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Aus: Ausgabe vom 29.04.2021, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Aufmerksamkeit gefunden

Zu jW vom 23.4.: »Souffleure des gerechten Kriegs«

Ich erlaube mir, eine kleine selbst erlebte Geschichte als Leserbrief einzureichen: Auf dem Weg zu einer Kundgebung, mit der Deserteure des Zweiten Weltkrieges geehrt werden sollten, las ich den oben genannten Artikel mit dem Text von Émile Zola. Kurz danach sah ich den Leiter der Kundgebung. Er fragte mich, ob ich nicht wieder zur Einleitung der Veranstaltung einen literarischen Text vorlesen wolle. Ich sagte, ich hätte zwar nichts vorbereitet, hätte mir aber schon bei der Lektüre des Zola-Textes gedacht, dieser sei zum Vorlesen geeignet. So überraschte ich mehr mich als die coronabedingt überschaubare kleine Schar der Kundgebungsteilnehmer mit der Geschichte von der Erfindung der »humanitären Interventionen« durch den Riesen Sidoine (»stark wie eine Armee, aber dumm wie Brot«) durch Einflüsterung des »zynischen Knirpses Médéric« (»nicht größer als ein junger Salatkopf, aber mit dem Esprit von 40 erwachsenen Menschen«). Ich hatte den Eindruck, dass der Text die Aufmerksamkeit gefunden hat, die er verdient.

Dr. Lothar Zieske, Hamburg

Zu kurz gegriffen

Zu jW vom 24./25.4.: »Alles dicht machen«

Der Kommentar zu »Alles dichtmachen« und Jan Josef Liefers geht meines Erachtens an der Absicht der Kulturschaffenden vorbei. Sie reagieren mit Ironie, teilweise Zynismus und Sarkasmus auf den neuesten Lockdown. Die meisten Beiträge kritisieren die Art und Weise der Pandemiebekämpfung, zweifeln aber nicht an der Existenz des Virus und der Dringlichkeit, es zu bekämpfen. Manche Beiträge sind schwer verständlich, so ist das eben bei Ironie. (…) Das Dilemma ist doch, dass die Strategie gegen Covid-19 fast ausschließlich den privaten Bereich trifft. Familien, Kinder, Senioren, Einzelhandel, Gastronomie, Hotellerie und Kultur befinden sich seit einem Jahr mehr oder weniger im Ausnahmezustand. Dort gibt es Tausende Beschäftigte in prekären Arbeitsverhältnissen ohne soziale Absicherung (…). Dagegen kann die Industrie tun und lassen, was sie will. Nach wie vor endet die gesellschaftliche Verantwortung vor dem Werkstor, dahinter herrscht die Profitlogik. Der Daimler-Konzern hat im ersten Quartal mit circa 4,4 Milliarden Euro Gewinn gezeigt, was er von den Coronamaßnahmen hält. Ein großes Dilemma ist das Nichtvorhandensein sichtbarer Proteste von links. Die Straße wird weitgehend den »Querdenkern« überlassen. Immerhin gibt es Aktionen gegen deren unverschämtes Auftreten und ihre Duldung durch die Staatsmacht. Jedoch gelingt es bisher nicht, eigenständige Protestaktionen mit linkem Profil in nennenswertem Umfang auf die Beine zu stellen. Gute Aktionen wie »Zero Covid« und andere schaffen es nicht, eine Massenbasis zu erkämpfen. Es gibt jede Menge guter und richtiger Forderungen: Freigabe der Impfstofflizenzen, konsequenter Lockdown über einige Wochen auch für die Arbeitswelt, Neuaufstellung des Krankenhauswesens mit genügend und besser bezahlten Pflegekräften und die Erarbeitung von Öffnungsstrategien für die Zeit nach einem Lockdown. Jetzt die verzweifelten Hilferufe von kurz vor dem Abgrund stehenden Künstlern nur als nebulös abzukanzeln, greift zu kurz. Ein bissiger Kommentar zur Erlaubnis, die Fußballeuropameisterschaft in München in vier Spielen vor 14.000 Zuschauern durchzuführen, wäre meines Erachtens der Situation im Land eher gerecht geworden.

Konrad Wanner, per E-Mail

Teil der Konterrevolution

Zu jW vom 21.4.: »Für die Freiheit«

Menschen sterben. Dann sagt man: »Ruhe in Frieden!« Aber die Lehre aus ihrem Leben kann für den Frieden wichtig sein. Karin Leukefeld stellt die von Michel Kilo eingenommenen Positionen nur mit Blick auf 2011 und auf das dar, was er vor seinem Tod schrieb, aber sie blendet seine widersprüchlichen Stellungnahmen in den Jahren dazwischen aus. Drei Faktoren haben die Volksbewegung in Syrien in die Irre gehen lassen: das Anfachen des konfessionellen Streits, die Gewalt allgemein, dann die Hoffnung auf eine westliche Militärintervention. Kilo war einer derjenigen, der all dies verstärkt hat. Er versuchte, die Nusra-Front zu verharmlosen, und sagte 2014 gegenüber der libanesischen Tageszeitung Al-Nahar: »Solange die Nusra-Front gegen das Regime kämpft und keine zweideutigen oder verdächtigen Schlachten wie der ›Islamische Staat‹ führt, neige ich dazu, sie als Widerstandskraft und nicht als terroristische Organisation zu betrachten.« Er redete immer wieder über die Syrer als ethnische und religiöse Gruppen und gründete die Organisation »Syrische Christen für Gerechtigkeit und Freiheit«, um die Christen zum Widerstand gegen die Regierung anzutreiben, weil sie seiner Meinung nach im Vergleich zu den Sunniten nicht revolutionär genug waren. (…) Kurzum, Michel Kilo war selber Teil der Konterrevolution.

Fadi Al-Ayobi, per E-Mail

Blanker Hohn

Zu jW vom 22.4.: »Zocken mit Grenzwerten«

Es muss für jeden Menschen, der die Aussagen der Klimaexperten ernst nimmt, als der blanke Hohn erscheinen, wenn beispielsweise der CDU-Chef und -Kanzlerkandidat Armin Laschet sagt, sein Ziel sei es, dass wir bis 2050 »klimaneutral« seien. Er selber muss ja die Konsequenzen dieser Verzögerungstaktik nicht mehr ausbaden. Aber auch die Grünen setzen vor allem auf Emissionshandel, um die Emissionsverursacher soweit wie möglich zu schonen, nur um »mitmischen« zu dürfen. (…) Doch genau wie das Coronavirus nicht mit faulen Kompromissen aufzuhalten ist – es ist wesentlich flexibler als sein jetziger Wirt, der Mensch –, genauso hat die sich beschleunigende Klimaerwärmung ihre eigene Dynamik entwickelt, die eben leider auf ihre Verursacher keine Rücksicht mehr nimmt.

Josie Michel-Brüning, Wolfsburg

Ein großes Dilemma ist das Nichtvorhandensein sichtbarer Proteste von links. Gute Aktionen wie ›Zero Covid‹ und andere schaffen es nicht, eine Massenbasis zu erkämpfen.

Wer hat Angst vor wem?

Diejenigen, die sich nicht scheuen, gegen Faschismus, Rassismus, Krieg und Ausbeutung einzutreten? Die dafür mit Verfolgung und Repression rechnen müssen? Oder diejenigen, die Verfassung und die herrschenden Verhältnisse »schützen«?

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