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Aus: Ausgabe vom 24.04.2021, Seite 5 / Inland
Gesundheit am Arbeitsplatz

Schutzlos ausgeliefert

Amazon: FFP-2-Masken bei Beschäftigten in Versandzentrum offenbar verboten. Onlineriese wiegelt ab
Von Kristian Stemmler
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Sollen immer flitzen, da stören coronabedingte Maßnahmen für die Belegschaft (Garbsen, 12.3.2019)

Amazon gehört zu den großen Profiteuren der Coronapandemie. Der Schub bei Onlinebestellungen sorgte dafür, dass der Konzern im vierten Quartal 2020 die Marke von 100 Milliarden US-Dollar Umsatz knacken konnte. Der Wert der Aktie hat sich seit Ausbruch der Pandemie fast verdoppelt. Doch für den Schutz seiner Beschäftigten vor dem Virus hat Amazon offenbar kein Geld übrig. Im Versandzentrum in Winsen an der Luhe nahe Hamburg wird den Mitarbeitern sogar verboten, am Arbeitsplatz FFP-2-Masken zu tragen. Erlaubt sind ausschließlich medizinische Einwegmasken, auch OP-Masken genannt. Das ergaben Recherchen des ARD-Magazins »Panorama«, die am Donnerstag veröffentlicht wurden.

Bereits im Frühjahr 2020 war das 2017 in Betrieb genommene Versandzentrum Winsen wegen eines Coronaausbruchs in die Schlagzeilen geraten. Damals hatten trotz rund 70 Infektionsfällen unter den retwa 1.800 Mitarbeitern weder der Konzern noch der zuständige Landkreis Harburg eine Schließung erwogen. Winsen ist einer von Amazons Vorzeigestandorten und gilt als eines der modernsten automatisierten »Fulfillment-Center«. Die Beschäftigten, darunter viele Geflüchtete aus Hamburg und dem Landkreis, packen für das Unternehmen mit globaler Logistikinfrastruktur mehr als 100.000 Pakete am Tag.

Nach dem Ausbruch in dem Werk vor einem Jahr hat Amazon offenbar nichts gelernt, wie Dokumente zeigen, die »Panorama« vorliegen. Demnach wurde den Beschäftigten des Versandzentrums bereits im Februar per Aushang mitgeteilt, dass am Arbeitsplatz nur medizinische Einwegmasken getragen werden dürften. Unter dem Text war eine durchgestrichene FFP- 2-Maske abgebildet. Nach Recherchen des Magazins hat sich an dieser Praxis nichts geändert, es liege ein ähnlich lautender Aushang vom April vor. Zudem hätten mehrere Amazon-Beschäftigte die Regelung bestätigt.

Rechtlich gesehen ist das Vorgehen offenbar nicht zu beanstanden. Die Einwegmasken reichen zur Erfüllung der Maskenpflicht. FFP-2-Masken gelten aber als sicherer. Hintergrund des Verbots in Winsen ist vermutlich, dass der Einsatz dieser Masken für zusätzliche Erholungszeiten sorgen würde. Das legen laut »Panorama« Aussagen einer Amazon-Mitarbeiterin nahe. Sie habe ihren Vorgesetzten auf das Thema angesprochen und zur Antwort erhalten, FFP-2-Masken seien verboten, damit den Beschäftigten keine zusätzliche Pause gewährt werden müsse. Tatsächlich sollen nach einer Empfehlung der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung FFP-2-Masken je nach körperlicher Schwere der Arbeit maximal 75 Minuten bis zwei Stunden am Stück getragen und anschließend eine maskenfreie Zeit von einer halben Stunde eingelegt werden.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kritisierte die Praxis in Winsen gegenüber »Panorama« als »unvertretbar« und »unethisch«. Er sehe eine »Gefährdung der Arbeitnehmer«. Lauterbach fordert immer dann eine FFP- 2-Pflicht in Unternehmen, wenn eine Aerosolübertragung wahrscheinlich sei. Jutta Krellmann, Sprecherin für Mitbestimmung und Arbeit der Fraktion Die Linke im Bundestag, kritisierte Amazon am Freitag in einer Mitteilung scharf. »Das ist doch wirklich das allerletzte! Amazon scheffelt in der Pandemie Milliarden und pfeift gleichzeitig auf die Gesundheit seiner Beschäftigten«, erklärte sie. Unternehmer seien verpflichtet, alles zu tun, damit ihre Beschäftigten sicher arbeiten können, so Krellmann weiter. Kosten dürften kein Argument sein, wenn es um Sicherheit und Gesundheit geht. Wo es gar nicht anders gehe, müssten FFP-2-Masken zum Einsatz kommen, »natürlich auf Arbeitgeberkosten«.

Ein Sprecher von Amazon erklärte am Freitag gegenüber dem Portal t-­online.de, die Darstellung von »Panorama« sei »bewusst irreführend«. Die Gesundheit der Mitarbeiter habe »allerhöchste Priorität«. Der Abstand zwischen den Arbeitsplätzen sei ausreichend, und eine medizinische Maske biete »den Kollegen zusätzlichen Schutz«.

Klaus Dörre, Arbeits- und Industriesoziologe von der Universität Jena, bezeichnete Amazons Umgang mit dem Gesundheitsschutz gegenüber »Panorama« als skandalös. Er halte den Konzern aber nur für die Spitze des Eisbergs. »Wir haben insgesamt eine große Sorglosigkeit in den Unternehmen«, sagte Dörre. Faktisch sei nach der ersten Welle in produzierenden Unternehmen das Geschäft einfach weitergelaufen. Das habe zu einer Zweiklassengesellschaft unter den Beschäftigten geführt, so Dörre. »Die einen sitzen im Homeoffice, und die anderen stehen unter dem Zwang, täglich präsent zu sein.« Und da dürfe man erwarten, »dass zumindest die den bestmöglichen Schutz genießen.«

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ines H. (24. April 2021 um 10:16 Uhr)
    Lieber Marco O.,

    Ihre meist unsachlichen und substanzlosen Kommentare rund um die Pandemie gehen mir langsam auf den Wecker. Machen Sie Ihre Androhung wahr und sparen Sie sich die Abogebühren für andere Dinge (auch wenn ich damit als Genossenschafterin – besser Genossin – der LPG nicht so ganz das wirtschaftliche Wohl dieser Zeitung im Blick habe), die für Sie wichtig sind – ein alternatives soziales Projekt in Ihrer Nähe wird sich sicher finden. Eine Zeitung, die mit jedem Artikel eins zu eins Ihre Meinung abbildet, findet sich sicher nicht.

    Wer angesichts des Agierens dieses Staates schon »Faschismus« schreit und das Tragen einer FFP2-Maske als Tötungsversuch bezeichnet, hat m. E. eine gestörte Wahrnehmung. Immerhin konnte ich bisher trotz der Einschränkungen an einem Ostermarsch teilnehmen oder an Veranstaltungen zur Beendigung der Blockade Kubas.

    Vielleicht kennen Sie keine an Covid-19 erkrankten oder verstorbenen Personen – ich schon. Pfleger in einem Krankenhaus oder einem Altenheim sind Sie sicher auch nicht. Und statistisch gesehen, können die prozentualen Zahlen vielleicht nicht höher sein als bei einer Grippe (ich habe hier nicht nachgerechnet oder verglichen). Die Situation in den Krankenhäusern ist aber ganz sicher dramatischer – wobei sie auch vorher nicht zufriedenstellend war.

    Als Anders- oder Quer-»Denken« möchte ich Ihre Meinungsäußerungen nicht bezeichnen – Denken setzt Sachkenntnis und sachliche Auseinandersetzung mit anderen Auffassungen voraus. Dazu kann ich bei Ihnen keinen Ansatz erkennen. Meckern Sie ruhig auf Demos mit Gleichgesinnten – diesen Staat wird es freuen. Denn so lassen Sie Dampf ab, ohne etwas an den Grundlagen dieser Gesellschaft zu ändern: den Produktionsverhältnissen.

    Mit eher unfreundlichen Grüßen

    Agnes Schleicher

    PS: Ich habe das absichtlich nicht unter »Antworten« geschrieben – da klicke ich mich nämlich nicht immer durch.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Wieland K. (24. April 2021 um 19:47 Uhr)
      Liebe Genossin Schleicher,

      auch mich stören seit geraumer Zeit der Ton und das Niveau der Kommentare zum Thema »Covid 19«. Allerdings etwas anders, als sie das sehen. Ich vermisse zunehmend auf beiden Seiten der »Barrikade« Sachlichkeit, mit Hintergrund und Analyse belegte Aussagen. Übrigens kritisiere ich das auch zunehmend an der jW. Es ist doch nunmehr seit einem Jahr klar erwiesen, dass allein das kritiklose Herumreiten auf dem gottähnlichen Inzidenzwert diesen schlimmen, weltweit auftretenden Virus kaum in messbarer Form beeinflusst hat. Selbst namhafte international anerkannte Wissenschaftler wie auch Ärzte aus der Praxis sehen diesen Wert kritisch, weil er weder fehlerfrei noch frei von Manipulierungsmöglichkeiten ist. Er zeichnet einen Istzustand auf, der darin besteht, zu wissen, wie viele Menschen dieses Virus in irgendeiner Form intus haben, ob als Covid-19 oder als Ableger oder Restform anderer Influenzaviren. Dieses Virus schwirrt durch die Luft. Um es abzutöten (was objektiv nicht möglich ist), müsste man die Luft in Deutschland abpumpen und eine Käseglocke drüberstülpen. Aber nur das Herbeten dieser Zahlen verhilft keinem Menschen, nicht an diesem Virus zu erkranken und im schlimmsten Fall zu sterben. Aber diese Drosteschen und Wielerschen Zahlen haben keinem einzigen Erkrankten geholfen oder Schwererkrankten vorm Sterben bewahrt. Wo finde ich in diesem Merkelschen Ermächtigungsgesetz auch nur ein Wort darüber, dass man in Deutschland, um die Erkrankungen einzudämmen und die Alten nicht heimweise sterben zu lassen, mehr und besser bezahlte Pfleger und Ärzte braucht und nicht nur albernes Beifallgeklatsche? Wo steht etwas drin, dass das Gesundheitssystem nicht dem parasitär-liberalen Privatisierungswahn geopfert werden muss, der ja selbst in dieser Coronazeit Kliniken und Krankenhäuser schließt und medizinisches Personal entlässt, weil der »Ertragswinkel« nicht stimmt? Meint man, das Coronavirus geht nur von 22 bis 6 Uhr auf die Pirsch, um sich Opfer zu erhaschen? Ist das Virus nur in Gaststätten, im kleinen Einzelhandel, in Schulen und Kindereinrichtungen aktiv, nicht aber im ÖPNV oder bei VW, BMW, Rheinmetall oder Tönnies? Darüber sollten wir uns doch in den Kommentaren verständigen und auch die jW zu mehr Sachlichkeit und weniger Mainstream ermuntern. Aber leider enden solche Diskussionen zur Zeit schnell im Persönlichen und und jeder kritische Gedanke wird verdammt. Schade und traurig.

      Wieland König, Neustadt in Holstein
      • Leserbrief von Onlineabonnent/in Marco O. (24. April 2021 um 22:02 Uhr)
        Ich lass das mal so stehen.

        DANKE!
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Marco O. (23. April 2021 um 20:15 Uhr)
    Damit das klar ist.

    Ich lobe euch ausdrücklich für die Berichterstattung zu den Ausbeutermethoden von Amazon (wird von mir boykottiert).

    Aber: Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene weist ausdrücklich auf die Gefährlichkeit der FFP2-Masken für die Bevölkerung hin.

    Auch das RKI sieht keine besseren Eigenschaften gegenüber den »normalen« Maulkörben.

    Nur in Berlin und Bayern sind diese Pflicht.

    Warum?

    Um uns langsam zu töten?

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