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Aus: Ausgabe vom 23.04.2021, Seite 11 / Feuilleton
Corona

Souffleure des gerechten Kriegs

Klassiker für durchseuchte Zeiten: Émile Zolas Fabel »Aventures du grand Sidoine et du petit Médéric«
Von Peer Schmitt
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»Stark wie eine Armee, aber dumm wie Brot«: Zolas Riese Sidoine in einer Gravur des Künstlers Bertall (1820–1882)

Émile Zola arbeitete zunächst als Faktotum im Vertrieb, dann als Waschzettelschreiber – PR-Agent, würde man heute sagen – für das Pariser Verlagshaus Hachette, bevor er 1864 durch diese Tätigkeit vermittelt sein erstes Buch veröffentlichte – die »Contes à Ninon«, eine der sprichwörtlichen Jugendliebe gewidmete Sammlung meist spätromantischer Märchenerzählungen mit Lokalkolorit seiner provenzalischen Heimat.

Die letzte Erzählung des Bandes – »Aventures du grand Sidoine et du petit Médéric« – sticht heraus. Es ist eine allegorische Fabel in der Manier von Voltaire und Rabelais und handelt von den Taten des größtenteils gutmütigen Riesen Sidoine (»stark wie eine Armee, aber dumm wie Brot«) und seinem Gefährten seit frühesten Kindheitstagen, dem zynischen Knirps Médéric (»nicht größer als ein junger Salatkopf, aber mit dem Esprit von 40 erwachsenen Männern«).

Kaum hat Sidoine eine Zwergenarmee erschlagen, wird ihm von einem »Prinzen der Redekünstler« die Königswürde angeboten, anlässlich dieser Ehre soll er eine gelehrte Antrittsrede halten. Die Rede des dummen Riesen wird ihm von seinem eloquenteren kleinen Freund ins Ohr souffliert (fast könnte man dabei an das Militär als einen kraftstrotzenden Tölpel denken, dessen Drohgebärden einen nützlichen Kunstgriff für die zuflüsternden Spieler auf dem geopolitischen Spielfeld darstellen). Vorgestellt wird ein Programm von »charmanter Schlichtheit«: »In seiner ganzen Unschuld und Naivität lautet es: Krieg nach außen, Frieden im Innern.«

Idee für die Ewigkeit

Bleibt ein Problem: Um welche Art Krieg soll es sich dabei handeln? Und wie dafür einen wohl notwendigen Anlass finden?

»Je weiter man fortschreitet, desto schwieriger wird es, Gründe für einen Krieg zu erfinden. (…) Da überkam mich eine sublime Inspiration: Wir werden uns stets für die anderen schlagen und niemals für uns selbst, was uns der Verantwortung enthebt, die Gründe für unser Zuschlagen erklären zu müssen. Bedenken Sie allein die Bequemlichkeit dieser Methode und die Ehrungen, die unsere Expeditionen uns einbrächten. Wir würden den Titel eines Wohltäters der Völker beanspruchen können. Wir würden lauthals unsere Uneigennützigkeit ausrufen, bescheiden die Rolle eines Verfechters der guten Sache und treuen Dieners der großen Ideen übernehmen. Doch das ist längst nicht alles. All jenen, die uns ihre Unterstützung versagen und sich ob einer so einzigartigen Politik befremdet zeigen, antworten wir kühn, dass unser Drang (frz.: rage), mit unseren Armeen all denen auszuhelfen, die nach dieser Hilfe verlangen, lediglich der großmütige Wunsch danach ist, die Welt zu befrieden. Eine Befriedung durch den Stoß mit der Pike. Unsere Soldaten, so behaupten wir, werden als Zivilisatoren auftreten, die allen die Kehle durchschneiden, die sich nicht unverzüglich zivilisieren lassen. Zugleich säen sie in den Gräben der Schlachtfelder die fruchtbarsten Ideen. Sie werden die Erde in einem Blutbad taufen, um die Ankunft der Freiheit zu beschleunigen. Allerdings vermeiden wir hinzuzufügen, dass ihre Aufgabe eine ewige sein wird. Vergeblich werden sie eine Ernte erwarten, die auf Gräbern nicht gedeihen kann.«

Die Idee der »Unschuld« des Krieges ist geboren. Krieg bedeutet Wohlfahrt und Völkerverständigung, Gerechtigkeit, Freiheit und Zivilisation (heutzutage heißen die fruchtbaren Ideen »Democracy« und Minderheiten- oder Klimaschutz). Eine Aufgabe für die Ewigkeit – »une besogne éternelle«.

Mit der soufflierten Rede seines grotesken Helden hatte Zolas kleine Geschichte nicht nur Rudyard Kiplings berüchtigte Wendung von der zivilisatorischen »Bürde des weißen Mannes« – »Take up the white man’s burden / The savage wars of peace« – antizipiert (konkreter Anlass dieser Verse war der Kolonialkrieg der USA auf den Philippinen 1899), sondern bereits die Programmatik der »humanitären Intervention« des gegenwärtigen »liberalen Militarismus« vorweggenommen.

Sucht nach Krieg

So nennt es angesichts endloser Kriege – in Afghanistan, im Irak oder in Syrien – jedenfalls der Historiker John J. Mearsheimer in seinem Buch »The ­Great Delusion. Liberal Dreams and International Realities« (2018): »Die Kosten der liberalen Hegemonie beginnen mit den endlosen Kriegen, die ein liberaler Staat zum Schutz der Menschenrechte und zur Verbreitung liberaler Demokratie rund um den Erdball führt. Einmal auf der Weltbühne aufgetreten, wird die unipolare liberale Sicht der Dinge schnell abhängig von/süchtig nach Krieg (engl.: addicted to war).«

Mearsheimer gehört zur gemäßigten, konservativen (die Gegenseite würde sagen: »zynischen«) Schule, die wegen ihres Vertrauens in sogenannte Realpolitik – im Gegensatz zum »missionarischen Liberalismus« – »realistisch« getauft wurde. Es stellt sich allerdings die Frage, ob die Sucht nach Krieg wirklich die Folge einer großen Verblendung/Illusion, mithin die Pervertierung im Grunde guter Absichten ist (so beispielsweise Stephen M. Walt, »The Hell of Good Intentions. America’s Foreign Policy Elite and the Decline of U. S. Primacy«, 2018) oder nicht vielmehr doch selbstgerechter Selbstzweck.

Als gleichsam zukunftsweisend wird die Rede aus Zolas Geschichte – leicht massakriert – auch im Buch »Die Prinzipien der Kriegspropaganda« (2001) der belgischen Historikerin Anne Morelli angeführt: »Die Zola’sche Empfehlung scheint seither von zahlreichen Staatsführern beherzigt worden zu sein, denn 1938 spielte selbst Nazideutschland paradoxerweise auf der ›humanitären‹ Saite, um zu begründen, weshalb man die deutsche Minderheit der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei heim ins Reich holen müsse.«

Das zeitgenössische Ziel von Zolas Hohn war freilich »das Diktaturregime des Louis Napoleon. Da werden, jedem einigermaßen informierten Leser deutlich, die Imponierkriege des verhassten Kaisers verspottet« (Karl Korn, »Zola in seiner Zeit«), etwa der Krimkrieg (1853–1856) oder der Italienische Krieg mit dem Königreich Sardinien-Piemont (1859).

Reiz des Neuen

In seiner Eigenschaft als Europakorrespondent der New York Daily Tribune waren seinerzeit auch einem gewissen Karl Marx die Rollenspiele des Friedenskaisers nicht entgangen. Louis Bonaparte ist in der Reihenfolge des Auftretens »französischer Kreuzfahrer der Freiheit«, »kaiserlicher Befreier«, »Befreier der Nationalitäten«, »Missionar von Gesetz und Ordnung«, »Retter der bestehenden Gesellschaft« und »Retter der Ordnung und des Eigentums« (Karl Marx, »Louis-Napoleon und Italien«, MEW 13). Großes Theater, »nur dass der Schauplatz des Blutbades von den Pariser Boulevards in die Ebene der Lombardei oder auf die Halbinsel Krim verlegt wird, und die jämmerlichen Nachkömmlinge der großen Revolution nicht ihre eigenen Landsleute, sondern fremde Völker zu morden haben« (Marx, »Die Französische Abrüstung«, MEW 13).

Permanenter Krieg ist schon von daher von Vorteil, erkennt Marx sarkastisch, dass durch ihn der Ausnahmezustand des Friedens einen unterhaltsamen Überraschungseffekt erhält, der den kurzlebigen Verrücktheiten der Mode nicht unähnlich ist: »Nach der durch den Krieg erzwungenen Unterbrechung der industriellen und kommerziellen Geschäfte erscheint der Friede, gleich unter welchen Bedingungen, nicht nur als ein Segen, sondern er besitzt auch den Reiz des Neuen« (Marx, ebd.).

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