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Aus: Ausgabe vom 26.04.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Südafrika

Biedermann und Brandstifter

Feuer in Kapstadt: Schuld sollen Obdachlose sein, für deren Abdrängung in den Park Verwaltung selbst gesorgt hat
Von Christian Selz, Kapstadt
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Kampf gegen die Flammen am Tafelberg in Kapstadt am 19. April

Ein gigantischer Buschbrand hat in der südafrikanischen Hafenmetropole Kapstadt eine Spur der Verheerung hinterlassen. Drei Tage lang brannte das Feuer von Sonntag bis Dienstag an den Hängen des Tafelberg-Massivs, das, direkt an die Stadt angrenzend, 1.086 Meter emporragt. Auf etwa 600 Hektar Fläche wüteten die Flammen im Tafelberg-Nationalpark. Das Feuer zerstörte ein Restaurant, mehrere historische Gebäude und griff auch auf das Gelände der Universität über. Mehrere Fakultätsgebäude und eine historische Bibliothek fielen den Flammen zum Opfer, auch bei einem Wohnheim brannte es.

Etwa 4.000 Studierende auf dem gesamten Campus mussten bereits am 18. April evakuiert werden. Am vergangenen Montag reichten die Flammen, angefacht von starkem Wind, dann bis auf wenige Meter an zwei dichtbewohnte Stadtteile heran, wo die Feuerwehr jedoch Schlimmeres verhindern konnte. Todesopfer waren letztlich nicht zu beklagen, der Schock steckt den Einwohnern der Stadt jedoch noch immer in den Knochen.

Bereits am Nachmittag des 18. April, als das Feuer sich gerade durch das Gelände der Universität fraß, versuchte die Nationalparkverwaltung die Schuldfrage zu beantworten. »Nach einer ersten Ermittlung wird vermutet, dass der Ursprung des Feuers ein verlassenes Landstreicherfeuer war«, hieß es auf der offiziellen Facebook-Seite des Parks. Am vergangenen Montag, als Tausende Einwohner um ihre Häuser fürchteten, präsentierte der Sicherheitschef der von der rechtskonservativen Democratic Alliance (DA) gestellten Stadtverwaltung, Jean-Pierre Smith, dann bereits einen Schuldigen. Ein »Verdächtiger in den Dreißigern« sei am Sonntag abend von einem Mitglied einer Stadtteilbürgerwehr beobachtet worden, wie er in den Büschen ein weiteres Feuer gelegt habe. »Mit Hilfe seiner Söhne und der Hunde der Familie« habe der Mann den mutmaßlichen Brandstifter gestellt und schließlich an Polizeikräfte übergeben. Diesen gegenüber habe der Beschuldigte unmittelbar gestanden, das ursprüngliche Feuer gelegt zu haben.

Problematisch fand Smith die Umstände der Festnahme offensichtlich nicht. Statt dessen erklärte er im Interview mit dem Radiosender Cape Talk: »Der Beamte hat ihn dann befragt, und der Typ hat gesagt, er habe versucht, das Feuer zu löschen, aber dann hat er auch gleich gesagt, dass er das Hauptfeuer gelegt habe. Der Beamte hat ihn noch mal wiederholt gefragt, und er hat das bestätigt, also liegt die Sache jetzt in den Händen der Polizei.« Auf die Frage nach seiner Adresse habe der Mann angegeben, in den Büschen zu schlafen, sagte Smith weiter und fügte hinzu: »Die meisten Feuer rund um Vredehoek und Phillip Kgosana (Stadtteil und Schnellstraße an der Grenze des Nationalparks, jW) werden von Menschen verursacht, die im Busch schlafen.«

Das Problem, das der Sicherheitschef der Stadt nun als Ursache für das Feuer ausmacht, besteht seit einiger Zeit. Gruppen von Wanderern und Mountainbikern kritisieren die Parkverwaltung seit langem dafür, aus ihrer Sicht nicht entschieden genug gegen Obdachlose vorzugehen, die im Park Feuer machen. Auch der Feuerwehrchef des Nationalparks, Philip Prins, erklärte in einem bereits im Dezember veröffentlichten Artikel des Nachrichtenportals Daily Maverick, dass zunehmend Obdachlose in den Park kämen. »Eine Menge Landstreicher kommt nachts oder am späten Nachmittag rein«, sagte Prins. »Sie kommen aus der Stadt in den Park, und früh am nächsten Morgen gehen sie vom Park zurück in die Stadt – und so geht das immer weiter.« Nach Zahlen des Nationalparks waren damals 58 Prozent der im Park festgestellten Feuer auf Kochstellen von Obdachlosen zurückzuführen. Meist können diese Brände schnell gelöscht werden, bereits Ende Oktober hatte ein Buschfeuer am Tafelberg jedoch 50 Hektar Vegetation zerstört.

Doch so schnell die Verantwortlichen von Stadt und Parkverwaltung die Schuldfrage beantwortet haben, so stumm bleiben sie zu den Ursachen. Die DA forderte am vergangenen Montag eine »unabhängige Untersuchung«, um die Frage zu klären, ob Nationalpark und Universität Brandschneisen und Hydranten in Schuss gehalten hatten. Die Frage, warum immer mehr Menschen im Park schlafen, verbleibt jedoch wie der sprichwörtliche Elefant im Raum. Mit Statistiken belegt, kann sie nicht beantwortet werden, klar ist aber, dass die Zahl der Obdachlosen infolge massenhafter Arbeitsplatzverluste während des Lockdowns deutlich angestiegen ist. Hinzu kommt, dass die Stadtverwaltung Menschen ohne Obdach seit 2018 verschärft mit Repressalien überzieht, um sie aus dem Straßenbild zu entfernen – und viele von ihnen so überhaupt erst in den Park drängt. Verantwortlich dafür ist eine Einheit, die exakt jenem Sicherheitschef Smith untersteht, der nun die Obdachlosen im Park als Wurzel allen Übels erkannt haben will.

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