1000 Abos für die Pressefreiheit!
Gegründet 1947 Mittwoch, 12. Mai 2021, Nr. 109
Die junge Welt wird von 2512 GenossInnen herausgegeben
1000 Abos für die Pressefreiheit! 1000 Abos für die Pressefreiheit!
1000 Abos für die Pressefreiheit!
Aus: Ausgabe vom 30.04.2021, Seite 12 / Thema
Das globale Proletariat

Einfach Weltklasse

Klassenwerdung, internationale Verflechtung und Arbeitskämpfe in historischer und globaler Perspektive
Von Marcel van der Linden
12_13.JPG
Solidarität und Streik auch in Coronazeiten. Arbeiter des weltumspannenden Mineralölkonzerns Total protestieren in Paris gegen die Jobvernichtung beim global tätigen Pharmariesen Sanofi (4.2.2021)

Zwischen Anfang März und Anfang Mai dieses Jahres veranstalten die Heinz-Jung-Stiftung und Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung ein marxistisches Kolloquium unter dem Titel »Formwandel des Kapitalismus und die Rolle von Krisen – Grundlagen der historischen Kapitalismusanalyse«. In diesem Rahmen sprach am 29. März Marcel van der Linden zum Thema »Klassenwidersprüche und globale Klassenbildung in historischer und politischer Sicht«. Wir veröffentlichen an dieser Stelle Auszüge aus seinem Referat. (jW)

Um 1800 gab es weltweit ungefähr eine Milliarde Menschen. Soweit sie nicht zu jung, zu alt oder zu schwach waren, arbeiteten die meisten von ihnen in der Landwirtschaft, als kleine selbständige Bauern, besitzlose Pächter oder Schuldknechte. Lohnarbeiter gab es außer in Teilen Europas und Indiens noch relativ wenige; sie waren jedoch vorwiegend unfrei und konnten oft ihre Herren nicht ohne deren Erlaubnis verlassen. Auf den Plantagen in der Karibik, in Brasilien und im Süden der Vereinigten Staaten plagten sich einige Millionen Sklaven ab, um Zucker, Tabak, Kaffee und Baumwolle für den europäischen Konsum zu produzieren. Fast überall arbeiteten Frauen bedeutend mehr als Männer, weil sie meistens zusätzlich zu anderen Aufgaben auch noch den größten Teil der häuslichen Subsistenzarbeit erledigten.

All dies veränderte sich gründlich im Laufe des 19. Jahrhunderts. Zwischen 1834 und 1888 wurde die Sklaverei in fast allen Ländern offiziell abgeschafft. In großen Teilen Afrikas und Asiens bildeten sich neue Arbeitsverhältnisse heraus, als europäische Mächte Gebiete eroberten und kolonisierten. Zur gleichen Zeit breiteten sich die Industriebetriebe im Nordatlantikraum aus. Es entstand eine »neue internationale Teilung der Arbeit«, die Karl Marx wie folgt umschrieb: »Die beständige ›Überzähligmachung‹ der Arbeiter in den Ländern der großen Industrie befördert treibhausmäßige Auswanderung und Kolonisation fremder Länder, die sich in Pflanzstätten für das Rohmaterial des Mutterlands verwandeln, wie Australien zum Beispiel in eine Pflanzstätte von Wolle.« Diese Umwälzung wandelte »einen Teil des Erdballs in vorzugsweis agrikoles Produktionsfeld für den anderen als vorzugsweis industrielles Produktionsfeld« um.¹

Zwiebelähnliche Struktur

Infolge dieser Entwicklungen nahm die Weltwirtschaft ab ungefähr 1870 eine zwiebelähnliche Struktur an: In Nordamerika und Europa gewannen Fabriken und andere Fertigungsanlagen großes Gewicht; in weiten umliegenden Regionen wurde mehr und mehr eine kommerzielle Landwirtschaft betrieben, mit kleinen Enklaven, wo Bergbau oder weiterverarbeitende Unternehmen dominierten. Jenseits dieses zweiten Ringes lag ein noch nicht einverleibter Teil der Welt, der Schritt für Schritt ebenfalls integriert wurde. Von diesen drei Ringen ausgehend wurde auch Menschen exportiert. Es entwickelten sich drei große Migrationsströme: von Europa über den Atlantik; von Nordasien über den Pazifik und nach anderen Gebieten des globalen Südens; und von Südostasien in die Karibik, nach Südamerika und Ozeanien. Jeder dieser drei Ströme umfasste ungefähr 50 bis 60 Millionen Menschen.

Viele der Migranten verließen ihre Heimat aus ökonomischen Gründen; sie versuchten der Armut und dem Elend zu entkommen. Oft bezahlten sie ihre Reise in die unbekannte Ferne mit ihrem Ersparten. Und wenn die Mittel nicht reichten, verdingten sie sich als Kontraktarbeiter (Indentured Labourers). Sie unterschrieben einen Vertrag, der sie verpflichtete, als Gegenleistung für die Überfahrt für eine bestimmte Zeit (zum Beispiel drei, fünf oder zehn Jahre) im Dienste eines bestimmten Unternehmers in Übersee zu arbeiten. Für die Dauer dieses Vertrags galt für sie nicht das Zivil-, sondern das Strafrecht: Verletzten sie ihre Auflagen, konnten sie ins Gefängnis kommen oder manchmal auch körperlich bestraft werden. Indien, China und Indonesien waren die wichtigsten Herkunftsländer der Kontraktarbeiter (früher oft pejorativ Kulis genannt).

Als in den 1920er Jahren die internationale Migration von Kontraktarbeitern im großen Stil zu Ende ging, existierte das Phänomen dennoch weiterhin. Schon während des 19. Jahrhunderts wurden Arbeiter nicht mehr aus Überseegebieten, sondern aus näher gelegenen Regionen importiert. Bis weit ins 20. Jahrhundert wurden junge Männer in Papua-Neuguinea rekrutiert, um in den dortigen Goldminen zu arbeiten, unter Bedingungen, die Hubert Murray, ein Kolonialgouverneur, »in Wirklichkeit wie Sklaverei« bezeichnete.² Auch in den 1920er und 1930er Jahren arbeiteten noch Zehntausende Kontraktarbeiter auf den Gummiplantagen in Cochinchina (Französisch-Indochina), die unter anderem aus Annam und Laos kamen. Und auf den Teeplantagen im Assam und Darjeeling lebten zu jener Zeit Hunderttausende Arbeiter unter dem Indenture-System.

Abzug der Reservearmeen

In Europa führte die Gleichzeitigkeit von Massenemigration und Industrialisierung zu einer besonderen Kräftekonstellation, da die Auswanderung wie ein Sicherheitsventil wirkte. Albert Hirschman vermutete, dass »die Geschichte Europas im 19. Jahrhundert wahrscheinlich viel turbulenter oder auch viel repressiver und die Entwicklung hin zu repräsentativen Regimen viel zögerlicher verlaufen wäre, wenn die Emigration von Millionen Menschen in Richtung USA und anderswohin nicht möglich gewesen wäre«.³ Schon 1951 vertrat Fritz Sternberg die Ansicht, dass die Massenauswanderung aus Europa »einen wichtigen Kanal eröffnet habe, durch den die europäischen Reservearmeen abziehen konnten, was die gesellschaftlichen Gegensätze verringerte«.⁴

Im globalen Süden entstanden zum Teil ganz andere Arbeitsverhältnisse als im Norden. In den Amerikas verließen viele Sklaven die Orte (Plantagen, Minen etc.), wo sie zunächst nach der Abschaffung der Sklaverei gearbeitet hatten; sie suchten nach anderen Beschäftigungen und zogen es häufig vor, selbständige Kleinbauern zu werden. Obwohl ihre Agrarprodukte meist weiterhin nachgefragt wurden, konnte dennoch eine Krisensituation eintreten, die oft zum Kollaps der Plantagen und ihrer Parzellierung führte, oder auch zu einem Teilpachtsystem, wobei der ehemalige Plantagenbesitzer den Exsklaven ein Stück Land zur Verfügung stellte und dafür im Tausch ein Drittel oder die Hälfte der Ernte erhielt. Nicht selten war ein derartiges Arrangement mit der Verschuldung der Arbeiter verbunden: Wegen ihrer geringen Einkünfte sahen sie sich gezwungen, sich vom Grundbesitzer Geld zu leihen; wegen der hohen Zinssätze wiederum konnten sie später diese Schuld nicht begleichen und blieben so lebenslänglich von ihrem Gläubiger abhängig.

In Afrika und Asien versuchten die neuen Kolonialherren den im Laufe des 19. Jahrhunderts unterworfenen Bevölkerungen Zwangsabgaben abzupressen, mit denen sie ihr Herrschaftssystem finanzieren und, wenn möglich, profitabel machen konnten. Zu diesem Zwecke wurden verschiedene Methoden eingesetzt. Eine Methode waren Steuern: Die Untertanen wurden zur regelmäßigen Zahlung bestimmter Geldsummen verpflichtet. Da die Geldwirtschaft meistens noch relativ unentwickelt war, konnten sie diese Geldbeträge nur auftreiben, indem sie sich entweder für einen Teil ihrer Zeit als Lohnarbeiter verdingten oder einen Teil ihrer Agrarprodukte auf Märkten verkauften. Beide Varianten führten zur Stärkung kapitalistischer Tendenzen. Eine andere Methode war die Zwangsproduktion, wie sie zum Beispiel von 1830 bis 1870 auf der dichtbevölkerten Insel Java unter dem Namen »Cultuurstelsel« (Anbausystem) existierte: Die Bevölkerung wurde gezwungen, pro Saison eine bestimmte Menge von zum Beispiel Kaffee zu liefern, für die sie eine sehr geringe Bezahlung – unter dem gängigen Marktpreis – erhielt. Eine dritte Methode bestand darin, dass Dorfgemeinschaften verpflichtet wurden, Infrastrukturarbeiten zu verrichten, etwa Straßen und Gleisanlagen zu bauen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verbreiteten sich, insbesondere in Südostasien, aber auch in Teilen Afrikas und Australiens (Queensland), die aus den Amerikas bekannten Plantagen, die unter anderem Kautschuk, Zucker und Baumwolle für die nördlichen Märkte lieferten. Hier arbeiteten zumeist Kontraktarbeiter und unfreie Lohnarbeiter.

Die von Marx gekennzeichnete neue internationale Arbeitsteilung mündete in einer stetig wachsenden ökonomischen Kluft zwischen Nord und Süd. Im Süden verringerte sich die Produktion von Subsistenzgütern, weil die Bäuerinnen und Bauern sich gezwungenermaßen immer stärker auf die Produktion für den Markt orientierten. Parallel zur wachsenden Macht der Kolonisten verschlechterte sich im allgemeinen die Lage der Bevölkerungen. Die indische Ökonomin Utsa Patnaik hat nachgewiesen, dass es in mehreren Großregionen zu einem inversen Verhältnis zwischen den Exporten von Primärgütern und der Verfügbarkeit heimischer Getreidesorten kam. Der Grund dafür bestand darin, dass »es nur begrenzt Land in den Tropen gibt, und wenn von außen stark auf dessen Produktionskapazitäten bei gleichzeitig unzureichenden Investitionen zugegriffen wird, dann – so zeigt es die historische Erfahrung – können die heimischen Bedürfnisse nicht befriedigt werden, und die lokalen Bevölkerungen versinken in Mangelernährung und Armut«.⁵ In Britisch-Indien und Java, aber auch in Taiwan und Korea, die seit 1895 bzw. 1910 als Kolonien für den japanischen Markt produzierten, verringerte sich der Getreidekonsum pro Kopf zwischen 1890 und 1940 kontinuierlich, und Unterernährung und Armut breiteten sich aus.

Im globalen Norden hingegen stieg in derselben Zeit das Einkommensniveau der Bevölkerungen. Nicht nur die aufkommenden Arbeiterbewegungen (insbesondere Gewerkschaften) trugen dazu bei, sondern mehr noch waren es die niedrigen Preise der Agrarprodukte (»Kolonialwaren«) und Mineralien aus dem Süden, die die industrielle Produktion verbilligten und die Kaufkraft der nördlichen Arbeiterschaften erhöhten.

Erstarkende Arbeiterbewegung

Sowohl in Nordamerika als auch in Europa, Australien und Teilen Lateinamerikas fingen Lohnarbeiter im 19. Jahrhundert an, sich im größeren Maßstab zu organisieren. Das geschah oft in Form von Verbänden für gegenseitige Hilfe (Krankenkassen und dergleichen), Produktivassoziationen (selbstverwalteten Betrieben) und Konsumgenossenschaften, aber auch in Gewerkschaften und politischen Parteien. Diese frühen Arbeiterbewegungen waren in den meisten Fällen ziemlich schwach. Über das mächtigste kapitalistische Land jener Zeit, das Vereinigte Königreich, schrieb der Historiker Richard Price, dass es in den 1870er Jahren »keine Arbeiterbewegung im Sinne einer Organisation (gab), die kontinuierlich auf nationaler Ebene Einfluss ausübte. Die Gewerkschaftsmitglieder machten vielleicht fünf bis zehn Prozent der in Beschäftigung stehenden männlichen Arbeiterschaft aus, dieser Anteil war aber wie in der Vergangenheit sehr instabil und schwankte mit der Situation des lokalen Arbeitsmarkts«.⁶ Am Vorabend des Ersten Weltkriegs lag der gewerkschaftliche Organisationsgrad in Westeuropa in etwa zwischen sieben Prozent in Österreich und 23 Prozent in Großbritannien und Dänemark. Der große Anstieg des Organisationsgrades ergab sich erst, als die erste Phase der Industrialisierung bereits abgeschlossen war.

In den armen Ländern führten die wachsende Ungleichheit und die sich verschlechternden Lebensverhältnisse zu Widerstand in vielerlei Form. Wenn die Ausbeutung unerträglich wurde, entschlossen Bauernfamilien sich oft zur Migration; in Russland z. B. verließen im 19. Jahrhundert immer wieder ganze Dörfer geschlossen ihre Heimat. Auch kam es zu offenem Protest. Wo die Repression stark war, sorgten die Täter dafür, dass sie unerkannt blieben, zum Beispiel bei gewalttätigen Attacken auf die Landbesitzer (Brandstiftung, Meuchelmord). Doch kam es auch zu öffentlicher Gegenwehr in Form von Streiks, Landbesetzungen und dergleichen. Manchmal kulminierte das in revolutionären Umwälzungen. Ein bedeutendes Signal war die Mexikanische Revolution in den Jahren 1910 bis 1920, die vor allem durch Bauerngemeinschaften angetrieben wurde. Noch weit wichtiger war die Rolle der Arbeiterschaft in der Russischen Revolution von 1917, die eigentlich eine Kombination dreier Kämpfe war: der Arbeiter, der Bauern und der unterdrückten Nationalitäten. Die Arbeiterklasse war zwar zahlenmäßig klein, sie fungierte aber trotzdem als strategischer »Rammbock« (Trotzki). In der Bolivianischen Revolution von 1952 blieben die Bauern zuerst passiv, während insbesondere die Arbeiter im Zinnbergbau und ihre Frauen die Armee in bewaffneten Auseinandersetzungen schlugen und so erhebliche Veränderungen bewirkten. Auch die Kubanische Revolution von 1957 bis 1959 konnte nur gelingen, nachdem große Streiks die Guerilleros um Fidel Castro unterstützt hatten. Ähnliches gilt für die Iranische Revolution von 1978/1979; der Schah konnte erst vertrieben werden, als die mächtigen Arbeiter der Ölindustrie sich für die Rebellion entschieden.

Die Russische Revolution von 1917 eröffnete eine etwas mehr als 70 Jahre dauernde Periode »realsozialistischer Experimente«. Zuerst, seit dem Ende der 1920er Jahre, in der Sowjetunion und nach dem Zweiten Weltkrieg auch in Osteuropa, China usw. wurden Gesellschaften planwirtschaftlich organisiert, die sich als historische Alternativen zum Kapitalismus verstanden. Ihre Arbeitsverhältnisse unterschieden sich in mehreren Hinsichten von den »westlichen«. Im »Plansozialismus« gab es relativ wenige Konsumgüter, und es herrschte fast komplette Vollbeschäftigung. Für die Arbeiter bestanden deshalb kaum Anreize zu arbeiten (mit Geld konnte man nicht viel kaufen, offene Arbeitslosigkeit gab es kaum), im Vergleich zum Westen arbeiteten sie deshalb in einem niedrigeren Tempo und fertigten oft Produkte schlechterer Qualität. Betriebsleitungen hatten, um keinem zu hohen Planziel ausgesetzt zu sein, ein Interesse daran, die Planungsinstanzen über die Produktionskapazitäten falsch zu informieren. In der Betriebsführung verhielten sie sich äußerst konservativ, um keine Risiken einzugehen. Die Folge dieses Zustandes war eine große – und im Lauf der Jahre wachsende – Vergeudung, die sich in der sehr zögerlichen Einführung neuer Technologien, Unterbeschäftigung und Nichtauslastung vorhandener Kapazitäten ausdrückte.

Die soziale Struktur des »realen Sozialismus« war außergewöhnlich. Die Arbeiterklasse war keine »gewöhnliche« Arbeiterklasse. Einerseits vermietete sie ihre Arbeitskraft für Geld und brachte ein gesellschaftliches Produkt hervor, über das sie nicht zu bestimmen hatte. Andererseits war sie einer Art Arbeitspflicht unterworfen, konnte aber das verdiente Geld auf Grund des Mangels an Konsumgütern nur zum Teil für die Anschaffung von Waren zur Selbst­reproduktion verwenden. Die Führungskader besaßen nur teilweise die Macht, über die Verwendung des gesellschaftlichen Produktes zu bestimmen, und besaßen ebenfalls nur teilweise Verfügungsgewalt über die Arbeitskräfte. Diese Schwächen mündeten in einer wachsenden Ineffizienz und führten letztendlich zum Zusammenbruch (in Osteuropa und der UdSSR) oder zu einer Übernahme kapitalistischer Methoden (in China und Vietnam).

Vorübergehende Wohlfahrt

In den reichsten Regionen der Welt – Westeuropa, Japan, Australien, weniger in Nordamerika – konnte sich im 20. Jahrhundert allmählich ein oft kumulativer, aber ungeplanter Reform- und Veränderungsprozess durchsetzen, der in die relativ weite Verbreitung des sogenannten Normalarbeitsverhältnisses mündete. Dieser Trend war zum Teil auch eine Reaktion auf die als bedrohlich erfahrenen »realsozialistischen Experimente« in Russland und anderswo.

Der Aufstieg des Normalarbeitsverhältnisses ging mit Reformen und Veränderungen in sieben Politikbereichen einher: 1. Arbeiterschutzgesetzgebung einschließlich des Verbots von Kinderarbeit, Sicherheitsbestimmungen am Arbeitsplatz, Nachtarbeitsverbot für Frauen etc.; 2. Legalisierung der Arbeiterkoalitionen mit der Gründung von Unternehmerverbänden als (verzögerter) Antwort; 3. Regelung der Arbeitszeit durch Verkürzung des Arbeitstages, der Arbeitswoche und der Einführung eines bezahlten Urlaubs; 4. Einführung von Pflichtversicherungen wie der Kranken-, Renten-, Invaliden- und Arbeitslosenversicherung; 5. die Institutionalisierung von Kollektivverträgen; 6. die Verbreitung unbefristeter Arbeitsverträge; 7. das Erreichen von Vollbeschäftigung und einer Hochlohnökonomie. So entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg in einem relativ kleinen Teil der Welt hochentwickelte Sozialstaaten.

Der Aufbau derartiger Sozialstaaten war im globalen Süden nicht möglich. Schon in den späten 1960er Jahren argumentierte der Politökonom Ernest Mandel, dass Wohlfahrtsstaaten mit Massenkonsum zumindest ein hohes Niveau der Industrialisierung und des Wohlstands voraussetzen, ebenso wie stetiges Wachstum. Das würde »drei Viertel der Länder der Welt von jeder Chance eines Erfolgs solcher Experimente« ausschließen. »Momentan können diese in höchstens ungefähr 20 Ländern (USA, Kanada, Australien, Neuseeland, Japan und Westeuropa) Erfolg haben, die weniger als 20 Prozent der Weltbevölkerung beherbergen.« Wohlfahrtsstaaten seien daher notwendigerweise ein »vorübergehendes« Phänomen«.⁷

Das Eindringen kapitalistischer Verhältnisse in den globalen Süden hat dort (genau wie in Europa im 19. Jahrhundert) zum Entstehen einer starken relativen Überschussbevölkerung geführt. Während aber die europäischen Überschussbevölkerungen nach Nord- und Südamerika oder nach Australien emigrieren konnten, war und ist eine solche Lösung für die heutigen Überschussbevölkerungen im globalen Süden ausgeschlossen. Die Weltbevölkerung hat sich in den letzten 150 Jahren nicht nur vervielfacht, wodurch es schwieriger geworden ist, sich anderswo niederzulassen, die reichsten Regionen der Welt sind auch für Migranten nicht leicht zugänglich, weil die dort existierenden hochentwickelten Sozialstaaten sie abwehren.

Zahlreich und heterogen

Die heutige Lage der Arbeiter und ihrer Bewegungen ist kompliziert. Die Welt zählt zur Zeit ungefähr 7,7 Milliarden Menschen. Davon sind ungefähr 3,5 Milliarden erwerbstätig. 51 Prozent dieser Erwerbstätigen sind lohnabhängig. Ihr Anteil ist in jüngster Zeit schnell gewachsen. Noch 1991 waren nur 41 Prozent der Erwerbstätigen lohnabhängig. Die heutige Weltarbeiterklasse ist nicht nur sehr zahlreich, sondern auch sehr heterogen. Arbeiter im Kongo erhalten ungefähr ein Dreißigstel bis ein Vierzigstel dessen, was ihre Kollegen in Deutschland oder Österreich verdienen, und sie verfügen über sehr viel weniger soziale Rechte. Ernest Mandels Erwartung, dass die Sozialstaaten in den reichen Ländern sich nicht würden halten können, scheint sich zu bewahrheiten. Fast überall werden die Normalarbeitsverhältnisse allmählich wieder demontiert. In der Europäischen Union sind inzwischen fast ein Viertel aller Einwohner sozial »verletzlich«, wie es in der offiziellen Statistik heißt. Im globalen Süden sind prekäre Arbeitsverhältnisse die Norm. Nur acht Prozent der indischen Erwerbstätigen haben einen echten Arbeitsvertrag; alle anderen sind informell beschäftigt und daher ohne Schutz vor Arbeitslosigkeit oder Krankheit.

Immer mehr Arbeiterinnen und Arbeiter sind durch transnationale Arbeitsprozesse miteinander verbunden. Schätzungsweise ein Viertel von ihnen hat bereits Jobs, die Teil einer weltweiten Standortkette sind. Die Globalisierung hat zwar der Industrialisierung im globalen Süden Aufwind gegeben, aber die neuen Arbeitsstellen sind vorwiegend unqualifiziert und von schlechter Qualität und werden wohl genau deshalb in der Mehrzahl von Frauen besetzt. Die vieljährige Kampagne der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) für »anständige Arbeit« (Decent Work) hat bisher nicht viel Erfolg gehabt. Da außerdem die internationalen Gewerkschaften sehr geschwächt wurden, ist die Verbesserung der weltweiten Arbeitsverhältnisse eine sehr große Herausforderung geworden.

Anmerkungen

1 Karl Marx (1867): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. 1. Der Produktionsprozeß des Kapitals. Berlin, 1962, S. 475

2 Peter Fitzpatrick: »Really Rather Like Slavery«. Law and Labour in the Colonial Economy of Papua New Guinea. In: Wheelwright, Edward L./Buckely, Ken (Hg.): Essays in the Political Economy of Australian Capitalism. Sydney 1978, S. 108–118

3 Albert O. Hirschman: Exit, Voice, and Loyalty. Further Reflections and a Survey of Recent Contributions. In: The Milbank Memorial Fund Quarterly 58 (3), 1980, S. 430–453, hier S. 442

4 Fritz Sternberg: Kapitalismus und Sozialismus vor dem Weltgericht. Köln 1951, S. 62

5 Utsa Patnaik: The Republic of Hunger and Other Essays. Gurgaon 2007, S. 2 f.

6 Richard Price: Britain. In: Van der Linden, Marcel/Rojahn, Jürgen (Hg.): The Formation of Labour Movements, 1870–1914. An International Perspective. Bd. I. Leiden 1990, S. 3–24, hier S. 3

7 Ernest Mandel: Introduction. In: Mandel, Ernest (Hg.): Fifty Years of World Revolution 1917–1967. An International Symposium. New York 1968, S. 11–34, hier S. 21 f.

Marcel van der Linden ist Historiker, Forschungsdirektor am Internationalen Institut für Sozialgeschichte und Professor für die Geschichte der sozialen Bewegungen an der Universität Amsterdam. An dieser Stelle schrieb er zuletzt am 29. April 2017 über die globale Gewerkschaftsbewegung

1000 Abos jetzt

Die Bundesregierung sagt: der Tageszeitung junge Welt sei mit geheimdienstlichen Mitteln der »Nährboden zu entziehen«. Wirtschaftlich und wettbewerbsrechtlich negative Folgen durch die Nennung der Zeitung im Verfassungsschutzbericht seien sogar beabsichtigt.

Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

Zur neuen Leserbrieffunktion auf jungewelt.de

  • Leserbrief von Volker Wirth aus Berlin ( 6. Mai 2021 um 11:19 Uhr)
    Weltklasse? Schön wär’s ja. Gehen wir doch mal »zurück zu Marx«: Marx wusste selbstverständlich aus eigenem, zumindest mittelbaren Erleben, welcher Riss seinerzeit existierte zwischen englischen Lohnarbeitern und ihren irischen billigen »Konkurrenten« auf dem englischen Arbeitskräftemarkt. Noch krasser war offenbar im 20. Jahrhundert und teilweise bis heute das Verhältnis zwischen den anglosüdafrikanischen und »burischen«, also »weißen«, und den farbigen, also indischen und afrikanischen Lohnarbeitern bzw. Beschäftigung Suchenden im rassistischen Apartheidstaat und auch noch danach. Wir können trefflich von einer »Weltklasse« fabulieren, die es im Interesse erfolgreicher Klassenkampf ja auch tatsächlich geben sollte. Aber das darf uns nicht daran hindern, die real existierende Kluft wahrzunehmen etwa zwischen dem Siemens-Facharbeiter und dem aus Syrien stammenden Pizzaboten, der ihn beliefert. Nur wenn sie erkannt, begriffen wird, kann sie eventuell überwunden werden. Inwieweit es da eine Klassensolidarität bzw. auch nur humane Empathie gibt, zeigt sich in der Praxis – und nicht primär im Trinkgeld des Siemens-Arbeiters für den armen Kerl, der sich da per Fahrrad mit dem Pizzakarton zu ihm bemüht hat.
    Herkunfts-, Sprach- und Glaubensschranken, »Barrieren« der Haut-, Haar- und Irisfarbe können das Proletariat also leider wirklich sehr daran hindern, einheitlich zu handeln; Nachteile haben dadurch letztlich auch, wenn auch wahrscheinlich in geringerem Maße, die anscheinend »privilegierten« Lohnarbeiter. Aber das muss durch die Köpfe, deren Köpfe, ins Bewusstsein. In Deutschland stehen etwa »türkeistämmige« Fachkräfte an vorderster Front in den politischen und gewerkschaftlichen Kämpfen. Einige ihrer »originaldeutschen« Nachbarn aber haben der ausländerfeindlichen AfD zu spektakulären Wahlergebnissen in traditionellen Arbeiterwohngebieten verholfen. Ähnlich, aber noch krasser »antisozial« ist das Wahl- und allgemeinpolitische Verhalten der »weißen« Lohnarbeiterschaft (von einer eigenen Klasse mag man da nicht sprechen) im heutigen Südafrika. Da helfen nur praktisch-faktische Erfahrungen im gemeinsamen Kampf, in diesem konkreten Fall gegen die nunmehr »mehrfarbige« Ausbeuterklasse der »Regenbogennation«.
    Es ist zudem nur eine Halbwahrheit, dass im »realen Sozialismus« die Arbeiterklasse »ihre Arbeitskraft für Geld« vermietete. Denn ein großer Teil der Reproduktion des Arbeiters bzw. der Arbeiterin und ihrer Kinder vollzog sich (bzw. vollzieht sich heute noch in den sozialistischen Ländern Ostasiens und in Kuba) über die »zweite Lohntüte«, also die an sich »geldwerten«, aber tatsächlich kostenlosen oder stark verbilligten Sozialleistungen – das kann man nicht einfach unterschlagen. Einige solche Leistungen gibt es, auch »systemfremd« und von strikten Neoliberalen angefeindet, auch in hochentwickelten kapitalistischen Ländern – aber das ist kein Argument gegen diese »präkommunistische« Verteilung nicht nach der Leistung. Insgesamt ist die »einfache« Erklärung des Autors für den Zusammenbruch des Sozialismus in Osteuropa noch stark diskussionswürdig.
  • Leserbrief von Andreas Wessel aus Berlin ( 3. Mai 2021 um 11:30 Uhr)
    Da hat uns Ostdeutschen die junge Welt ja ein schönes Ei zum 1. Mai ins Nest gelegt. Herr »Professor« van der Linden (wer zahlt sein Gehalt?) erklärt uns, warum der Plansozialismus gescheitert ist und scheitern musste: »Für die Arbeiter bestanden … kaum Anreize zu arbeiten …, im Vergleich zum Westen arbeiteten sie deshalb in einem niedrigeren Tempo und fertigten oft Produkte schlechterer Qualität.« Dazu kamen »Vergeudung, … zögerliche Einführung neuer Technologien, Unterbeschäftigung und Nichtauslastung vorhandener Kapazitäten … Diese Schwächen mündeten in einer wachsenden Ineffizienz und führten letztendlich zum Zusammenbruch.« Abgesehen vom anzuzweifelnden Menschenbild, bei dem der Arbeiter nur arbeitet, wenn er mit Zuckerbrot (Massenkonsum gleich Wohlstand) gelockt und mit der Peitsche (drohende Arbeitslosigkeit) im Zaum gehalten wird, stimmen die Fakten dieser »Analyse« schlicht und einfach nicht. Also hier ein kurzer Exkurs vom Ossi für den Herrn Wissenschaftler aus Amsterdam: Die DDR wurde auf etwa 30 Prozent der Fläche der heutigen BRD und mit knapp 30 Prozent der damaligen deutschen Bevölkerung gegründet. Auf ihrem Gebiet lagen weniger Industriezentren als im Westen und deutlich weniger industrierelevante Rohstoffe. Trotzdem musste dieser Teil Deutschlands fast die gesamten Reparationsleistungen an die Sowjetunion (97–98 Prozent, geschätzt bis zu 100 Milliarden DM zu Preisen von 1953) schultern, anfangs durch massiven Abbau von Produktionsanlagen und Infrastruktur, später durch Entnahmen aus der laufenden Produktion. Sozusagen ein negativer Marshallplan. Was war dann die Folge von 40 Jahren »Misswirtschaft« auf dieser Ausgangsbasis? Ein moderner Industriestaat mit Weltklassebildungssystem ohne soziale Benachteiligung, kostenloser Gesundheitsversorgung auf Spitzenniveau, billigem (vielleicht zu billigem) Wohnraum und Konsumgütern, die nicht unbedingt in der Vielfalt, aber oft im Gebrauchswert heutigem Wegwerfprodukten weit überlegen sind (übrigens gehören dazu auch Kulturgüter wie Bücher und Kunstwerke).
    Dazu kommt noch ein zentraler Aspekt, der leider auch im ostdeutschen Diskurs (vor und nach 1989/90) nicht ausreichend gewürdigt wurde: Der Lebensstandard der westdeutschen Arbeiter beruhte wesentlich auf der Ausbeutung von Arbeitskraft und Natur im globalen Süden. Jeder Westdeutsche und damit auch jeder Bürger im heutigen »zusammengetretenen« Deutschland ist ein Sklavenhalter, nur arbeiten diese Sklaven nicht vor unserer Haustür, sondern in sicherer Entfernung – selten schaffen es ein paar über unsere Grenzen.
    Der »Zusammenbruch« des Plansozialismus war die Folge eines brutalen kalten Krieges bei dem der Westen (also der imperialistische Teil des jetzigen globalen Nordens) seine gesammelten Ressourcen plus die des unterjochten Teils des Südens gegen die Völker warf, die in Solidarität mit anderen Völkern leben wollten. Und er hat gewonnen – vorerst.

Ähnliche:

  • Haben genug von der bauernfeindlichen Politik der Regierung Modi...
    22.03.2021

    Millionen gegen Modi

    Indien in Aufruhr. Riesige Demonstrationen und Märsche der Arbeiter und Bauern haben die hindu-nationalistische Regierung in Bedrängnis gebracht
  • Schuften für Armutslöhne, denn der Spargel soll möglichst preisw...
    19.02.2021

    Dreckige Ernte

    IG BAU fordert Sozialversicherungs- und Gesundheitsschutz für Saisonarbeiter