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Aus: Ausgabe vom 24.04.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Euphorie im Medienbataillon

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Die Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock, ist u. a. Mitglied in verschiedenen Einflussorganisationen wie dem German Marshall Fund, dem Forum of Young Global Leaders des Weltwirtschaftsforums, dem Europa/Transatlantik-Beirat der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Parlamentarischen Freundeskreis Berlin-Taipeh. Diese Kampftruppe gegen die Volksrepublik China strebt die Anerkennung Taiwans an, Baerbock ist stellvertretende Vorsitzende. Für die US-Strategie – Druck und Krieg gegen Russland überlassen wir den Westeuropäern, dafür helfen sie uns gefälligst beim Aufmarsch gegen China auch militärisch – bringt sie perfekte Voraussetzungen mit. Friedenspolitik ausgeschlossen.

Die Euphorie im bundesdeutschen Großmedienbataillon kennt nach ihrer Nominierung daher keine Grenzen. Stern-Chefredakteurin Anna-Beeke Gretemeier verordnet ihrem Wartezimmerblatt einen Baerbock-Titel und fabuliert, »das erste Mal in diesem beginnenden Bundestagswahlkampf geht es plötzlich um Inhalte und nicht nur um Personen und deren Umfragewerte«. Was sie mit der Personenkultausgabe ihres Magazins folgerichtig gleich wieder ändert. Unter der Schlagzeile »Endlich anders« heißt es denn auch vorn auf dem Heft, die Grünen-Chefin wolle »neue Spielregeln für die Politik«. Wenn das über Grüne geschrieben wird, riecht es nach Pulver. »Neue Regeln« – das ist blutige alte Joseph-Fischer-Tradition der Partei: Grundgesetz, Völkerrecht? Grüne folgen dem Spontidekret: legal, illegal, scheißegal. Was kümmern Tote durch deutsche Bomben oder Schießprügel? Die neuen Spielregeln dürften so aussehen, wie am vergangenen Wochenende in der Beilage dieser Zeitung von Maxi Wunder formuliert: »Mit lautlosen Elektropanzern und atomaren Sprengköpfen aus fair gehandeltem Uran gegen Russland, nach dem Motto: ›achtsam morden‹.«

Baerbock, hat der Stern herausgefunden, verspreche »bei allen Differenzen im Programm den kleinsten stilistischen Bruch mit der Ära Merkel. Sachlichkeit schlägt Vision. Sicherheit schlägt Abenteuer.« Denn auf den Stil kommt es an. Nicht einfach losballern, sondern zuvor die Bombenstimmung herbeireden und -schreiben. Etwa an der Seite eines durchgeknallten Ostlandreiters wie dem grünen EU-Parlamentarier Reinhard Bütikofer. Mit ihm zusammen veröffentlichte Baerbock am 29. September 2020 einen Gastbeitrag in der FAZ unter dem Titel: »Wir können Nord Stream 2 noch stoppen«. Die USA wollen schließlich ihr Frackinggas loswerden, da helfen die Grünen gern. Der Stern verkündet also: »Grün hat die Macht zum Mainstream!« Als wäre die Partei je etwas viel anderes gewesen: Für Sozialismus hinter den sieben Bergen durften ihre Gründer in den 70ern und 80ern stets sein, da blieb die Monatsüberweisung von zu Hause nicht aus, wehe aber, sie hatten mit dem Sozialismus vor der Haustür in der DDR und weiter östlich etwas am Hut. Auf der Spur des Geldes zu bleiben gehört zur Grünen-DNA. Die einstigen »Flügel« der Partei, die »Realos« und die »Fundis«, hatten da wenig Differenzen. Auf dem Weg zur Kanzlerkandidatur soll es jetzt laut Stern »den heißesten Konflikt« darüber gegeben haben, »ob Globuli künftig noch von der Kasse bezahlt werden sollen«. Na klar sollen sie das. Wenn sie biodynamisch-gewaltfrei gezüchtet und bei Vollmond geerntet werden.

Solcher Wunderwirtschaft kann sich das deutsche Topmanagement nicht verschließen. Die Wirtschaftswoche verkündet am Mittwoch, 26,5 Prozent der Führungskräfte bevorzugten Baerbock vor Christian Lindner (FDP) und Armin Laschet (CDU). Michael Hüther, Chef des »arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft«, erteilt im Stern-Interview den Grünen den Ritterschlag und ernennt sie zu »in viele Richtungen anschlussfähig« – für Bürger und für die »Industrie«. Das stets Gleiche heißt nun »endlich anders«.

»Neue Regeln« – das ist blutige alte Joseph-Fischer-Tradition der Partei: Grundgesetz, Völkerrecht? Grüne folgen dem Spontidekret: legal, illegal, scheißegal. Was kümmern Tote durch deutsche Bomben oder Schießprügel?

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Die Bundesregierung sagt: der Tageszeitung junge Welt sei mit geheimdienstlichen Mitteln der »Nährboden zu entziehen«. Wirtschaftlich und wettbewerbsrechtlich negative Folgen durch die Nennung der Zeitung im Verfassungsschutzbericht seien sogar beabsichtigt.

Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

Zur neuen Leserbrieffunktion auf jungewelt.de

  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart ( 3. Mai 2021 um 09:59 Uhr)
    Die USA wollen ihr Frackinggas loswerden, da helfen die Grünen gern. Mit dem altgrünen EU-Parlamentarier Reinhard Bütikofer veröffentlichte Baerbock am 29. September 2020 einen Gastbeitrag in der FAZ unter dem Titel: »Wir können Nord Stream 2 noch stoppen«. Erhöhter Druck auf Russland und »Dialog und Härte« gegenüber China, so hat sich Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock über drängende außenpolitische Fragen geäußert. Darauf verkündete der Stern: »Grün hat die Macht zum Mainstream!« Das passt zu den von der NATO bestimmten außenpolitische Verpflichtungen Deutschlands. Dass die deutschen Grünen gerade eine 40jährige ehemalige Trampolinspringerin ohne jede Regierungserfahrung zur Kanzlerkandidatin gemacht haben, ist kein rätselhafter Schachzug. Sie ist (...) etwa gegenüber dem vielgescholten Donald Trump immerhin antimacho! Mir stehen jedoch die Haare zu Berge, wenn ich daran denke, dass Annalena Baerbock womöglich bald die größte Wirtschaft der EU anführt und Antworten auf die ungelösten Fragen unserer Zeit geben muss.
  • Leserbrief von Horst Neumann ( 3. Mai 2021 um 09:29 Uhr)
    Wenn Frau Baerbock unter dem Jubel der Medien von Härte gegen Russland und China spricht, sollte man ihr empfehlen, sich einmal die Antwort des russischen Verteidigungsministerium anzusehen, die auf die Äußerungen von AKK erfolgte, mit Russland aus einer Position der Stärke zu verhandeln. Das russische Verteidigungsministerium erinnerte daran, dass so eine Position im 20. Jahrhundert mehrmals zu tragischen Folgen für die ganze Welt, für Deutschland und das deutsche Volk geführt hat. Des weiteren erklärte das Ministerium, dass es nicht zum ersten Mal feststellen muss, dass die Erklärungen einzelner Politiker der Bundesrepublik Deutschland in bezug auf den Dialogaufbau mit Russland an die Versuche eines Grundschülers erinnern, sein Unwissen im Thema durch die Lautstärke des artikulierten Unsinns auszugleichen.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Marco O. (25. April 2021 um 11:43 Uhr)
    Und auch an diesem guten Beispiel sieht man, der Laschet darf nicht Kanzler werden. Er ist nicht transatlantisch genug.

    Deshalb »schreiben« die Herrschaftsmedien eine bestens vernetzte und »eingenordete Grüne« zur Kanzlerin.

    Was das für die weitere Kriegsplanung gegen »den Osten« bedeutet, will man sich gar nicht erst ausmalen.

    Vielleicht wachen ihre »Wähler« ja auf, wenn das Gas für die Heizungen alle ist.

    Russland kann seine Rohstoffe auch Richtung Osten schicken ...

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