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Aus: Ausgabe vom 30.04.2021, Seite 15 / Feminismus
Gewalt in der Pandemie

Dem Partner ausgeliefert

Anstieg geschlechtsspezifischer Gewalt an Frauen in Pandemie. Maßnahmen erschweren Hilfe
Von Gitta Düperthal
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Demonstration in München, nachdem die Türkei ihren Austritt aus der Istanbul-Konvention zum Schutz von Frauen verkündet hat (26.3.2021)

Wenn Frauen sich nachts auf den Heimweg machen, heißt es: »Komm gut nach Hause«. Für viele aber ist genau das der gefährlichste Ort – es droht sogenannte häusliche Gewalt, in der Pandemie ein noch dringlicheres Problem. Laut Informationen des Bundeskriminalamts vom April lag die Zahl der Fälle, die von der Polizei registriert wurden, 2020 um 6,6 Prozent über dem Wert des Vorjahres. Bei Gewalt in der Partnerschaft gab es einen Anstieg um rund vier Prozent. Fast 20 Prozent mehr Anrufe stellte man beim bundesweiten Hilfetelefon fest, teilte eine Mitarbeiterin jW am Mittwoch mit.

Lokal wird das mitunter anders eingeschätzt, was die Lage aber kaum weniger bedrohlich für Frauen macht. »Momentan zeigt sich bei uns im Frauenhaus in München kein vermehrter Andrang, auch nicht in der Beratungsstelle«, so Lydia Dietrich, Geschäftsführerin der Frauenhilfe München vom Paritätischen Wohlfahrtsverband zu jW. In der Krisenlage rücke ein Empfinden bei den Betroffenen in den Vordergrund, sie müssten die Gewalt eben aushalten. Das Team der Frauenhilfe sei weiterhin 24 Stunden am Tag für sie da. Oft wollten die Frauen aber vermeiden, in der Pandemie in eine Gemeinschaftsunterkunft zu kommen. Niedrigschwellige Zugangswege seien aktuell erschwert. Gerade für Frauen, die sich nicht trauen, ihr Problem zu äußern, sei es schwer: »Einfach vorbeikommen funktioniert nicht mehr.« Erst muss ein Termin vereinbart werden.

Aufgrund des Shutdowns seien Frauen zu Hause mehr kontrolliert, könnten weder zum Telefon greifen, noch nach draußen gehen. Erfahrungsgemäß führe das dazu, dass die Anzahl hilfesuchender Frauen danach in die Höhe schnellt wie nach dem Shutdown im Frühjahr 2020. Häufig steige das Aggressionspotential bei Männern mit Kurzarbeit oder Homeoffice an, so Dietrich. »Wir beraten parteilich« – oft sei es »das erste Mal, dass der Frau jemand zuhört«.

Frauen jeden Alters, jeder Nationalität oder Religion und aus allen gesellschaftlichen Schichten erfahren durch ihren Beziehungspartner oder ehemaligen Partner Gewalt. »Sie werden geschlagen, getreten, beleidigt und gedemütigt, kontrolliert, vergewaltigt, gestalkt oder mit dem Tod bedroht«, erklärte die Sozialpädagogin Iris Enchelmaier von der Fraueninterventionsstelle »Frauen helfen Frauen e. V.« Stuttgart. Auch sie geht davon aus, dass durch die Pandemie Frauen stärker von geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen sind.

Heike Fischer vom Autonomen Frauenhaus in Stuttgart wertete gegenüber jW in Coronazeiten insbesondere die mit der körperlichen Gewalt ansteigende psychische Einschüchterung als sehr bedrohlich. In der Hinsicht sei die Kontaktbeschränkung für Frauen ebenfalls fatal. Alles wird durch Schließungen zurückgefahren, die Frau zurückgeworfen auf das eigene Zuhause. »Du bist selber schuld, dass ich dich schlage, hättest du eben früher gekocht«, müsse sich eine Frau zum Beispiel anhören oder Abwertungen wie »Du bist nichts. Du kannst nichts ohne mich«. Das Frauenhaus werde jetzt mehr Angebote draußen machen. »Eine Person kann man treffen. Das sollte die Frau nutzen, sich nicht verkriechen«, machte Fischer Mut. »Selbstvertrauen wurde niedergemacht. Um Kraft zu schöpfen, muss der Austausch sein.«

Die Pandemie erschwere die Situation sogar für Frauen, die den Schritt ins Frauenhaus gemacht haben. Hat eine Bewohnerin beim Auszug etwas Wichtiges zu Hause vergessen, kann sie es nicht mehr holen, weil der Mann im Homeoffice praktisch nie weg sei. Hilfreich wäre generell, wenn die Polizei die Frauen in dem Fall dorthin begleiten würde. Dies sei bislang gesetzlich nicht geregelt. Für die Einrichtungen müsse grundsätzlich statt einer 80- eine 100prozentige Finanzierung abgesichert werden, fordern die Stuttgarterinnen. Es dürfe nicht sein, dass Mitarbeiterinnen zusätzlich Spenden akquirieren müssten.

Direkte Gewalt gegen Frauen sei immer eingebettet in gesellschaftliche und strukturelle Machtverhältnisse, die Frauen benachteiligen, erklärte Enchelmaier. »Wir werden nicht locker lassen, in der Öffentlichkeit und Politik auf diese Missstände hinzuweisen.«

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