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Aus: Ausgabe vom 04.05.2021, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Hühner der Vernunft

Ziemlich dadaistisch: Das neue Album von International Music ist draußen
Von René Hamann
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Die drei Vögel aus dem Ententraum: International Music

Wer erinnert sich noch an den »Weißen Neger Wumbaba«? Das war ein lustig gemeintes, wegen des N-Wortes im Titel heftig kritisiertes Buch von Axel Hacke mit Texten über falsch verstandene Songzeilen aus englischsprachigen Popsongs. Mein eigenes Lieblingsbeispiel stammt aus dem Steckbriefbuch »Meine Schulklasse«, in der ein Klassenkamerad in der fünften Klasse unter Lieblingslied »Ist Don Kamisy« angegeben hatte. Was für ein Lied sollte das sein? Hätte man darauf kommen können, dass es sich um »Words« von F. R. David handelte, wegen des Refrains »Words don’t come easy«?

Gerade ist das zweite Album der nordrhein-westfälischen Band International Music erschienen, deren Namen man komplett oder halb englisch aussprechen kann. »International« deutsch, »Music« selbstredend englisch. Das Album heißt »Ententraum«. Die Band kommt mal aus Essen, mal aus Bonn, nie aus Düsseldorf, überschneidet sich jedoch personell mit der Band Düsseldorf Düsterboys, die 2020 ihr Debütalbum veröffentlichte. Das Debüt von International Music indes heißt »Die besten Jahre« und erschien 2018 – wie alles bisher genannte – beim Berliner Label Staatsakt.

Bekannt wurde die Band wegen ihrer lustig-skurrilen, mal mehr, mal weniger hinterfotzigen Texte. »Mama, warum?« vom Debüt zum Beispiel dreht die übliche Klagehaltung um: »Mama, warum bekomme ich es immer so, wie ich es gewollt hab’?« In »Country Girl« heißt es: »Schlafen zu zweit, schlafen alleine / Lügen haben ein kurzes Kleid und lange Beine.«

Von Folk, den Sixties, Bands der Hamburger Schule und Schlagern beeinflusst ist der Sound des Debüts, bei »Ententraum« ist es ähnlich, doch wagt sich die Gruppe jetzt etwas stärker an Krautrock heran. Musikalisch ist »Ententraum« ein weiterer Schritt nach vorne, einerseits. Andererseits gibt es unter den 17 Liedern mit einer Laufzeit von insgesamt 68 Minuten auch viel Füllmaterial. Es zündet nicht immer, was Peter Rubel, Pedro Goncalves Crescenti und Joel Roters, die subversive Antwort auf Annen May Kantereit, da so treiben. Weniger wäre mehr gewesen, das war schon auf den vorherigen Werken so.

Textlich geht es auf »Ententraum«, man muss fast »leider« sagen, sehr viel dadaistischer, absurder und weniger komisch zu. Textbausteine, durch den Reim zwangsweise aneinandergereiht und weitgehend sinnfrei, ist das, was herausgekommen ist. Das auch musikalisch beste Stück, die Single »Die Insel der Verlassenheit«, sorgte zumindest beim Rezensenten für einen dieser lustigen Verhörer. Statt der »Höhle der Vernunft«, die so »wunderwunderschön sei«, wie man sagt, hat er zuerst »die Hühner der Vernunft« verstanden. »Die Hühner der Vernunft, sagt man, seien wunderschön.« Glaubt man sofort.

Die Hühner der Vernunft aber picken anderswo nach den Körnern der Wahrheit. Das Album »Ententraum« besticht eher durch hochgezirkelte Verschraubtheit, eigenartige Versponnenheit, ohne in seltsames, sinniges Geklügel abzudriften. Gibt es so etwas wie Hippieschlager? Bekiffte Hippies, die Schlagermusik machen? Man denke an »Marmor, Stein und Eisen bricht«, man denke nicht: Jürgen Drews. »Wenn ich wüsste, was in dieser Kiste ist, küsste ich dich, den Fürst von Metternich« heißt es im zweitstärksten Stück »Fürst von Metternich«. Aber schon da weiß man nicht mehr so recht, was das alles bedeuten soll.

Die Produktion verantwortet Olaf Opal, der hier wieder einmal eine digital saubere Musik hergestellt hat, eine Arbeit zumal, die sich nicht hinter, sagen wir, der von Moses Schneider verstecken muss. Im Gegenteil. Da draußen herrschen inzwischen ganz andere Probleme, das wissen wir, aber vom »Ententraum« werden sich die etablierten Kräfte der deutschen Popmusik, ob nun »Indie« oder nicht, Schlager oder Rock, so schnell nicht erholen. Zumindest das ist mal klar.

International Music: »Ententraum« (Staatsakt/Bertus)

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