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Aus: Ausgabe vom 26.04.2021, Seite 12 / Thema
Faschistische Machtübertragung

Eine echte Verschwörung

Ein neuer und dokumentenreicher Blick auf die Verbindung von Monopolkapital und NSDAP: Karsten Heinz Schönbachs »Kapitalismus und Faschismus«
Von Helge Buttkereit
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Immer mit den Machthabern gehen: »Der Führer« und sein Spendensammler, Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht (rechts), am 5. Mai 1935 zur Grundsteinlegung des Ausbaus der Reichsbank in Berlin

Die Bosse treffen sich mit der Politik, mit der neuen Regierung. Es geht um die nächsten Schritte. Man kennt sich. Schließlich gibt es seit Jahren Gespräche dieser Art, die Beziehung ist mal mehr, mal weniger intensiv. Aber einige der Eckpfeiler der Politik der neuen Regierung hat die Wirtschaft nicht nur gutgeheißen, nein, sie hat sie gleich mitentwickelt. Politik und Großindustrie verschwören sich gemeinsam mit der Hochfinanz gegen Demokratie und Arbeiterbewegung. An diesem 20. Februar verabreden beide den Abschied von der verfassungsmäßigen Ordnung – indem sie die Verfassung nutzen.

Noch einmal soll gewählt werden. Die Regierung, sie ist bislang nur vom Präsidenten eingesetzt, soll die Mehrheit gewinnen. Mit allen Mitteln. Dann geht es legalistisch in Richtung Diktatur. So der Plan. Daran haben die Kapitalisten seit Jahren gearbeitet, nun ist die Chance da. Und es gelingt. Mit viel Geld von der Industrie für den Wahlkampf, mit Angstmacherei vor der Arbeiterbewegung, mit Terror und falschen Versprechungen gewinnt die Regierungspartei gemeinsam mit ihren Verbündeten die Wahl am 5. März. Am Ende des gleichen Monats ermächtigt das Parlament den Reichskanzler, selbst Gesetze erlassen zu dürfen. Die Grundrechte gelten nicht mehr. Die Diktatur ist da und an ihrer Spitze: Adolf Hitler.

Verschwörung bewiesen

Schauen wir heute auf das Verhältnis von Kapital und Politik in der Weimarer Republik, ist die Machtübergabe an Adolf Hitler und die NSDAP als Verschwörung von Großindustrie, Hochfinanz und den rechten politischen Parteien zu erzählen. Das ist nichts Neues, aber das aktuelle, vergangenen Sommer im Wissenschaftsverlag Trafo erschienene Buch von Karsten Heinz Schönbach mit dem Titel »Faschismus und Kapitalismus« fasst die wichtigsten Stationen noch einmal zusammen – ohne im übrigen selbst von einer Verschwörung zu sprechen. In Zeiten, in denen Verschwörungen gerne geleugnet werden, drängt sich dieser Blick auf das Verhältnis von Kapital und Faschismus allerdings geradezu auf. Auch liefert der Historiker Schönbach eine Vielzahl an Dokumenten, die eine solche Verschwörung beweisen. Zumal, auch das passt dazu, die Archive frisiert scheinen und wichtige Dokumente fehlten, wie Schönbach aufzeigt.

Die Verschwörung verläuft nicht immer geradlinig. Die Kapitalisten suchen verschiedene Verbündete, gehen selbst in die Parlamente und finanzieren verschiedene rechte Parteien. Die NSDAP ist dabei keineswegs der Favorit aller Bosse. Einige von ihnen stehen Hitler und seinen Gefolgsleuten über die Jahre kritisch gegenüber und müssen immer wieder von den überzeugten Nazis in ihren Reihen eingefangen werden: Der »Sozialismus« im Namen der Partei habe mit den Zielen der Roten, der Arbeiterbewegung nichts zu tun. Er dient vor allem der Täuschung. Hitler persönlich hat das gegenüber führenden Kapitalisten mehrfach betont.

Viele Treffen zwischen dem »Führer« und seinen Mitstreitern finden ab Mitte der 1920er Jahre statt. Sie sind dokumentiert und können datiert werden. Karsten Heinz Schönbach schreibt: »Hitler stellte auf diesen Zusammenkünften den deutschen Industriellen und Bankiers ein Programm vor, das sich von dem offiziellen, für die Öffentlichkeit bestimmten Propagandaprogramm in vielen Punkten unterschied.«

Rechte Massenpartei

Die Großindustrie arbeitet Mitte der 1920er Jahre bereits länger an einem Gegengewicht zur Arbeiterbewegung. Immer klarer wird dabei: Um deren Massenbasis etwas entgegenzusetzen, braucht es eine Massenpartei von rechts. Ab etwa 1928, als die bürgerlichen Parteien die Mehrheit im Reichstag verlieren, spätestens aber nach 1930 wird auch den Bossen deutlich: Diese faschistische Massenpartei ist die NSDAP. Nur sie kann es sein, sagen die einen Kapitalisten. Sie muss es notgedrungen sein, sagen die anderen. Versuche mit der Deutschen Volkspartei (DVP) oder der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) haben nicht gefruchtet. Beide Parteien sind immer Honoratiorenparteien geblieben. Damit lässt sich maximal das Landvolk auf Linie bringen. Angestellte und vor allem Arbeiter kaum.

Die Verschwörung der Bosse gegen die Arbeiterklasse, um die eigenen Privilegien zu sichern, beginnt dabei nicht erst in der Weimarer Republik. Schon um 1900 gründen Industrielle Werkvereine als Gegengewicht zu Arbeiterpartei und Gewerkschaften. Im Krieg von 1914 bis 1918 herrscht Burgfrieden zwischen Kapital und Arbeiterbewegung – zumindest dem größten Teil davon. Die Revolution findet im November 1918 trotzdem statt. Aber man hat vorgearbeitet. Die Gewerkschaften paktieren mit den Unternehmern gegen die Revolution – das Stinnes-Legien-Abkommen ist Zugeständnis an die Arbeiter und Beruhigungsmittel zugleich. Die Sozialdemokraten rufen das Militär gegen die Revolutionäre und einer der ihren – Gustav Noske – wird der »Bluthund«. Die neue Republik hat zumindest aus Sicht der Arbeiterbewegung gleich zu Beginn mehrere Makel.

Auf der anderen Seite gehen den Industriellen die Zugeständnisse zu weit, die sie in der revolutionären Situation gemacht haben. Ihre Profite sinken. Und sie fürchten weiterhin die Revolution. Einmal konnten sie sie abwenden. Klappt es auch beim nächsten Anlauf? Die Kapitalisten versuchen auch nach 1918 stetig weiter, auf die Arbeiter Einfluss zu nehmen. Der Großindustrielle Ernst von Borsig beispielsweise erläutert in einem Vortrag auf der Tagung des Reichsverbands der Deutschen Industrie im März 1924, wie er sich das Verhältnis zu den Gewerkschaften vorstellt. Sie dürften ihre durch Gesetz und Vertrag zukommenden Aufgaben »nicht vom Standpunkt des Klassenkampfes, sondern vom Standpunkt des Wohles von Staat, Volk und Wirtschaft, auf dem Boden der Arbeits- und Volksgemeinschaft betrachten«. Volksgemeinschaft – der Begriff ist nicht neu, auch die Werkvereine oder -gemeinschaften, die gegen den Klassenkampf aufgebaut worden waren, griffen schon früher auf diesen Begriff zurück. Er wird Karriere machen.

Derjenige, der nicht nur die »Volksgemeinschaft« besonders mit Propaganda füllen und selbst groß Karriere machen wird, schreibt, wie Schönbach festhält, 1926 in sein Tagebuch: »Montag nachmittag mit Herrn von Bruck zusammen, einem führenden Industriellen des Rheingebiets. (…) Er hielt uns ein politisches wirtschaftliches Kolleg von fabelhaftem Ausmaß. Mit dem Mann kann man zusammenarbeiten. (…) Bestätigte bis zum letzten Punkt unsere Ansichten über den Bolschewismus. Wir sind auf der richtigen Fährte.« Von besagter Volksgemeinschaft ist an dieser Stelle in Joseph Goebbels’ Tagebuch zwar noch nicht die Rede. Aber die Zusammenarbeit mit Industriellen wie dem Hoesch-Direktor Fritz von Bruck oder von Borsig ist angelegt. Von Borsig übrigens ist ab 1924 Vorsitzender der Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und bereits in den frühen 20er Jahren ein wichtiger Geldgeber der NSDAP.

Die beiden Erwähnten sind nur zwei der Bosse, die gemeinsam mit der politischen Rechten fortwährend gegen die Demokratie paktieren. Andere zu nennende Personen wären Emil Kirbach – ein einflussreicher Wirtschaftsführer aus dem Ruhrgebiet, der Hitler als »Freund« bezeichnet – oder Albert Vögler – ein rechter Politiker und bedeutender Unternehmer, der bereits 1923 die NSDAP finanziell unterstützt. Personen wie von Borsig, Kirbach und Vögler treten neben ihren Klassenfreunden bis 1933 immer auf Seiten der Reaktion auf, agitieren gegen die Republik, für den autoritären Staat und eine Diktatur im Interesse der Wirtschaft. Schönbach nennt in seinem Buch Namen, gibt in den Dokumenten Zeugnisse ihres Denkens und belegt so eindrucksvoll die undemokratische Haltung vieler Großkapitalisten in der Weimarer Republik.

Errichtung der offenen Diktatur

Demokratie und Kapital, das passt für sie nicht zusammen. Denn hinter der Demokratie lauert die Revolution, lauert die organisierte Arbeiterbewegung. Um die »Volksgemeinschaft« gegen den real existierenden Klassenkampf zu setzen, müssen die offen antirepublikanischen Kräfte die Macht übernehmen. Die Industriellen versuchen das ihre, um daran mitzuwirken. Sie schwanken noch zwischen Franz von Papen, Kurt von Schleicher und Hitler. Einigen der Bosse hat der »Führer« der NSDAP zu viele Freiräume. Die nutzt er auch, zum Beispiel, um 1932 Reichskanzler von Papen in die Parade zu fahren. Genau dem von Papen, den viele der Bosse als Reichskanzler favorisieren, weil er sich als Marionette besser führen lässt. Aber es sind die Freiräume, die Hitler geschickt nutzt, um seine Position gegenüber dem Kapital zu festigen und um seine Massenbasis sowie seine Schlägertrupps in Stellung zu bringen.

Und obwohl bzw. weil die Rechtsparteien nach der zweiten Reichstagswahl des Jahres 1932 im November deutlich die Mehrheit verfehlen, die NSDAP im Vergleich zur Wahl im Sommer zwei Millionen Stimmen verliert, drängen viele – aber keineswegs alle – der Industriellen den Reichspräsidenten kurz nach der Wahl zur Ernennung Hitlers. Die sogenannte Industrielleneingabe bei Hindenburg erreicht nicht das Ziel, der greise alte Mann lehnt Hitler immer noch ab und ernennt General Kurt von Schleicher zum Nachfolger von Papens. Diese Industrielleneingabe ist in Schönbachs Augen aber mehr. Sie stellt »das politische Programm der Naziindustriellen dar: Errichtung einer offenen Diktatur über eine antiparlamentarische Verfassungsänderung, in deren Vorfeld Hitler bereits zum Kanzler ernannt werden sollte, um über eine Massenbasis eine stabile Diktatur zu gewährleisten«.

Dies gelingt »endlich« Ende Januar. Vorerst ist Hitler Reichskanzler von Hindenburgs Gnaden. Für die Diktatur unter seiner Führung braucht es das eingangs erwähnte Geheimtreffen am 20. Februar 1933. Hier verschwören sich praktisch die neue Reichsregierung und Teile des Großkapitals gegen die Republik. Hjalmar Schacht, Reichsbankpräsident bis 1930 und wieder ab März 1933, spricht auf diesem Treffen von der »Schicksalsstunde der Wirtschaft« und ruft die Anwesenden zu Großspenden für den anstehenden Wahlkampf auf. In der Rückschau vor dem Nürnberger Militärgericht spricht er davon, dass fast sämtliche Männer der deutschen Industrie vertreten gewesen seien. »Es trat ein, was ich vorhin von der Industrie schon sagte. Sie ist selbstverständlich immer bestrebt gewesen, mit den Machthabern eines Staates zu gehen«, zitiert ihn Schönbach. Dass die Industrie vielfach vorangegangen ist, davon spricht Schacht an dieser Stelle nicht.

Wie sehr sie es ist, mach das Buch von Karsten Heinz Steinbach sehr deutlich. Und neben der quellengenauen historischen Darstellung der hier zugegebenermaßen stark plakativ dargestellten Verschwörung liefert er auch eine Theorie. Nein, keine Verschwörungstheorie. Eine Faschismustheorie. Genauer: Er vertritt eine »These über den Faschismus auf dem Weg zur Macht«. Der habe »seinen Ursprung in dem Bedürfnis der deutschen Kapitalisten und der mit ihnen verbundenen Oberschicht nach einer politischen Lösung im Kampf mit der revolutionären Arbeiterbewegung. Dieser Kampf war zu einer Machtfrage gesellschaftlichen Ausmaßes geworden.« Die Kapitalisten haben diesen Klassenkampf mit Hilfe oder, anders ausgedrückt, unter Zuhilfenahme der Nazifaschisten gewonnen. Mit fatalen Folgen.

Gegen die Lehrmeinung

Schönbach leitet seine These konsequent her. Sein Buch hat Lehrbuchcharakter, zumindest, was das Verhältnis von Kapital und Faschismus in Deutschland angeht. Wäre da nicht eine Sache: die verbreitete Lehrmeinung an Universitäten und Schulen. Danach ist die Verbindung zwischen Großkapital und Faschismus – zumindest die finanzielle Unterstützung – nicht entscheidend für den Verlauf der weiteren Geschichte. Und so haben es deren heutige Verwalter an der Freien Universität Berlin Schönbach schwergemacht, als er 2012 mit seinem Hauptwerk zum Thema (2015 als Buch unter dem Titel »Die deutschen Konzerne und der Nationalsozialismus 1926–1943« erschienen) promovieren wollte. Das Promotionsverfahren wurde verschleppt. Erst durch großen Einsatz von Schönbach selbst, wie seines Doktorvaters Wolfgang Wippermann, konnte es beendet werden. Auch die Verwalter der Akten machten es ihm nicht leicht. Archivzugänge wurden erst auf großen Druck gewährt, die Existenz einiger Aktenstücke geleugnet. Schönbach blieb hartnäckig und das ohne große Unterstützung. Ein Stipendium der Rosa-Luxemburg-Stiftung wurde ihm für diese wichtige Arbeit nicht gewährt.

Diese Nebenschauplätze werfen ein weiteres Licht auf die Verschwörung, die Schönbach beschreibt. Seine Forschungen stehen auf festem Quellenfundament gegen die Lehrmeinung. Einen kleinen Ausschnitt dieses Fundaments liefert der Band mit. Diese Dokumente machen die Arbeit besonders lehrreich und transparent – trotz aller Archivbereinigungen. Dazu kommen ein stringenter Aufbau des Textes, eine klare Sprache und eine nachvollziehbare Argumentation. Seine These belegt er schlüssig. Er befindet sich in direkter Tradition der »klassischen« marxistischen Faschismusforschung wie beispielsweise von Eberhard Czichon, dem Schönbach nach eigener Aussage viel verdankt. Mit seiner These setzt er eigene Akzente auf Basis eben dieser Tradition. Die Tradition ist aber auch in den Leerstellen sichtbar.

Denn es bleibt einiges offen. Verschwörungen in Geschichte und Gegenwart sind kaum monokausal zu erklären. Auch gerade die nicht, die solch grausame Folgen hatten, wie die Verschwörung gegen Republik und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik. Und so muss auf die Arbeiterbewegung und die Arbeiter selbst geschaut werden. Etwa 80 Prozent der Bürger der Weimarer Republik zählt Schönbach zu den Lohnabhängigen, den Proletariern. Warum sie zu einem nicht unerheblichen Prozentsatz ihr Kreuz bei der NSDAP und den anderen Rechtsparteien machten, das lässt sich nicht einfach durch Hinterzimmergespräche zwischen der NSDAP-Führung und dem Großkapital erklären.

Der subjektive Faktor

Hier kommt ins Spiel, was sich als »Massenpsychologie des Faschismus« bezeichnen lässt. Wilhelm Reich hat sie bereits 1933 analysiert, sein Werk ist bis heute beispielhaft und sollte nicht so nebenbei abgehandelt werden, wie Schönbach es zu Beginn seiner Studie tut. Reich nähert sich dem Faschismus von der anderen Seite, von der Charakterstruktur der Menschen, dem »subjektiven Faktor«, der in der marxistisch-leninistischen Faschismusanalyse häufig nachrangig behandelt wird. In der nach 1945 revidierten Auflage des Buches schreibt Reich: »In diesem charakterlichen Sinne ist ›Faschismus‹ die emotionelle Grundhaltung des autoritär unterdrückten Menschen der maschinellen Zivilisation und ihrer mechanistisch-mystischen Lebensauffassung. Der mechanistisch-mystische Charakter der Menschen unserer Epoche schafft die faschistischen Parteien und nicht umgekehrt.«

Reichs Erkenntnisse helfen ebenso, den Sieg des Faschismus zu verstehen wie die Forschungen zum Scheitern der Arbeiterbewegung. Denn sie ist auch am eigenen Unvermögen untergegangen, spätestens in der Zeit der existenziellen Bedrohung zusammenzustehen und eine Einheitsfront zu bilden. Sicher, Schönbach weist auf die Einheitsfrontversuche an der Basis hin. Aber es ist zu einfach, das Scheitern nur einer Seite anzulasten, in diesem Fall der Führung der Sozialdemokraten, wie er es tut.

Wer die fundamentale Niederlage der Arbeiterbewegung, deren fatale Folgen bis heute spürbar sind, wirklich verstehen will, der kommt um die Selbstkritik, das Eingeständnis von Niederlage und konsequenter Suche nach eigenen Anteilen nicht umhin. Denn Verschwörungen funktionieren auch gerade deshalb, weil die Gegenseite, also diejenigen, gegen die sich da verschworen wird, ihnen nicht stark genug entgegentreten konnte. Und die Führer der Arbeiterbewegung hatten zudem den Charakter der Massen und offenbar auch ihren eigenen nicht verstanden. So sei zum Schluss noch einmal Wilhelm Reich zitiert, der, selbst noch Mitglied der KPD, in der ersten Auflage der »Massenpsychologie des Faschismus« die Selbstkritik im Angesicht der Niederlage forderte: »Die Formen, unter denen sich die Machtergreifung des Nationalsozialismus vollzog, erteilten dem internationalen Sozialismus eine unauslöschliche Lehre: Dass die politische Reaktion sich nicht mit Phrasen, sondern nur mit wirklichem Wissen, nicht mit Appellen, sondern nur durch Weckung echter revolutionärer Begeisterung, nicht mit bürokratisierten Parteiapparaten, sondern nur mit innerlich demokratischen, jeder Initiative Raum gebenden Arbeiterorganisationen und überzeugten Kampftruppen schlagen lassen wird. Sie belehrten uns, dass Fälschung von Tatsachen und oberflächlich suggestive Ermutigung mit Sicherheit zur Entmutigung der Massen führt, wenn die eiserne Logik des geschichtlichen Prozesses die Wirklichkeit enthüllt.«

Dieser Selbstkritik – und das zeigt Karsten Heinz Schönbachs »Kapitalismus und Faschismus« – müssen sich auch die nachfolgenden Generationen stellen.

Karsten Heinz Schönbach: Faschismus und Kapitalismus. Bündnis zur Zerschlagung von Demokratie und Arbeiterbewegung. Eine Dokumentation aus geheimen Dokumenten der Hitler-Förderer aus Großindustrie und Hochfinanz, Trafo-Verlag, Berlin 2020, 364 Seiten, 39,80 Euro

Helge Buttkereit ist freier Journalist und Publizist. An dieser Stelle schrieb er zuletzt am 15. September 2016 über Proteste von Bergarbeitern in Bolivien

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  • Leserbrief von Volker Wirth aus Berlin (30. April 2021 um 13:22 Uhr)
    Sie war auch im direkten bzw. formal-parlamentarischen Sinne eine Verschwörung, diese »nationalsozialistische Machtergreifung«. Unmittelbar nach dem eher symbolischen, taktisch ziemlich sinnfreien KPD-Misstrauensantrag gegen die vom Reichspräsidenten Paul von Hindenburg eingesetzte Schleicher-Regierung schloss sich ihm die zwar geschrumpfte, aber immer noch größte Fraktion im neu gewählten Reichstag, die der Nazipartei, an – damit konnte Hindenburg den Reichstag gleich wieder auflösen. Weder die weiter amtierende Schleicher-Regierung noch die am 30.Januar 1933 berufene Hitler-Papen-Hugenberg-Regierung hatte je eine parlamentarische Mehrheit; diese Rechtsregierung hätte sich nur auf 40 Prozent der Mandate bzw. Wählerstimmen stützen können. Doch eine solche Abstimmung gab es nie! Dann steuerte diese – wenn man es auf den Punkt bringt – Putschistenregierung der alten und der neuen Rechten die aus ihrer Sicht letzten Wahlen in der sterbenden Republik an.
    Dazu schreibt Buttgereit:
    »Mit viel Geld von der Industrie (und den ›arischen‹ Großbanken, V. W.) für den Wahlkampf, mit Angstmacherei vor der Arbeiterbewegung (speziell den Kommunisten und den ›Marxisten‹, die das gar nicht waren, von der SPD, V. W.), mit Terror und falschen Versprechungen gewinnt die Regierungspartei gemeinsam mit ihren Verbündeten die Wahl am 5. März (1933).«
    Dieser Satz stimmt und stimmt nicht: 1. Es gab ja zwei Regierungsparteien – die NSDAP und die Deutschnationalen, also die monarchistische und revanchistische, gleichfalls übrigens »judenfreie« Partei der Großgrundbesitzer und kaisertreuen Beamten. Die letztere hatte mit dem »Stahlhelm« eine eigene Privatarmee und wesentlichen Einfluss auf die Reichswehr (bzw. umgekehrt) sowie den Reichspräsidenten von Hindenburg, lehnte aber die Weimarer Republik zugunsten der Wiedererrichtung des Kaiserreichs ab.
    2. Vorangegangen waren der »freien Wahl« – perfektes Timing ist alles – der Brand im Reichstagsgebäude am 27. Februar, der den Kommunisten »in die Schuhe geschoben« wurde und zum Anlass für den Erlass der (Notstands-)Verordnung des Reichspräsidenten »zum Schutz von Volk und Reich«, für umfangreiche Verhaftungen von Linken und die Einrichtung der ersten Konzentrationslager diente. Es war nun nicht einfach mehr der »Strassenterror« der SA, die »sinnvoll-vorbeugenderweise« schon neun Tage vorher zur Hilfspolizei gemacht worden war, nein – es trat schon ein mehr oder weniger rechtsfreier Zustand ein.
    3. Dass unter diesen Umständen die faktisch illegale KPD noch knapp fünf Millionen Stimmen und 80 Mandate erhielt (die sofort kassiert wurden, obwohl es gar kein Parteiverbot gegeben hatte), die SPD rund 7,2 Millionen und 120 Sitze, das katholische Zentrum zusammen mit dem bayrischen Ableger BVP 5,5 Millionen und 92 Sitze, zusammen wären das 293 von 647 Mandaten gewesen mit einer Wählerschaft von sogar 17,5 Millionen, mehr als die Nazis mit 17,3 Millionen, bezeugt das große Potential des Widerstandes im deutschen Volk gegen das Bündnis der Junker und Monarchisten und braunen Arbeitermörder und Rassisten.
    Es geht mir darum, dass sich hartnäckig »die Meinung hält«, weil sie ja einigen Leuten – und nicht nur rechten Historikern – gut in den Kram passt, Hitler sei »legal an die Macht gekommen«, da hätte man gar nichts machen können (und das Großkapital hätte damit nichts zu tun). Und das ist eine Legende! Das zeigt Buttkereit auch überzeugend – deshalb stoße ich mich an dem zitierten Satz.
    Oder sind das »Peanuts«? Ich denke: nein. Junker, Großkapital und Banditen hatten sich gegen die Republik verschworen, und die Uneinigkeit der Hitler-Gegner kam ihnen gut zupass. Doch ohne die Finanzierung durch »arische« Banken und Industrielle, ohne die Steigbügelhalterrolle der Konservativen und ohne den die Nazis begünstigenden Kurs der ihnen großenteils nahestehenden Reichswehrführung wäre Deutschland die Hitler-Diktatur erspart geblieben, samt staatlichem Rassismus, Weltkrieg, Massenmorden, Verkleinerung und Aussiedlung, Verwaltung durch die vier Alliierten, Teilung und so weiter.
    Im übrigen bin ich der Meinung, dass etwa ab dem Zeitpunkt, an dem Kommunisten mehr als jede sechste Stimme bzw. mehr oder weniger konsequente Linksbündnisse mehr als jede dritte Stimme bekommen, die Großbourgeoisie beginnt, repressive »autokratische« oder »autoritäre«, also auch faschistische Formen der Machtausübung vorzubereiten. In so gut wie jedem Land! (In Europa war das zuletzt in der Ukraine der Fall: Jeder sechste wählte dort 2012 KPU! Und im Gebiet Cherson wurde sie stärkste Partei! 2013/14 folgte prompt »der Maidan«).
    Insbesondere gilt das aber wohl dann, wenn die rechte »Systemalternative« bereits Anhängerschaft bzw. »schon erobertes Terrain« verliert wie die Nazis im November 1932, so dass sich die Aussichten eines legalen »Machttransfers« verringern. Das ist bei der AfD jetzt m. E. der Fall.
  • Leserbrief von Ursula Möllenberg (30. April 2021 um 11:33 Uhr)
    Vielen Dank für den interessanten Beitrag zum »Thema«, die Besprechung des Buchs von Karsten Heinz Schönbach durch Helge Buttkereit. Leider ist dem Autor ein Fehler bei Nennung des Namens des einen der beiden »Bosse« als Sponsoren des Naziregimes unterlaufen. Der Herr hieß Emil Kirdorf und war Generaldirektor der Gelsenkirchener Bergwerks AG; er war einer der frühesten Förderer Hitlers mit ganz frühem Beitritt zur NSDAP. Dieser Schlotbaron war im Ruhrgebiet vielen Arbeitern lange Zeit ein übler Begriff, auch wegen seiner repressiven und autoritären Herrschaft über Bergleute und Zechenarbeiter. Interessant an dem Artikel war mir insbesondere auch die Ergänzung des Autors durch den Aspekt des subjektiven Faktors im Zusammenhang mit dem Werk von Wilhelm Reich.

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