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Aus: Ausgabe vom 04.05.2021, Seite 1 / Titel
Afghanistan

Verbrannte Erde

Die NATO zieht ohne Friedensabkommen aus Afghanistan ab. Sie hinterlässt Bürgerkrieg und die Herrschaft der von ihr gestärkten Warlords
Von Arnold Schölzel
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12,5 Milliarden Euro für »Landesverteidigung am Hindukusch«: Deutsche »Marder«- und ein »Fuchs«-Panzer im Dezember 2010 in der Nähe von Kundus

Vom 20jährigen Krieg vorwärts in den endlosen Bürgerkrieg: Bei Kämpfen zwischen afghanischen Soldaten und den Taliban wurden am Wochenende laut AFP binnen 24 Stunden mehr als hundert Aufständische getötet. Die Kämpfe hätten in mehreren Provinzen stattgefunden, teilte das Verteidigungsministerium in Kabul am Sonntag mit. Am Montag wurden bei Angriffen auf Sicherheitskräfte mindestens weitere 15 Menschen getötet. Etwa 30 Tote verursachte in der Nacht zum Samstag eine Autobombe in der Hauptstadt der östlichen Provinz Logar. Angriffe auf westliche Truppen blieben dagegen weitgehend aus.

Eine Erklärung liefert die Meldung von Reuters, in einem geheimen Anhang des US-Taliban-Abkommens vom Februar 2020 sei vereinbart worden, dass die Dschihadisten ausländische Militärbasen vor Angriffen anderer militanter Gruppen schützen. Die Taliban äußerten sich in den vergangenen Tagen nur zurückhaltend, obwohl am Samstag der Abzug der verbliebenen 2.500 US- und 9.600 NATO-Soldaten aus 36 Mitglieds- und Partnerländern formell begann. Die Bundeswehr hatte noch knapp 1.100 Soldaten stationiert. Die Zahl der afghanischen Streitkräfte wird mit rund 350.000 angegeben.

Der frühere US-Präsident Donald Trump hatte im Abkommen mit den Taliban ursprünglich den 1. Mai als Termin für den Abschluss des Rückzugs vereinbart. Wie in Washington üblich, wurde das nicht eingehalten. Mitte April kündigte Trumps Nachfolger Joseph Biden aber überraschend an, den Rückzug endgültig und bedingungslos spätestens am 11. September abzuschließen – dem 20. Jahrestag der Anschläge in den USA durch vorwiegend saudiarabische Attentäter. Der Rachefeldzug der NATO, die erstmals in ihrer Geschichte den »Bündnisfall« ausgerufen hatte, richtete sich aber nicht gegen die mittelalterliche Öldiktatur am Golf, sondern gegen das damals bereits von den Taliban beherrschte Land in Zentralasien. Nun nimmt der Rückzug Züge einer Flucht an. Für den Fall von Angriffen hält die US-Armee schwere Waffen bereit, das »Kommando Spezialkräfte« (KSK) soll die Bundeswehr absichern.

Die Truppen des Westens hinterlassen politisch verbrannte Erde. Für dieses Ergebnis betrieben sie gigantischen finanziellen Aufwand. Nach Berechnungen des US-Internetportals costsofwar.org wandten die USA allein für den Afghanistan-Krieg 2,26 Billionen US-Dollar auf. Die Kosten für die Bundesrepublik beliefen sich auf 12,5 Milliarden Euro. Hinzu kamen Zuschüsse in Milliardenhöhe für den Wiederaufbau. Sie befeuerten, wie der Afghanistan-Experte Thomas Ruttig am Donnerstag im Tagesspiegel schrieb, »eine Warlord-Kaste, die die Hilfsgelder aufsaugte und unter den Augen des NATO-Militärs mit Bestechung und Waffengewalt die neuen, demokratischen Institutionen kaperte.« Die jetzige Regierung stehe nicht deswegen auf tönernen Füßen, weil sie von vornherein korrupt und kleptokratisch gewesen sei, sondern die Korruption sei »Ergebnis des US/NATO-geführten Afghanistan-Einsatzes«.

Den unvermeidlichen Zynismus der westlichen Hightechkrieger steuerte am Montag Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) bei. Vor seinem Abflug zum G-7-Außenministertreffen am heutigen Dienstag in London, auf dessen Tagesordnung auch Afghanistan steht, erklärte er, die Zusammenkunft werde ein klares Zeichen für Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie setzen. Das Desaster am Hindukusch liefert ein Modell.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Rudi E. aus Langenhagen ( 3. Mai 2021 um 20:11 Uhr)
    Ich sage es unverblümt: Die Ratten verlassen das sinkende Schiff … Fast ist man an Vietnam erinnert, als US-Amerikaner und südvietnamesische Vasallen im letzten Augen das sinkende Schiff – nämlich Saigon – verließen und das Land seinem Schicksal überließen. Die Militärdoktrin US-amerikanischer Hegemonialmacht wiederholt sich immer wieder: Ein Land überfallen, draufschlagen, es ins Chaos stürzen, Hunderttausende von Zivilisten töten, ohne ein Konzept für die Zukunft anzubieten. Das zeigt sich erneut in Afghanistan. Auch hier hat die ruhmreiche Allianz einer NATO-geführten Sturmtruppe für die Zukunft dieses Landes nichts zustande gebracht. Man überlässt es seinem Schicksal, wohlwissend, dass die Taliban – deren Vorgänger die US-Amerikaner zu Zeiten, als die Sowjets Afghanistan besetzt hatten, hofiert und militärisch unterstützt hatten – das Land nach dem Rückzug des westlichen Militärs wieder in die Steinzeit zurückbomben werden. Wie einfältig, ich nenne es dümmlich, muss ein deutscher Außenminister namens Heiko Maas sein, der – wenn er denn seine fünf Sinne zusammen hatte – kürzlich von sich gab, die Taliban würden den erreichten Bildungsstatus – vor allem bei Frauen – nach Abzug der NATO-Truppen respektieren. Ob er sich überhaupt der Tragweite dieser Aussage bewusst ist? Wohl kaum, eher ein Eingeständnis für ein völliges Versagen der Westallianz, Afghanistan zu befrieden und dem Land ein Konzept für die Zukunft zu bieten.

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