt daher als Vordenker des Völkerbundes und der heutigen UNO.

»Revolutionärer Pazifismus«

Um den Vorwurf der »Friedensschwärmerei« zu entkräften, entwarf Fried in seiner Schrift »Die Grundlagen des revolutionären Pazifismus« (1908) eine Theorie, die den ersten Versuch einer wissenschaftlichen Verankerung des Pazifismus darstellt. Krieg betrachtete Fried als »ein Symptom, (als) das Ergebnis einer tiefer liegenden Ursache. Er entsteht aus den (…) noch nicht organisierten Beziehungen der Staaten, aus der noch vorherrschenden zwischenstaatlichen Anarchie.« Das ungeordnete System der Staaten in ihrem Verhältnis zueinander führe in den internationalen Beziehungen zu einer »Nervosität«, darauf beruhend, die eigenen Interessen durchzusetzen und die des anderen Staates zu negieren. Gelänge das nicht, drohe der Versuch, die Ziele mit Gewalt, d. h. durch Krieg, zu erreichen. Das damit einhergehende »ängstliche Erwägen der Einflüsse auf den eigenen Staat« und das »kurzsichtige Lavieren und verzweifelte Umherblicken bildet den Inhalt unserer heutigen internationalen Politik, die Hauptbeschäftigung unserer modernen Diplomatie«. Damit gelang Fried, so der Historiker Dieter Riesenberger, eine zutreffende Diagnose der spätestens seit dem Krimkrieg (1853–1856) vorherrschenden europäischen Politik, die durch das Ringen um »Machtbehauptung und Machterweiterung« charakterisiert sei und die Sicherheit in Europa »von dem subjektiven Verantwortungsgefühl der europäischen Staatsmänner« abhängig mache.

Für Fried widersprach der anarchische Zustand der zwischenstaatlichen Verhältnisse dem in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg sich vollziehenden kulturell-zivilisatorischen Wandel. Die sich immer enger verflechtenden Handels- und Vertragsbeziehungen drängten, so schien es, hin zu einem Weltstaatensystem. Die Ausdehnung des Nachrichtenwesens (Massenpresse, drahtlose Telegraphie) und Verkehrsnetzes (Eisenbahn, Dampfschiffahrt) begünstigte die übernationale Vernetzung der Märkte. Ebenso wiesen die Gründungen internationaler Büros und Initiativen darauf hin, dass sich die Völker näherkamen und die getrennten Teile sich zusammenschlössen. »Das Ganze«, so Fried, »strebt einem harmonischen Einklang zu.« Dabei ging er davon aus, dass die seit den 1880er Jahren voranschreitende Globalisierung den Frieden geradezu notwendig hervorrufen würde.

In der Tat erreichten der Fortschritt und die Vernetzung eine neue Qualität, die, basierend auf technisch-administrativen, ökonomischen und kulturell-humanistischen Innovationen, nationalistisch-imperialistischen Bestrebungen entgegenstand – eine Entwicklung, die, so Fried, im wesentlichen zwangsläufig erfolge und sich auch durch zeitweilige regionale Rückfälle nicht aufhalten ließe. Der damit verbundene Fortschrittsoptimismus Frieds war keineswegs blauäugig oder aus der Luft gegriffen. Trotz erheblicher diplomatischer Krisen ist es in dem Jahrzehnt vor 1914 in Europa zu keinem großen Krieg gekommen.

Allerdings gelang es auf den Haager Friedenskonferenzen von 1899 und 1907 nicht – insbesondere aufgrund der zu keiner Konzession bereiten Haltung des Kaiserreiches –, den Krieg als Mittel der Politik fortan auszuschalten. Der Bereitschaft, die zwischenstaatliche Anarchie zugunsten eines friedlich-schiedlichen, gewaltfreien Wettbewerbs zum Nutzen aller zu überwinden, stand allerdings entgegen, dass die Hohenzollernmonarchie an der Option des Krieges festhielt. Umso hartnäckiger trat Fried, längst der führende Vertreter des organisierten Pazifismus, für eine internationale Verständigungspolitik ein.

Frieds Analyse war in vielen Punkten zutreffend. Man hat ihm später vorgeworfen, den technisch-zivilisatorischen Fortschritt mit dem gesellschaftlich-sozialen Entwicklungsprozess gleichzusetzen, und dass er einer spezifischen Schwäche seines Denkens, der Fortschrittsgläubigkeit, erlegen gewesen sei. Doch ist eine solche Einschätzung, zumal sie im nachhinein erfolgt ist, wirklichkeitsgerecht? Europa war – trotz aller Hochrüstung – kein Pulverfass, wie es vor allem deutsche Historiker oder jene nahelegen, die wie Christopher Clark sich mehr oder minder an der deutschen Unschuldspropaganda orientieren und solche Bilder beschwören, um die Verantwortung für den 1914 erfolgten Zivilisationsbruch abzumildern bzw. unkenntlich zu machen.

Niemand glaubte im Sommer 1914, dass ein großer Krieg bevorstünde. Dazu war der Anlass, die Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgerehepaars, viel zu gering – erst recht im Vergleich zu den beiden Marokko-Krisen von 1905 und 1911. Dass die zivile und militärische Leitung des Kaiserreiches im Verbund mit dem Habsburger Bündnispartner insgeheim den Krieg vorbereitete, war für Außenstehende zunächst nicht erkennbar. Erst die Veröffentlichung von Österreich-Ungarns Ultimatum an Serbien am 23. Juli 1914 machte klar, dass das Räderwerk des Krieges in Gang gesetzt worden war. Um so vehementer strebten die Mächte der Entente nach einer Lösung des Konfliktes auf diplomatischer Ebene. Doch alle Vermittlungsvorschläge wurden von Deutschland und Österreich-Ungarn in den Wind geschlagen. Warum? Es gibt darauf nur eine Antwort: Weil man den Krieg unausweichlich machen und herbeiführen wollte.

Frieds wohlbegründeter Ausblick erinnert daran, dass der Erste Weltkrieg weder zwangsläufig war, noch durch eine wie immer geartete Form von »Schlafwandlertum« verursacht worden ist. Den Krieg als eine Errungenschaft der Kultur betrachtend und glorifizierend, suchten die Führungsspitzen der Hohenzollernmonarchie ihr Heil im Prinzip »Macht geht vor Recht«, brachen das Völkerrecht und überfielen aus militärischen Erwägungen das neutrale Belgien. Damit begaben sie sich in einen grundlegenden Widerspruch sowohl zu den Werten des christlichen Abendlandes als auch zu den aufklärerischen Ideen von 1789. Das Ergebnis: 20 Millionen Tote und eine Verheerung Europas ohnegleichen. Neben dem Leid und Elend, der Not und Zerstörung, die der Krieg zeugte, waren die psychosozialen Schäden und Folgen von immensem Ausmaß. Was zuvor unten war, wurde nach oben gespült. Der Glaube an den Fortschritt erhielt einen schweren Schlag, von dem sich, durch den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust gesteigert, die Menschheit bis heute nicht erholt hat. Der deutsche »Griff nach der Weltmacht« unterbrach den von Fried prognostizierten Geschichtsverlauf und kehrte ihn um.

Wie vom Donnerschlag getroffen

Verständlich, dass gerade Fried eindringlich nach den Ursachen des bis dahin beispiellosen Unheils und Rückfalls in die Barbarei fragte. Zunächst traf ihn der Krieg, den er als epochalen Einschnitt in die Geschichte der Menschheit begriff, wie ein »Donnerschlag«. Am 7. August 1914 vertraute er seinem Tagebuch an: »Ein fürchterliches Weh erfüllt mich. Der Krieg lastet wie ein Zentnergewicht auf mir. Als ob alle Lebenswerte erstickt wären. (…) Die Welt hat für mich einen ganz anderen Inhalt bekommen. Es ist nicht mehr dieselbe Welt wie vorher, wie vor vierzehn Tagen. Wie durch einen Zauber sieht plötzlich alles anders aus. Die Berge vor meinem Fenster, das Grün der Wiese, die lieblichen Villen – alles sieht mich an wie die Reste eines Lebens, das ich einmal gelebt und das für immer verloren ist. (…) Ich bin ja darum noch schlechter daran als die andern, die sich mit dem abfinden, was jetzt vor sich geht: mit der Trennung der Familien von ihren einrückenden Lieben, mit dem Stillstand der Wirtschaft. Ich sehe ja schon das Kommende, all das Elend des im Gang befindlichen Kriegs und seiner Endlosigkeit über ein Jahr hinaus. Das zerfrisst mich. Wir haben zu früh gejubelt. Wenn ich jetzt meinen Artikel ›Die Überwindung des Balkankonfliktes‹ in der Friedens-Warte 1913 überlese, so fühle ich, dass ich die Friedenskräfte, deren Triumph ich sah, doch überschätzt habe. ›Der vermiedene Krieg von 1913‹, so schrieb ich, ›hat für alle künftigen europäischen Konflikte das Kriegsventil verrammelt.‹ Gefehlt! (…) Ein furchtbares Zusammenprallen, an das vor vierzehn Tagen kein Mensch (einige vielleicht ausgenommen!) gedacht hat. Das ist das Fürchterliche dabei, diese Plötzlichkeit, diese Überrumpelung.«

Ähnlich betroffen und erschüttert zeigte sich der in Paris lebende deutsche Republikaner, Pazifist und Journalist Hermann Fernau in seinen von Juli bis Ende September 1914 erhalten gebliebenen und inzwischen publizierten Tagebuchaufzeichnungen. Wie für Fried verwandelte sich auch für ihn die Welt mit einem Schlag in ein großes Heerlager und – um mit dem Hamburger Pazifisten, Pädagogen und Schriftsteller Wilhelm Lamszus zu sprechen – in ein »Menschenschlachthaus«.

Beide erholten sich bald von dem Schock, setzten sich mit den Ursachen der Kriegsentfesselung auseinander und gelangten unabhängig voneinander zu dem Schluss, dass es nicht um einen Verteidigungs-, sondern um einen vorbedachten Eroberungskrieg ging. Bereits am 27. August 1914 konstatierte Fried: »Der Krieg wird nicht geführt, um den Tod des ermordeten Erzherzogs zu rächen, (…) sondern lediglich, weil die Militärs der beiden Zentralmächte einen günstigen Augenblick ihrer technischen Überlegenheit herausgerechnet haben. (…) Es handelt sich also um einen Präventivkrieg, jene verwerflichste Form des Krieges, vor der sogar Bismarck gewarnt hat.«

Als Jude, Pazifist und Autor schon vor 1914 heftigen Angriffen ausgesetzt, hatte Fried vor allem in dem militaristisch geprägten Deutschland einen schweren Stand. Die Militär- und Zensurbehörden behinderten seine Arbeit, und so siedelte er mit seiner Friedens-Warte im April 1915 nach Zürich über. Sein Tagebuch vom 7. August 1914 bis zum 28. Juni 1919, dem Tag, an dem die deutschen Delegierten in Versailles den Friedensvertrag unterzeichneten, ist das bislang einzige veröffentlichte Tagebuch eines pazifistischen Emigranten, das den gesamten Ersten Weltkrieg umfasst, erschienen zwischen 1918 und 1920 in vier Bänden, eine Auswahl davon 2005.

Teilweise in der Friedens-Warte Monat für Monat abgedruckt, handelt es sich nicht um ein Tagebuch im engeren oder privaten Sinne. Schonungslos legt Fried die Rituale des Krieges bloß und schreibt etwa am 14. Oktober 1914 neben der Anpassung der Wirtschaft an die Erfordernisse des Krieges über die »geistige Mobilisierung«: »Die gesamte Presse in Deutschland und Österreich-Ungarn ist auf einen Ton gestimmt, dem sich fast keiner zu entziehen zu vermag. Für den objektiven Beobachter liegt hier das typische Beispiel einer Massensuggestion vor. Es denkt oder schreibt einfach keiner mehr außerhalb der vorschriftsmäßigen Gleise, und so sehr klappt alles nach dieser Richtung, dass man annehmen kann, es wäre das Denken auch vorher auf einem Exerzierplatz geübt worden. Unter der Parole, dass jede Abweichung von diesem vorschriftsmäßigen Denken den Erfolg beeinträchtige, wagt keiner, selbständig zu sein. Und so kommt es, dass nur eine Richtung herrscht. Nur ein Urteil gilt, nur eine Anschauung besteht. Uniformierung der öffentlichen Meinung. Das muss notwendigerweise das Ergebnis eines vorher aufgestellten Planes sein, und man muss den Ingenieuren der geistigen Mobilisierung die Anerkennung zuteil werden lassen, dass ihnen ihr Werk trefflich gelungen ist. Sie beherrschen nicht nur die Zeitungen, sondern auch die Literatur und die Lyrik.«

Ebenso rechnet Fried mit den Kriegstreibern ab, prangert die verbrecherische Kriegführung der deutschen Militärs (wie die Beschießung Antwerpens, den Gaseinsatz um Ypern und das Bombardement von Paris) an, kritisiert die Deportationen von französischen Zivilisten in Viehwaggons, den Völkermord an den Armeniern, den alldeutschen Völkerhass, die Unterdrückung des Pazifismus und die Verfolgung von Kriegsgegnern. Nachdem der Reichstag am 1. Mai 1916 die Aussetzung des Strafverfahrens und die Aufhebung der Haft von Karl Liebknecht mit 229 gegen 211 Stimmen abgelehnt hatte, stellte Fried klar:

»Der Deutsche Reichstag hat damit zu erkennen gegeben, dass er Parteien kennt. Liebknecht mag in der Art seiner Betätigung viele abstoßen, sein Mut muss anerkannt und seine Ehrlichkeit nicht bezweifelt werden. Er ist Gegner des Krieges und dieses Kriegs. Seine Äußerungen entsprechen seiner Überzeugung. Wenn der Reichstag diese Äußerung durch den Mund des Berichterstatters (…) als ›eine ernste Gefahr für das Vaterland‹ bezeichnet, so kann man dieser Begründung nicht folgen. Ist die Sache des Vaterlandes so schwach? – Die Friedensforderer in andern Parlamenten werden in Deutschland mit Beifall und Bewunderung begrüßt. Der Friedensforderer des Reichstags aber wird als Mann bezeichnet, ›an dessen Mitarbeit das Haus kein Interesse‹ habe. Kein Interesse!

Es gibt Leute, die das Vaterland mehr schädigen als Liebknecht, Leute, deren Gebaren uns in diesen Krieg hineingetrieben haben. Die alldeutschen Schreier laufen noch immer frei herum, Liebknecht ist in das Verlies eines Gefängnisses verschwunden.«

Fried thematisiert die Revolution in Russland, geißelt die Willfährigkeit der Presse, berichtet über kriegsbefürwortende Zeitungsmeldungen und -artikel, die er mit Kommentaren versieht, sowie über die fortschreitende Begriffsverwirrung. Ebenso attackiert er die annexionslüsternen Kreise, den preußischen Militarismus als Geistesrichtung, das deutsche Schreckensregiment in Belgien, die Kriegstheologie, Abstumpfungen und Verrohungen, die Zerstörungen im Westen und die Herrschaft der Lüge, den Krieg als »Stahlbad« und die Widerwärtigkeit des Gewaltdenkens der deutschen Intellektuellen sowie vieles mehr. Zugleich beschreibt er erschütternde Schicksale und deprimierende Verhaltensweisen, die sich hinter Nachrichten über vermeintlich unbedeutende Vorfälle und Begebenheiten verbergen – das alles anschaulich und mit einem politischen Scharfblick geschildert, der Zusammenhänge erhellt und mehr über die Mentalität während des Ersten Weltkrieges und seines Verlaufes aussagt als viele andere Bücher. Das dürfte auch der Grund dafür sein, weshalb revisionistische Autoren wie Christopher Clark und Herfried Münkler Fried und sein »Kriegstagebuch« in ihren Darstellungen ignorieren – ebenso wie viele andere Kritiker der preußisch-deutschen Kriegs- und Katastrophenpolitik.

Im Exil beteiligte sich Fried mit anderen Deutschen wie Friedrich Wilhelm Foerster und Prinz Alexander von Hohenlohe u. a. in der Neuen Zürcher Zeitung daran, die deutschsprachige Öffentlichkeit der Schweiz über die Schuld des Hohenzollernregimes am und im Krieg aufzuklären und damit den Einfluss der kaisertreuen Schweizer zurückzudrängen. Seine Bücher und die Friedens-Warte waren seit 1915 in Deutschland und Österreich verboten, und die Auszüge aus seinem »Kriegstagebuch« gehörten zu jenen Texten, die zwischen November 1914 und April 1915 der Zensur vollständig zum Opfer fielen. Zudem leiteten die Behörden gegen ihn eine Untersuchung wegen Hochverrats ein. Lediglich als »Schmuggelware« in verdeckten Umschlägen ließ sich die Friedens-Warte noch illegal in Deutschland verbreiten.

Schrecklicher Frieden

Nach dem Ende des Krieges geriet auch Fried – wie andere Exilanten oder führende Pazifisten – bereits im Frühjahr 1919 wieder ins Abseits. Schmähungen und Verfolgungen insbesondere von Personen, die sich als Gegner der kaiserlichen Kriegspolitik erwiesen hatten, waren an der Tagesordnung – ebenso Attentate und Ermordungen. Fried, der den Verlust seines in österreichischen Wertpapieren angelegten kleinen Vermögens beklagen musste, sah sich zudem materiell hart getroffen. Der Schriftstellerin Annette Kolb, seit dem Exil mit ihr freundschaftlich verbunden, stellte er im Sommer 1919 die Frage: »Ist es nicht schrecklich im Frieden? Nun haben wir ihn. Schön schauen wir aus.« Es half Fried auch nichts, dass er gegen die Friedensverträge von Versailles und St. Germain vehement protestierte – und sich damit auf der Seite einer breiten deutschen Ablehnungsfront befand. In Deutschland ein Gegner des Krieges zu sein und ihn zu verwerfen, galt in den herrschenden Kreisen weiterhin als Makel.

Wegen des zu teuer gewordenen Aufenthaltes in der Schweiz bat Fried im Februar 1920 um eine Zuzugsgenehmigung nach München. Die Bearbeitung seines Gesuches fiel in die Zeit nach dem Machtantritt eines konservativ-monarchistisch geführten Kabinetts. Frieds Ansinnen war damit zum Scheitern verurteilt. Sein Antrag wurde abgelehnt. Er nahm sich einen Anwalt und informierte die Presse. Aber das änderte nichts. München wollte mit dem Kriegsgegner und Friedensnobelpreisträger nichts zu tun haben.

Widerstrebend wich Fried nach Wien, seine Heimatstadt, aus. Zunächst kam er mit seiner Frau in einem Gartenhaus am Stadtrand unter. Aber noch im Dezember 1920 hatte er keine feste Bleibe gefunden, dem Ehepaar drohte die Obdachlosigkeit. Am Jahresende fand sich endlich eine kleine Wohnung. Aber inzwischen war Fried erkrankt. Nach vier Monaten im Wiener Rudolfspital starb er im Alter von 56 Jahren an einer Lungenblutung. Seinem Wunsch gemäß fand die Trauerfeier in München statt. Der spätere Friedensnobelpreisträger Ludwig Quidde hielt die Trauerrede. Jahre später ist Fried nach dem Bau des Wiener Krematoriums in einer Nische des Urnenfriedhofs beigesetzt worden.

Einige österreichische und deutsche Historiker haben sich inzwischen der »Vergegenwärtigung« Frieds angenommen – bislang eher mit geringem Echo. Aktuell ist Fried gleichwohl geblieben.

Literatur

Alfred Hermann Fried: Mein Kriegstagebuch 7. August 1914 bis 30. Juni 1919. Hrsg. und eingel. von Gisela und Dieter Riesenberger. Donat-Verlag, Bremen 2005

Guido Grünewald (Hrsg.): Alfred Hermann Fried: »Organisiert die Welt!« Der Friedens-Nobelpreisträger – sein Leben, Werk und bleibende Impulse. Donat-Verlag, Bremen 2015

Gedenkveranstaltung zum 100. Todestag von Alfred Hermann Fried. 4. Mai, von 14 Uhr bis 16.30 Uhr. Anmeldung zur virtuellen Teilnahme unter: scheuing@dfg-vk.de

Helmut Donat plädierte an dieser Stelle in der Ausgabe vom 6./7. Februar 2021 für die Änderung von nach Hindenburg benannten Straßen und Plätzen.

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