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Aus: Ausgabe vom 29.04.2021, Seite 12 / Thema
Energiepolitik

Mehr Stoff

Ein erhöhter Energiebedarf, am besten CO2-neutral, lässt deutsche Strategen über die umfangreiche Herstellung von Wasserstoff nachdenken – vor allem in anderen Ländern
Von Bernd Müller
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Begehrter Energieträger. Produktionsanlage für Wasserstoff der Linde AG in Leuna

Wasserstoff gilt als große Hoffnung für den Klimaschutz. An vielen Stellen soll er zum Einsatz kommen – vor allem in der Industrie und im Verkehr, also überall dort, wo bislang im großen Stil Öl, Gas und Kohle eingesetzt werden. Der Bedarf ist gewaltig. Das Handelsblatt berief sich in einem Artikel vom 21. April auf eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse Cooper (PWC). Demnach wird Wasserstoff vor allen Dingen im Transportwesen (30 Prozent), im Flugverkehr (20 Prozent), in der Stahl- und Chemieindustrie (15 Prozent) und in der Energieerzeugung (15 Prozent) genutzt. Der Studie zufolge könnte sich der globale Bedarf an Wasserstoff bis 2040 verdoppeln – auf umgerechnet 4.590 Terrawattstunden (TWh). Bis 2070 könnte er sich dann noch einmal auf 17.390 TWh erhöhen. Zum Vergleich: Deutschland hatte im Jahr 2018 einen Primärenergieverbrauch von 2.499 TWh; nur zwischen 55 und 60 TWh wurden über Wasserstoff gedeckt. Nach dem Willen der Bundesregierung soll sich der Verbrauch an Wasserstoff bis 2030 verdoppeln. Doch nur ein kleiner Teil (14 TWh) davon kann bis dahin in Deutschland selbst produziert werden; an Importen geht kein Weg vorbei.

Der Grünen-Politiker Jürgen Trittin wies – ebenfalls im Handelsblatt (15. April) – darauf hin, was das letztendlich bedeutet: »Klimaschutz prägt die Geopolitik.« War bislang die Verfügungsmacht über Kohle, Öl und Gas Garant für wirtschaftliche und politische Stärke, so verändern sich jetzt die globalen Machtverhältnisse, und neue Abhängigkeiten entstehen.

Eigene Farbenlehre

Beim Thema »Wasserstoff« hat sich eine eigene Farbenlehre herausgebildet. Unterschieden wird danach, woraus die benötigte elektrische Energie für seine Herstellung gewonnen wird bzw. aus welchen chemischen Prozessen der Wasserstoff hervorgehen soll. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist, ob in diesem Prozess Kohlendioxid (CO2) entsteht und was mit diesem Treibhausgas getan wird.

Bislang wird der größte Teil des benötigten Wasserstoffs aus Kohle oder Erdgas gewonnen. Der heißt dann »grauer« Wasserstoff: Das bei der Herstellung entstehende CO2 wird weder gespeichert noch anderweitig genutzt, sondern in die Atmosphäre geblasen. »Blau« wird er, wenn er aus Erdgas gewonnen wird und das dabei freigesetzte CO2 mit der sogenannten CCS-Technologie (»Carbon Capture and Storage«, deutsch: Kohlendioxidabscheidung und -lagerung) gespeichert wird. »Türkis« nennt man ihn, wenn er aus Erdgas durch Pyrolyse entsteht. Am Ende dieses Prozesses hat man dann auch festes Karbon. Als »pink« wird er bezeichnet, wenn Atomstrom zu seiner Gewinnung herangezogen wird.

Auf »grünen« Wasserstoff setzt die Bundesregierung in ihrer im Juni 2020 verabschiedeten »Nationalen Wasserstoffstrategie«. Er gilt als einzige nachhaltige Version des Gases, da zu seiner Erzeugung Energie aus erneuerbaren Quellen herausgezogen und Wasser aufgespalten wird. Kohlendioxid fällt beim Herstellungsprozess nicht an. Gleichwohl geht die Bundesregierung davon aus, dass sich in den nächsten zehn Jahren ein globaler und europäischer Markt herausbilden wird, auf dem auch »blauer« und »türkisfarbener« Wasserstoff gehandelt werden.

»Grüner« Wasserstoff ist bislang nicht wettbewerbsfähig; er kostet ungefähr das 3,6fache des »grauen«. Der entscheidende Faktor bei der Erzeugung sind die Strompreise. In der oben angeführten PWC-Studie geht man davon aus, dass sie derzeit 60 bis 70 Prozent der variablen Kosten bei der Elektrolyse ausmachen. Allerdings müssten dafür die Kosten der Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen deutlich sinken. Unter 20 US-Dollar (16,50 Euro) pro Megawattstunde (MWh) müsste der Preis fallen, zeitgleich müssten aber auch die Kosten für den Ausstoß von Kohlendioxid ansteigen. Bislang wird das nur bei einigen Projekten erreicht, zum Beispiel im sonnenreichen Saudi-Arabien; dort wird der Wert sogar bereits unterschritten. Man geht davon aus, dass es in Deutschland 2030 soweit sein könnte.

Die Ökonomin Veronika Grimm, Mitglied der Expertenkommission zum Monitoring der Energiewende, erklärte in einem Interview mit dem Handelsblatt vom 16. April, dass bis 2030 der Stromverbrauch in der Bundesrepublik deutlich steigen wird: Allein um die Anlagen für die Elektrolyse zu betreiben, brauche es 20 TWh mehr Strom. Zugleich würden steigende Preise für den Ausstoß von Kohlendioxid dazu beitragen, dass auch die Industrie mehr Prozesse elektrifiziert. Hinzu komme noch der Straßenverkehr, an dem bis 2030 bis zu zehn Millionen Elektroautos teilnehmen könnten. Auch in den Gebäuden würden bis dahin mehr Wärmepumpen und damit mehr elektrische Energie genutzt. Ohne den raschen Ausbau der Energieerzeugung aus erneuerbaren Quellen ist das nicht zu schaffen.

Grün oder pink?

Angesichts des schleppenden Ausbaus im Bereich der Wind- und Sonnenenergie in Deutschland scheint es kaum möglich zu sein, die notwendige »saubere« Energie in der Bundesrepublik selbst zu erzeugen. Das Handelsblatt verdeutlichte dies in einem Beitrag vom ebenfalls 16. April: Allein das Stahlwerk von Thyssen-Krupp in Duisburg-Bruckhausen bräuchte enorme Mengen Wasserstoff, wenn es »grünen« Stahl produzieren soll. Um diese Menge zu erzeugen, bedürfte es demnach 40 TWh Ökostrom pro Jahr. Das entspräche etwa sieben Prozent des gesamten Stromverbrauchs der Bundesrepublik. Gut 12.000 Windräder der Fünf-Megawatt-Klasse müssten dafür zusätzlich errichtet werden. Zum Vergleich: Etwas mehr als 30.000 Windkraftanlagen wurden bisher in der Bundesrepublik zur Stromproduktion errichtet. Und schon diese Menge führt zu Problemen bei der Akzeptanz in der Gesellschaft.

Die Stiftung »Arbeit und Umwelt« der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) hat im März eine Studie veröffentlicht, in der sie für ein Umdenken plädiert. Aus eigenem Ökostrom kann Deutschland den benötigten Wasserstoff nicht ausreichend produzieren. Die Fehlmenge über Importe zu decken ist eine riskante Wette. Niemand könne garantieren, dass die entsprechenden Mengen bis 2030 importiert werden könnten, sagte Kajsa Borgnäs, Geschäftsführerin der Stiftung, Anfang März gegenüber dem Tagesspiegel.

In ihrer Studie schlägt die Stiftung vor, auf »bunten« Wasserstoff zu setzen. Dieser wird über Elektrolyse gewonnen, aber mit der Energie aus dem Stromnetz, unabhängig von der jeweiligen Quelle. Für die Industrie sei das trotz höherer Gestehungskosten interessant, da der Import aus anderen Ländern mit noch höheren Transportkosten verbunden sei. Der Nachteil daran: Die Herstellung von Wasserstoff wäre noch über viele Jahre hinweg mit einem Ausstoß von Kohlendioxid verbunden, und auch der Atomstrom könnte in Zukunft wieder eine größere Rolle spielen.

Letzteres ist ein Streitpunkt zwischen Deutschland und Frankreich. Bereits 2018 hatte die EU-Kommission die »EU-Taxonomie« vorgelegt, mit der nachhaltige Wirtschaftszweige gekennzeichnet werden sollen. Dieses Regelwerk wird als äußerst bedeutsam eingeschätzt, weil es Investitionen in bestimmte Technologien lenkt. Kürzlich fand eine erste Einigung zu dem Thema statt; die Frage, ob die Atomenergie dazugehört, wurde indes noch nicht geklärt, sondern auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Bis Ende des Jahres wird mit einer Entscheidung gerechnet. Frankreich setzt in seiner nationalen Wasserstoffstrategie auf »kohlenstoffarme« Quellen, was bedeutet: Atomstrom darf für die Elektrolyse vernutzt werden. Der französische Energieversorger EDF hatte im Februar letzten Jahres erklärt, man hege Pläne, Wasserstoff mit Energie aus britischen Kernkraftwerken zu erzeugen. Davor warnte unter anderem Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD). »Sollte die EU-Kommission tatsächlich die Atomenergie in die Taxonomie aufnehmen wollen, würden viele zusätzliche Milliarden Euro in eine energiepolitische Sackgasse fließen und für Investitionen in wirklich nachhaltigen Klimaschutz fehlen«, sagte sie der Süddeutschen Zeitung vom 22. April.

Hemmschuh Technik

Die Produktion von »grünem« Wasserstoff hat ein grundlegendes Problem: das Angebot an Wasser. Für ein Kilogramm des Gases müssen 22 Liter Wasser eingesetzt werden. Die PWC-Experten meinen deshalb, dass sich dicht besiedelte Standorte nur begrenzt als Produktionsstätten eignen.

Umweltschützer hatten jüngst gewarnt: Die ehrgeizigen Pläne zur Produktion von Wasserstoff könnten in Gefahr geraten. Der enorme Wasserbedarf spiele in der Debatte bislang keine Rolle, sagte Johannes Rußmann vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu) Anfang April dem Handelsblatt. Die Produktion in wasserarmen Regionen stelle einen erheblichen Eingriff in den Wasserhaushalt dar. »Die Probleme, die sich daraus ergeben, werden bislang systematisch ausgeblendet«, so Rußmann weiter.

In Gegenden, die wenig Süßwasser zu bieten haben, aber in Küstennähe liegen, könnten Entsalzungsanlagen eingesetzt werden, sagt Rußmann. Doch das treibe die Kosten und drücke die Effizienz des Verfahrens. »Wenn man dann noch den Transport von Wasserstoff oder seiner Derivate aus entfernten Weltregionen nach Europa betrachtet, wachsen Zweifel an der Nachhaltigkeit des gesamten Prozesses«.

Es ist die Technik, die bislang von Süßwasser abhängig macht. Würde Salzwasser im Prozess der Hydrolyse in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten, so würde auch das gelöste Salz gespalten. Die so entstehenden Chloridionen »zerfressen« die Elektroden binnen Stunden. Dieser Prozess läuft um so schneller ab, je höher die angelegte Spannung ist. Vor zwei Jahren meldeten Wissenschaftler der Standford University einen Durchbruch. Sie entwickelten eine Schutzschicht für die Elektroden, so dass Elektrolyse von Salzwasser technisch möglich wird; aber bis zum industriellen Einsatz hat es die Technologie noch nicht gebracht. In den Industrieplanungen spielt sie jedenfalls noch keine Rolle.

Welche Wasserquelle man auch nutzt für die Produktion von Wasserstoff – der Energieaufwand ist enorm. Anlagen, die Süßwasser spalten und per Solarenergie betrieben werden, erreichen einen Wirkungsgrad von etwa 19 Prozent. Das heißt, knapp ein Fünftel der Sonnenenergie, die auf die Erde trifft, ist am Ende im Wasserstoff gespeichert. Die Salzwasseranlagen erreichen einen Wirkungsgrad von etwa zwölf Prozent.

Der limitierende Faktor in dieser Rechnung sind die Solarzellen: Ihr Wirkungsgrad liegt in der Regel unter 20 Prozent; aber auch hier gibt es inzwischen technische Fortschritte, so dass diese Anlagen zusehends effizienter werden. Im vergangenen Jahr wurde zum Beispiel gemeldet, die Höchstmarke beim »unter konzentriertem Licht gemessenen Wirkungsgrad« liege nun bei 47,1 Prozent. Es ist davon auszugehen, dass die Elektrolyse mit Solarstrom in den nächsten Jahren günstiger werden wird. Windkraftanlagen weisen bislang einen Wirkungsgrad von etwas mehr als 30 Prozent auf.

Geopolitische Kalküle

Um den Bedarf an »grünem« Wasserstoff zu decken, setzt die Bundesregierung auf Import. Den will sie über eine Stiftung organisieren, die im Mittelpunkt des »H2 Global«-Konzepts steht. Diese Stiftung soll die Bildung von Konsortien in Partnerländern vorantreiben, die dann »grünen« Wasserstoff für Deutschland produzieren sollen. Gleichzeitig soll neben der Stiftung eine Zwischenhandelsgesellschaft gegründet werden, die »Hydrogen Intermediary Company«, kurz: »Hint-Co«. Deren Aufgabe ist es, in Lieferländern langfristige Abnahmeverträge zu schließen, in Deutschland geht es dagegen um kurzfristige Verträge für den Verkauf.

Weil die Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Quellen der entscheidende Kostenfaktor bei der Erzeugung von Wasserstoff ist, setzt die Bundesregierung auf Länder mit einem entsprechend großem Potential. Die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), die vom Bundeskanzleramt finanziert wird und in deren Präsidium auch Bundeskanzleramtsminister Helge Braun (CDU) sitzt, hat in verschiedenen Studien herausgearbeitet, mit welchen Ländern Kooperationen eingegangen werden sollen.

Australien gilt als »schlafender Riese«. Das Land biete demnach enorme Flächen und ein großes Potential für die Nutzung erneuerbarer Energiequellen. Außerdem verfüge es über Terminals zum Verflüssigen von Gas und das entsprechende Wissen. Bislang werde dort aber Wasserstoff aus Kohle gewonnen. Südkorea und Kalifornien würden mit Projekten hervorstechen. Chile ist ebenfalls von Interesse.

Über eine Kooperation mit den Nordseeanrainern Britannien und Norwegen könnte »grüner« Wasserstoff aus Offshore-Windkraftanlagen gewonnen werden. Auch die Länder des Mittelmeerraumes werden hervorgehoben, da man mit ihnen bereits Partnerschaften unterhält und weil sie großes Potential für die Nutzung von Sonne und Wind mitbringen. Explizit genannt werden: Marokko, Tunesien, aber auch Algerien und Ägypten.

Die SWP bedauert, dass die Länder Süd- und Südosteuropas bislang wenig im Fokus der Diskussion stehen, ebensowenig die Ukraine. Sie und die Länder des östlichen Mittelmeeres sowie die Türkei seien als Standorte ebenfalls gut geeignet. »Ihre nachhaltige Anbindung an die EU ist angesichts der vermehrten Einflussnahme Russlands, Chinas und der USA auch geostrategisch von Bedeutung«, heißt es in einer SWP-Studie vom Mai 2020. Und im Januar erst hatte die SWP-Autorin Kirsten Westphal zusammen mit Raffaele Piria vom Thinktank Adelphi ein stärkeres Zusammenrücken Deutschlands und der USA empfohlen. Nordamerika biete enormes Potential für die Produktion von klimaneutralem Wasserstoff. Der transatlantische Handel könnte »eine tragfähige Basis für eine nachhaltige Energiesicherheit in Europa legen«.

Bei der gesamten Planung gehe es aber nicht nur um den Ausbau von Lieferketten, sondern auch um Außenpolitik, betonten Westphal und die Ökonomin Veronika Grimm im März in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Weil in manchen Ländern das Wirtschaftssystem auf den fossilen Energieträgern basiere, könnte eine Destabilisierung eintreten, wenn eine Abwendung von Kohle, Öl und Gas erfolge. »Europa wäre von einer Destabilisierung Algeriens, Nigerias, Ägyptens, aber auch Russlands stark betroffen«, schreiben sie. Die deutsche und EU-Außenpolitik wird deshalb darauf bedacht sein, solche Länder stärker in die eigenen Planungen miteinzubeziehen.

Mit China dagegen ist in dieser Hinsicht keine Kooperation geplant. Geopolitik und Großmachtstreben treten hier noch deutlicher hervor. So schrieb Westphal im Februar auf der Internetseite »Debate Energy«: »Die neuen Energiegroßmächte werden also die Länder sein, die einerseits über gute geographische und meteorologische Bedingungen verfügen und andererseits Technologiestandorte sind.« Die USA und China gehörten auf jeden Fall dazu. Auch die EU könne eine Rolle spielen, wenn sie mit ihren Nachbarn kooperiere.

China sei im Moment der größte Konkurrent, heißt es bei der SWP. Die Volksrepublik werfe beim Wasserstoff ihre Marktgröße in die Waagschale. Schon heute sei sie der größte Produzent von Wasserstoff – aus Kohle gewonnen. Auch sei China schon in wichtigen Regionen vertreten, die ein hohes Potential bei der Nutzung erneuerbare Energiequellen aufweisen: Nordafrika, Westafrika und Zentralasien. Im Gegensatz zu den Chinesen fehle es den Europäern an »strategischem Atem«, heißt es weiter; mit seiner »Belt and Road«-Initiative kombiniere China Infrastrukturprojekte mit strategischer Industrie- und Außenwirtschaftspolitik.

Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) erklärte Anfang April, an einem »H2-Potentialatlas« zu arbeiten, um mögliche Partnerländer auszumachen. Das Institut will »techno-ökonomische Potentiale« einzelner Länder erheben sowie Möglichkeiten des Transports eruieren. Aber auch die eigenen Bedürfnisse der Partnerländer sollen erkannt werden.

Das Bedürfnis der deutschen Industrie

In Marokko sind deutsche Institute seit Jahren aktiv. An Projekten sind unter anderem die Fraunhofer-Institute für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen in Halle sowie für Grenzflächen und Bioverfahrenstechnik in Stuttgart beteiligt. Das ISI steht seit längerem in Kontakt mit dem marokkanischen Forschungsinstitut für Solar- und erneuerbare Energien (Iresen). Im Dezember gab es dann den Zuschlag für das erste Projekt zur Produktion von »grünem« Wasserstoff in Afrika. »Wir haben Marokko fast 90 Millionen Euro an Krediten für den gemeinsamen Bau der ersten großtechnischen Anlage für die Produktion von ›grünem‹ Wasserstoff zugesagt«, hatte Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) stolz verkündet. Offiziell hieß es, das Projekt diene auch dem Ziel, dass Marokko gestärkt aus der Krise hervorgehe und neue Arbeitsplätze entstünden.

Hinter dieser Fassade steht allerdings das Bedürfnis der deutschen Industrie; denn als Partnerland soll Marokko »grünen« Wasserstoff produzieren, der dann in die Bundesrepublik transportiert werden soll. Das ISI hatte schon vor Jahren eine Studie erstellt, die zeigte: Marokko hat das Potential, zum Exporteur klimaneutraler Gase zu werden. Der Afrikaverein der deutschen Wirtschaft begrüßte im vergangenen Jahr den Aufbau von Wasserstoffanlagen auf dem Kontinent. »Wir haben hier die große Chance, unsere Bedarfe an CO2-neutraler Energie mit enormen wirtschaftlichen Entwicklungschancen in Afrika zu verknüpfen«, erklärte Stefan Liebing, Vorsitzender des Vereins. Mit Blick auf die Anlage in Marokko sagte er: »Es muss sichergestellt werden, dass vor allem deutsche Unternehmen an dem Pilotprojekt beteiligt werden.«

Bis zur ersten Lieferung nach Europa könnte es noch eine Weile dauern; der Export von Wasserstoff in die EU ist erst auf mittel- bis langfristige Sicht vorgesehen. Das Königreich hat eigene Pläne. Es benötigt den Wasserstoff für die Produktion von Ammoniak. Der marokkanische Phosphatverarbeiter OCP ist einer der weltgrößten Hersteller von Düngemitteln und benötigt riesige Mengen davon. Bisher muss er den Ammoniak importieren, aber damit soll in Zukunft Schluss sein.

Auch wenn die Lieferungen aus Marokko so schnell noch nicht kommen, steckt die Bundesregierung den Kopf nicht in den Sand. Mit Saudi-Arabien bahnt sich eine Kooperation im Bereich Wasserstoff an, mit der Ukraine hatte die Bundesregierung bereits im August eine Energiepartnerschaft vereinbart. Der europäische Branchenverband »Hydrogen Europe« plant, unter anderem in der Ukraine Elektrolysekapazitäten aufzubauen. Nun soll die Ukraine auch an das europaweite Wasserstoffnetz angeschlossen werden. Die Regierung in Kiew gibt sich ambitioniert: In fünf bis zehn Jahren soll das Land »Europas Wasserstofflieferant Nummer eins« werden, hatte der ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, Anfang Februar erklärt.

Es ist allerdings zweifelhaft, ob Wasserstoff aus der Ukraine »grün« sein wird. Denn das Land gehört neben Frankreich, Großbritannien und den östlichen EU-Mitgliedsländern zu jenen, die über den Einsatz von Atomstrom bei der Hydrolyse nachsinnen. Bei der Überlegung spielt das Kernkraftwerk Saporischschja im Südosten des Landes eine zentrale Rolle: Durch den Krieg im Osten des Landes hat es wichtige industrielle Abnehmer verloren. Großtechnische Anlagen zur Hydrolyse von Wasser bieten Ersatz.

Bernd Müller schrieb an dieser Stelle zuletzt am 1. April über die Zustände in der deutschen Pflegebranche.

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  • Leserbrief von Bernhard May aus Solingen ( 6. Mai 2021 um 15:15 Uhr)
    Wie wäre »Primärenergieverbrauch« genau zu definieren, so dass Wasserstoff als gleichsam »sekundärer« Zwischenträger daran über null Prozent Anteil haben könnte? Sind doch für seine Produktion, wie der Artikel über weite Strecken anspricht, die Quellen aus allen möglichen sorgsam auszuwählen, womit auch die ökologische Nachhaltigkeit steht und fällt. (Oder soll »über Wasserstoff gedeckt« gerade die Zwischenträgerfunktion illustrieren, weshalb nicht »durch« oder »mit« oder æaus« formuliert wurde? Missverständlich bleibt es.) ht ganz klar wird mir auch die Relevanz der Wirkungsgrade (im Text unter 20 Prozent bis 47,1 Prozent für Photovoltaik, 30 Prozent für Wind) bei gratis verfügbaren Naturkräften. Auf effiziente Nutzung kom,mt es doch eher bei fossilen Trägern an, wenn die sich einerseits absehbar erschöpfen (Uran, Öl, Gas) oder andererseits zu langsam erschöpfen (Kohle mit den bekannten Klimaeffekten der exzessiven Verbrennung). Bei Naturkräften wäre jeglicher Nutzung die Nichtnutzung gegenüberzustellen: Würde ihr relativer Wirkungsgrad dadurch nicht sogar »unendlich groß«? Oder beziehen sich die üblichen Berechnungen auf allfälligen Aufwand für Installation, gegebenenfalls noch Wartung und Rückbau?
    Für die Kombination mit dem Zwischenträger Wasserstoff, wie sie offenbar sogar schon kapitalismus-, ja sogar altmaierkonform vorangetrieben werden kann, eignen sich die regenerativen Quellen nicht nur deshalb, weil sie ökologisch allein vertretbar sind, sondern auch, weil die Wasserstoffproduktion zeitlich flexibel erfolgen kann, so dass die für Regenerative besonders wichtige Speicherfrage endgültig gelöst sein wird (wofür noch mehrere Methoden existieren), und dass so die »Grundlastfähigkeit« als berüchtigtes »Argument« rechter Querulanten endgültig hergestellt sein wird. (Am Ende verlören die sogar ihre Lust am Bashing der Bundeskanzlerin Baerbock, nur weil die mal etwas missverständlich das Netz als Speicher bezeichnete: Dass in Wasserstoffnetzen jede Menge Energie gespeichert werden kann, werden selbst die nicht mehr bestreiten.)
    Interessant finde ich die möglichen Zusammenhänge von Wasserstoffgewinnung und Meerwasserentsalzung, auch die Nennung der nordafrikanischen Staaten (unter denen Libyen noch fehlt, das ja längst zur Zukunftsgestaltung statt zur Gegenwartszerstörung animiert worden wäre, falls der »Wertewesten« Werte hätte). Interessant, weil daraus eine Vielzahl weiterer Zusammenhänge erwächst: von der Verbesserung oder Absicherung der Wasserversorgung für regionale Haushalte und die Landwirtschaft bis hin zu Versuchen der Wüstenkultivierung im Norden der Sahara – sei es durch Obst- oder Kautschukkulturen oder durch robuste Wälder, zu welchen in Ägypten die charmante Idee bereits praktiziert wird, sie mit Hilfe großstädtischer Abwässer zu bewirtschaften. In signifikanter Größenordnung dienen Wälder zudem der Speicherung von Kohlenstoff weit einfacher als künstliche Ersatzmethoden – sowie von Wasser mit ausgleichender Wirkung. Beides mag am ende dem Erd- wie dem lokalen Klima dienen.
    Interessant auch die Nennung der chinesischen »Belt and Road«-Projekte. Mögen also zukünftige chinesische Ferngüterzüge via Sinaihalbinsel nicht nur Schnittblumen aus Kenia holen, sondern auch Solarplatten dorthin bringen – und zwischen Ägypten, Algerien, Marokko und dem Senegal ihren Westast finden. Am Ende wären gar Bahnreisen ums Mittelmeer möglich statt nur auf dessen Nordseite (mit aktuell suboptimaler Verbindung zwischen Triest und Ljubljana): wenn die EU-Staaten und -Bahnen zuwenig Lust darauf haben, gerne auch mit Entwicklungshilfe aus China!
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (29. April 2021 um 21:59 Uhr)
    (Teil 1) Vielen Dank für den Übersichtsartikel! Es wird die Komplexität des Themas sichtbar gemacht und gleichzeitig deutlich, auf welche Verarschungen durch Politik und Wirtschaft wir uns einstellen müssen. Das Greenwashing dürfte beim Wasserstoff krass werden. In Teil 2 des Leserbriefs gehe ich auf CCS, pink H2 und den Wassereinsatz zur Elektrolyse ein (2.000-Zeichen-Limit).
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (29. April 2021 um 21:56 Uhr)
    (Teil 2) CCS: In Norwegen wird CCS seit geraumer Zeit angewandt, um sonst unbrauchbares Erdgas marktfähig zu machen. Das Kohlendioxid wird abgeschieden und wieder zurück in schon leergeförderte Gaslagerstätten gepumpt. Die EU macht PCIs (Projects of Common Interest) zum Thema CCS. Da gibt es Vorschläge, CO2 in leergeförderten Erdgaslagerstätten unter der Nordsee (hier tun sich die Niederlande hervor) zu »speichern«. »Speichern« deshalb in Anführungszeichen, weil CO2 noch länger am Wiedereintritt in die Biosphäre gehindert werden muss als strahlender Atommüll, denn CO2 hat keine Halbwertszeit. Für unsere Umweltministerin reicht eine Leckrate von einem Promille bei der CO2-»Endlagerung« aus. Es wird also nicht gespeichert, sondern zwischengespeichert. Wer sich für weitere Details interessiert, kann bei der Bürgerinitiative gegen CO2-Endlager e. V. mehr erfahren. (https://www.keinco2endlager.de) Pink H2: Wasserstoff aus Atomstromelektrolyse, geht's noch? Da ist schon fraglich, ob ein Kernkraftwerk soviel Elektroenergie produziert, wie für den Bau und Betrieb einer solchen Anlage notwendig ist. Welche Schäden durch die Gewinnung der Rohstoffe entstehen, ist dabei noch nicht berücksichtigt. Siebzig Prozent der bei der Kernspaltung entstehenden thermischen Energie müssen weggekühlt werden. Das macht die Flüsse warm und entzieht ihnen große Wassermengen. Ideales Konzept in zunehmend trockeneren und wärmeren Zeiten, alle Achtung! Bin gespannt, wann die Chinesen das merken. Wassereinsatz bei der Elektrolyse: Mein einfaches chemisch-physikalische Weltbild sagt mir, dass ein Wassermolekül aus zwei Wasserstoff- und einem Sauerstoffatom besteht, in 18 Gramm Wasser also 2 Gramm Wasserstoff und 16 Gramm Sauerstoff enthalten sind. Anders ausgedrückt: Der Wasserstoffanteil ist ein Neuntel der Wassermasse. Ein Neuntel von 22 ist 2,44, sagt jedenfalls mein Taschenrechner. Es könnte gut sein, dass man für pinken Wasserstoff 22 Liter Wasser braucht ...
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Dieter R. (29. April 2021 um 07:54 Uhr)
    Letztlich zielen alle vermeintlichen Alternativen darauf ab, das System kapitalistisches quantitatives Wachstum mit Hilfe neuer technischer Mittel umweltverträglich und langfristig weiterführen zu können. Das wird allerdings nicht funktionieren, denn solches Wachstum braucht naturgemäß weiterhin immer mehr, immer neues Wachstum, und auch die neuen technischen Hilfsmittel brauchen, wie man sieht, andere Ressourcen und davon ebenfalls immer mehr. In der kapitalistischen Idee ist kein Platz für die Tatsache, dass Rohstoffe nur begrenzt vorhanden sind und dass die »Party« nach 150 Jahren hemmungsloser Verschwendung langsam, aber sicher zu Ende geht. Die Alternative könnte nur heißen »geplantes, qualitatives Wachstum«, orientiert an dem Erhalt von Umwelt und einer lebenswerten Zukunft für Mensch, Tier und Natur. Angesichts der totalitären Strukturen des jetzigen Profit- und Konkurrenzsystems scheinen die Aussichten allerdings nicht sehr günstig für eine derart radikale Umkehr der bisherigen Lebens- und Wirtschaftsweise.

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