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Aus: Ausgabe vom 28.04.2021, Seite 11 / Feuilleton
Erich Fried 100

Wo Menschenliebe scheitert

Noch mal zum Thema: Mit Rechten reden? Thomas Wagners Buch über die Freundschaft von Erich Fried und Michael Kühnen
Von Kai Köhler
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»Liebe und Wärme«: Erich Frieds Schwäche war zugleich seine Stärke

Angesichts mancher Jubiläen wählt das bürgerliche Feuilleton die Strategie der Ablenkung. 1998 etwa ging es um »Brecht und die Frauen«. Zum 100. Geburtstag des Autors wurde nicht über Literatur im und gegen den Kapitalismus diskutiert, sondern darüber, ob Brecht seine Mitarbeiterinnen ausgenutzt habe. Die Widerlegung interessierte dann weniger.

Erich Fried, der gleichfalls in diesen Tagen 100 Jahre alt geworden wäre, hat leider eine Freundschaft mit dem Neonazi Michael Kühnen angeknüpft. So spricht man kaum über sein Werk, sondern über ein schmales Bändchen, das Thomas Wagner über diese, laut Untertitel »deutsche Freundschaft« veröffentlicht hat. Zwar weiß man nicht, was das spezifisch Deutsche dieser Beziehung sein soll, zumal Fried Österreicher war und Autor wie Verlag wohl kaum mehr Anspruch auf die Ostmark erheben dürften. Auch ist der Stoff keineswegs neu – schon zeitgenössische Freunde Kühnens wie Frieds reagierten mit Missmut auf den Kontakt. Aber das Buch ist nun einmal in der Welt, und so sei es denn vorgestellt.

In seinem Buch »Die Angstmacher« plädierte Wagner 2017 dafür, mit Rechten zu reden, statt sie auszugrenzen. Unter anderem in dieser Zeitung wurde diese Position kritisiert – schließlich ist es ein zivilisatorischer Fortschritt, wenn faschistische Hetze nicht das gleiche Recht auf Öffentlichkeit hat wie ein politisches Argument. Und natürlich gilt es, je nach Lage und Zweck zu unterscheiden. Redet man privat, etwa um den Gegner zu studieren, oder räumt man ihm eine große Bühne ein? Und mit wem? Den 16jährigen Cousin, der kürzlich in falsche Gesellschaft geraten ist und nun Parolen nachplappert, kann man von seinem Irrweg hoffentlich abbringen. Beim Herrn Höcke dagegen sind die Aussichten darauf nahe null.

Wagner ist so redlich, einen schwierigen Fall zu wählen. Kühnen war führender Aktivist mehrerer neonazistischer Gruppierungen. Fried lernte ihn 1983 kennen, als beide für die Talkshow »Drei nach neun« vorgesehen waren, Kühnen jedoch nach Protesten kurzfristig ausgeladen wurde. In der Sendung forderte Fried dagegen, man müsse auch den Gegner zu Wort kommen lassen. Daraufhin rief Kühnen ihn an, man traf sich und fand sich sympathisch. Als Kühnen wegen Nazipropaganda vor Gericht stand, wandte sich Fried an dessen Anwalt und schlug vor, er könne vor Gericht aussagen, dass der Angeklagte aus idealistischer Gesinnung heraus gehandelt habe.

Die Richter legten auf derlei sachfremde Einlassungen keinen Wert, Kühnen kam in die Zelle, in die er gehörte, und fortan verständigte sich Fried schriftlich mit dem Nazi. Die schmale Korrespondenz umfasst, soweit erhalten, 16 Briefe, je acht von Fried und von Kühnen. Leider sind die Quellen nicht abgedruckt, die Leser müssen sich anhand von Zitaten ein Bild machen.

Der Atheist Fried, der aus einer jüdischen Familie kommt, kann zwar Kühnen überzeugen, dass seine Großmutter in Auschwitz ermordet wurde. Das bedauert der Nazi dann auch, aber einen systematischen Völkermord an den Juden leugnet er. Zwar habe es einen Dogmatismus der SS gegeben, aber der eigentliche »Nationalsozialismus« werde durch Hitler und die SA repräsentiert – als hätte nicht Hitler 1934 die SA an die SS ausgeliefert und im Bündnis mit dem Kapital die letzten pseudosozialistischen Parolen kassiert.

Der Ton der Briefe ist freundschaftlich, bisweilen einfühlsam. Es wird deutlich, wie sehr sich die beiden Männer trotz größter politischer Unterschiede schätzten. Wagner ­liefert dafür überzeugende Erklärungen. So hatte Fried in seiner Wiener Jugend Klassenkameraden gehabt, die der Hitlerjugend angehörten und sich dennoch gegenüber dem Juden, sogar noch nach der deutschen Invasion Österreichs 1938, freundschaftlich verhielten. Auch mag die Ablehnung, auf die die Freundschaft zwischen Fried und Kühnen in beiden Lagern stieß, eine Trotzreaktion hervorgerufen habe. Schließlich sahen sich beide Männer mit einem nahen Tod konfrontiert: Fried durch Krebs, Kühnen mit einer damals nicht behandelbaren HIV-Infektion.

Trotz dieser Nähe gab es eine Grenze, die Fried überschritt, als er Kühnens Auffassungen bezeichnete als die »eines Menschen, der zu wenig Liebe und Wärme gehabt hat, unendlich weniger als er verdient hätte«. Darauf antwortete Kühnen schroff; und wenn man schon unbedingt miteinander reden muss, beraubt es doch das Gegenüber jeder Würde, wenn politische Inhalte auf psychische Mängel zurückgeführt werden.

Hier wie sonst wirkt der ­Nazi stärker als der Jude, der sich um ihn bemüht. Dies lässt sich verallgemeinern. Wer mit Rechten redet, ohne sich stets die politische Gegnerschaft klarzumachen, hat schon verloren. Am Ende glaubt man, es sei schon etwas gewonnen, wenn ein echter Nazi auf Argumente eingeht, statt sofort dreinzuschlagen. Aber ein kluger Überzeugungstäter wie Kühnen bleibt unbeeindruckt und weiß genau, wann er freundlich antwortet und wann er brutal vorgeht. So war alle Mühe Frieds vergeblich. Wagner ist aufrichtig genug, um der eigenen Theorie entgegen zu beschreiben, wie Kühnen in den gut zwei Jahren zwischen Frieds Tod und seinem eigenen nicht minder radikal agierte als zuvor.

Ist das bezogen auf Fried eine Episode am Rande, die nichts mit dem literarischen Werk zu tun hat? Das wäre am einfachsten. Dagegen steht zu vermuten, dass seine Schwäche zugleich seine Stärke war. Die Menschenliebe, die ihn sogar Kühnen als mögliches Gegenüber wahrnehmen ließ, war eben der bestimmende Schaffensimpuls für seinen dichterischen Protest gegen lieblose Verhältnisse. Es lassen sich andere Impulse vorstellen, etwa der Wille, die Verhältnisse zu begreifen, oder der Hass auf sie. Frieds Wirkung aber beruht auf dem moralischen Anspruch inmitten des Schlechten, es könne doch gut werden.

Thomas Wagner: Der Dichter und der Neonazi. Erich Fried und Michael Kühnen. Eine deutsche Freundschaft. Klett-Cotta, Stuttgart 2021, 176 Seiten, 20 Euro

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Dr. rer. nat. Harald W. aus D58089 Hagen (28. April 2021 um 22:30 Uhr)
    Ich habe in Erinnerung, dass Erich Fried regelmäßig mit Kühnen in der Besuchszeit geredet hat. Kühnen war homosexuell und hatte AIDS (...). In Österreich war Haider in Talkshows »erfolgreich«. Die NPD hatte schon Ende der 60er fast fünf Prozent! Die Regel, Hass mit Liebe zu begegnen, ist buddistisch, jogisch, spinozistisch, weise! Und ganz neu noch mal von der Friedenspädagogik »weitgehend kenntnislos« als Rad, nicht Chakra neu erfunden worden. Das DDR-nahe Anti-Kalte-Kriegs-Spektrum hat nie ein Verhältnis zum »Existentiellen« gefunden (...). Im übrigen war die Kindergeneration der Mitläufer-Massenmörder des Zweiten Weltkriegs weitgehend von »richtiger Ethik« à la Einstein/Spinoza) (mit Mitläufertumsanalyse) ferngehalten worden.

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