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Aus: Ausgabe vom 24.04.2021, Seite 11 / Feuilleton
Klassische Musik

Das Schlagzeug lärmt …

… und der Chor singt Neruda: Allan Petterssons zwölfte Sinfonie
Von Kai Köhler
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Derart klar klingt es sonst nirgends: Dirigent Christian Lindberg (2006)

Zur Feier ihres 500jährigen Bestehens beauftragte die Universität im schwedischen Uppsala Allan Pettersson, ein »in einem tiefen Sinn zeitgenössisches Werk« zu komponieren. Der Universitätsmusikdirektor Larsson schlug ihm vor, Texte der heiligen Brigitte von Schweden zu vertonen. Doch statt der Visionen einer spätmittelalterlichen Mystikerin wählte Pettersson Lyrik des kommunistischen Dichters Pablo Neruda. Das war so zeitgenössisch wie nur möglich. Im Mai 1973 begann er mit der Komposition, am 11. September putschte in Nerudas Heimat Chile mit US-amerikanischer Rückendeckung das Militär. Zwölf Tage später starb der Dichter unter ungeklärten Umständen. Im Januar 1974 war Petterssons zwölfte Sinfonie, seine einzige mit Chor, vollendet.

Textgrundlage sind neun Gedichte aus Nerudas Sammlung »Der große Gesang« (»Canto General«). Der Titel des ersten Gedichts ist auch der des ganzen Werks: »Die Toten auf dem Platz« oder »Der verratene Kampfplatz«. Das bezieht sich auf ein Massaker, das am 28. Januar 1946 an Demonstranten in Santiago de Chile verübt wurde. In den folgenden Teilen weitet sich der Blick auf die allgegenwärtige Gewalt, sei es offener Mord, Folter oder Arbeitsbedingungen (»Die Männer des Salpeters«). Aber daraus entsteht Widerstand (»Wie die Fahnen geboren werden«), die Namen der Opfer von 1946 werden im Sinne eines »Say their Names« einer nach dem anderen aufgerufen, und im Gedicht »Die Feinde« lehnt der Dichter jede Versöhnung ab: »Ich will nicht, dass sie die Hand mir reichen / nass von unserem Blut«, heißt es in der deutschen Nachdichtung von Erich Arendt. Vielmehr sollen sie auf eben dem Platz gerichtet werden, auf dem sie ihr Verbrechen begangen haben. Dann aber ist »der letzte Tag des Leidens« gekommen, »und ihr, gefallene Brüder, in der Stille, / ihr werdet mit uns sein an jenem unermesslichen Tag / des Endkampfs, an diesem unendlichen Tag«.

In einem Vorwort zur Sinfonie behauptete Pettersson, er habe kein politisches Werk geschaffen, sondern eine »grundlose Grausamkeit« aufgezeigt, die die ganze Menschheitsgeschichte präge. Es ist schwer zu entscheiden, inwieweit das notwendige Taktik war. Was bequeme Ausflucht vor der Frage nach den Ursachen der Grausamkeit scheint, wird jedenfalls unbequem, wenn Pettersson eine Parallele zieht zwischen den »Armen Chiles« und den »Arbeitern in der dritten Welt, in der ich aufgewachsen bin«. Damit meint er die proletarischen Viertel Stockholms, in die er 1911 hineingeboren wurde – eine Herkunft, wegen der er in der gutbürgerlichen Musikwelt im überschaubaren Schweden stets fremd blieb.

Das fast einstündige Werk ist nicht bequem zu hören. Wie in fast allen der meist großformatigen Sinfonien Petterssons gehen auch hier die Abschnitte unmittelbar ineinander über. Die Anspannung soll keinen Moment unterbrochen werden. Der Tonsatz ist außerordentlich dicht: Wer sich nicht auf die Musik konzentriert, meint sich zuweilen einem Chaos ausgeliefert. Dieser Eindruck aber trügt. Bei aufmerksamem Hören tritt der Sinn des vielstimmigen Verlaufs hervor. Es gibt in Petterssons späteren Sinfonien, ab der neunten von 1970, kaum je eine Hauptmelodie und davon abgeleitete Begleitlinien. Statt dessen verhalten sich die Stimmen konflikthaft zueinander. Die eine stockt, die andere treibt voran. Ein regelmäßiger Puls erklingt zusammen mit zufälligen Einwürfen. Hier tritt ein Versuch hervor, sich auszusingen, zugleich lärmt das Schlagzeug, als wolle es alles kaputtschmeißen.

Bei Pettersson findet sich wirkliche, nicht nur scheinbare Polyphonie: eine Selbständigkeit von Stimmen, die dabei ein Ganzes bilden. Beim dritten oder vierten Durchgang merkt man dann überrascht, wieviel an melodischer Schönheit in dem verborgen ist, was ein missgünstiger Hörer einmal als »nachtschwarze Brachialsinfonik« bezeichnet hat. Pettersson bewegt sich zwar im Rahmen einer erweiterten Tonalität und nutzt die Ausdruckscharaktere des klassischen und romantischen Orchesters. Doch konzentriert und radikalisiert er sie derart, dass seine Werke stacheliger wirken als viele Produkte einer ästhetischen Avantgarde; den Konformismus einer Neuheit um der Neuheit willen hat Pettersson mehrfach angegriffen.

Christian Lindberg setzt mit dem Symphonieorchester Norrköping, dem Schwedischen Radiochor und dem Eric-Ericson-Kammerchor die Vielstimmigkeit der zwölften Sinfonie beispielhaft deutlich um; wahrscheinlich wird man das Werk im Konzertsaal niemals derart klar hören können. Verglichen mit der Liveaufnahme der Uraufführungsbesetzung von 1977, die das Label Caprice ein Jahr danach veröffentlichte, ist die durchgehende emotionale Hochspannung zurückgenommen. Manche Passagen in der ersten Hälfte des Werks erscheinen nicht nur – relativ – stiller, sondern auch gleichsam ausgetrocknet. Das erschwert zunächst den Zugang im Detail, erhellt aber die Großform, die der mancher der rein instrumentalen Sinfonien ähnelt. Zu Beginn scheint Chaos zu herrschen, nur stockend entsteht etwas wie ein Verlauf, der allmählich in eine zielgerichtete Bewegung übergeht. In Petterssons zwölfter führt sie zu einem C-Dur-Durchbruch. Nur geht der Aussicht auf den »unermesslichen Tag« hier eine Anstrengung voraus, die die politischen Kämpfe nicht verharmlost. Das Werk fordert die Hörer, mehr noch als viele der anderen Sinfonien Petterssons, von denen keine einfach ist. Doch im gleichen Maße belohnt es die Konzentration.

Allan Pettersson: Sinfonie Nr. 12. Swedish Radio Choir, Eric Ericson Chamber Coir, Norrköping Symphony Orchestra, Christian Lindberg (BIS Records)

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