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Aus: Ausgabe vom 06.05.2021, Seite 12 / Thema
Fried100

Programmierter Rechtsstaat

Erich Fried erzählt Angela Merkel, wie es wirklich war
Von Klaus Wagenbach
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Engagierter Dichter gegen bundesdeutsche Selbstgerechtigkeit und Zensurratten: Erich Fried (1968)

Heute vor 100 Jahren wurde der Lyriker und Übersetzer Erich Fried geboren. Aus diesem Anlass wiederveröffentlichen wir einen Text des Fried-Verlegers Klaus Wagenbach, den dieser zum 80. Geburtstag des Dichters am 10. Mai 2001 in dieser Zeitung veröffentlicht hat. Damals hieß es in den redaktionellen Anmerkungen: »›Erich Fried erzählt Angela Merkel, wie es wirklich war‹ lautete der Titel einer Lesung, die der Verleger Klaus Wagenbach am 1. Mai im Berliner Ensemble mit Künstlern des Hauses veranstaltete. Sie ehrte den Dichter, der am 6. Mai achtzig Jahre geworden wäre, und tat Buße für frivole Worte einer Pfarrerstochter aus Mecklenburg-Vorpommern über die Geschichte der Bundesrepublik. jW bringt die Buße an die Öffentlichkeit.« Beigefügt ist Frieds kurze Erzählung »Richtigstellungen«, die erstmals 1982 in der Sammlung »Das Unmaß aller Dinge. Fünfunddreißig Erzählungen« erschien. Wir danken dem Verlag Klaus Wagenbach für die freundliche Genehmigung zum Abdruck. (jW)

Wir wollen erinnern an einen in Wien Geborenen, den die Nazis 1938, wie er schrieb, »von einem österreichischen Oberschüler in einen verfolgten Juden verwandelten«, der seitdem in London lebte und dem die deutsche Nachkriegsliteratur drei Geschenke zu verdanken hat, zumindest.

Einmal für das Gedicht, die Zurückgewinnung des politischen Raums, der ja zwischen ’33 und ’45 vergiftet worden war und seitdem fast tabu. Mit Zurückgewinnung meine ich: streitbare Zurückgewinnung, und das waren die 1966 im Band »und Vietnam und« erschienenen Gedichte in der Tat. Sie stellten einen im Namen der Demokratie geführten Krieg in Frage, wurden so gut wie nirgends rezensiert, waren aber für die deutsche Literatur derart folgenreich, dass in den siebziger Jahren eine regelrechte Fried-Schule politischer Gedichte entstand.

Sodass, zweitens, Erich Fried selbst, mit dem 1979 erschienenen Band »Liebesgedichte«, daran erinnerte, dass die Poesie gegenüber den Erstickungsübungen der industriellen Gesellschaft auch noch andere Inhalte zu verteidigen habe.

Drittens und letztens haben wir Erich Fried etwas zu verdanken, was ich in einem Theater kaum zu erwähnen brauche: die fast vollständige Neuübersetzung der Stücke Shakespeares.

An diesen Schriftsteller wollen wir erinnern. Zu der Auswahl seiner Texte hat mich die Vorsitzende der CDU, Angela Merkel, veranlasst. Sie hat, angesichts von Filmaufzeichnungen, die den Studenten Joschka Fischer beim Verprügeln eines Polizisten zeigen, behauptet, die damalige Bundesrepublik sei seit 1949 »ununterbrochen ein freiheitlicher Rechtsstaat« gewesen, und hat dann den heutigen Bundesaußenminister¹, ganz Pfarrerstochter, aufgefordert, »Buße zu tun«.

Die folgenden Texte von Erich Fried sind als Buße für Angela Merkel gedacht, damit sie sich die frühere Bundesrepublik, in diesem Fall die der siebziger Jahre, besser vorstellen kann: eine Bundesrepublik, in der das Verprügeln von Polizisten durch Studenten eher die Ausnahme und das Umgekehrte die Regel war. In der Dutzende von jungen Leuten – Richard Epple, Elisabeth van Dyck, Georg von Rauch, Ian McLeod, Petra Schelm und viele andere – von Polizisten erschossen wurden, in der Regel von hinten und straffrei. Eine Bundesrepublik, in der Bücher verboten, Filme zensiert und Lehrer auf Staatstreue überprüft wurden. Es war eine Bundesrepublik, die einen, als Emigranten, zögern ließ, zurückzukehren.

Was einen an der Bundesrepublik der siebziger Jahre besonders missfallen konnte, war ihre Selbstgerechtigkeit. Erich Fried hat einmal von seinem Besuch bei dem Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer erzählt, den ein eigenartiger Aktenfund zum Auschwitz-Prozess führte, fast zwanzig Jahre nach Kriegsende. Bauer fand in den Akten Vordrucke für die SS-Mannschaften der Konzentrationslager, bei denen nur noch der Name des »auf der Flucht erschossenen« Häftlings einzutragen war; und er fand zugleich Vordrucke für die Staatsanwaltschaft, die die Einstellung des Verfahrens gegen den betreffenden SS-Mann bestätigten. Der programmierte Rechtsstaat.

Man sollte also, das gilt nicht nur für Angela Merkel, mit dem Wort »Rechtsstaat« vorsichtig umgehen, und es nützt wenig, wenn man ihm die Adjektive »freiheitlich« oder »demokratisch« hinterherwirft. Noch die Bundesrepublik der siebziger Jahre hat die demokratischen Grundrechte keinesfalls erweitert, sondern eindeutig eingeschränkt – die schlimmsten Beispiele waren der neue Paragraph 129 (samt der hinter ihm stehenden Meinungszensur) und die ebenfalls neu eingeführte Überprüfung der Kandidaten für das Lehramt.

Aus dieser Zeit drei Gedichte von Erich Fried:

Deutsche Volksfahndung 1972

Ein ganzes Volk

soll Polizeidienste leisten

unbezahlt

aber nicht unbelohnt

Der Präsident des Bundeskriminalamts

Dr. Horst Herold

nennt das »unsere

Volksfahndung«

Was kündigt er an

mit so einem

klangvollen

Wort?

*

Wenn das Wort

Volksfahndung

nicht

von Horst Herold stammte

von wem

könnte es stammen?

aus welcher Kulturepoche?

was bedeutet der Klang

eines solchen Wortes?

ist es ein reiner

oder ein unreiner

Zufall?

Nichtverfolgungswahn

Diese Verfolgungsmethoden

Spotten nicht nur der Beschreibung

Nein auch der Demokratie –

So heißt es zwar

Im Grundgesetz, Paragraph 3,

es darf niemand Nachteil erleiden

ob seiner Überzeugung und Gesinnung

außer wenn diese

nationalsozialistisch ist

Aber das Bundesverfassungsgericht erklärte

Im Jahre 1975 daß diese Freiheit

Von Benachteiligung natürlich nur gelte

Für das Haben einer Gesinnung

Nicht aber für

Das Äußern oder Verbreiten einer Gesinnung

Damit war der Rechtsweg frei

Für Verfolgungsmaßnahmen

zu denen auch die gehört

die man Berufsverbote nennt

Bekenntnis zur Verwurzelung in der freiheitlich-demokratischen ­Gesellschaft

für Günther Wallraff

Ich glaube

an die freiheitlich-demokratische Gesellschaft

*

Glaube

an die freiheitlich demokratische Gesellschaft!

*

Der Glaube an die freiheitlich-demokratische Gesellschaft

macht selig

*

Der Glaube an die selige Gesellschaft

macht freiheitlich-demokratisch

*

Der Glaube an die selige Demokratie

macht die freiheitliche Gesellschaft

*

*

Der Glaube an die Freiheit der Demokratie

macht die Gesellschaft gesellig

*

Die Freiheit der demokratischen Seele

macht die Gesellschaft gläubig

*

Wers glaubt wird selig

Wers nicht glaubt wird noch schneller selig

Die Mitte der siebziger Jahre war charakterisiert vom Kampf um die Begriffe: Vor der wachsenden Kritik, den wachsenden Fragen der jungen Leute begannen Staat und Justiz sich einzumauern.

Entweder wurden, wie schon erwähnt, die Gesetze verschärft. Dabei wurden sie zugleich beschönigt. Es ging dann plötzlich um den »Schutz des Gemeinschaftsfriedens«. Um »Putativnotwehr« und den »finalen Rettungsschuss«. Oder die Justiz ging direkt gegen ihre Kritiker vor. Selten von sich aus, zumeist auf Aufforderung. Und diese Aufforderung stand (das kann ich als vielfach in Drucksachen vorbestrafter Verleger bestätigen) zwei bis drei Tage vorher fast stets in den Zeitungen des Springer-Konzerns.

So wurde auch Erich Fried mit einem Prozess überzogen, seitens des Berliner Polizeipräsidenten Klaus Hübner, der ihn wegen des Wortes »Vorbeugemord« verklagte, das Fried im Zusammenhang mit der Hinterrückserschießung des Studenten Georg von Rauch durch einen Polizisten benutzt hatte. In einem Leserbrief (so weit ging die Paranoia!) an den Spiegel! Dadurch war der Gerichtsstand Hamburg, und das rettete Erich Fried: Er wurde freigesprochen, und Klaus Hübner wagte nicht, in die zweite Instanz zu gehen.

Das tat er aber dann, mit der deutlichen Absicht, den Verlag Erich Frieds zu ruinieren, in der gleichen Sache gegen mich (auch ich hatte »Mord« drucken lassen) und erreichte, bei viel willfährigeren Berliner Richtern, eine Verurteilung. So dass in dieser Sache um der Ehre der Berliner Polizei willen nicht der Todesschütze, sondern als einziger sein Kritiker verurteilt wurde.

Natürlich gibt es viele Texte von Erich Fried zu diesem politischen und juristischen Begriffsimperialismus – insbesondere seinen berühmten Prosabericht »Die Schneibarkeit« –, ich habe hier nur zwei Gedichte ausgewählt, die ihn zum Thema haben:

Die Säue von Gadara

Evangelium des Markus, 5

»Zu Menschen sind wir menschlich

zu einer Sau eine Sau

wenn es sein muß sogar eine Wildsau«

*

Dieses Wort eines Sprechers der Polizei

nach der Verhaftung und Mißhandlung Ulrike Meinhofs

macht zwar keine sachlichen Angaben zu der Frage

wie mit Ulrike Meinhof verfahren wurde

von Polizeibeamten

deren Name auch nicht Legion ist

*

Aber es ist besessen vom Grundgedanken

»Wer ein Mensch ist und wer eine Sau

das entscheidet die Polizei«

Sprachliche Endlösung

Der Schuß der Polizei

den die Frankfurter Rundschau

als sie das noch wagte

genannt hat

»Hinrichtung auf der Straße«

hieß offiziell:

»Gezielter

polizeilicher Todesschuß«

*

Im neuen Gesetzentwurf

ist er umgetauft worden

Er heißt seither:

»Finaler Rettungsschuß«

*

O nimmermüder Genius

unserer deutschen Sprache

der du überall

alles

verschönst

und verklärst

und begütigst!

Gegen Ende der siebziger Jahre kamen dann noch einmal die kleinen Zensurratten aus ihren Löchern, die bürokratischen Staubwedler und die lokalen Wadenbeißer, allesamt aus dem Lager der CDU: höchst unchristliche Nachtreter. Im Kieler Landtag drohte der CDU-Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Gerhard Stoltenberg, mit der Auflösung des NDR-Staatsvertrags wegen eines Textes von Erich Fried. Bernd Neumann, noch heute CDU-Chef in Bremen, forderte disziplinarische Maßnahmen gegen eine Lehrerin, die Erich Frieds Gedicht »Die Anfrage« im Schulunterricht behandelt hatte und sagte wörtlich: »Derartige Werke müssten verbrannt werden.«

Die CDU in Nordrhein-Westfalen forderte, dass das Gedicht »Wo liegt Nicaragua« an den Schulen verboten werde. Die CSU verlangte – mit Erfolg –, dass zwei kleine Gedichte von Erich Fried, »Meer« und »Antwort«, aus den bayerischen Lesebüchern entfernt werden, womit Erich Fried für bayerische (und baden-württembergische) Schüler ein Unbekannter blieb.

Soweit einige Mitteilungen über die Bundesrepublik der siebziger Jahre. Und ein Zitat des großen amerikanischen Sozialwissenschaftlers Norman Birnbaum vom März dieses Jahres: »Die siebziger Jahre der Bundesrepublik waren die Zeit, in der wilhelminisches Obrigkeitsdenken ebenso wie nationalsozialistisches Ressentiment endgültig der Vergangenheit überantwortet wurden. Der Angriff gegen Joschka Fischer ist so gesehen der untaugliche Versuch, Deutschlands verspäteten Eintritt in die Moderne rückgängig zu machen. Der Angriff gegen den Außenminister ist die Absage eines verängstigten Autoritarismus an die Offenheit und Möglichkeit einer demokratischen Pädagogik.«

Ein sehr schöner Ausdruck: die verängstigten Autoritären. Da stehen sie, Merkel und Merz, zitternd zusammen und wünschen sich den angeblich tadelsfreien Rechtsstaat der siebziger Jahre zurück. Für mich eine grauenhafte Vorstellung. Weswegen hier noch einmal zwei der verbotenen und verbrannten Gedichte folgen: »Antwort« und »Wo liegt Nicaragua«.

Antwort

Zu den Steinen

hat einer gesagt:

seid menschlich

*

Die Steine haben gesagt

wir sind noch nicht

hart genug

Wo liegt Nicaragua (Auszug)

(...)

Wo liegt Nicaragua?

Es liegt überall dort,

wo die Vereinigten Staaten Geheimdienstleute einschleusen

zur Verteidigung der Freiheit der freien Welt.

Und weil Nicaragua überall ist, darum muß man

endlich etwas von Nicaragua wissen:

Daß es in aller Welt um Nicaragua geht,

und daß es in Nicaragua um alle Welt geht

und daß man Nicaragua überall helfen muß

gegen Reagan und Weinberger und ihre Agenten und Söldner

und nicht vergessen soll, daß der Internationale Gerichtshof

in Haag die Vereinigten Staaten verurteilt hat

als Angreifer und als Verletzer des Völkerrechts,

als das, was man Kriegsverbrecher genannt hätte und

Friedensverbrecher, wenn die Vereinigten Staaten

etwas kleiner wären und nicht so mächtig.

*

Und weil Nicaragua überall ist, darum stehen die Menschen

überall, wo sie für Nicaragua stehen,

auch für sich selbst und ihre eigenen Kinder,

für ihr Leben und gegen ihren Tod.

*

Und wer in Deutschland am Leben bleiben will,

soll bedenken:

Nicaragua liegt in der Bundesrepublik Deutschland,

die alle Hilfe für Nicaragua gesperrt hat,

die aber Geld schickt an die Mörderbanden der Contras.

Nicaragua liegt in Deutschland, das Asylanten

in ihre Herkunftsländer abschiebt zu Tod und Folter

als wären noch nicht genug Todestransporte gerollt

*

über deutsche Geleise

zur Erledigung jenseits der Grenzen.

Anmerkung1 Joseph Fischer (Bündnis 90/Die Grünen) war von 1998 bis 2005 Außenminister der Bundesrepublik Deutschland.

Klaus Wagenbach ist Buchautor und Verleger.

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  • Leserbrief von Michael Meier von Rouden aus Berlin ( 5. Mai 2021 um 23:03 Uhr)
    »... einer Pfarrerstochter aus Mecklenburg-Vorpommern«: Hatte ich doch glatt vergessen, dass Hamburg zu Mecklenburg-Vorpommern gehört. Danke, Herr Wagenbach.

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